Schuften an der Schuld-Maschine

13. Juni 2025. Köln war einst Hochburg des Kolonialismus. Zora Snake begibt sich für das Africologne-Festival auf eine deutsch-kamerunische Spurensuche.

Von Dorothea Marcus

"Decolonize the streets" von Zora Snake auf dem Africologne Festival © Kerstin Ortmeier

13. Juni 2025. Und da stehen wir nun, an diesem sonnigen Frühlingstag, vor dem Bürgerhaus Stollwerck. Ein unschuldiger, roter Ziegelbau. Einst residierte hier der größte Arbeitgeber der Stadt Köln. Mit Hustenbonbons hatte Vater Stollwerck begonnen, im Jahr 1871 stiegen seine fünf Söhne ganz groß in die Schokoladenproduktion ein. 1902 war das Unternehmen ein weltweit agierendes Imperium. Schokolade galt als Luxusgut, für das Unmengen an Kakaobohnen gebraucht wurden – aus Kamerun, einer der ersten deutschen Kolonien.

Natürlich wurden mit der Kolonialschokolade auch deutsche Kolonialsoldaten verköstigt, sie gab Kraft und Energie. Doch nie schien es genug, so dass Christian Eckert, renommierter Leiter der Kölner Handelsschule und einer der ganz großen Verfechter des deutschen Kolonialismus, 1911 notierte, man müsse doch mehr Gewalt anwenden, um die hungernden Arbeiter in Kamerun zu mehr Effizienz zu bringen.

So erzählen es uns Merle Bode und Linda Jalloh von der Initiative "Decolonize Cologne" bei ihrer kolonialkritischen Führung durch die Kölner Südstadt. Seit 2018 bietet die preisgekrönte ehrenamtliche Initiative die Rundgänge durch verschiedene Kölner Viertel an – erstmals arbeiten sie mit dem Africologne-Festival zusammen. Köln, eine der größten Handelsstädte im Deutschen Kaiserreich, war einer der wichtigsten Player des deutschen Kolonialismus.

Salbung nach der Plackerei

Und dann gehen wir ein paar Schritte weiter, in den "Anno-Riegel": Wie Skulpturen stehen hier die Überreste der ehemaligen Fabrik zwischen den Wohnhäusern. Die Kühlung, die Trocknung, die Kompression. Und gleichsam wie eine Skulptur steht da plötzlich auch der Kameruner Performer Toutou Ditchou, mit nacktem Oberkörper und Tropenhelm, vor einem pittoresken Kühlturm hinter Bauzäunen. Er öffnet den Mund zum stummen Schrei, stöhnt, erhebt seine Faust. Ein Schock, seinen schwarzen Körper zu sehen, kurz nachdem das Ausmaß der Ausbeutung schwarzer Körper erneut im eigenen Kopf bewusst wurde: Ditchou präsentiert seinen Körper als gewaltiges Zeichen, das durch die Zeitschichten führt. Weiße Seile trägt er, verwickelt sich in sie, um sich gleich daraus zu befreien.

Africologne1 1200 Kerstin OrtmeierDie Teilnehmer*innen des Rundgangs schieben an der Maschine © Kerstin Ortmeier

Erhaben und stumm schreitet Ditchou dann hin zu den Kompressions-Rädern, die auf einer Betonplatte ausgestellt sind. Die Seile windet er nun um die Maschinerie: fesselt das, was einst gefesselt hat in der rasenden Gier nach Rohstoffen und Menschenmaterial. Und dann fordert er uns auf, mitzumachen: "Drücken, ziehen, sonst schlag ich dich."

Gemeinsam versuchen wir, die Betonplatte mit den Maschinen wegzuschieben oder am Seil zu ziehen. Alle Zuschauer*innen machen mit, natürlich, beteiligten sich am unmöglichen Unterfangen, denn es ist nie genug im durchgedrehten Zeitalter des Warenwahnsinns ohne Aussicht auf Erlösung. "Please hold my back. I feel pain", sagt schließlich Toutou und liegt erschöpft auf dem Boden wie ein trauriges Kind, neben ihm eine Flasche Öl. Und dann dürfen wir ihn salben, als könnten wir ihn heilen und trösten, seinen Körper um Verzeihung bitten für die Gewalt, die unsere Vorfahren seinen angetan haben.

Das Erbe der kolonialistischen Gründerzeit

Und dann übernehmen wieder die historischen Fachfrauen, leiten uns vorbei an ehemaligen Kolonialwarenläden, deren Anzahl schnell explodierte: 1883 waren es 200, 1920 bereits 1500 in Köln. Die Supermarktkette Edeka trägt ihre koloniale Ausbeutungs-Vergangenheit sogar noch im Namen (die Buchstaben standen für: Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwarenhändler im Halleschen Torbezirk zu Berlin).

Vorbei geht es auch am ehemaligen Rautenstrauch-Joest-Museum, einem repräsentativen Gründerzeitbau, in dem einst die Raubgüter aus Kamerun ausgestellt wurden, bis zur alten Handelshochschule, der heutigen TH. Von hier aus unternahmen einst die Handelsstudenten zwei große Kolonialexpeditionen, organisierten, kartographierten, optimierten die Raubzüge. Manche Teilnehmer*innen verarbeiteten sie auch künstlerisch, etwa im naiv-brutalen Reisetagebuch der Malerin und Kolonialistengattin Maria Pauline Thorbecke, "Auf der Savanne", wie wir erfahren. Mancher Teilnehmer machte später NS-Karriere.

Der Körper als Erinnerungsmonument

Doch nun sitzt hier die Kameruner Künstlerin Larissa Ebong: in weißem Gewand, stumm, nicht einmal von krakeelenden Autofahrern aus der Ruhe zu bringen. Langsam schreitet sie die Straße entlang, nimmt aus einer Kalebasse rote Farbe, bestreicht ihre Füße, schreitet weiter. Immer schmutziger wird der Umhang, immer blutiger ihr Weg. Sie stöhnt, schreit, windet sich, all jene tabuisierte sexuelle Gewalt, die Kolonialismus auch bedeutet hat, scheint sich in ihr abgelagert zu haben. Und doch beherrscht sie die Straße mit einer fast heiligen Aura: Auch sie macht ihren Körper zum Symbol, zum Erinnerungsmonument. Spannend, beeindruckend, verstörend, wie sich die historischen Spuren des Kölner Stadtbilds mit den lebendigen Mahnmalen verbinden.

Durch den Raum, den die Kameruner Performer*innen schaffen, dringen die Fakten auf einmal auch ganz anders in den eigenen Körper. Eine spannende Idee, umgesetzt durch das Kölner Africologne-Festival, das sich mittlerweile zur größten Biennale für afrikanische und afrodiasporische Kunst in Deutschland entwickelt hat und in Köln bereits zum achten Mal stattfindet. Schon lange arbeitet die Zora Snake Compagnie selbst mit kolonialen Spuren im Kamerun und wird die Kölner Erkenntnisse nun zu einem eigenen Projekt verarbeiten. Koloniale, gemeinsame Spurensuche von zwei Seiten – das hört sich nach einem Ansatz von Heilung an.

Decolonize the streets – eine performative Tour durch die Kölner Südstadt
von Zora Snake
Künstlerische Leitung & Performance: Zora Snake, Konzept Stadtteilführung: Decolonize Cologne, Technik: Sam Misse, Produktion: africologne & Compagnie Zora Snake, Support: Faso Danse Théâtre, Kooperation: Decolonize Cologne / Merle Bode, Linda Jalloh, Azziza B. Malanda; Rautenstrauch-Joest-Museum – Kulturen der Welt Köln; Initiativkreis Erinnerungsort Afrika-Viertel Köln-Nippes.
Mit: Toutou Ditchou, Larissa Ebong.
Premiere am 12. Juni 2025
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.africologne-festival.de
zorasnake.com

Kritikenrundschau

Für die Kölnische Rundschau (13.6.2025) berichtet Axel Hill vom Africologne-Festival und fokussiert auf die Auftaktarbeit "Sorcière Kampa Vita". Er schreibt: "Regisseur und Choreograph DeLaVallet Bidiefono findet für die gleichermaßen Mut machende wir tragische Geschichte lauter starke Bilder: Die Frauen bewegen sich auf einer mit schwarzen Spänen bedeckten Bühne und hinterlassen ihre Spuren auf der Spielfläche. Gnarigo Tanzbewegungen elektrisieren, Mialinelina geht unter die Haut."

Christian Bos vom Kölner Stadt-Anzeiger (13.6.2025) schreibt ebenfalls über den ersten Abend: "Die achte Ausgabe des Africologne-Festivals eröffnete am Mittwochabend mit einem Donnerhall. Die Produktion 'Sorcières/Kimpa Vita' des kongolesischen Autors, Regisseurs und Schauspielers Dieudonné Niangouna – halb Tanztheater halb Rockshow außer Rand und Band – rüttelte das Publikum mächtig auf."

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