Endland - Schauburg München
"Ich habe etwas verstanden"
28. April 2025. In Martin Schäubles Jugendroman "Endland" von 2017 regiert die "Nationale Alternative": Das Land ist von einer Grenzmauer umschlossen, Jugendliche werden zu traditionsbewussten Soldaten trainiert. Für die Schauburg hat Schäuble jetzt mit Regisseurin Katharina Mayrhofer eine Theaterfassung entwickelt – und den Stoff aktualisiert.
Von Susanne Greiner
"Endland" von Martin Schäuble in der Schauburg München © Armin Smailovic
28. April 2025. Bei der letzten U18-Wahl hat die AfD in Bayern dreimal so viele Stimmen wie 2021 abgegriffen. Obwohl im Wahlprogramm der Partei Jugendliche nur als Disziplinierungsobjekt auftauchen. Martin Schäuble macht in seinem Roman "Endland" von 2017 das Phänomen Jugend und AfD zum Thema. Jetzt hat er für die Schauburg mit dem Ensemble und Regisseurin Katharina Mayrhofer eine aktualisierte Theaterfassung entwickelt. Beklemmendes Jugendtheater, das auf den Punkt trifft.
Nergiz ist Kurdin und auf der Flucht. In der Türkei, sagt sie, kann sie nur Joghurt und Kinder machen, ihr Schicksal, aber "Schicksal ist was für Reiche". Früher flohen die Syrer vor dem Krieg, erzählt sie. "Jetzt fliehen alle vor der Hitze." Der Hunger als Folge des Klimawandels hat die Türkei erreicht – eine der Aktualisierungen gegenüber dem Roman: In dem flieht Fana aus Äthiopien. Die Schauburg-Fassung zeichnet sich aber vor allem durch Konzentration aus: auf die Beziehung Anton – Noah und Anton – Nergiz.
KI für die Kaserne
Anton und Noah bewachen die Mauer, die unter der Regierung der Neuen Alternativen um Deutschland, das Endland, errichtet wurde. Die Erziehung der Soldaten übernimmt die KI Cindy, rechtsextrem geprägt, mit Einlassungen über "die natürliche Verbindung von Mann und Frau" – was die Liebe zwischen Noah und Anton verurteilt. Noah kritisiert die Rechten, Anton verteidigt sie. Denn irgendwie gibt es sie doch, diese von Offizier Stahlke propagierte deutsche Leitkultur mit Mercedes, Bosch und Bio-Deutschen. Stolz sein soll Anton, sagt Stahlke, aus der 80-jährigen Gesinnungsdiktatur ausbrechen.
TikTok-Optik und Requisiten-Minimalismus: David M. Campling als Stahlke, Janosch Fries als Anton und Hardy Punzel als Noah auf Flurin Borg Madsens Bühne © Armin Smailovic
Bei einem Nachteinsatz treffen Noah und Anton auf Geflüchtete. Während Anton blind dem Schießbefehl folgen will, widersetzt sich Noah. Während Noah fliehen kann, zwingt Stahlke Anton als Wiedergutmachung für den misslungenen Nachteinsatz zu einem Auftrag, angeordnet von "ganz oben": Er soll als Fake-Flüchtling in das letzte Flüchtlingslager Deutschlands eingeschleust werden. Und dort als Schuldiger für einen Anschlag auf das Lager herhalten. Alle Lager schließen, Remigration lautet das Ziel der Partei. Doch dazu brauchen die Altparteien "noch ein paar Argumente, die sie überzeugen", weiß Stahlke. Im Flüchtlingslager trifft Anton Nergiz. Die bislang nur durch rechtsextreme Filter objektivierten "Invasoren" werden zu Menschen. Und bringen Anton dazu, den Anschlag zu sabotieren: "Ich habe etwas verstanden."
Tüllröcke und Hasenkopf
Mayrhofers Inszenierung setzt auf Tiktok-Optik. Die Schauspieler*innen sprechen vor Kameras, deren Bilder auf einen transparenten Vorhang vor der Bühne projiziert werden: eine Art Social-Media-Filter. Ohne 'Vorhang-Filter' kommen die Dialoge zwischen Nergiz und Anton aus, auch die 'Blitzlichter' nach dem Nachteinsatz und nach dem Anschlag, in denen verstörende Tüllröcke und ein Hasenkopf (Kostüme: Sophia Schneider) die Gewalt kontrastieren: Sequenzen, mit einem Wisch übers Handy sind sie weg. Der zugezogene Vorhang wirkt auch als Raumteiler. Er verdeckt die Szenen von Anton und Noah in der 'Kaserne', zeigt durch die Projektion der Szenen aber auch, dass die beiden beobachtet werden.
In der 'Kaserne': Hardy Punzel als Noah und Janosch Fries als Anton © Armin Smailovic
Die Bühne von Flurin Borg Madsen punktet mit im Kontrast zur fordernden Video-Vorhang-Optik simplen Metallboxen, in denen die Schauspieler*innen Requisiten finden und auf denen Matten zu Betten in Kaserne oder Flüchtlingslager werden. Die beklemmende Atmosphäre des Stückes verstärkt ein unterschwellig pochender Sound von Maksim Khrychev.
"Endland" hat keine verstrickte Handlung. Und zieht dennoch massiv in Bann. Auch dank eines Ensembles, das hinter 'seinem' Stück steht. Besonders markant: Sibel Polat als Nergiz. Die Beschreibung der Flucht im Kühlwagen, der Enge und Atemnot, raubt auch dem Publikum den Atem. Janosch Fries als Anton überzeugt mit seinem Wandel vom Parteimitläufer zum Regimegegner. Hardy Punzels kritisch-rebellischer Noah wirkt, ebenso David M. Camplings rechter Stahlke. Und Simone Oswald als nur im Video eingespielte Frau Doktor lässt als die von "ganz oben" an Alice Weidel denken.
Erschreckend undystopische Dystopie
Erschreckend, wie undystopisch die Dystopie "Endland" ist. "Hoffentlich wird Endland nicht irgendwann ein historischer Roman", wird Schäuble im Programmheft zitiert. Auch das Stück versucht, das dafür nötige Handeln zu provozieren: In einer Sequenz treten Polat und Freis aus ihren Rollen und wenden sich ans Publikum. Zitieren Aussagen von AfD-Mitgliedern wie dem rechtsextremen Marcel Grauf, der sich 2018 angesichts der "vielen Flüchtlinge" nach einem zweiten Holocaust sehnt. Die Publikums-Buh-Rufe zu diesen AfD-Zitaten kommen von 'Theaterinternen'. Aber vielleicht ist ja der ein oder andere 'echte' dabei. Denn buht erst einmal das ganze Auditorium, dann haben wir wie Anton etwas verstanden.
Endland
von Martin Schäuble
Uraufführung
Regie: Katharina Mayrhofer, Bühne: Flurin Borg Madsen, Kostüme: Sophia Schneider, Video: Bülent Kullukcu, Soundscape: Maksim Khrychev, Dramaturgie: Anne Richter.
Mit: Janosch Fries, Hardy Punzel, Sibel Polat, David Campling, Simone Oswald.
Premiere am 27. April 2025
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause
www.schauburg.net
Kritikenrundschau
Das sei eine Story mit Thrillerqualitäten für das Zielpublikum der 14-Plus-Jugendlichen, schreibt Mathias Hejny von der Abendzeitung (1.5.2025). "Geradezu tollkühn aber unterläuft Regisseurin Katharina Mayrhofer die zeitgenössischen Sehgewohnheiten." Bis zum dramatischen Showdown sei das Tempo gedrosselt und man leiste sich Momente der Stille. "Der Regisseurin und ihrem Ensemble gelingt grandios der ambitionierte Plan, aus einer etwas schlicht konstruierten Geschichte im mehr didaktischen als spannenden Gut-und-Böse-Schema, 100 hoch intensive Theaterminuten zu schaffen, die unerhört dicht an die Gegenwart außerhalb des Theaters andocken."
"Regisseurin Katharina Mayrhofer hat die gut gebaute, spannende Story in ihrer Inszenierung so beeindruckend verdichtet, dass man mit angehaltenem Atem die Handlung verfolgt", so Barbara Reitter-Welter vom Donaukurier (30.04.2025). "Man muss tatsächlich Superlative bemühen für die psychologisch perfekt austarierten, unglaublich effektvollen Szenen, welche die Krisen unseres Globus in rasanten Spots genauso anreißen wie all die toxischen Politiker, die zunehmend das Sagen haben."
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