Das heilige Spiel

14. Juli 2024. Am heutigen Sonntag findet im Berliner Olympiastadion das EM-Finale statt. Im Stadion der Träume, das Albert Ostermeier für die Dauer der EM im Münchner Fat Cat aufgeschlug, ist das Finale bereits gelaufen. Mit Fußball- und Theatergöttern wie Jens Harzer. Und Kids, die als "Global Player" aufspielen.

Von Silvia Stammen

"Global Player" im Stadion der Träume in München © Gila Sonderwald

14. Juli 2024. Die Wahrheit liegt auf dem Platz! – Aber eben auch davor oder daneben und vor allem dahinter. Der Fußball ist ein schillerndes Feld, für das sich Künstler gerne begeistern, selbst wenn die Faszination nicht unbedingt auf Gegenseitigkeit beruht. Eine Wunschmaschine, die beflügeln und zerstören und jede Menge Widersprüche miteinander verbinden kann: Wildheit und Kontrolle, das Geschmeidige und das Brutale, Begeisterung und Nationalismus, Idealismus und Kommerz, Fairplay und bei allem Engagement für Diversität und Toleranz auch immer noch hartnäckige Verkrustungen von Rassismus und Homophobie.

Mit all dem beschäftigte sich das "Stadion der Träume", das der Autor Albert Ostermaier im Auftrag der Stiftung Fußball & Kultur EURO 2024 zwei Monate lang in der Zwischennutzung des Münchner Gasteigs installiert hat, ein Spielort, der sich seit seiner Stilllegung FatCat nennt und um einiges lebendiger geworden ist als zu seinen offiziellen Zeiten. Auf dem Programm standen Diskussionen, Lesungen, Konzerte und Aufführungen nicht zuletzt eigene Werke Ostermaiers, der sich schon früh als Fußball-Aficionado geoutet hat.

Mit brennendem Blick

"Was ist der erste Kuss gegen das erste Tor", fragt Clemens Schick in Großaufnahme. Der Filmregisseur Hans Steinbichler hat Ostermaiers Opernlibretto "Das Heilige Spiel" über Pier Paolo Pasolinis Fußballobsession als kargen, dichten Monolog verfilmt, indem er dem Schauspieler mit der Kamera hautnah zu Leibe rückt. Für Pasolini war Fußball das letzte lebendige Ritual unserer Zeit, ein religiöses Spektakel der Massen, das den männlichen Körper feiert und gleichzeitig kreuzigt, indem es ihm die Liebe verwehrt, die er sich wünschte. Bis heute sind die Fankurven nicht frei von diskriminierender Sprache, die das Outing schwuler Spieler zur Kamikazeaktion macht, "worte die gesprochen werden, als würden sie gespuckt", bringt Ostermaier in seinem Text die Aggression auf den Punkt.

"Warum muss der Fussball jeden Tag gegen seine Liebe spielen" fragt Schick mit brennend ungeschütztem Blick in die Kamera und stellt damit die Schizophrenie der Frage heraus, die sich bei Ostermaiers Pasolini bis zu seinem gewaltsamen Tod durchzieht: "wenn ich schon erschlagen werde/ erschlagt mich auf einem aschenplatz/ lasst die dribbelnden jungs über meine blutige leiche springen/ wenn sie die flügel wechseln/ so bin bin ich ein letztes mal mit ihnen/ und teil ihres spiels/ ein hindernis das man umspielt" – und das mit produktiven Widerhaken noch immer bis in die heutige Debatte reicht.

The Fitfh Beatle CristianBoehm   020Hommage an einen gefallenen Gott: Jens Harzer in "The Fitfh Beatle © Christian Boehm

Mit "The Fifth Beatle" steht am letzten Abend vor dem Endspiel eine weitere Hommage Ostermaiers an einen gefallenen Gott auf dem Programm. Jens Harzer skizziert sie in einer Lesung als Lebensbeichte des nordirischen Ausnahmespielers und ersten Popstars des Fußballs George Best und kommt dabei nach anfänglichem leichtem Stocken immer mehr in Fahrt.

Exzentrik und Glamour

Es ist die alte Geschichte vom jungen, schönen Genie, das der Erfolg aus der Kurve katapultiert. Best galt Ende der 1960er Jahre als der wohl talentierteste Spieler der Welt, der nie an einer WM teilgenommen hat – vor allem, weil es die gesamtirische Nationalmannschaft, von der er stets träumte, nicht gab. Stattdessen spielte er bei Manchester United und schoss seinen Verein mit beiden Beinen zweimal zur Meisterschaft und 1968 zum Gewinn des Europapokal, bevor sich das Blatt wendete. Den fünften Beatle nannte man ihn, weil er Exzentrik und Glamour verkörperte. Best war ein Playboy, der sich mit einem exzessiven Lebensstil verausgabte, getreu seinem berühmten Bekenntnis: "Ich habe viel Geld für Alkohol, Frauen und schnelle Autos ausgegeben, den Rest habe ich einfach verprasst."

Wie Tschechows Platonow

Um diese Fakten herum zeichnet Ostermaier den Belfast Boy als einen sensiblen Träumer, der sich aus der Nachspielzeit seines Lebens mit frisch transplantierter Leber noch einmal fragt, wann das alles schiefgelaufen ist. Dabei stellt er ihm dabei, etwas spekulativ, Anton Tschechows früh gescheiterten intellektuellen Selbstzerfleischer Platonow als Alter Ego zur Seite. Das geht nicht immer auf, weil der harte Zynismus dann doch nicht Bests Sache ist, eher eine ruppige Zärtlichkeit für die Mutter, die sich wie er auf die feine Art zu Tode trank, und den Vater, der an ihn glaubte und ihn doch nicht aus der selbst gestellten Abseitsfalle retten konnte.

GlobalPlayer3 1200 GilaSonderwaldFlirrende Energie: Jugendliche der Theatergruppe Bellevue di Monaco in "Global Player" © Gila Sonderwald

Nach so viel männlichem Selbstmitleid tut es gut, dass draußen auf dem Platz vor dem Gasteig, im Nieselregen die junge Theatergruppe des Kulturzentrums für Geflüchtete Bellevue di Monaco aufspielt. "Global Player" heißt das Stück, das die vier Mädchen und fünf Jungs im Teenageralter mit Christine Umpfenbach und Denijen Pauljević und zusammen mit dem Münchner Straßenfußballverein buntkicktgut entwickelt haben.

Die Luft flirrt vor Energie, Spiellust und all den schon begrabenen und doch nicht totzukriegenden Hoffnungen, die sich bei den Kids nicht nur an den Sport knüpfen. Global Player sind sie auch, weil einige von ihnen sich noch minderjährig auf den Weg gemacht haben, zum Teil unbegleitet Grenzen überwinden mussten und noch immer auf der Suche sind nach dem Stadion ihrer Träume, wo sie ihre Chance einfordern können. Auch wenn Fußball nach wie vor ein brutales Geschäft ist, lässt er sich zum Glück auch dazu benutzen, solche Höchstleistungen sichtbar machen.

 

Finale im Stadion der Träume

Pasolini
Kurzfilm nach dem Opernlibretto "Das heilige Spiel" von Albert Ostermaier, Filmfassung: Hans Steinbichler und Maren Zimmermann
Regie: Hans Steinbichler, mit Clemens Schick DOP: Stefan von Borbely, Steadycam: Sascha El Gendi, 1 AC Camera: Esther Sonntag, Kostüme: Stefanie Seitz, Maskenbild: Sabine Gludowacz, Ton: Alp Hirschfeld, Licht: Marc Wassmann, Produktion: Bayerl & Partner Film GmbH, Martin Bayerl

The Fifth Beatle oder: Wann ist denn bloß alles schiefgelaufen, Georgie?
Eine dramatische Hommage an George Best
von Albert Ostermaier
Mit: Jens Harzer

Global Player
Leitung: Christine Umpfenbach und Denijen Pauljević, Bühne: Xaver Unterholzner, Kostüm: Roubs Style, HipHop Songs: Gündalein, ESC Rilla, Choreografie: Virat Läm Phetnoi, Video: Patrik Thomas
Von und mit: Arya Durrani-Gill, Eyob Getachew, Fatemeh Hassani, Henry John, Jochanah Mahnke, Karim Aldiri, Mina Vogel, Mohammed Reda Talebi, Tracey Igbinosun

www.bellevuedimonaco.de

www.stadiondertraeume.de

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