Die Renaissance der Grenzen

31. Januar 2023. Die Globalisierung ist in die Krise geraten, die heiteren Tage der Postmoderne sind vorüber. Wo bis zuletzt das freie und unverbindliche Spiel der Zeichen regierte, erwächst jetzt machtvoll der Wunsch nach Identität und Grenzziehungen. Wie wird das Theater diesen neuen politischen und ästhetischen Realitäten begegnen?

Von Michael Wolf

31. Januar 2023. Vor ein paar Tagen fiel mir ein Buch von Régis Debray mit dem Titel "Lob der Grenzen" in die Hände. Der Philosoph und einstige Kampfgefährte Ernesto Guevaras verteidigt darin die Grenze als Garant dafür, dass überhaupt etwas Gestalt annehmen kann. Interessanter als seine Ausführungen ist das Entstehungsjahr des Textes, er beruht auf einem Seminar aus dem Jahr 2010. Vor dreizehn Jahren konnte Debray mit seiner These noch provozieren und überraschen, denn der Zeitgeist wollte damals – zumindest im Westen – nicht viel von der Grenze wissen. Die Globalisierung galt als Naturgewalt, der Universalismus als Pfad zu einer immer gerechteren Ordnung und der Wirtschaftsliberalismus als Allheilmittel für kränkelnde Märkte.

Die letzten goldenen Jahre der Postmoderne

Ich war zu dieser Zeit gerade an der Universität angekommen. Es waren die, wie sich zeigen würde, letzten goldenen Jahre der postmodernen Theorie. Oder anders gesagt: Es war keine gute Zeit, eine Geisteswissenschaft zu studieren. Ihre vornehmste Aufgabe bestand darin, Dualismen aufzulösen. Die Vokabeln "zwischen" und "Entgrenzung" zierten die Cover der transcript-Bände, was radikal klang, aber selten zu regen Diskussionen führte, galt doch im Zweifel stets das erste Gebot des Konstruktivismus: Jeder Rezipient baut sich seinen eigenen Text und sein eigenes Werk. Der Dissens war kein Weg zur Erkenntnis, sondern erwies sich als stolz geführter Beweis für die Unmöglichkeit jeder Wahrheit. Unendlich sollten die Deutungen sein, Freiheit war nicht von Beliebigkeit zu unterscheiden. Alles war sag- und denkbar, solange es nur nicht als einzig Gültiges bezeichnet wurde. Kurz gesagt: Es war öde, grenzenlos öde.

Mit dem Debray in der Hand wunderte ich mich, wie abrupt das vorübergegangen ist. Unsere Gegenwart gilt als Zeit multipler Krisenfälle. So divers diese auch sein mögen, finden sie doch eine Gemeinsamkeit in der Renaissance der Grenze als politisches, ökologisches und intellektuelles Paradigma. Ein Schnelldurchlauf: Nach 2015 wurde die Festung Europa eilig verstärkt. Die Corona-Pandemie hat die Globalisierung in wenigen Monaten gestoppt, ganze Wirtschaftszweige wurden stillgelegt. Reisefreiheit konnte nur noch für den Radius der eigenen Wohnung garantiert werden. Der Kampf gegen die globale Erwärmung ist eine Kampagne zur Limitierung von Emissionen und Temperaturanstieg, in der radikalen Spielart gar für ein Ende des ökonomischen Wachstums. Derweil bewirkt der Ukraine-Krieg die Rückkehr der Blöcke, zu den täglichen Topmeldung in den Nachrichten gehört ein Frontverlauf. Und die Identitätspolitik, als politisch wohl einflussreichste Denkrichtung dieser Tage, verschreibt sich einer Ermächtigung des Eigenen, das sich vor fremdem Zugriff zu schützen sucht. Die Legitimität der Nutzung materieller und immaterieller Kulturgüter ist zunehmend an Kategorien wie Herkunft und Zugehörigkeit gebunden. Überall sind da also plötzlich wieder Grenzen, alte und ganz neue.

Die Macht der Zeichen

Auch im Theater. Besonders die identitätspolitischen Forderungen haben die Debatten in den letzten Jahren stark geprägt. Der für das Selbstverständnis des Schauspiels so wichtige Universalismus mit seinem Versprechen, jeder könne und dürfe jeden verkörpern, steht infrage, wird vielfach als Finte toter weißer Männer desavouiert. Blackfacing und Kulturelle Aneignung sind geächtet. Diese Entwicklung hat viel Gutes mit sich gebracht, und das durchaus auch im ästhetischen Sinne, weil sie dem ordinären Zeichengebrauch der Postmoderne etwas entgegensetzt, dieser semiotischen Kombinationswut im Stile des Laissez-faire. Man mag die übersteigerte Sensibilität empörter Artivisten anstrengend und pedantisch finden, doch sind sie sich immerhin stets bewusst, dass Gesten, Wörter und Ausdrucksmittel nicht einfach nur Spielzeuge zur freien Verfügung sind, sondern etwas bedeuten, jemanden verletzen, mithin etwas bewirken können.

Und dennoch fällt die Reaktion des Theaters auf den Paradigmenwechsel unserer Gegenwart meist enttäuschend aus. Es gibt Stücke zur Migration, zum Krieg, zum Klima, zu allen möglichen Themen, in denen die Grenze in ihrer jeweiligen Variante wirkmächtig zur Geltung kommt. Doch dabei springt in der Regel nicht mehr heraus als eine Haltung zu eben diesem Thema. Solche Kunst ist lediglich ein weiteres politisches Medium und es ist fraglich, warum sie besser geeignet wäre, ein Argument zu führen als die Publizistik, die Thinktanks oder die politische Bildung. Wenn sich derzeit nicht nur die Inhalte, sondern die Formen unseres Denkens, Handelns, Wirtschaftens und Lebens verändern, dann genügt es nicht, diese einzelnen Bereiche jeweils thematisch abzuarbeiten. Diese Veränderung muss sich wiederum in einer ästhetischen Form spiegeln.

Der scheue Rückzug ins Eigene – und der Ausweg

Was das angeht, gibt es jedoch nur wenig zu entdecken. Die aktuelle Mode der Autofiktion und des Performer-Schauspiels in Literatur beziehungsweise Theater lässt sich sogar als ängstliche Reaktion auf das rasante Schrumpfen der Welt beschreiben. Die Welle schlägt von einem Extrem ins andere. Das Anything-Goes, dem die Grenzen fehlten, um in ihnen produktiv zu wirken, wird abgelöst durch einen scheuen Rückzug ins Eigene. Solche Kunst ist sich nicht einmal darüber im Klaren, dass sie lediglich die Bewegung der sich verengenden Spielräume nachvollzieht. Geschweige denn, dass sie versuchen würde, diese Dynamik offensiv in Szene zu setzen. Die aufgewärmte Parole, das Private sei politisch, wirkt da nur wie eine schlechte Entschuldigung für die Unfähigkeit, grundlegende Voraussetzungen der Gegenwart zu erkennen und zu reflektieren.

Statt sich selbst oder die eigenen Ansichten zum Ausgangspunkt zu nehmen und sich auf eine Seite zu schlagen, gälte es, tiefer vorzustoßen. Dafür sind keine Aussagen vonnöten, sondern zwingende Ästhetiken. Und natürlich gibt es diese. Ein paar Beispiele: In Toshiki Okadas Arbeit Doughnuts geht es weniger um einige Menschen in einer Hotelloby, als vielmehr um die Menscheit im Zeitalter der von ihr verursachen Klimakatastrophe. Die Choreographie der Figuren erinnert an ein Stocken, an das Zögern einer allmächtig scheinenden Gattung vor der großen Zäsur, dem Eingeständnis der eigenen Angst. Die Wucht der Arbeiten von Ulrich Rasche rührt auch daher, dass seine Figuren immerfort voranschreiten, doch niemals irgendwo ankommen, so als trügen sie ihr eigenes Hindernis beständig mit sich. Die Gruppe Signa macht die ganz persönlichen Grenzen der Zuschauer, die in ihren Performances keine solchen bleiben dürfen, auf teils brutal sinnliche Weise erlebbar.

Die hier genannten Künstlerinnen und Künstler haben nur wenige Überschneidungen, vielleicht sogar nur eine. Ihren Arbeiten lassen sich nur schwer klare Botschaften entlocken, was nicht heißt, dass sie nichts über die Welt zu sagen hätten. Im Gegenteil ergeben sich aus Werken wie diesen äußerst produktive Entwürfe für ein Verständnis unserer Zeit. Hierzu fähig sind völlig unterschiedliche ästhetische Programme, entscheidend ist, dass sie sich auf zeitgemäße Formen statt auf Inhalte konzentrieren. Denn es geht solcher Kunst nicht um eine eilige Kommentierung der Wirklichkeit, sondern darum, diese auf der Bühne überhaupt erst einmal freizulegen. Von hier aus kann man weiter sehen.

Kolumne: Als ob!

Michael Wolf

Michael Wolf hat Medienwissenschaft und Literarisches Schreiben in Potsdam, Hildesheim und Wien studiert. Er ist freier Literatur- und Theaterkritiker und gehört seit 2016 der Redaktion von nachtkritik.de an. 

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