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Angela Merkel ehrt Schauspieler Ulrich Matthes

Angela Merkel am 29. Mai 2024 in der Berliner Konrad-Adenauer-Stiftung © sle

29. Mai 2024. Einen ihrer seltenen öffentlichen Auftritte hat die frühere Bundeskanzlerin Angela Merkel dem Schauspieler Ulrich Matthes gewidmet. Sie hielt die Laudatio auf ihn, als er am Dienstag von der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) mit einer "Hommage" geehrt wurde. Mit diesem Format würdigt die KAS seit 2002 jährlich eine herausragende Persönlichkeit des kulturellen Lebens. Matthes ist, nach Jutta Lampe und Gert Voss, der dritte Schauspieler in der Reihe der Ausgezeichneten. 

Merkel kam mit trockenem Humor statt mit Allgemeinplätzen über die Bedeutung des Theaters für die Demokratie. Es sei natürlich ein Risiko, so die Bundeskanzlerin a. D., dass sie hier nun als passionierte Laiin die Arbeit eines Schauspielers wie Ulrich Matthes würdige. Andererseits sei sie in ihrem früheren Berufsleben in der Politik immer wieder auf Theaterbegriffe gestoßen und habe sie auch selbst des Öfteren benutzt. Mit einiger Süffisanz gab Merkel dann eine Episode zum Besten, wie das Theaterspiel etwa im Kontext um das Drama eines gescheiterten Gesetzesentwurfs 2002 zum Einsatz kam, als die Kollegen Politiker das Repertoire der Vortäuschung von Gefühlen in Gänze ausgeschöpft hätten.

Ulrich Matthes dankte ihr später für den Exkurs über das Theater als Mittel der Politikgestaltung. Wobei die Täuschung auf dem Theater eben der Weg sei, zu so ewas wie Wahrhaftigkeit zu gelangen. Er sprach ferner von den Dingen, die ihn gegenwärtig bedrückten: vom Rassismus, den vielen Spielarten des Antisemitismus, der Bedrohung einer Synagoge in seiner Nachbarschaft, den Kriegen und der steigenden Gewaltbereitschaft überall.

Seine sehr persönliche Rede widmete er dann seinen Eltern, dem Vater und Kulturjournalisten Günter Matthes und Mutter Else, der als Mädchen ihrer Generation der Zugang zu Bildung verweigert wurde. Als bewegte Zuhörerin konnte man aus seinen Worten die Botschaft mitnehmen, dass jeder die Wahl hat, wie tolerant und empathiefähig er beziehungsweise sie durchs Leben geht. Dass es immer um Haltung und um die Ausschöpfung der eigenen Handlungsspielräume geht.

Das fügte sich dann auch gut in die Matthes-Würdigung von Angela Merkel, die zuvor an diesem Schauspieler besonders dessen gelebte Toleranz hervorgehoben hatte. Auch habe er ihr mit seinem sprachsensiblen Textverständnis den Weg zu Autoren wie Kafka erst eröffnet. Viel anfangen könne sie als Wissenschaftlerin außerdem mit der Formel, die das Theaterspiel grundsätzlich definiere und die sie bei Wikipedia fand: A verkörpert B und C schaut zu. Das war natürlich ein großer Lacher im Publikum.

Dort saß einige Prominenz aus Kultur und Politik: Altbundestagspräsidentin Rita Süssmuth, Ex-Fraktionschef Volker Kauder, der Bundestagsabgeordnete Thomas Heilmann und Kultursenator Joe Chialo zum Beispiel. Gesehen wurden außerdem der Schriftsteller Daniel Kehlmann, Regisseur Völker Schlöndorf, der Zürcher Intendant Ulrich Khuon und seine Nachfolgerin am Deutschen Theater Iris Laufenberg. Für musikalische Rahmung sorgten Katharine Mehrling und Adam Benzwi. Erst mit Jazz und später mit dem "Lied von der Moldau". Matthes süffisanter Kommentar dazu: "Brecht/Eisler und Adenauer – das passt doch." Was auf den Sachverhalt anspielte, dass es in der Regierungszeit von Konrad Adenauer einen Brechtboykott in der jungen Bundesrepublik gab.

Dann las Matthes selbst noch Kafkas frühe Erzählung "Kinder auf der Landstraße", die mit den Sätzen endet: "Werden Narren denn nicht müde?" "Wie können Narren müde werden!" Vorher hatte er seine Krawatte abgelegt: "Kafka kann man nicht mit Krawatte lesen." Standing Ovations am Ende.

(sle)

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