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Proteste gegen John Malkovich mit Shaw-Stück in Sofia
Das Nationaltheater in Sofia mit von Protestplakaten überklebten Bannern © Silvia Petrova
7. November 2024. Eine Produktion des Stückes "Helden: Waffen und der Mann" von George Bernard Shaw (1856–1950) in der Regie des Hollywood-Schauspielers John Malkovich am Nationaltheater Sofia/Bulgarien hat heftige Anfeindungen in nationalkonservativen und ultranationalistischen Kreisen ausgelöst.
Für die Premiere heute Abend im Nationaltheater Sofia sind Proteste und der Sturm des Theaters angekündigt, wie Silvia Petrova im Telefonat mit nachtkritik.de mitteilt. Petrova war unter anderem Produktionsleiterin am Studio Я des Maxim Gorki Theaters in Berlin und ist aktuell am Nationaltheater in Sofia tätig.
Die Proteste sind durch eine Stellungnahme vom Vorstand des Verbands der bulgarischen Schriftsteller ausgelöst worden. Darin wir das Stück als "Beleidigung für das bulgarische Volk" bezeichnet. "Es ist eine offene Unterstellung gegen unser Land und unser Volk, ein teuflischer Zynismus und eine Verhöhnung der Tausenden von Opfern, die an den Fronten für die Freiheit und die Wiedervereinigung unseres Heimatlandes gefallen sind." (Übersetzung mit Unterstützung von deepl.com)
Shaws Komödie spielt im bulgarisch-serbischen Krieg 1885 und verhandelt unter anderem an der fiktiven Figur des bulgarischen Freiheitskämpfers Sergius Saranoff satirisch Fragen nach Heldentum und nach Geschlechterrollen. Der Regie-Zugriff von John Malkovich ist nicht Gegenstand des Protests. Die Kritik entzündete sich an der Ansetzung des Stückes als solchem und wurden von diversen Medien aufgegriffen und befeuert.
Shaws im englischen Original "Arms and the Man" lautendes Stück war schon früher Auslöser von Protesten. Für eine Produktion des Burgtheaters 1921 musste die Textfassung geändert werden, konkrete Verweise auf den bulgarisch-serbischen Konflikt wurden getilgt. Die Uraufführung von "Arms and the Man" fand 1894 in London statt. 1925 erhielt Shaw den Literaturnobelpreis.
Im Magazin "Filter" auf die Proteste angesprochen wendet sich Regisseur John Malkovich gegen jedwede Zensurbestrebungen und sagt: "Ich bin nicht in Ihr Land gekommen, um jemanden zu beleidigen. Meiner Meinung nach handelt es sich um ein humorvolles, etwas absurdes Stück, in dem Shaw die Sichtweise der Figuren auf die Welt im Kriegszustand veranschaulicht. Ich glaube, der Autor hat das Stück in Bulgarien angesiedelt, weil das Land in der Welt nicht besonders bekannt ist. Es ist sicherlich keine persönliche Bosheit im Spiel." (Übersetzung mit Unterstützung von deepl.com)
Das Direktorium des Nationaltheaters "Ivan Vazov" äußert sich in einem Statement der ETC (European Theatre Convention) zu den Protesten: "Wir müssen uns des Ernstes des Lage bewusst sein. In einem demokratischen europäischen Staat sollte es keine Toleranz für solche Zensur und Einschüchterung geben. Dies ist ein entscheidender Moment für Europa, um Stellung zu beziehen und den gefährlichen Aufstieg ultranationalistischer Bewegungen abzulehnen, die versuchen, kreative Stimmen zum Schweigen zu bringen und unsere kulturellen Grundlagen zu zerstören. Wir vom Theater sind fest entschlossen, die künstlerische Freiheit zu verteidigen, aber wir können dies nicht allein tun. Wir appellieren dringend an unsere europäischen Verbündeten, sich an unsere Seite zu stellen, die Autonomie der Kunst zu schützen und für die Meinungsfreiheit einzutreten, um sicherzustellen, dass die Stimme der Kreativität gegenüber denen, die sie zum Schweigen bringen wollen, stark bleibt." (Übersetzung mit Unterstützung von deepl.com)
(sbp.bg / bgart.bg / europeantheatre.eu / deepl.com / nextory.com / de.wikipedia.org/wiki/Helden / chr)
Update, 8. November 2024. Laut Nachricht von Silvia Petrova kam es am gestrigen Premierenabend zu der angekündigten Demonstration gegen das Shaw-Stück und zu Handgreiflichkeiten gegen Theaterdirektor Vassil Vassilev. Das Portal sofiaglobe.com berichtet ausführlich. Premierengäste wurden von den Demonstranten nicht zum Theatersaal vorgelassen. Die Premiere fand vor wenigen Journalist*innen in nahezu leerem Auditorium statt, wie auch ein Bild auf Instagram zeigt.
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