Ehe ist eben so

20. Juli 2024. Eine Paarbeziehung ist am Ende, und das Vereinigte Königreich hat sich von der EU getrennt: Nick Hornby führt private und politische Zerwürfnisse parallel. Und Amina Gusner bringt die kammerspielartige Szenenfolge in Hamburg auf die Bühne.

Von Falk Schreiber

"Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst" von Nick Hornby am Winterhuder Fährhaus in Hamburg © Oliver Fantitsch

20. Juli 2024. Louise und Tom haben Krise. Er ist, ähem, Kulturjournalist, hat vor einiger Zeit seinen Job verloren und suhlt sich im Selbstmitleid, sie ist Ärztin und fühlt sich neben der Arbeit verantwortlich für Haushalt und Kindererziehung. Das gemeinsame Liebesleben ist schon länger in tiefer Langeweile eingeschlafen, weswegen ihr ein Seitensprung unterlief, viermal, um genau zu sein. Jetzt geht das Paar zur Eheberatung, und vorher noch auf zwei Bier und einen Weißwein in den Pub gegenüber, zur Vorbesprechung, und zum Austesten, ob ein Weitermachen überhaupt lohnt. Und wir schauen zu, wie dieses Austesten abläuft.

Mauerschau auf eine Therapiesitzung

Nick Hornby ist ein extrem effizienter Schriftsteller. Einer, der kunstvoll Kunstlosigkeit zwischen Buchseiten packt, als Beobachter kleiner Alltagsdramen. Die Szenenfolge "Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst", in Großbritannien 2019 als "State of the Union" erschienen, ist im Gesamtwerk des heute 67-Jährigen fast schon übermäßig metaphernsatt: Die Ehekrise von Louise und Tom spiegelt sich nämlich in der Krise, die sich zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU aufgetan hat, der Titel "State of the Union" lässt sich auch als politische Zustandsbeschreibung lesen. Bloß wird da etwas beschrieben, das gar nicht so tragisch ist, wie es zunächst den Anschein macht – sieht zwar höllisch verfahren aus, aber das wird sich wieder zurechtruckeln. Wird es doch, oder?

Nachdem "State of the Union" von Stephen Frears als sehenswerte, kammerspielartige Fernsehserie adaptiert wurde, bot sich natürlich auch eine Bühnenversion an. Am Hamburger Privattheater Komödie im Winterhuder Fährhus besorgt diese Amina Gusner, und besonders viel hat sie nicht zu tun: Weil Hornby so knackig auf den Punkt schreibt, ergibt sich der Rhythmus der Aufführung von selbst, während szenisch praktisch nichts passiert. Man sieht eben zwei Menschen dabei zu, wie sie an einem Kneipentisch sitzen, und sich Sätze an den Kopf werfen, liebevolle, verletzende, nette und gemeine Sätze. Im Grunde ist das ein Stück über eine Therapie, aber die Therapie selbst kommt nur als Mauerschau auf die Bühne. Kleintheatertauglicher geht es eigentlich gar nicht. Aber raffiniert gebaut ist es schon.

Hohe Gag-Dichte im Kneipen-Setting

Natürlich braucht so eine Inszenierung zwei Darsteller:innen, die das tragen können. Und Nina Kronjäger und Heiko Senst haben das drauf: Beide sind zwar tief genug drin im psychologischen Spiel, dass man ihnen das desolate Paar abnimmt und Zuneigung zu ihnen empfindet, aber beide sind auch in der Lage, sich von ihren Rollen zu distanzieren, so dass sie die hohe Gag-Dichte von Hornbys Vorlage performen können, ohne sich dabei in der Krisenpaarkonstruktion zu verheddern. Sie: eine leicht überspannte Ironikerin. Er: ein Hänger, der die eigene Schluffigkeit nur noch mit aggressivem Humor aushält. Wirklich sympathisch sind die nicht, und gerade das sorgt dafür, dass man sich mit ihnen identifizieren kann.

Paar im Therapie-Modus: Nina Kronjäger und Heiko Senst © Oliver Fantitsch

Einzig Norbert Bellens ultranaturalistische Bühne kommt diesem Spiel ein bisschen in die Quere. Eine Kneipe hat er also ins Winterhuder Fährhaus gestellt, einen ordentlichen Gastraum, der freilich ein bisschen trostlos wirkt, mit solider Spirtuosenwand, Karaokemaschine und Münzfernsprecher. So sehen Kneipen aus, die ihr Design in den vergangenen 30 Jahren nie verändert und nur Schönheitsreparaturen durchgeführt haben. Und so sehen auch Langzeitbeziehungen aus, die seit 30 Jahren … Ja, schon klar, was dieses Bühnenbild sagen will. Dass an der Mauer die Leuchtreklame einer Hamburger Biermarke prangt, die einerseits einen proletarischen Hintergrund andeutet, andererseits einen intellektuell-ironischen Ruf hat, erzählt etwas über die Figuren und ihr soziales Umfeld, das ist eigentlich recht klug gedacht. Was sie nicht erzählt: Weswegen diese Figuren ihr Leid über die Verwerfungen der britischen Politik spielen. Es ist nicht glaubhaft, dass Tom für den Brexit gestimmt haben sollte, während er gleichzeitig Hamburger Bier trinkt. Ausstattungsproblem.

Konservatives Schulterklopfen

Ansonsten aber schnurrt dieser Abend fröhlich durch die Abgründe des Ehelebens. Dass irgendwann resigniert der Satz "Ehe ist eben so" fällt, ist weniger zynisch als vielmehr ein freundlicher Konservatismus, der Menschen beruhigend auf die Schultern klopft, die sich mit dem Unvermeidlichen abgefunden haben: "Das ist wie Hausaufgaben machen oder Spinat essen. Jeden Tag das gleiche." Kein schönes Urteil, aber man kommt da nicht raus, so wenig wie man aus einem Staat rauskommt, in dem eine Mehrheit für den Brexit stimmt.
Im Zweifel bleibt das Lob der Mittelmäßigkeit: "Ich bin mit Durchschnitt zufrieden", lässt sich Louise noch einmal auf Tom ein, und weil diese unspektakuläre, sympathische Inszenierung einen dann doch ziemlich wirkungsvoll mitgenommen hat, freut man sich ein bisschen darüber, dass sie diese Einsicht gewonnen hat.

 

Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst
von Nick Hornby, Deutsch von Ingo Herzke
Regie: Amina Gusner, Bühne: Norbert Bellen, Kostüm: Inken Gusner
Mit Nina Kronjäger und Heiko Senst
Premiere am 19. Juli 2024
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.komoedie-hamburg.de

Kritikenrundschau

Die "schönste Rolle an diesem Abend" stehe gar nicht auf der Besetzungsliste, schreibt Michael Laages in Die Deutsche Bühne (20.7.2024). Es sei die Requisiteurin Maja Schipzow in der Rolle der Kneipenbedienung. Dass diese Randfigur in der Hamburger Inszenierung "erfreulich wichtig" würde, habe "einen sehr einfachen Grund – der Text selbst bewegt sich überwiegend an Oberflächen". Insofern seien "Phantasie stiftende Zugaben durch die Regie (...) sehr willkommen" – und die Thekenfrau werde "zum beklatschten Ereignis: am Rande vom Kern der Geschichte", so der Kritiker.