Medienschau: 54 books – Johannes Franzen über Kritik
Tradition der Feindseligkeit
Tradition der Feindseligkeit
3. Februar 2024. "Was auf dem Spiel steht. Über den Untergang des Kulturjournalismus" ist der lesenswerte Essay von Johannes Franzen auf 54books.de überschrieben. Der Literaturwissenschaftler und Journalist beschreibt darin, was passiert, wenn immer mehr Medien verschwinden, in denen ernsthaft öffentlich über Kunst und Kultur nachgedacht wird.
"Der Kritiker gilt als Spielverderber, der sich zwischen das Publikum und die Kunst drängt, als Gatekeeper mit fragwürdiger Autorität, als pedantischer Lehrer, der gnadenlos Noten verteilt – oder als vom Cäsarenwahnsinn gezeichneter Imperator, der durch eine Bewegung seines Daumens über Wohl und Wehe eines Kunstwerks entscheiden kann", holt Johannes Franzen in dem 54books-Essay aus. Von der kulturellen Feindseligkeit werde Kritik seit langem verfolgt – "von Johann Wolfgang Goethes vielzitiertem Jugendgedicht Rezensent ('Schlagt ihn tot, den Hund! Es ist ein Rezensent.') bis hin zur Figur des düsteren, freudlosen Restaurantkritikers Anton Ego in Pixars Ratatouille."
Diese Tradition der Feindseligkeit mache es schwer, "zu erklären, was auf dem Spiel steht, wenn die kulturelle Praxis des professionellen Schreibens über Kunst und Kultur untergeht". Man habe zuweilen den Eindruck, als würde man der Kritik vermitteln wollen, dass sie eigentlich überflüssig ist und gerne verschwinden kann. "Und sie tut es auch – in Form eines fortgesetzten Mediensterbens", so Franzen und erzählt davon anhand des einflussreichen Musikmagazins "Pitchfork", dessen Einstellung gerade überraschend bekannt gegeben wurde.
Was oft genannt werde, um den Niedergang des Kulturjournalismus zu erklären, "ist der Aufstieg der digitalen Amateurrezension. Hat nicht das millionenfache Herumbewerten im Internet den Eindruck vermittelt, professionelle Kritik sei überflüssig?" Stimmt so nicht: "Nicht der bessere Geschmack, nicht das bessere Urteil begründet die Professionalität und Autorität des Kulturjournalismus, sondern die Form, in der dieser Geschmack erzählt wird." Ein klassischer Essay wie James Woods Vernichtung Paul Austers könne, was das reine Urteil angeht, in wenigen Stichworten zusammengefasst werden. "Was den Text zu einem eigenständigen Kunstwerk macht, ist der Stil, in dem das Urteil vorgetragen wird."
(54books.de / sik)
mehr medienschauen
meldungen >
- 17. April 2026 Kunststiftung Sachsen-Anhalt warnt vor nationalistischer Kulturpolitik
- 16. April 2026 Göttingen: Schauspielerin Thyra Uhde gestorben
- 16. April 2026 Salzburg: Ex-Festspielpräsident Heinrich Wiesmüller gestorben
- 16. April 2026 Konstanz: Intendantin Karin Becker verlängert
- 15. April 2026 Preisjurys der Mülheimer Theatertage 2026
- 13. April 2026 Chemnitz: Theater wehrt sich gegen Abschaffungspläne





neueste kommentare >