Presseschau vom 8. September 2011 – Peter Kümmel in der Zeit über das Elend der Figurenzeichnung in der Gegenwartsdramatik
Beerdigt die Untoten!
Beerdigt die Untoten!
8. September 2011. Wieso entsteht heute so wenig bleibende, unvergessliche Dramatik, fragt sich Peter Kümmel in der Zeit (8.9.2011) anlässlich des Saisonanfangs und entdeckt das Später-rein-früher-raus-Prinzip. Die Formel ist dem Schauspieler und angehenden Prosaautor Oliver Wnuk entlehnt und besagt, dass der Gegenwartsautor im Gegensatz zu den Dichtern des 19. Jahrhunderts Szenen nurmehr anschneidet: "Er hält sich nicht lange auf, den Habitus einer Figur, den Geist eines Milieus oder das Wesen eines Stadtviertels zu schildern, sondern er fängt mit einem rasanten Dialog an."
Als Prototyp dieser Schrumpfform gilt dem Kritiker der Erfolgsdramatiker unserer Tage Roland Schimmelpfennig. Dessen "Stücke leben von Zeitsprüngen, Ortswechseln, Identitätsmetamorphosen. Alle Raffinesse geht beim ihm in den Bau, die Konstruktion der Stücke, während die Figuren selbst eher einfältig wirken". Entsprechend wenig indviduelle und in Erinnerung bleibend seien sie auch. Schimmelpfennigs Figuren dienten nur dazu, "schreibend ein lyrisches Ich" zu verkörpern, "welches durch lauter Hilfs-, Assistenz- und Schattengestalten hindurch im Grunde nur einen Atem ausstößt."
Im Ganzen fehle in der Gegenwartsdramatik der Glaube an die Machbarkeit von Wirklichkeit, an das Handeln. "Die Dramenfiguren von heute (…) nehmen weder Teil an den großen Verteilungskämpfen um Leben und Tod 'draußen' in der Welt noch an den Prestige- und Aufstiegskämpfen im eigenen Land." In dieser Hinsicht erscheinen sie Kümmel als Vertreter jenes Zombitums, dessen Konjunktur der Kulturtheoretiker Josef Vogl jüngst diagnostiziert hat: Die Untoten von heute sind Erschöpfungstote, die "Verschlissenen und Ausgebrannten" des modernen entfremdeten Arbeitsprozesses.
Man könnte nun einwenden, dass die neue Dramatik mit ihren tatlosen, blassen Figuren also ganz adäquat die heutige Wirklichkeit abbilde. Aber, so kontert Kümmel, indem er an den großen Figurenschöpfer Charles Dickens erinnert, "auf solche Einwände kann man antworten: dass Dramatik die Menschen nicht nur so zeigen sollte, wie sie angeblich sind; sondern auch so, wie sie (noch) nicht sind." Es gelte, "Figuren zu erschaffen, die es nicht gibt, die uns aber fehlen". Dementsprechend lautet das Plädoyer an unsere Autoren: "Übertreibt es! Schafft nicht die untoten, sondern die aberwitzigen, unmöglichen, lebensversessenen Charaktere!"
(chr)
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