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Gorki Theater Berlin: Çağla Ilk soll Intendantin werden

12. November 2024. Wie die Berliner Zeitung heute meldet, soll die Architektin, Dramaturgin und Kuratorin Çağla Ilk ab 2026 neue Intendantin des Berliner Maxim Gorki Theaters werden. Die Zeitung beruft sich dabei auf Informationen aus dem Vorfeld einer Pressekonferenz, die der Berliner Kultursenator Joe Chialo (CDU) für Donnerstag einberufen hat. 

Çağla Ilk würde damit die Nachfolge von Shermin Langhoff antreten, die 13 Jahre lang das Theater geleitet und als führendes Haus des postmigrantischen Theaters etabliert hat. In den vergangenen Jahren hatte es Kritik am Führungsstil Langhoffs gegeben.

Çağla Ilk verantwortete zuletzt den deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig und ist aktuell Co-Leiterin der Kunsthalle Baden-Baden. Bereits 2013 hatte sie als Dramaturgin am Maxim Gorki Theater gearbeitet und dort unter anderem den Herbstsalon geleitet. Sie war darüber hinaus bis 2017 Künstlerische Referentin von Intendantin Shermin Langhoff, mit der sie bereits in deren Zeit am Ballhaus Naunynstraße zusammengearbeitet hatte. 

Ilk wurde in Istanbul geboren und lebt seit 2004 in Berlin. Hier und in Istanbul studierte sie Architektur und arbeitet seither transdisziplinär zwischen Bildender Kunst, Architektur, Urbanistik, Sound, Theater und Performance. Mit ihrer postmigrantischen Plattform Büro Milk erarbeitete sie Performances im öffentlichen Raum unter anderem in Berlin, München und Istanbul und arbeitete wissenschaftlich im Forschungsprojekt "Baukultur in der multiethnischen Stadt" an der Universität Siegen. Für die Gestaltung des deutschen Pavillons in Venedig in diesem Jahr wählte sie die Künstlerin Yael Bartana und den Theaterregisseur Ersan Mondtag aus. 

(Berliner Zeitung / jeb)

Update vom 14. November 2024. Die Personalie ist von der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt bestätigt worden: Çağla Ilk wird ab 1. August 2026, vorbehaltlich der Zustimmung des Senates, die künstlerische Leitung des Maxim Gorki Theaters übernehmen.

Medienschau 

"Sah sich der Senator dadurch, dass die Neubesetzung früher bekannt wurde, zu dieser Pressekonferenz gezwungen?", fragt Sophie Klieeisen in der Berliner Morgenpost (15.11.2024). "Ihre Organisation machte den Eindruck; im Foyer herrschte Chaos, Unterlagen zum Entscheidungsprozess, zum Fahrplan durch die durch Finanznot unsicheren Gewässer des Berliner Kultursumpfs oder auch nur zum Werdegang der gewählten Personalie Çağla Ilk selbst gab es nicht, und erst unmittelbar vor der Pressekonferenz hatten Chialo und Ilk dem 'Kollegium', wie Chialo es nannte, die neue Personalie erläutert. Kein unbedingt angenehmer Einstand für eine Frau, die ihrer Vorgängerin und dem Haus viel zu verdanken hat, und kein gutes Signal an das Haus und seine Mitarbeiterschaft, in der nun gehörige Unruhe ausbrechen dürfte."

"Menschen, die die Vorstellungen des Maxim Gorki Theaters besuchen – der Senator zählt nicht zu ihnen – fragen sich, warum die Intendantin Shermin Langhoff abgelöst werden soll", ist in der Frankfurter Rundschau (14.11.2024) zu lesen. "Wer einen Blick auf die Besucherstatistik wirft, traut seinen Augen nicht. Was zum Teufel treibt den Senator, eine Theaterchefin, die eine Auslastung des Hauses von deutlich über 90 Prozent erreicht, abzulösen? Durch eine Frau, die nach wenigen Theatererfahrungen, die letzten Jahre ausschließlich als Kunstkuratorin tätig war?"

"Den Dialog mit dem Gorki über mögliche Kandidatinnen oder Kandidaten hat er offensichtlich nicht gesucht, als es um die Nachfolge ging", kommentiert Patrick Wildermann im Berliner Tagesspiegel (15.11.2024) die Causa. "Es gab auch keine Findungskommission, keine Ausschreibung, das bestätigt der Senator. Über die 'Setzung' habe er allein entschieden. Klar, Chialo hat qua Amt das Recht auf solche Alleingänge. Aber das ist kein Argument für mangelnde Transparenz."

Sie freue sich auf das Heimspiel und habe nichts gegen den postmigrantischen Ansatz ihrer Vorgängerin, zitiert Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (15.11.2024) nach der Pressekonferenz die designierte Gorki-Intendantin. "Das klingt nicht sehr enthusiastisch. Erlahmt das Interesse an diesem Konzept so ganz langsam, weil sich dank Langhoffs Pionierarbeit inzwischen die repräsentativen Ungerechtigkeiten im Kulturbetrieb erledigt und alle Minderheiten ihren integrativen Zugang zu den Bühnen unserer Gesellschaft erkämpft haben? Äh, da wäre schon noch einiges zu tun."

"Offenbar reicht die Zugehörigkeit zum richtigen 'Netzwerk' inzwischen aus, um eines der wichtigsten Theaterhäuser Berlins anvertraut zu bekommen. Ob man ein spezifisches Verständnis vom Theater hat, ist kein Kriterium mehr." Mit diesen Worten meldet Simon Strauß von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (15.11.2024) seinen Zweifel an der Berufung an.

Einen "nicht unbedingt freundschaftlichen Abschied von Langhoff und ihrem Theater" sagt Peter Laudenbach von der Süddeutschen Zeitung (15.11.2024) Çağla Ilk nach. Die Kuratorin sei mit der Einrichtung des deutschen Pavillons der Kunst-Biennale in Venedig dieses Jahr "ein weithin beachteter Erfolg" gelungen. "Ihr noch vages Gorki-Programm soll vor allem interdisziplinär angelegt sein und sich an den Schnittlinien von Theater und bildender Kunst bewegen." Der vorläufige Intendantenvertrag von Ilk stehe allerdings "unter Finanzierungsvorbehalt", so Laudenbach. "Wie und ob es nach Langhoffs Ausscheiden 2026 am Gorki weitergeht, ist deshalb angesichts des angespannten Kulturetats derzeit völlig offen:"

"Den postmigrantischen Charakter des jetzigen Theaters wolle sie beibehalten, sagte Ilk selbst, auch das Ensemble solle bleiben, allerdings wolle sie mehr auf Interdisziplinarität setzen. Was genau das bedeuten soll, dazu verriet Ilk noch nichts. Dass sie nach den Haushaltskürzungen mit etwa 10 Prozent weniger des zur Verfügung stehenden Geldes planen müsse, sei ihr aber bewusst." So berichtet Sophia Zessnik in der taz (15.11.2024).

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Kommentare  
Intendanz Gorki: Ersan Mondtag?
Wo ist Ersan Mondtag als Co-Intendant?
Intendanz Gorki: Interessierte Nachfrage
@Christian wie kommst du auf sowas?
Intendanz Gorki: Déjà-vu
Was für eine schlechte Nachricht. Das Gorki wird jetzt durch seine eigene Kopie ersetzt? Hoffentlich ist das ein Missverständnis, welches die Lauscher in der Berliner Zeitung da angeblich aufgeschnappt haben. Die Kunstkuratorin Çağla Ilk könnte als Chris Dercon des postmigrantischen Theaters für Schlagzeilen sorgen. Ich weine!
Intendanz Gorki: Mehr Professionalität wagen!
Also, Frau Ilk, sollte erstmal eine faire Chance bekommen, denke ich.

Was aber einfach überhaupt nicht mehr geht, sind diese Hinterzimmer-Berufungen von Intendanzen ohne beratende Fachjury, ohne jegliche Ausschreibung, einfach ohne ordentliches Verfahren, wie es zu einer Demokratie dazugehört. Das ist in Berlin einfach unsäglich. Das war es schon lange, auch unabhängig von der politischen Leitung der Kultur. Auch Lederer war in diesem Punkt mit viel zu viel autokratischer Macht versehen. (...)
Das Problem gibt es natürlich nicht nur in Berlin, nur dort fällt es am meisten auf und sollte eigentlich so schnell wie möglich behoben werden. Mehr Professionalität wagen!
Intendanz Gorki: Komplett ratlos
#3 mir kam der Name auch direkt in den Kopf, andererseits wirkt Frau Ilk als ehemalige persönliche Referentin auch wie die "natürliche Thronfolgerin". Mit Blick auf die angedrohten Haushaltskürzungen bin ich komplett ratlos: Kontinuität als ensemble- und reprtoiretheater oder postmigrantische derconisierung? Hoffentlich gibt es für alle Beteiligten zeitnah gewisse Klarheit.
Intendanz Gorki: Enttäuschend
Leider enttäuschende Entscheidung. Man wünscht dem Ort doch einen richtigen Neustart, und nicht die Rückkehr von ehemaligen Weggefährt*innen, die das bestehende Programm ja bereits mit geprägt haben.
(...)

(Anm. Redaktion. Der Kommentar ist um einen insinuierenden Passus gekürzt. Andere Kommentare, die ad personam zielen, bleiben unveröffentlicht.)
Intendanz Gorki: Mutlose Entscheidung
Ganz schön mutlose und unkreative Lösung. Der Senator will wirklich gar kein Risiko eingehen. Machen wir einfach weiter wie bisher. Konservative Entscheidung für progressives Theater?
Intendanz Gorki: Unterm Ladentisch
Da wird ein Schatzkästchen unterm Ladentisch verhökert. Eine mutlose, intransparente Entscheidung, die in turbulenten Zeiten für Ruhe sorgen soll. Und ein Verfahren, wie es sich kein Kleinstadttheater mehr erlauben würde. Chance vertan ...
Intendanz Gorki: Tunnelblick Theater
Immer wieder lustig zu sehen, wie sehr der Theaterbetrieb nur sich selbst erkennen kann und Frau Ilk nur als Referentin von Langhoff sieht. Der deutsche Pavillon in Venedig unter Ilks Kuration zum Beispiel: einer der besten seit vielen Jahren, da ist sich etwa die Kunstkritik relativ einig. Kunsthall Baden-Baden war wohl auch nie jemand der Kommentierenden, der Theaterkritiker Seidler wohl eingeschlossen. Dass Ilk weder ein verlängerter Arm der amtierenden Leitung ist noch eine Wiederkehr der Personalie Dercon, weil sie ja gerade Theatererfahrung hat, wäre eigentlich nicht so schwer zu erkennen, denkt man.
Intendanz Gorki: Maskulinistische Attacken?
Zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zu dieser Entscheidung. Sie ist vor dem Hintergrund der derzeitigen Turbulenzen in der Kulturpolitik und des klaren Rechtsrucks mutig und richtig.

Und wie fast immer fällt Folgendes auf: Sobald eine Frau oder eine migrantische Person eine Führungsrolle im Kulturbereich übernimmt, beginnen Diffamierungen und Attacken.

Es wird unterschätzt, wie viele Erzkonservative und politisch eindeutig rechtsorientierte Menschen (Männer?) im Theater- und Kunstbereich unterwegs sind.
Intendanz Gorki: Erstaunlich
Zutiefst erstaunt lese ich diese Nachricht, die, aus meiner bescheidenen Perspektive, Fragen aufwirft.

Die staatliche Kunsthalle Baden-Baden war seit über 100 Jahren ein innovatives Ausstellungshaus zeitgenössischer Kunst, mit allen Höhen und Tiefen, die Natur der Sache sind. Durch (aus der Perspektive des Verfassers) handstreichähnlichen Akt wurde die Kunsthalle, seitens des zuständigen Ministeriums, zu einer Außenspielstätte des Badischen Landesmuseums degradiert. Zukunft ungewiss. Histoirische Artefakte statt zeitgenössischer Kunst. Alles Nachzulesen in der Presse und auf der Homepage des Landtags BaWü (kleine Anfragen). Wirklich nicht schwer.

Die Besucherzahlen der Kunsthalle brachen in den letzten Jahren, unter derzeitger Leitung, dramatisch ein, was u.a. zu der politischen Entscheidung (der faktischen Schließung als singuläres Ausstellunghaus) geführt hat. Große Teile der ansässigen Bevölkerung meiden inzwischen den Besuch des Hauses, Ortsansässige bleiben lieber zu Hause, dies als Erfahrung eines derzeit Ortsansässigen. Ein Traditionshaus, das also gerade seitens Politik und Verwaltung wahrscheinlich, vielleicht sogar offensichtlich, abgewickelt wird. Die derzeitge Ausrichtung lieferte wohl das günstige Momentum.

- Haben sich zuständiger Senator und Senat erkundigt bei dem derzeitigen Arbeitgeber? Über Bilanzen, Besucherzahlen? Über Mitarbeiterführung, spannendes Thema am Gorki?
- Die Kunsthalle wird, mindestens auf ungewisse Zeit, abgewickelt, die Kommunal- und Landespolitik ist im Süden m.E. recht träge. Das Gorki also auch abwickeln? Außenspielstätte des DT? Oder Showroom des Schlosses? Wäre eine Vision, ich persönlich befürworte diese nicht. In Zeiten, in denen um Einsparungen gekämpft wird?
- Ist ein Netzwerk mehr wert für anspruchsvolle Positionen als Validierbares? Diese Position ist ein öffentliches Amt.
- Qualifiziert ein Pavillon auf der Bienale für das Amt einer Intendantin?
- Was definiert Erfolg im Kunstbetrieb eigentlich? Politische Kontakte? Berührte Menschen? Ich weiss es nicht mehr.

es bleiben viele Fragen, zu viele...

Ganz persönlich: Ich durfte eine Veranstaltung erleben in der Kunsthalle Baden-Baden, die wirklich grandios war, exzellent. Auf Vernissagen und anderem Anlässen, auch als normaler Besucher*in der Ausstellungen fühlte ich mich nie willkommen und war immer - leider wirklich immer - ratlos ob des m.E. niedrigen Niveaus. Die neueste Ausstellung war, meiner Erfahrung nach, drei Wochen vor Vernissage nirgendwo auffindbar. Ein Desaster in puncot Öffentlicheitsarbeit. Wenn Berlin das will - dann kann ich aus der sogenannten Provinz nur sagen: Nehmt das gerne und schlagt Ihr Euch in der Hauptstadt damit rum. Das ist nicht mal polemisch gemeint, einfach ganz pragmatisch.

Selbstverständlich schreibe ich hier als Pseudonym und nicht per Klarnamen, das hat mich die Härte der künstlerischen Disziplinen und bubbles gelehrt. Zugleich freue ich mich auf Einlassungen zu meinen Gedanken, die hier arg komprimiert und verkürzt vielleicht einen Weg finden.

Viel Glück liebes Berlin, viel Glück, liebes Gorki. Klar, ich komm als Gast und Zuschauer mal vorbei. Irgendwie denk ich gerade... Die sogenannte Provinz, die ist so oft viel näher an der Lebensrealität als die Hauptstädte. Berlin, guck mal außerhalb Deiner eigenen Blase, guck, leb und schau anderen Lebensrealitäten ins Auge. Es lohnt sich!
Intendanz Gorki: Keine Aussage
Was die Personalie für die Zukunft des Ensemblebetriebs und der künstlerisch Beschäftigten bedeutet, bleibt abzuwarten. Dazu gab es gestern, im Gegensatz zu mehrfach gefeierten "internationalen Netzwerken" (Durch den Senator) und Verweise auf das "Wir" in Baden-Baden (Durch Frau Ilk) keine Aussage. Aber manchmal ist keine Aussage ja auch eine Aussage.
Intendanz Gorki: Weniger Budget
Toll! Die freut sich bestimmt sehr mit 12% weniger Budget auszukommen. Mal abgesehen davon, dass die Entscheidung wieder intransparent und anscheinend ohne Beratung einer Fachjury stattgefunden hat.
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