Presseschau vom 23. August 2011 – So viel Neues: Botho Strauß betrachtet in der FAZ die Veränderungen des Jahres 2011
Von wegen Wut-Bürger
Von wegen Wut-Bürger
23. August 2011. In der FAZ meldet sich Botho Strauß heute im ganzseitigen Feuilleton-Aufmacher zu Wort, um zu sagen, dass das Volk bequem, verwöhnt, leicht reizbar sei. Die bürgerliche Gesellschaft pflege in der Krise hauptsächlich Affekte, Gefühle, Ratlosigkeiten. Dagegen helfe nur: wahre Aufklärung! Und eine Aufhebung des antikapitalistischen Affekts. Und eine andere Sprache der Politik.
Der Souverän hat einen neuen Widersacher, holt der Text aus: "die Märkte". Sie zu beruhigen, unternehmen die Regierungen des Euro-Verbunds ganz altmodische diplomatische Manöver der Täuschung, Verschleierung und Falschaussage - bis hin zum (noch immer uneingestandenen) Bruch vertraglicher Vereinbarungen und institutioneller Regeln. Das Volk aber interessiere sich gar nicht für Ökonomie, "Geld ist, über die persönlichen Zuflüsse hinaus, kaum der näheren Erkundigung wert". Angesichts der Krisenkette zur Einleitung des neuen Jahrtausends wäre es aber ratsam, ein Pflichtfach Ökonomie für höhere Schulklassen einzurichten. Nicht um noch gerissenere Marktteilnehmer zu erziehen, sondern, so Strauß, "um der gefährlichen Bequemlichkeit sich forterbender antikapitalistischer Affekte, der im Volk wahrscheinlich am weitesten verbreiteten intellektuellen Einschränkung, entgegenzuwirken".
Auf dem Gebiet, von dem sein Wohlergehen am meisten abhänge, sei das Volk ein Stümper, und die Entscheidungsträger haben sich daran gewöhnt, zu ihm durch Gesetze und Regelwerke zu sprechen. "Ein Wort, das vielleicht allgemein aufhorchen ließe, wurde von einem Politiker seit langem nicht vernommen. Die Autorität, die er vielleicht kraft seines Amtes noch besitzt, leidet in der Regel, sobald er den Mund aufmacht." Und, so Strauß: "Jedermann ist des Gewäschs überdrüssig". Vom Allgemeinen solle man gemeinverständlich reden. Doch gehört es zu den verderblichen pädagogischen Usancen, das Niveau zu senken, um den Rezipienten dort abzuholen, wo er steht. "Er braucht nicht abgeholt zu werden, sondern wird angezogen, nähert sich von selbst, wenn jemand von einer etwa zehn Zentimeter höheren Warte zu ihm redet."
Am Ende wird Strauß sogar eine Spur weit kulturoptimistisch und schaut ins Jahr 2011 als den zeitlichen St.-Andreas-Graben, "in der die Platte der alten Gewissheiten sich gegen die Platte neuer Ungewissheit mit Getöse verschiebt. Arabischer Tyrannensturz, Erdbeben mit SuperGAU, Schuldenexuberanz, nicht beherrschbare Kommunikationssysteme, die hier eine Volksbefreiung befördern, dort ein Monster hervorbringen, den eiskalten Massenmörder, Ausgeburt der weltweit vernetzten Isolation ... So viel Neues!"
Im Infokasten stellt Gerhard Stadelmaier dann noch kurz, aber prägnant den von ihm geschätzten Dramatiker vor: "Nachdem er als Theaterkritiker begonnen und als Dramaturg an der Berliner Schaubühne Peter Steins sich ausgezeichnet hatte, stellte Botho Strauß in seinen Dramen, großen, dunkel funkelnden Komödien, der deutschen Gesellschaft die Diagnose: Sie vergesse in all ihrer vorgeblichen Aufgeklärtheit ihre dunklen, vorzivilisatorischen, mythischen Seiten. Deren Geister spukten sozusagen unterm bundesrepublikanischen Boulevard - von 'Kalldewey Farce' über den 'Park' bis hin zur 'Unerwarteten Rückkehr'.
(sik)
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Ich bezweifle jedenfalls, daß ein derart eitler Gestus dazu angetan ist, statt Leute dort abzuholen, wo sie sind, sie zum "Selbstkommen" zu animieren. Der Artikel enthält eine diskutable Sicht, denke ich, die ich nicht teile, die aber andererseits auch nicht in allen Teilen nicht nachzuvollziehen wäre; offenbar Herrn Straußens Art das zu tun, was in Deutschland Volkssport ist- man könnte es "Antikörperbilden" nennen..