Endproben-Showdown

22. April 2025. Meistens sind Dramaturgie und Regie ja doch beste Freunde. Bis kurz vor der Premiere in der Endprobe die versammelte Dramaturgie, womöglich die Hausleitung, Platz nimmt und sich klären muss, wer am längeren Hebel sitzt. In Teil fünf der Mini-Serie schaut der Kolumnist auf das Verhältnis Dramaturgie vs. Regie.

Von Wolfgang Behrens

22. April 2025. Vor ein paar Tagen machte mich ein Schauspieler aus meinem früheren Leben auf den Instagram-Account von Michel op den Platz aufmerksam. Der Dramaturg des Reutlinger Theaters "Die Tonne" postet dort sehr witzige und wunderbar insiderische Memes aus dem realen Theateralltag, die für meine aktuelle nachtkritik-Blockbuster-Serie "The Theater Masters vs. The Unspeakably Evil Dramaturge" sowohl Illustration als auch Stoff sein können (dass die Leser:innen, die nun dem Link zu op den Platz folgen, nicht mehr zu dieser Kolumne zurückkehren werden, muss ich in Kauf nehmen).

In einem der neuesten Memes von op den Platz fragt ein Regieteam die Dramaturgie, ob sie Feedback zu der performativen Überschreibung eines klassischen Stoffs habe. Das auf die Frage antwortende Meme-Video zeigt einen Mathematiker, der seinen Studierenden die mengentheoretische Fundierung der natürlichen Zahlen erklärt, nämlich mit den Worten: "Ihr habt also irgendetwas, wo nichts drin ist, und da habt ihr was reingepackt, wo nichts drin ist." Wahnsinn! Super!! Geilomat!!! Trotz einiger Semester Mathematikstudium ist mir dieser gegenüber Regisseur:innen eigentlich immer passende Kommentar als Dramaturg leider nie eingefallen.

Erstmal ziemlich beste Freunde

Womit wir schon mittendrin sind in der neuen Folge unserer Serie, heute – na klar: "Stirb langsam, Regie: Der Showdown im Endprobenkampf". Wobei das Schöne am Plot dieses Teils ist, dass Regisseur:innen und Dramaturg:innen zuerst einmal beste Kumpels sind. Ja gut, ich lasse mal die autobiografisch verbürgten Fälle weg, in denen sich etwa der Regisseur dem Dramaturgen mit den Worten vorstellt: "Hallo, Wolfgang. Ich wollte zu Beginn unserer Zusammenarbeit nur mal eines klarstellen: Ich mag keine Dramaturgen!" Oder die Regisseurin, die auf einer Leseprobe sagt: "Ich glaube, es ist noch nicht klar, was das hier bedeuten soll. Klar ist nur, dass es so, wie es Wolfgang sagt, falsch ist." Im Folgenden rede ich von der überwältigenden Mehrzahl der Fälle, also von den zwanzig Prozent, in denen zu Beginn zwischen Dramaturgie und Regie alles gut läuft.

Am Anfang der gut geölten Kooperation von Dramaturgie und Regie steht zum Beispiel das gemeinschaftliche Ausloten eines Stoffs, das Erstellen einer Fassung, das Erarbeiten eines Besetzungsvorschlags usw. Alles kreative Prozesse, die für die Dauer einer Produktion sogar den Eindruck einer sich anbahnenden Freundschaft erwecken können. Okay: Der Ehrlichkeit halber muss eingeräumt werden, dass der Dramaturg bislang nur in seiner Funktion als Produktionsdramaturg in Erscheinung getreten ist (der dann zum Beispiel von den anderen Dramaturg:innen des Hauses gefragt wird: "Und, wie läuft es bei euch in der Produktion?" Die Antwort liefert ein weiteres Meme von op den Platz.

Dramaturgie in der Endprobe

Der entscheidende Wendepunkt im Verhältnis von Regie und Dramaturgie tritt ein, wenn die Dramaturgin oder der Dramaturg sich nicht mehr als produktionsbegleitend versteht, sondern als Mitglied der Leitung des Hauses. Der passende Zeitpunkt für diesen Plot-Twist ist die erste oder auch die zweite Endprobe, also ungefähr eine Woche vor der geplanten Premiere. Zur Ehrenrettung der Produktionsdramaturg:innen sei gesagt, dass diese Wende nicht zwangsläufig inmitten ihrer Person stattfinden muss – nicht alle werden von Dr. Jekyll zu Mr. Hyde. Es genügt meist, dass die restliche Hausdramaturgie, gerne noch verstärkt von der Intendanz, für die Dauer der Endprobe geschlossen (und später auch geschlossen stirnrunzelnd) in der letzten Reihe Platz nimmt.

Nach der Endprobe beginnt der Endkampf. Die Regisseurin ist möglicherweise froh, dass der Durchlauf ohne größere Unterbrechungen geblieben ist, dass die Bühnenfahrten einigermaßen geklappt haben und nur noch 80 Prozent der Lichtstimmungen verbessert werden müssen. Sie ist jedenfalls (im Rahmen der schlimmstmöglichen Erwartungen) erleichtert. Bis die Dramaturgie kommt. Hier ein beliebig herausgegriffener Musterdialog: "Ja, das ist viel Schönes dabei. Aber ich habe hier eine Liste, was alles geändert werden muss." "Ja, ich weiß, dass wir noch ändern müssen. Doch fürs Erste …" "Genau. Ich beginne mal mit der Liste." "Ähm … Ich muss in fünf Minuten den Schauspieler:innen Feedback …" "Ja, genau. Lass uns anfangen. Also in der allerersten Szene ist die Pause vor dem zweiten Satz von M. zu lang. Das muss anschlüssiger sein. Die Mitte der Szene müssen wir komplett streichen." "Sag' mal, was soll denn das? Mich interessiert deine Liste überhaupt nicht. Ich habe gerade ganz andere Probleme." "Ja, verstehe ich gut. Aber ich mache dann mal weiter mit meiner Liste. In der zweiten Szene …"

Künstlerische Verantwortung

Diese Dialoge können sehr unterschiedlich verlaufen, auch sehr unterschiedlich in der Intensität. Aber es gibt sie oft genug, und im Hintergrund steht dabei die Frage, wer am Ende eigentlich die künstlerische Verantwortung trägt: die Regie oder das Haus. Eine Frage, die ja auch das Feuilleton umtreibt, wenn es nach einer Premiere gerne mal nachbohrt, wo denn da die Dramaturgie gewesen sei bzw. warum das Haus die Produktion so überhaupt herausgelassen habe. Das Spannende am Endprobenendkampf ist: Sein Ausgang ist tatsächlich offen! Wer letztlich am längeren Hebel sitzt, hängt stark von der Berufsauffassung und dem Charakter aller Beteiligten ab.

Die normale Reaktion der Regie auf die Vorschläge der Dramaturgie gibt es selbstverständlich auch bei op den Platz zu sehen und lautet: "Ich überlege kurz und denke laut nach: Nein!" Doch wenn die Dramaturgie dann ihre Hausmacht in Bewegung setzt, kann es ungemütlich werden. Man hat schon Regisseure abreisen sehen.

Das Allerschönste am Endprobenendkampf jedoch ist: Kaum ist er zu Ende, beginnen die Proben fürs nächste Stück. Das nächste Staffelfinale ist somit vorprogrammiert. Auf geht’s!


Was bisher geschah: Hier geht’s zu den ersten Folgen der Serie, Folge 1: Im Würgegriff des Marketings | Folge 2: Die natürliche Feindschaft zu Grafikagenturen | Folge 3: Der Dramaturg vs. The Actor | Folge 4: The Saftladen: das KBB

Kolumne: Als ich noch ein Kritiker war

Wolfgang Behrens

Wolfgang Behrens, Jahrgang 1970, ist Chefdramaturg der Komischen Oper Berlin. Er studierte Musikwissenschaft, Philosophie und Mathematik an der FU Berlin. Von 2017 bis 2024 war er am Staatstheater Wiesbaden tätig, erst als Dramaturg, dann als Schauspieldirektor. Zuvor war er zehn Jahre lang Kritiker und Redakteur bei nachtkritik.de. Für seine Kolumne wühlt er in seinem reichen Theateranekdotenschatz.

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