Kolumne Straßentheater - Vom Erregungspotenzial harter Verrisse
Aus der Knatterzone der Kritik
14. April 2026. Literaturkritiker Denis Scheck hat mal wieder ein paar Bestseller in seiner symbolischen Lesemülltonne entsorgt – und dabei überraschend fundamentale Fragen aufgeworfen: Wie gemein dürfen Fachurteile sein? Haben die Rezensierten Anspruch auf Gerechtigkeit? Und wo beginnen die Seichtgebiete des Herrenwitzes?
Von Janis El-Bira
14. April 2026. Ein ordentliches Watschen-Tripel hat sich der Literaturkritiker Denis Scheck in der vergangenen Woche abgeholt. Erst entzog ihm die Autorin Ildikó von Kürthy in einem ziemlich witzigen Text in der ZEIT das Du, dann nannte ihn Sophie Passmann auf Instagram ohne jeden Witz "sexistisch", und schließlich gab auch Bücherfreundin Elke Heidenreich zu Protokoll, dass nun wirklich "Schluss" sein müsse, Denis Scheck sogar entlassen gehöre. Ganz schön prall für so eine halbe Arbeitswoche nach Ostern.
Anlass der Empörung war die jüngste Ausgabe von Schecks Literatursendung "Druckfrisch" in der ARD, in der er die Bücher von Kürthy und Passmann seinerseits kurz und bündig abgewatscht hatte (Elke Heidenreich hat mit der Sache rein gar nichts zu tun, muss aber aus alter Feindschaft zu Scheck auch eine Faust an dessen Kinn legen). Der Kritiker verriss Passmanns "Wie kann sie nur?" und von Kürthys "Alt genug" im Rahmen seines traditionellen Abklapperns der SPIEGEL-Beststellerliste Sachbuch (Passmann Platz 2, von Kürthy Platz 1).
Schecks lange eingeübter, derber Signature-Move besteht darin, seiner Meinung nach gelungene Bücher auf einen Stapel zu legen, während die anderen in der Mülltonne landen – darunter aktuell auch Passmanns und von Kürthys Bestseller. In einem Land, dessen historisches Gewissen heute selbst vor dem größten Rotz Respekt gebietet, solange er zwischen zwei Buchdeckel gepresst vorliegt, ist das seit jeher ein pikanter Moment.
Bemerkenswert fies
Diesmal ging es aber nicht so sehr um die inszenierte Entsorgung als um deren Begleitworte – und damit einmal mehr um die Frage: Was darf eigentlich und wie frauenfeindlich ist Kritik? "Wasserstandsmeldungen aus den Seichtgebieten eines trüben Bewusstseins" fänden sich in Passmanns Buch, meint Scheck. Ildikó von Kürthys Abhandlung über das weibliche Altern verbreite "Nachrichten aus der Schnatterzone einer Damentoilette". Das ist bemerkenswert fies und wäre in so manchen Redaktionen aus guten Gründen nicht durchgegangen. Scheck kratzt in Passmanns Fall am persönlich Beleidigenden und verirrt sich mit dem Gang auf die Damentoilette vor allem selber in die Seichtgebiete des Chauvi-Witzchens.
Ansonsten aber tut der Kritiker, was seiner Jobbeschreibung entspricht: Er sagt, welche Bücher er lesenswert findet und welche nicht. Ob er das nun kurz oder ausführlich erledigt, fair oder grobschlächtig, darauf besteht – anders, als Sophie Passmann das glaubt – kein Anspruch. Genauso wenig muss gerechtfertigt werden, in welchem Geschlechterverhältnis die Zahl der Gelobten zu den Verrissenen steht, oder ob zum Beispiel Bücher von Reichen überproportional häufig besprochen werden (dann hätten Passmann und von Kürthy ja auch schlechte Karten).
Sortierstelle des guten Geschmacks
Die ARD konterte den erhobenen Sexismus-Vorwurf allerdings ausgerechnet damit, dass Scheck andauernd auch Bücher von Frauen enthusiastisch bespreche, was stimmt, aber an der Sache vorbeigeht. Es scheint vielmehr alles auch eine Frage des Tonfalls, der Zeit, mehr noch der Ungleichzeitigkeit zu sein. Scheck ist ein Bulldozer, der die Aufmerksamkeitsdynamiken moderner, auch sozialer Medien schon verstanden hatte, bevor irgendjemand über "ragebait" oder "clip farming" sprach. Aber er begreift sich ebenso als Wächter in der Sortierstelle des guten Geschmacks, der – da ist er bewusst unzeitgemäß – natürlich nur sein eigener sein kann. Quer zur verschnarchten Literaturkritik steht so jemand genauso wie zum Schonwaschgang auf BookTok.
Nun könnte man glauben, die sozialmedial höchstprofessionellen Passmanns dieser Welt durschauten die Haudrauf-Performance als Verkaufsversprechen der Marke Scheck, zuckten mit den Schultern über den Mann auf dem späten Sendeplatz oder freuten sich wenigstens über das eh schon gut gefüllte Konto, zu dem die ganze Diskussion weiter beiträgt, wie die FAZ in einem spitzen Text nahelegt. Aber die Kritikerinnen des Kritikers verlangen Liebe statt Geld, oder wenigstens Gerechtigkeit, weil sie sich doch "die Seele aus dem Leib geschrieben" hätten, wie von Kürthy gesteht, oder weil Frauen die wichtigste Kundschaft am Buchmarkt seien, so Passmann.
Es ist, als redeten die Beteiligten gar nicht mehr von derselben Sache. Der in seiner Überblasenheit schrille Verriss trifft auf das Bedürfnis nach Anerkennung, Sichtbarkeit und Fairness. Dazwischen liegt nicht bloß ein Missverständnis, sondern ein ganzer Strukturwandel. Er dürfte uns auch weiter beschäftigen.

Kolumne: Straßentheater
Janis El-Bira
Janis El-Bira ist Redakteur bei nachtkritik.de. In seiner Kolumne Straßentheater schreibt er über Inszeniertes jenseits der Darstellenden Künste: Räume, Architektur, Öffentlichkeit, Personen – und gelegentlich auch über die Irritationen, die sie auslösen.
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Der „Blackfacing“-Auftritt in „Druckfrisch“ aus dem Jahre 2013, ein Kurztrip des Denis Scheck ins Theaterfach, wenn man so will, samt Debatte scheint aber seinerzeit an nk auch ziemlich vorbeigegangen zu sein, oder ? Naja, ähnlich scheint es sich mit dem „Anti-Kanon“-Coup zu verhalten, bei dem Christa Wolf neben dem GröFaZ zu stehen kommt; ja, die Erregungskurzstrecke zu bedienen, darauf versteht sich Denis Scheck. Vielleicht wird das mit seiner Partnerin verfasste „Der undogmatische Hund“, dessen 1. Kapitel schon einmal in der Überschrift an Handke andogt („Die Stunde da wir nichts voneinander wussten“), ja dereinst mal von einer Bühne adaptiert worden sein (in „Druckfrisch“ selbst besprechen musste er es wohl nicht, oder täusche ich mich ??).