Medienschau: Handelsblatt – Theater im Kampf gegen den Niedergang
Großstrategie des Durchwurstelns?
Großstrategie des Durchwurstelns?
15. November 2024. "Was ist los an deutschen Bühnen?", fragt das Handelsblatt in einer großen Reportage. Einerseits wollten die Theater 'moralische Anstalten' sein, andererseits aber handele es sich um kleine bis mittelgroße Unternehmen, die zusehends ökonomisch ins Schlingern gerieten.
"Es türmen sich Defizite in der Buchhaltung auf und belasten öffentliche Haushalte – und es sind ja gerade staatliche Zuschüsse, die die 142 Stadt-, Staats- und Landestheater der Republik am Leben erhalten", schreibt Hans-Jürgen Jakobs, Volkswirt und Senior-Editor des Handelsblatts (hinter Paywall). "Ist das für die Vermittlung von Kultur in einer strapazierten, polarisierten Gesellschaft so wichtige 'System Theater' überhaupt noch in der aktuellen Form zu halten?"
Jakobs verweist auf die Studie von Rainer Glaap, der die Publikumsentwicklung über sieben Jahrzehnte beobachtete und dann zu dem statistischen Ergebnis gekommen sei, dass sie sich "die Zahl der Theaterbesuche seit 1956 auf nunmehr 18,6 Millionen fast halbiert" habe, während die Bevölkerung "in der gleichen Zeit von 71,4 Millionen auf 83,2 Millionen" gestiegen sei. "Weist dies alles auf eine Legitimationskrise hin? Oder lediglich auf eine Akzeptanzkrise?", fragt Jakobs dann. Viele Theater würden "auf Costcutting und Marketing" setzen. So schrumpfe an den Theatern stetig die Zahl fest angestellter Schauspieler zugunsten von Gastakteuren. Events und Spektakel sollten andererseits neue Besucher anziehen.
"Es stellt sich aber immer stärker die Frage, ob die Theater mit ihren Spielplänen die gesellschaftlich relevanten Themen überhaupt rechtzeitig einfangen – und ob sie sich als sozialen Ort fest verankern", zitiert Jakobs den Dieter Haselbach, den er als Kronzeugen für die Notwendigkeit einer "Generalreform" benennt – 2012 Mitautor der Schrift "Der Kulturinfarkt". "Ich habe da meine Befürchtungen", wird Haselbach weiter wiedergegeben. "Jedes Mal, wenn ich ins Theater gehe, merke ich: Da sitzt ein enger Publikumsausschnitt von Interessenten, die sich meistens einig sind. Die Artikulationsräume sind inzwischen woanders – schauen Sie, wie Verschwörungstheorien im Netz kursieren. An diese Räume kommt die Institution zur moralischen Erziehung des Menschengeschlechts nicht mehr ran."
"Insgesamt befinden sich die Bühnen in einer fortwährenden Transformation, programmatisch wie kommunikativ", zitiert Jakobs unter anderem auch den Deutschen Bühnenverein, das alles brauche Zeit. "Und doch: In der Praxis ist eine Großstrategie des Durchwurstelns zu beobachten."
(Handelsblatt / sle)
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In Paderborn zum Beispiel (Kleinstadt in Ostwestfalen, die sich als Großstadt bezeichnet) laufen seit mehreren Jahren Musicals im Theater, von einem kleinen Ensemble leidenschaftlich dargeboten, und sämtliche Vorstellungen wünschte stets ausverkauft, Zusatzvorstellungen sind im Nu ausverkauft, alle strömen ins Theater, und kommen beseelt und glücklich wieder raus. Andere Stücke wiederum sind Diskurs kritisch, anregend, verstörend, oder einfach auch nur interessant. Womöglich keine Publikumsrenner, aber immer an die Stadt Gesellschaft adressiert und von ihr rezipiert. Mag sein, dass das Theater dann trotzdem noch keine schwarzen Zahlen schreibt, aber es leistet eine immense Aufgabe für Unterhaltung, Denkanstöße, Kommunikation, und und und.
Als Steuerzahlerin wünsche ich mir, dass meine Steuern auch dafür verwendet werden. Als Theaterbesucherin in der Kleinstadt hoffe ich, dass dieses Theater niemals schließt, und alle anderen Theater auch nicht.