Inferno - In Basel entführt uns Thom Luz zu einer Jenseitswanderung mit Dante, aber ohne Feuer, Zangen und Schmerzensschreie
Die Hölle, das sind die Erinnerungen
von Claude Bühler
Basel, 19. Januar 2017. Wer glaubt denn noch an die Hölle? Aber es gibt sie ja vielleicht doch? Unbezweifelbar ist, dass von der Hölle, dem "Inferno", noch immer die größte Anziehung in Dantes Gedicht-Monument "Die göttliche Komödie" ausgeht – auch der geschilderten Entsetzlichkeiten wegen, die der Renaissance-Dichter wie eine ewige Tatsache vor unser geistiges Auge stellt. Erzählt wird in der "Divina Commedia", wie Dante "in der Lebensmitte vom rechten Wege" abkam und vom antiken Dichterfürsten Vergil durch die Höllenkreise geführt wurde, um später via Läuterungsberg ("Purgatorio") ins Paradies ("Paradiso") zu gelangen.
Die ausgefeilten Torturen, die Dante im 14. Jahrhundert den Verdammten zudachte, erspart uns der Schweizer Regisseur Thom Luz: keine Schmerzensschreie, kein Feuersee oder Kotbad, keine Wespenschwärme und Zerfleischungen, keine Drachen und Dämonen. Selbst vom Hausherr, dem Teufel, erfährt man nur wie vom Hörensagen. Oder in einer kurzen Stummfilmszene am Fernsehschirm.
Im Klangbad der Tonfetzen
Es scheint, als bliebe man in Dantes Vorhölle. Dort leiden jene lauen Figuren, die nie richtig ins Leben getreten sind: Die sich weder bei Gott noch beim Teufel "Ruhm erwarben". Verächtlich zieht Vergil seinen Schützling rasch wieder von der Bühne zu den nächsten, tieferen Höllenkreisen – um dann doch immer wieder dahin zurückzukehren, in die Szenerie, deren Zeuge wir bleiben: ein kathedralenhohes, neonbeleuchtetes Materiallager, vollgestellt mit Kulissenteilen, die an frühere Epochen erinnern. Irgendwo klebt ein altes Foto von Liz Taylor – denn Kleopatra ist ja auch da "unten".
Vier traurige Kreaturen hängen dort in den Loops ihrer ewiggleichen, sich manchmal leicht modifizierenden Gänge, Gebärden, Sätze, ohne Beziehung zueinander, im Klangbad wiederkehrender Tonfetzen. Einer lässt an einem Grammophon den immergleichen, traurigen Liebeschanson anklingen, eine junge Frau durchhüpft stets auf derselben Route den Raum, wieder ein anderer lacht immer wieder über eine uralte "Höllen"-Verfilmung. Jäh wird das matte Treiben immer wieder durch einen grellen Industrieton unterbrochen. Technikpersonal stürmt auf die Bühne, schafft immer neue Kulissenteile hinter ein Riesentor, verschwindet wieder. Das Flammengeräusch eines Hochofens ertönt. Durch ein Bullauge dringt Feuerhelle.
Unter Wiederholungszwang
Will uns Thom Luz damit sagen, uns modernen Menschen fehlten Temperament und Fleischlichkeit, um auch Feuer und Zangen zu verdienen? Wohl auch. Vergil gleicht mit Nerd-Brille und Anzug eher einem Moderator. Der Bühnen-Dante verstummt viel lieber, als den Verdammten viele Fragen zu stellen, wie es sein Vorbild im Gedicht tat. Die jeweiligen Sünden wie Völlerei, Unzucht, Verrat etc. und ihre in ironischer Umkehrung vollzogene Bestrafung sind hier kaum der Rede wert.
Die Hölle hier, das sind die Erinnerungen. Sehnsüchtig und bange gucken die vier zu, wie nach und nach ihre Kulissen-Erinnerungsstücke im Hochofen verbrannt werden. Schmachtend repetiert die junge Frau aus einem Erinnerungsbuch der Liebe. Einer hantiert mit Schaufensterpuppenköpfen, immer wieder fällt ein Kopf zu Boden: Graf Ugolino wurde mit seinen Söhnen in einen Turm eingemauert. Wie sie vor Hunger umkamen, er sie nicht retten konnte, davon kann er nicht lassen. Odysseus erinnert sich an seinen Untergang im Meer. Eine Diva-Figur präsentiert fantastische Hüte, mimt einstige Grandezza.
Selbst Dantes Gedicht ist nur mehr Erinnerungsstück. Der Stummfilm im Fernseher sagt: Wir haben das alles schon etliche Male dargestellt. Die sinnbildlichen, wilden Tiere Löwe (Hochmut) und Wolf (Habgier), die Dante vor dem Höllentor bedrohen, werden bereits ausgestopft über die Bühne gerollt. Die Renaissance-Stücke des Ensembles klingen wie alte Erzählungen.
Wie viel Paradies steckt in der Hölle?
In Thom Luz' Hölle muss man nicht wie bei Dante "alle Hoffnung fahren" lassen. Alles hüllt er zum Ende in dichten Nebel. Dante umarmt eine schlammbedeckte Gestalt, die ihm dann den Weg nach draußen weist. Lächelnd winken die Verdammten als Schemen durch einen Plastikvorhang dem weiterziehenden Dante zu.
Luz ist eine für heutige Gemüter nachvollziehbare Höllengestaltung geglückt. Wobei, so sicher ist das nicht. Denn der Heute-Dante fragt einmal ganz grundsätzlich: Wo sind wir hier? Damit ist die Hölle als objektiv gültiges, göttliches Mysterium ausgehebelt. So bietet Luz seine humanistische Melancholie-Hölle zur Meditation über Selbstbilder, Vereinzelung und Kreisformen dar. Und auch zum musikalisch-ästhetischen Gusto. Fragt sich wie sehr Luz das Ätherische und Harmonische noch steigern kann, wenn er im Mai Dantes "Paradies" aufführen wird.
Inferno
Eine Jenseitswanderung von Thom Luz auf den Spuren von Dantes "Göttlicher Komödie"
Uraufführung
Regie: Thom Luz, Musikalische Leitung: Mathias Weibel, Bühne: Wolfgang Menardi, Thom Luz, Kostüme und Licht: Tina Bleuler, Dramaturgie: Ewald Palmetshofer.
Mit: Carina Braunschmidt, Elias Eilinghoff, Steffen Höld, Martin Hug, Lisa Stiegler, Simon Zagermann und Statisterie. Musiker: Emanuele Forni, Mara Miribung, Daniele Pintaudi.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
www.theater-basel.ch
Auf den Spuren von Dantes 'Göttlicher Komödie' begebe sich Thom Luz, "der Klang- und Bildermagier" auf Jenseitswanderung, schreibt Alfred Schlienger in der Neuen Zürcher Zeitung (21.1.2017) "Zügig und doch wie in Zeitlupe durchschreitet er die neun Höllenkreise des 'Infernos'."Im Untergrund wirke "ein berückendes Live-Orchester in weissen Smokings", das wie zum Trost phasenweise aus der Unterhölle hochgefahren werde. "Bezwingend und richtig beklemmend wird der Abend aber erst im Finale. Wenn die vierte Wand sich mit einer hermetischen Plasticfolie schliesst, wenn die Figuren – einsamer nie – im Nebel waten".
"Die Figuren wirken vereinzelt und schemenhaft, sie hängen in der Endlosschleife ihrer Erinnerung fest – und der Zuschauer selber fühlt sich insgesamt höllisch an das Marthaler-Theater erinnert", so Siegbert Kopp im Südkurier (21.1.2017). "Ein großer neuer ästhetischer Wurf ist das Luz-Theater nicht, doch sehenswert ist dieser kleine feine Theaterabend von nur achtzig Minuten allemal." Bei Luz sei außerdem zu erleben, "wie sich die Gegenwart, auch die des Theaters, immer mehr von den Texten der Vergangenheit entfernt und verschwindet. Vom klassischen Bildungsgut bleibt nur der Stummfilm 'Inferno' von 1911 übrig, gezeigt in einem winzigen Monitor, ganz nebenbei."
"Dieses melancholische Höllentheater auf den Spuren Marthalers" findet Martin Halter in der Badischen Zeitung (21.1.2017) "atmosphärisch stimmungsvoll und schön grotesk, aber auch ein bisschen langweilig". Luz scheint sich aus Sicht dieses Kritikers "im Zauberwald seiner Erfindungen und Bilderrätsel selber verirrt zu haben."
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