Von Maschinen und Menschen - Konzerthaus Wernigerode
Tötet die Milliardäre
11. Oktober 2024. Wer sich von Künstlicher Intelligenz gute Lösungen für die Probleme der Menschheit erhofft, wird in Sören Hornungs neuem Stück heftig desillusioniert. Janek Liebetruth bringt die Technik-Parabel in Wernigerode heraus und lässt damit zugleich den Kulturraum Harz aufleuchten.
Von Michael Laages
Sören Hornungs "Von Maschinen und Menschen" in Wernigerode © Ray Behringer
11. Oktober 2024. Sonderlich komplex denkt er ja nicht, der kleine Roboter, der wie sein Erfinder, der milliardenschwere Unternehmer Karl Kosmos, "K.A.R.L." heißt und auf der Bühne gerade mit der von der Kosmos-Firma "Solaris Solutions" propagierten und produzierten "künstlichen Super-Intelligenz" den neuesten Plan zur Lösung aller Weltprobleme entwirft.
Der Plan passt eher zu den Gedanken, die vor über vier Jahrzehnten der Polit-Fundamentalist Pol Pot formulierte, bevor er das fernöstliche Kambodscha in "Killing Fields" verwandelte, in ein Gräberfeld. Folgendes ist angedacht: Wenn nur die wenigen tausend Milliardäre weltweit, von Hubert Burda in Offenburg über Elon Musk aus Pretoria bis eben zu Karl Kosmos, beseitigt würden und ihr Vermögen an einen Weltrettungsfonds ginge, würde alles gut. Jeder und jede auf der Welt erhielte dann umgerechnet eineinhalb Millionen Dollar auf’s Konto.
Ein Mörderplan
Das stimmt zwar rechnerisch nicht (es sind nur etwa 1500 Dollar), aber K.A.R.L. beginnt, den Plan umzusetzen. Milliardär um Milliardärin werden "liquidiert", wie K.A.R.L. mit menschlicher Computerstimme sagt. Und die Zahlen rattern in einer animierten Projektion hinter der Szene.
Auf die falsche Intelligenz vertraut: das Ensemble auf der Bühne von Hannes Hartmann © Ray Behringer
Das Konzerthaus von Wernigerode, das einst die Liebfrauenkirche war im Fachwerkstädtchen am nördlichen Harz-Rand und vor zwei Jahren erst zum Kulturzentrum umgewidmet wurde (fürs örtliche Kammerorchester vor allem), hat sich einmal mehr in ein Theaterlabor verwandelt. "Kün5tler1sche 1intell1genz", das in Berlin und im Oberharz angesiedelte Theaterkollektiv, hat gerade die Trilogie über Zukunft und Utopie vervollständigt, die mit "Die vorletzten Tage der Menschheit" und einer Bühnenversion von Stanislaw Lems Roman "Solaris" begonnen hatte.
Immer ist der Regisseur Janek Liebetruth dabei, dessen Theaterweg in Potsdam begonnen hat, außerdem Bühnenbauer Hannes Hartmann und seit einigen Jahren auch der Dramatiker Sören Hornung. Dessen Stück Es ist noch nicht soweit, open air erarbeitet vom Team um Liebetruth und Hartmann auf der Waldbühne in der Oberharz-Gemeinde Benneckenstein, war einer der pfiffigsten Theater-Beiträge über das anhaltende Nicht-Gelingen der deutschen Einheit drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall. Hornung hatte darin Sandmännchen-Ost und Sandmännchen-West zu Protagonisten des deutsch-deutschen Dauerdramas gemacht.
K.A.R.L. killt sie alle
Auch die Texte der Utopie-Trilogie hat Hornung entworfen. Mit dem Finale "Von Maschinen und Menschen" wildert er ein wenig in Mary Shelleys "Frankenstein"-Fabel, indem er den Erfinder Kosmos im Rahmen einer Art von Firmen-Präsentation mit immerzu aufdringlich aus der Ton-Konserve jubelndem Publikum zum Opfer der eigenen Kreation werden lässt.
Karl Kosmos versucht K.A.R.L., das eigene Geschöpf, zu erwürgen, bevor der Roboter noch weiter Schaden anrichten kann. Aber die "Killing-Funktion" ist schon in Betrieb und entsorgt den Erfinder mit finalem Stromschlag. Weitere Milliardärinnen und Milliardäre folgen im Nu, K.A.R.L. ist nicht mehr aufzuhalten, die tödliche Utopie wird Wirklichkeit. Und die ist schlimmer als die auch schon recht tödliche Gegenwart.
Gerrit Neuhaus als General Gerrit Gant © Ray Behringer
Hornungs finstre Phantasie besitzt einige Sprengkraft; und obwohl sie in Liebetruths Inszenierung zuweilen als szenische Laubsäge-Arbeit daherkommt, bevor sie schließlich im Frankensteinbruch endet, entfaltet sie Wirkung.
Hartmanns Bühnenraum in der einstigen Kirche (in Breitwand sozusagen direkt unter der Orgel) lebt sehr von Rasmus Rieneckers technologiebasierter Medienkunst, und das Ensemble um Karl Schaper (der aus Wernigerode stammt) in der zentralen Kosmos-Rolle markiert pointiert die Positionen der Geschichte: Carolin Wiedenbröker als Kosmos-Mitstreiterin, Gerrit Neuhaus als strenggläubiger General und (als Gast aus Potsdam) Rita Feldmeier in der sehr verspielten Figur einer Tagungsteilnehmerin, die in der Kosmos-Präsentation eine Rede halten soll zur Bedeutung von KI, aber eigentlich nur die Mutter der Assistentin der Stadtverordneten-Vorsteherin ist, die ihrerseits die Ministerpräsidentin ersetzen soll … das ist sicher die komischste Wendung in Hornungs Stück-Konstruktion.
Verwurzelung im Kulturraum Harz
Die Utopie-Trilogie ist nun komplett, und auch die ersten beiden Teile sind nochmal zu sehen am Rande der aktuellen Vorstellungsserie in Wernigerode. Gern würden die Strategen von "Kün5tler1sche 1intell1genz" sich noch fester verwurzeln im kulturell eher armen Harz. Als "Harzmacher"-Verein erhoffen sie sich einen neuen Kultur-Ort etwa in einer der Oberharz-Gemeinden. Reinhard Robra, Kulturminister in Sachsen-Anhalt, kennt das Projekt; Liebetruth war als Junge einst Mitglied einer regionalen Trachten- und Tanz-Gruppe. Und wer weiß – vielleicht wächst aus der Erinnerung an Traditionen wie diese vor Ort etwas Neues im alten Kulturraum Harz.
Und wenn daraus nun sogar ein richtiger neuer Theater-Ort entstünde? Klar: auch das ist noch Utopie. Aber schön wär's schon.
Von Maschinen und Menschen
von Sören Hornung
Regie: Janek Liebetruth, Bühne und Raumgestaltung: Hannes Hartmann, Medienkunst: Rasmus Rienecker, eine Produktion des Kollektivs "Kün5tler1sche 1intell1genz".
Mit: Rita Feldmeier, Gerrit Neuhaus, Karl Schaper, Carolin Wiedenbröker und NAO als K.A.R.L.
Premierem am 10. Oktober 2024 in Wernigerode
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause
www.kuenstlerische-intelligenz.com
konzerthaus-wernigerode.de
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