Medienschau: Die Welt – Das Non-BITEF-Festival in Belgrad
"Als wäre eine nahe Person gestorben"
"Als wäre eine nahe Person gestorben"
24. Dezember 2025. "Herbst in Belgrad, aber kein Bitef-Festival? Eigentlich unvorstellbar," schreibt Jakob Hayner in der "Welt". Seit fast 60 Jahren trifft sich die Theaterszene des Balkans jedes Jahr in der serbischen Hauptstadt. Es werden neue Stücke aus dem In- und Ausland gezeigt, Preise vergeben und Debatten geführt. Normalerweise.
Doch seit einem Jahr sei in Serbien nichts mehr normal. Eine riesige Protestwelle hat das Land erfasst, die Regierung setzt auf Repression. Ein Machtkampf, der auch das traditionsreiche Bitef erfasst hat. Erstmals in seiner langen Geschichte wurde das Theaterfestival nach Budgetkürzungen und Zensurvorwürfen abgesagt. Doch Mitte Dezember gab es eine Untergrundausgabe als Ersatz: das sogenannte Non:Bitef - das Hayner besucht hat und nun seinen Bericht veröffentlichte.
Beim Eröffnungspodium des Non-Bitef wird Hayner zufolge berichtet, wie jede Sympathiebekundung mit den Protesten zu drastischen Strafen führt. "Und zwar bis hin zur Entlassung, wie am Šabac-Theater, einer der ältesten und traditionsreichsten Bühnen des Landes. Auf dem Podium im gut gefüllten Hörsaal der FDU sitzt auch Milo Rau. Er ist der Auslöser, warum das Bitef abgesagt wurde. Genauer gesagt war es die Rede des Intendanten der Wiener Festwochen, die im Vorjahr das Festival eröffnete und ein Paradeprojekt von EU und serbischer Regierung kritisierte: den Lithiumdeal mit dem Bergbaukonzern Rio Tinto. War Raus Rede zu radikal? Wen auch immer man dieser Tage in Belgrad fragt, man bekommt immer die gleiche Antwort: Was Rau kritisierte, war "basic“ oder "common sense“. Nichts mit radikal. Wie viele Experten sagte Rau nur, dass der geplante Lithiumabbau in Serbien die Umwelt zerstören würde. Genau wie in Brasilien, wo Rio Tinto Bauxit abbaut – unter anderem für die E-Flotte von Volkswagen."
Es gab Gastspiele wie Raus "Der Prozess Pelicot“, das ursprünglich vom Bitef-Festival ausgeladen worden war. Auch gab es Arbeiten von Regiestudent*innen. Das richtige Bitef ersetzen kann die Untergrundausgabe aus Hayners Sicht jedoch nicht. "Es fühlt sich an, als wäre eine nahe Person gestorben“, zitiert er Bitef-Geschäftsführerin Ksenija Đurović. "Wird es nächstes Jahr eine nachgeholte 59. Ausgabe geben? Wird wie geplant das 60. Jubiläum gefeiert? Oder droht im schlimmsten Fall gar eine weitere Absage? Unruhige und unsichere Zeiten hat das Bitef wie zu Zeiten des Krieges oder nach der Bombardierung Belgrads zwar schon öfters erlebt, doch dieser Tage ist völlig unklar, wie es für das wichtigste Theaterfestival des Balkans weitergehen kann. Oder ob überhaupt."
(Die Welt / sle)
Mehr zum Thema: Natasha Tripney berichtete im März 2025 in ihrem Theaterbrief aus Serbien von den Protesten.
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