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Retzhofer Dramapreis 2019 verliehen
Große Anlage
Graz, 16. Juni 2019. Thomas Perle gewinnt den Retzhofer Dramapreis 2019. Wie das Drama Forum uniT in Graz mitteilt, wurde er für sein Stück "karpatenflecken" ausgezeichnet. Der Preis ist mit 5.000 Euro dotiert und verbunden mit einer Uraufführung am Wiener Burgtheater im Mai 2020.
Thomas Perle © Nikola Milatovic 
Das Stück erzähle von der Besiedlung des Ostens – der Karpaten, Rumäniens durch Aufrufe von Maria Theresia und Joseph II., von der Zeit des Faschismus, dem Nachkrieg und den Verfolgungen alles Deutschen bis zum Fall des Eisernen Vorhangs. Bemerkenswert an "karpatenflecken" sei seine "große Anlage", so die Jury. Dem Autor gelingt es, einen Bogen über mehrere Jahrhunderte zu spannen und die Komplexität seines Stoffes verständlich zu machen ohne einen didaktischen Text zu schreiben. Großer Respekt muss seiner Rechercheleistung gezollt werden und dem Wagnis, ein Feld zu bearbeiten abseits von „Modethemen“ oder gerade an vielen Stellen besprochenem Ausgangsmaterial. Es bleibt aber nicht bei der Recherche, dem Aneinanderreihen von dokumentarischem Material, der Autor sucht zwischen den Sprachen, zwischen den Biografien seiner Figuren, entlang der Grenzlinien der (blinden) Flecken, und so besteht die Stärke des Texts genau darin, dass er sich bei gleichzeitiger inhaltlicher Tiefe über seine Figuren auch als ein sehr persönlicher Text liest.
Preis und Jury
Für den Retzhofer Dramapreis 2019 gab es 110 Bewerbungen; die 15 ausgewählten Autor*innen wurden ein dreiviertel Jahr lang in der Stückentwicklung begleitet und schließlich wählte eine Jury bestehend aus Alexander Kerlin (Dramaturg), Tobias Schuster (Dramaturg), Gerhild Steinbuch (Autorin), Remco van Rijn (Dramaturg) und Eva-Maria Voigtländer (Dramaturgin) unter den anonym eingereichten Werken das Siegerstück aus. Wegens des "hohen Niveaus" (Drama Forum-Leiterin Edit Draxl) der eingereichten Stücke werden in diesem Jahr usätzlich zum Hauptgewinn drei weitere Autor*innen ausgezeichnet: Thyl Hanscho, Caren Jess und Pedro Martins Beja sind eingeladen, mit ihren Texten am "d.ramadan" des Theater Oberhausen teilzunehmen, ein Bewerb, der mit einer Uraufführung am Theater Oberhausen verbunden ist.
Autor
Thomas Perle, 1987 in Rumänien geboren, emigrierte 1991 mit seiner Familie nach Deutschland, wo er dreisprachig aufwuchs. Von 2008 bis 2015 studierte er an der Universität Wien Theater-, Film- und Medienwissenschaft. 2009 arbeitete er am Volkstheater Wien und war von 2010 bis 2012 Regieassistent am Schauspielhaus Wien. 2013 wurde er mit dem Wiener exil-Literaturpreis ausgezeichnet, 2015 erhielt er vom Bundeskanzleramt Österreich das Startstipendium für Literatur und feierte mit der Uraufführung seines Kurzdramas "europas töchter" beim MIMAMUSCH – Festival für Kurztheater sein Regiedebüt. 2018 erschien sein Prosadebüt "wir gingen weil alle gingen". Im selben Jahr erhielt er das Wiener Dramatik Stipendium und war Rottweiler Stadtschreiber.
Preisträger*innen
Die PreisträgerInnen der vergangenen Jahre waren: 2017: Liat Fassberg; 2015: Özlem Özgül Dündar und Miroslava Svolikova; 2013: Ferdinand Schmalz; 2011: Susanna Mewe; 2009: Henriette Dushe; 2007: Christian Winkler; 2005: Ewald Palmetshofer; 2003: Gerhild Steinbuch und Johannes Schrettle.
(Dramaforum / geka)
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Die Uraufführung fand deshalb im Dezember 2021 in der Box des DT Berlin in der Regie von András Dömötör statt und war gestern zum letzten Mal zu sehen.
Flucht, Vertreibung, Rassismus und Hass sind die Konstanten, die Sprachen verwirren sich geradezu babylonisch. Auf Hochdeutsch muss die Tochter fürs Publikum immer wieder übersetzen, was die älteren Familienmitglieder auf Rumänisch, Ungarisch oder einem österreisch-jiddischen Dialekt gesagt haben.
Multitethnisch ist der „Wurzelort“, aus dem die drei Frauen stammen, die als Spätaussiedlerinnen nach Deutschland kamen. Viel Biographisches steckt in dem Text von Thomas Perle, der 1987 in Rumänien geboren wurde, dreisprachig in Nürnberg aufwuchs und in Wien lebt.
„karpatenflecken“ verzichtet auf die Chronologie, springt in kurzen Splittern zwischen den Zeiten hin und her: von der NS-Zeit geht es zum Sturz Ceaucescus, private Ereignisse wie Hochzeiten spiegeln sich in den weltpolitischen Umbrüchen. Charakteristisch sind die Brüche und Auslassungen mitten im Satz: häufig sind es die Verben, die im Erinnerungsstrom der drei Frauen fehlen.
Nur eine knappe Stunde kurz sind die Schlaglichter, die das Potenzial zu einem Familiensaga-Mehrteiler hätten, aber bewusst nur als kleine Ausschnitte präsentiert werden. Sie münden in eine klare politische Botschaft gegen Rassismus und Ausgrenzung, für Empathie mit Migrant*innen. Auf der Zielgeraden des Abends setzt die Orbán-treue Tante zu einer Tirade gegen „Überfremdung“ an, die Tochter versucht den älteren Frauen klarzumachen, dass sie selbst erst vor einigen Jahrzehnten nach Deutschland geflohen sind. Aber das sei doch etwas ganz anderes, sie seien schließlich Christen, empören sich Großmutter und Tante.
Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2025/06/08/karpatenflecken-deutsches-theater-berlin-kritik/