Kolumne: Als ich noch ein Kritiker war - Über Publikumstypen
Negative Zuschauerdialektik
3. März 2026. Theaterleute glauben gern, dass es für ihr richtiges Theater eigentlich nur falsches Publikum gibt. Die Marketingabteilungen orakeln über das Mysterium "Publikum". Zeit also, sich einmal grundsätzlich mit dem Thema zu befassen.
Von Wolfgang Behrens
3. März 2026. Als ich noch ein Kritiker war, da brachte ein Kollege von mir immer mal wieder die Idee auf, dass man eine große Story über das Publikum machen müsse: "Das Publikum – das unbekannte Wesen".
Seit ich am Theater arbeite, weiß ich, dass der Kollege damit Wasser auf die Mühlen der Marketingabteilungen goss, denn die zerbrechen sich ca. 90 % des Tages darüber den Kopf, wie genau die Zuschauer:innen wohl beschaffen sein könnten und wie man sie dann in ihrer Beschaffenheit so "abholen" kann, dass sie freiwillig ihren bequemen Wohnzimmersessel für einen Parkettplatz mit beschränkter Beinfreiheit eintauschen.
Analyse ohne Datengrundlage
Um das herauszufinden, glauben die Marketingabteilungen das geeignete Instrument gefunden zu haben: die Zuschauerbefragung (die, um die Schönheit des Wortes nicht zu beschädigen, auch von den Marketingabteilungen meist nicht gegendert wird). Dramaturg:innen wissen, dass das natürlich Unsinn ist. Denn so wie Theodor W. Adorno einst in seinen Vorlesungen über Musiksoziologie völlig ohne Empirie eine Typologie musikalischen Verhaltens aufstellen konnte, so können auch Dramaturg:innen die Psychosoziologie des Publikums gewissermaßen a priori durch bloßes Nachdenken entwerfen.
Die Vorteile einer solchen Publikumsanalyse ohne Datengrundlage liegen auf der Hand: Sie ist zum einen, weil a priori, nicht widerlegbar. Und sie ist notwendigerweise vollständig, weil ihre Zerlegungen einem perfekten dramaturgisch-logischen Kalkül entspringen. Als Service für alle Marketingabteilungen folgt daher nun eine Klassifikation der Theaterzuschauer:innen in typische Gruppen samt der jeweiligen Explikation, wie diese Gruppen so ticken.
Die sechs Gruppen:
1) Ein kleiner, aber wichtiger Teil der Theaterzuschauer:innen besteht aus den Theaterleuten selbst. Sie treiben sich vor allem auf Premieren herum, interessieren sich aber nur wenig für die Aufführung. Ihnen ist wichtig, ein paar neue Kontakte zu knüpfen und nebenbei Stoff für die nächsten Kantinengespräche zu gewinnen. Daher lauern sie auf den anschließenden Partys vor allem etwaigen Prominenten auf und beäugen gierig sich anbahnende Techtelmechtel. Auf der Bühne gefallen ihnen vor allem ihre Freunde, ihre Feinde hingegen spielen oder inszenieren ihres Erachtens so entsetzlich, dass sie sich noch wochenlang über sie das Maul zerreißen.
2) Auch keine wirklich große Gruppe bilden die Theaterexpert:innen. Sie sind marketingtechnisch uninteressant, da sie ohnehin jeden Abend irgendwo im Theater hocken und also nicht mehr gelockt werden müssen. Die Expert:innen haben eine so feingerasterte ästhetische Matrix ausgebildet, dass sie jede Inszenierung sofort einzuordnen wissen. Die gesehene Aufführung wird weniger erlebt als vielmehr verglichen und auf poststrukturalistische Theorietauglichkeit hin abgeklopft. Zu den Expert:innen zählen auch die Theaterwissenschaftler:innen und die Kritiker:innen. Ihren Genuss ziehen die Expert:innen nicht aus der eigentlichen Darbietung, sondern aus dem Diskurs drumherum.
3) Zahlenmäßig bedeutender als die beiden vorigen ist die Gruppe der Bildungstheatergänger:innen, von denen die Abonnent:innen eine Teilmenge darstellen. Für die Bildungstheatergänger:innen gehört der Theaterbesuch zur Teilhabe an einer sozialen Sphäre. Sie zitieren gerne aus den Klassikern, verehren große Schauspieler:innen und die frühen Peter-Stein-Inszenierungen, sind aber auch recht geduldig, wenn man ihnen erklärt, was sie sehen. Bei Romanbearbeitungen auf dem Theater und bei Fäkalhumor wird aber bei dieser Gruppe schnell die Toleranzgrenze erreicht. Sie hat einst das Theater durchaus auch finanziell getragen, stirbt aber langsam aus, da Bildung – aus ihrer Sicht – gerade von TikTok verdrängt wird.
4) Eine nicht zu unterschätzende Gruppe stellt die der Gelegenheitstheatergänger:innen dar, die nur dann ins Theater gehen, wenn sie als Mitgänger:innen gefragt werden, zum Beispiel von einer Expertin oder einem Bildungstheatergänger. Die Gelegenheitstheatergänger:innen sind im Grunde die idealen Theaterbesucher:innen, weil sie praktisch komplett unvoreingenommen sind. An ihnen hätte sich das Marketing zu bewähren. Sie sind in der Regel so ahnungslos, dass sie schon allein von der auswendig gelernten Textmenge fasziniert sind, lassen sich aber oft auch auf emotionale Abenteuer ein, die sie mangels relativierender Vorerlebnisse tiefer als andere erleben. Meist erzählen die Gelegenheitstheatergänger:innen noch wochenlang von ihrem Theaterbesuch, warten mit dem nächsten aber ein paar Jahre, bis sie mal wieder von der Expertin oder dem Bildungstheatergänger gefragt werden.
5) Sehr wichtig, vielleicht sogar zentral ist die Gruppe der Spaßtheatergänger:innen. Sie wollen im Theater unterhalten werden, ihre Sorgen vergessen, einen lustigen, vielleicht auch einen rührenden Abend erleben. Fürs Marketing ist diese zahlenmäßig größte Gruppe nur schwer zu erreichen, weil die meisten staatlich geförderten Theater es rundheraus ablehnen, für sie Angebote zu machen. Die Spaßtheatergänger:innen wandern daher in die Privattheater, Kabaretts und Musicalhäuser ab. Verirren sie sich doch einmal in ein subventioniertes Theater, werden sie nicht wiederkommen, da sie nicht verstehen, warum Romeo seine Liebeserklärung brüllen muss, warum Wilhelm Tell Foucault und Walter Benjamin im Munde führt oder warum das Stück überhaupt keine Handlung hat.
6) Die letzte Gruppe wird von den Ins-Theater-Gezwungenen gebildet. Sie besteht quasi vollständig aus Schüler:innen, die den Theaterbesuch als äußerst uncoole Pflicht absolvieren und daher auch schon mal ostentatives Desinteresse an den Tag legen. Das Theater hätte die Möglichkeit, diese Gruppe (ähnlich wie die Gelegenheitstheatergänger:innen) zu überraschen und zu überzeugen, meist jedoch stößt es sie mit zielgruppenorientierten Unterforderungen, sprich: platt verheutigten Klassikerinszenierungen vor den Kopf. Wenn es gut läuft, kommt die eine oder der andere der Ins-Theater-Gezwungenen als Student:in mal wieder und schüttelt dann vielleicht den traumatischen Theater-Erstkontakt wieder ab.
Mengentheoretisch uninteressant
Strenggenommen gibt es auch noch die Gruppe der Nicht-Theatergänger:innen, aus rein mengentheoretischen Gründen ist die jedoch für eine Klassifikation der Theatergänger:innen nicht interessant: Theatergänger:innen und Nicht-Theatergänger:innen sind schlicht komplementär.
Das ist sie also, die erste vollständige, a priori hergeleitete, psychosoziologisch unterfütterte Typologie der Theaterbesucher:innen. Die Typologie ist "idealtypisch zu verstehen; das teilt sie mit allen. Übergänge bleiben ausgeschaltet." (Adorno) Noch Fragen?

Kolumne: Als ich noch ein Kritiker war
Wolfgang Behrens
Wolfgang Behrens, Jahrgang 1970, ist Chefdramaturg der Komischen Oper Berlin. Er studierte Musikwissenschaft, Philosophie und Mathematik an der FU Berlin. Von 2017 bis 2024 war er am Staatstheater Wiesbaden tätig, erst als Dramaturg, dann als Schauspieldirektor. Zuvor war er zehn Jahre lang Kritiker und Redakteur bei nachtkritik.de. Für seine Kolumne wühlt er in seinem reichen Theateranekdotenschatz.
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1. Theaterleute selbst: Der Kollege Rainer Glaap hat in seiner Fleißarbeit „Publikumsschwund“ von 2023 bei der Analyse der DBV-Statistiken seit den 1950er Jahren statistisch nachgewiesen: Der Anteil von Ehren-, Frei-, Gebühren- oder Bin-Theatermensch-will-nix-zahlen-Karten lag in den 1950er bei 1%, in den 1970er bei circa 10% und ist seit den 2010er auf ca. 17% gestiegen (vgl. Glaap 2023, S. 91). Fast ein Fünftel der in die Besuchsstatistik einfließenden Tickets bringen genau 0 Euro in die Theaterkassen.
2. Theaterexpert*innen: Am Institut für Kulturelle Teilhabeforschung in Berlin führen wir in den landesgeförderten Kultureinrichtungen in Berlin regelmäßig Besucher*innenbefragungen (mit Gender-Star) im Rahmen des dauerhaften Forschungssystems KulMon durch (https://www.iktf.berlin/kulmon/). Unter anderem wird auch die Motivation der Besuchenden abgefragt. Die Gruppe der „Professionals/Hobbyists“ liegt bei Theatern bei 16%. Sie kommen mit einem professionellen Interesse und verfügen über entsprechendes Vorwissen.
3. Bildungstheatergänger*innen: Formal hohe Bildungsabschlüsse sind weiterhin krass überrepräsentiert im Theaterpublikum. 66% des Publikums der landesgeförderten Theater in Berlin haben einen Hochschulabschluss, weitere 20% mindestens Abitur. Das hat natürlich überhaupt nichts mit dem Angebot auf den öffentlichen Bühnen zu tun, denn die machen ja Kultur für alle…
4. Gelegenheitsbesucher*innen machen in Deutschland circa 30 bis 40% des Publikums aus. Einige davon hat Susanne Keuchel schon vor 20 Jahren als Begleiter identifiziert (in der Regel ohne *, da sie von der theaterinteressierten Partnerin mitgeschleift werden). Fürs Marketing interessant, denn sie haben potenziell Interesse.
5. Spaßtheatergänger*innen heißen bei KulMon „Entertainment Lovers“ und machen in den landesgeförderten Theatern in Berlin immerhin 22% aus – wobei vermutlich populäre Angebote wie Friedrichstadtpalast (knapp 18 Mio. öffentlicher Zuschuss) die Zahlen nach oben verfälschen.
6. Theater-gezwungene Jugendliche können in der Studienreihe „Kulturelle Teilhabe Berlin“ des IKTf gefunden werden: Während der Schulzeit werden fast alle zwangsbespaßt, ab der Zeit in der junge Leute freiwillig entscheiden können, sinkt die Besuchsaktivität.
Zumindest in Berlin ist das Publikum keine unbekannte Größe mehr.
liegt, dass der Anteil an Ehren-, Frei-, Gebühren- oder Bin-Theatermensch-will-nix-zahlen-Karten steigt, an etwas anderem, als dass man diese Karten/Plätze zunehmend besser erfasst, während man früher noch mehr einfach „reinschleuste“ (so würde ich mir das erklären)?
Gibt es dazu Theorien?
Allerdings bin ich natürlich auch Publikum, und gelegentlich stellt sich auch dieses die beinahe notorischen SchauspielerInnenfragen:“Komme ich vor, bin ich erfasst, genannt, getroffen ??
Und da wird es für mich schwierig. Zum Betrieb gehöre ich nicht, das stimmt irgendwie, aber gibt es nicht andererseits immer wieder Formate, welche bewußt genau diesen Rahmen von A wie Akteur bis Z wie ZuschauerIn befragen bzw. aufheben ? Die Frage liegt nahe: Wie oft muß ich bei SIGNA mitgetan haben, wie oft mich dezidiert mit Akteuren (ua. danach) ausgetauscht haben, um doch irgendwie auch als Akteur eine kleine „Laufbahn“ zu haben ? Als Sheriff 2 erwähnte mich Sheriff 3 (ein Kritiker) ja sogar in seiner späteren Kritik („Das halbe Leid“. SIGNA 2017). Gibt es nicht auch das Komplement zum Performertum von der Zuschauerseite her: die/den „Zuschauer-PerformerIn“, und fallen unter diese Rubrik nicht so binnenunterschiedliche Theatersachen wie Improtheater, Theater-Karaoke, Forumtheater nach Augusto Boal, ExpertInnen des Alltags-Auftritte (zu denen jene des „Prozesses gegen Deutschland“ ja nicht zuletzt auch zählen), Audiowalks wie „St. Georgeologie to Go“ oder „Das Wunder von Hamburg“, Teilhabe an der Statisterie und eben auch Teilnehmerschaft bei „immersiven Projekten“ (zB. auch die damaligen „Umdreharbeiten“ im Centraltheater: „Spielen Sie Peter Pan als Schildkröte“) ?? Vielleicht gilt es, an dieser Stelle , nicht zu sehr auf den MitspielerInnen-Gesichtspunkt abzuheben: Fakt scheint mir zu sein, daß bei all diesen Publikümern eben eher nicht typisches Theaterpublikum zusammenkommt: eben eine Art Nischenpublikum. Diese Kategorie scheint mir hier tatsächlich zu fehlen. Das betrifft nicht nur jene, die nur bei im weitesten Sinne Mittobesachen auch wirklich mit von der Partie sind, sondern auch die vielen, die nur in „ihr“ Theater gehen, wo zB. Sorbisch oder Plattdütsch gesprochen wird, das Theater aber auch dritter Ort ist, aber auch jene, die öfter in das Theater vor Ort gehen würden, gäbe es ein bißchen mehr „Centraltheaterartiges“ dort, und immer wieder gibt es auch Theaterabende, etwa über Hooligans, die dann auch andere Zuschauerschnittmengen generieren; da geht dann auch einmal der sonst theaterferne Fußballfan, weil (vermeintlich) seine Sache verhandelt wird, ins Theater (so geht es mit vielen
Schnittmengen-Theatersachen, denke ich). Wenn die Theaterleute aus Gruppe 1 sich einen Abend anderer Theaterleute ansahen, meinte ich aber auch nicht selten ein aufrichtiges (auch berufliches) Interesse wahrzunehmen und habe mich, garnicht so selten, darüber gefreut, auch derlei wahrzunehmen. Frei nach dem Motto „Als Joachim Meyerhoff Edgar Selge spielen sah ...“ (siehe TheaterHeute-Jahrbuch 2007, erinnert durch „Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“, Aufhänger: das Nacktfoto Meyerhoffs auf dem grünen Sitzelement im Burgtheater)..
ich muss gestehen, dass ich zuerst nicht antworten wollte, denn ich bin natürlich durch die Tatsache etwas angekratzt, dass Sie die Vollständigkeit meiner Analyse widerlegt haben - und wer räumt schon gerne einen Fehler ein? (Thomas Renz hingegen hat sie so wunderbar empirisch untermauert, danke dafür!)
Besonders ärgerlich an der Lücke, dieser entsetzlichen Lücke in meiner Zerlegung ist, dass sie leicht vermeidbar gewesen wäre, denn erkennbar ist das System ja an Adornos "Einleitung in die Musiksoziologie" angelehnt. Und darin gibt es die Ressentiment-Hörer (Anhänger spezieller Musikrichtungen und Verächter der Kulturindustrie, Adorno zählt auch die Jazz-Experten dazu), die den Nischen-Theaterbesucher:innen exakt entsprechen. Darauf hätte ich ja nun wirklich kommen können! Analytische Urteile a priori sind halt doch nicht gegen Denkfehler bzw. Denkversäumnisse gefeit! In der zweiten Auflage der Kolumne (geplant für das Jahr 2036) werde ich die neue Gruppe berücksichtigen.
das ist eine gute Frage.
Aber: darüber gibt die Theaterstatistik leider keine Auskunft. Es gibt über die Jahre eine steigende Ausdifferenzierung, die Spalte "Sonstige Rabatte" ist recht neu.
Aber ob jemand bis in die 90er Jahre ohne EDV-gestütztes Ticketing Zählkarten für größere Gruppen von Menschen bereitgestellt hat, um leere Veranstaltungen zu füllen, ist mir nicht bekannt.
Nun ja, ich denke 2034 oder 2038 wären günstiger. Freilich deutete sich im Nachbarthread bereits eine weitere Publikumsgruppe an, gespeist aus jenen, die ins Theater gehen, um sich dort zu ärgern (# Herforder); sie scheint sich aber meineserachtens vor allem aus Abstandsnahmeentwicklungen zu speisen, welche die Gruppen 1-3 bzw. 7 so abwerfen, und so ich will platt und grob behaupten, daß man sich nur richtig über etwas ärgern kann, was einem zuvor irgendwie positiver, wenn auch „nur“ im Geiste, anging; bezogen auf die siebte Gruppe wären das beispielsweise Menschen, die ihrem (!) Theater auch aus gehörigem Trotz verbunden bleiben (ein Anwurf, den es gerade bei der Volksbühne, aber auch beim Peymann-BE nicht selten gab). Als achte Gruppe sähe ich allerdings, wohl ohne Adorno, noch den Typus des Städtereisenden, der vielleicht nie ins Kaffeehaus geht, in Wien aber kaum widerstehen kann, der also dezidiert von sich aus „forscht“, was der Sound oder Geschmack der Stadt ist. Da nun auch das Deutschlandticket die Fahrt in die Nachbarstädte X,Y,Z begünstigt, hat beispielsweise das Theater Kiel eine Bandenwerbung mit der Zeile „Frisch hier“
zwischen Gleis 4 und 5 platziert (vor vielen Jahren las ich einmal bei meiner Ankunft in Neustrelitz auf dem Bahnhofsvorplatz „Neustrelitz hat ein Theater“).
Die Frage, inwiefern das „Ich bin doch Ihr Publikum“ Ulrich Mühes in „Das Leben der Anderen“ noch ein Fall für Gruppe 6 darstellt, war mir auch noch in den
Sinn gekommen (die „Pointe“, daß das Leben der Gruppe 1 hier derartig durchschlägt, lässt jedes Marketing vor Neid erblassen)..
0 Euro zahlen nur die Kritiker, der Sie ja auch mal einer waren, das könnten Sie wissen.
Wir reden von Ihrer Gruppe 2.
Eine Gruppe 7, die noch nicht richtig beschrieben ist, allerdings von Arkadij Z. angeschnitten wurde, sind die nicht eigentlich am Theater interessierten, die aber kommen, wenn Sie vom Event angezogen werden. Die Truppe, die meint, hier wird ihr Ding verhandelt, politisch, monothematisch, vom Feeling her oder wie auch immer.
Und seien wir ehrlich, diese von Ihnen nicht behandelte Gruppe 7, die hat mittlerweile das eigentliche „Theater“ Publikum abgelöst. Im Grunde spiegelt sich das auch sehr gut bei Nachtkritik wieder. Wir haben eine Meinung oder Haltung, eine Einstellung zur Gesellschaft, zur Welt und zu den Menschen und wollen diese im Theater permanent aufgeführt und bestätigt finden.
Diese geben auch Gesetze aus, was man sagen darf und was nicht, was man zeigen darf und was nicht, wie etwas aussehen soll oder eben wie nicht.
Vor allem soll immer eine Bewertung mitgeliefert werden.
Und diese 7. von Ihnen nicht erwähnte Gruppe, wird sehr wütend, wenn sie etwas zu sehen oder hören bekommen, was nicht in ihr Weltbild passt. Diese 7. Gruppe, von der ich behaupte, dass die am eigentlichen Theater gar nicht interessiert ist, die sind zur Zeit die dominierenden Theaterbesucher.
Halten wir fest: Gruppe 1 und 2 sind marginal, Gruppe 3,4,5 und 6 werden permanent aus dem Theater vergrault und nicht mehr angesprochen, Gruppe 7 hat sich diktatorisch in ihrer Weltsicht und in ihrem Theatergeschmack breit gemacht hat. Ob sie so „breit“ sind, um permanent die Theater zu füllen, darf allerdings bezweifelt werden. Bezahlen will diese Gruppe 7 jedenfalls wenn es irgendwie geht auch nicht.
Und was mich wirklich traurig stimmt: Theater kommt dabei nicht mehr wirklich vor. Theater als ein Ort, wo alles möglich wäre, Theater so brutal und sanft wie das Leben, ein Ort ohne Sicherheiten, ein Ort für das große Abenteuer, für die Verzweiflung und das Lachen, die Tragödie und die Utopie, für den Untergang und die Auferstehung, für den Tod und die pralle Lust davor.
Das alles gibt es in unseren (deutschen) Theatern nur noch so weit, wie Gruppe 7 und Gruppe 1 und 2, die sich eben nach Gruppe 7 richten, es eben dulden.
Wenn man die Gruppen 3456 wieder im Theater haben wollte und wenn man wirklich volle Häuser gut fände, für die Menschen vielleicht sogar bereit wären, ihr Geld zu geben, müsste man es vielleicht mal wieder mit wirklichem und echtem Theater versuchen.
(Ach ja, wer sich daran stört, ich gendere tatsächlich nicht, da mir die deutsche Sprache zu wichtig ist, als ich sie so leichtfertig opfern möchte.)