Presseschau vom 19. März 2012 – Der Soziologe Dirk Baecker im Tagesspiegel über Machtanalytik im Theater
Die Zirkularität der Macht denken
Die Zirkularität der Macht denken
Berlin, 19. März 2012. Der Soziologe, Systemtheoretiker und Theaterkenner Dirk Baecker hält heute Abend einen Vortrag an der Berliner Schaubühne "Zur Kontrolle von Macht". Vorab hat er dem Theaterkritiker Peter Laudenbach im Tagesspiegel ein Interview zum Thema gegeben.
Im Allgemeinen gelte es, Macht nicht personal, sondern strukturell zu denken: "Jeder Machthaber kann nur die Macht ausüben, die diejenigen, die dieser Macht unterworfen sind, bereit sind zu akzeptieren", so Becker. "Die Legitimation stammt immer aus dem System, nie aus den Personen." René Polleschs Aussage, er empfinde sich als "Dienstleister" seiner Schauspieler, sei "ein passendes Bild für die Zirkularität im Machtverhältnis".
Das Gespräch wendet sich auch dem politischen Theater der Gegenwart zu. Meistens "eher naiv" mutet Baecker ein Theater an, das "die Herrschenden" direkt an den Pranger stellt. Es biete tatsächlich weniger eine Kritik von Macht als "eine Art Selbstberuhigung im Modus eines kritischen Denkens bei durchaus einverstandenem Tun". Wichtiger sei es demgegenüber, "den berechtigten negativen Begriff der Macht, also den einer Macht, die ausbeutet, unterdrückt und so weiter, mit einem positiven Begriff der Macht zu koppeln. Dann stellen sich Fragen danach, was eigentlich welche Leute mit welchen Ressourcen von Macht machen. Wann kann man davon zu viel haben, und wann kann man davon auch zu wenig haben – beispielsweise in der Relation zwischen Wirtschaft und Staat."
Ein positives Beispiel für solche Machtanalytik fand Baecker vor einigen Jahren in Frank Castorfs Umsetzung des Anthony-Burgess-Romans "A Clockwork Orange". Es habe dort eine "wunderbare Szene" gegeben, in der Herbert Fritsch das Publikum von der Rampe herab bedroht habe. Er "hielt diese Geste der Drohung durch, gefühlt vielleicht eine Minute, real wahrscheinlich wenige Sekunden. Man saß im Publikum und war selbst Teil einer sozialen Beziehung und scheinbar mitverantwortlich für das, was als Nächstes geschehen würde. Wenn das Theater das Risiko der Macht ernst nimmt, finde ich das spannend. Wenn es dieses Risiko nicht sieht, ist es naiv."
(chr)
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