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Komponist Wolfgang Rihm verstorben

Wolfgang Rihm (1952–2014) | Screenshot: Elbphilharmonie | Wolfgang Rihm: Portrait zum 70. Geburtstag / youtube.com

27. Juli 2024. Der Komponist Wolfgang Rihm ist heute in Ettlingen verstorben, meldet die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Er wurde 72 Jahre alt.

Wolfgang Michael Rihm, geboren am 13. März 1952 in Karlsruhe, war ein Komponist, Musikwissenschaftler und Essayist. Er studierte unter anderem bei Karlheinz Stockhausen, Klaus Huber und Eugen Werner Velte Komposition und bei Hans Heinrich Eggebrecht Musikwissenschaft. 1985 erhielt er den Lehrstuhl für Komposition an der Musikhochschule Karlsruhe.

In seinen Kompositionen griff Rihm immer wieder auf Werk der Literatur zurück, unter anderem auf Lyrik Paul Celans, Philosophie Friedrich Nietzsches oder Theater-Schriften von Antonin Artaud und Heiner Müller. Zwischen 1983 und 1986 komponierte er mit "Die Hamletmaschine" ein Musiktheaterstück in fünf Teilen nach dem gleichnamigen Theaterstück von Heiner Müller und 1987 "Oedipus" mit Texten von Sophokles. Rihms Œuvre umfasst über 400 Kompositionen diverser musikalischer Gattungen.

"Sein Tod reißt einen Krater in unsere Welt. Die Musik verliert mit ihm an Sprachmacht, die Kunst einen Fürsprecher“, schreibt Jan Brachmann in seinem FAZ-Nachruf auf den Künstler, der in den letzten zwei Jahrzehnten durch eine "schwere Krebserkrankung" begleitet war.

"Für mich ist Kunst eine andere Form von Atmung, von Hingabe, von Erschrecken und Umarmung und Schönheit und Furcht, von Erhabenem und Niedrigem in unauflöslicher Mischung", zitieren die Salzburger Festspiele in ihrer Würdigung den Künstler Wolfgang Rihm. Rihm war seit der Uraufführung von "Fremde Szene" 1982 mit dem Festival eng verbunden.

nachtkritik.de besprach Wolfgang Rihms "Hamletmaschine" im März dieses Jahres in Kassel (Inszenierung: Florentine Klepper und Valentin Alfery). Im Juli 2015 war Rhims Die Eroberung von Mexico bei den Salzburger Festspielen in einer Inszenierung von Peter Konwitschny zu sehen.

(faz.net / wikipedia.org / youtube.com / Salzburger Festspiele / chr)

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Wolfgang Rihm: Maßstäbe
Damit die Maßstäbe wieder zurechtgerückt werden: Er war einer der ganz Großen. Im Gegensatz zu Schlagzeilenexistenzen, die beim Singen auf dem Trapez turnen oder Glitzerklamotten tragen, bleibt er unersetzbar. Dass seine hinterlassene Musik dafür bleiben wird, ist ein schwacher Trost. Mit 72 stirbt man nicht. Weder auf dem Trapez, noch darunter. Und wir werden nie mehr erleben dürfen, wie er sich voll ungenierter Freude nach einer Uraufführung verneigte. Er hatte das Recht dazu. Er schon.
Wolfgang Rihm: Offene Art des Denkens
Wolfgang Rihm verdanke ich mein erstes großes Erlebnis mit zeitgenössischer Musik. Bei einem Sommerklavierkurs brachte der Dirigent Boris Schäfer, der damals noch ein Mannheimer Schüler war, zwei Musikkassetten mit dem Mitschnitt der gerade uraufgeführten "Hamletmaschine" mit. Wir Jugendlichen hörten sie rauf und runter, waren befremdet, belustigt - und total fasziniert.

Viele weitere Rihm-Erlebnisse sollten folgen. Als Redakteur von Theater der Zeit wollte ich ihn für einen Beitrag gewinnen und versuchte ihn mit meiner Einar-Schleef-Chronik zu bestechen. Er schrieb mir daraufhin zurück, dass die Buchgabe insofern Erfolg hatte, als dass er sich in der Folge intensiv mit "Droge Faust Parsifal" beschäftigte. Kurze Zeit später entdeckte ich ein Magazin-Foto, das Wolfgang Rihm an seinem Schreibtisch zeigte – und tatsächlich lag "Droge Faust Parsifal" obenauf. Ich war stolz wie Bolle.

Seine Musik wird bleiben. Vermissen werde ich aber nicht zuletzt den Wolfgang Rihm des öffentlichen Gresprächs. Er hatte eine unglaublich offene Art des Denkens und Formulierens: Wenn er sprach konnte man tatsächlich einer "allmählichen Verfertigung der Gedanken beim Reden" beiwohnen, wobei er immer konkret und äußerst zugewandt auf die in Frage stehenden Gegenstände bezogen blieb. Ihm zuzuhören war nicht nur anregend, sondern regelrecht aufregend.

"Des Todes sicher, nicht der Stunde, wann,
Das Leben kurz, und wenig komm ich weiter.
Den Sinnen zwar scheint diese Wohnung heiter,
der Seele nicht, sie bittet mich: stirb an."
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