Die Münchner Kammerspiele verabschieden Carl Hegemann mit einer letzten Vorstellung von "Die Vaterlosen"
Trauerfeier Süd
14. Juni 2025. Der jüngst verstorbene Dramaturg Carl Hegemann war als Mitspieler und Diskutant fester Bestandteil der großen Tschechow-Inszenierung "Die Vaterlosen" von Jette Steckel. Zu seinen Ehren spielten die Münchner Kammerspiele den Abend ein letztes Mal. Mit besonderer Besetzung.
Von Martin Jost
Carl Hegemann in "Die Vaterlosen" (mit Walter Hess links) © Armin Smailovic
14. Juni 2025. Der Stäbewald auf der Drehbühne wendet uns eine Lichtung zu. Auf der Lichtung steht ein Holzsarg und drumherum das Ensemble, schweigend und mit andächtig gesenkten Köpfen. Matthias Jakisic spielt ein Requiem auf der E-Geige. So haben sich die Münchner Kammerspiele am Freitag von dem Dramaturgen Carl Hegemann verabschiedet, der im Mai gestorben war: Mit der letzten Aufführung von Anton Tschechows "Die Vaterlosen".
Denn Hegemann war fester Bestandteil von Jette Steckels Inszenierung. Mit wechselnden Überraschungsgästen plauderte er sich durch den Abend, brach das Stück auf und konfrontierte die Figuren oder ihre Darsteller*innen mit Erkenntnisstücken. 27 dieser Gespräche unter der Überschrift "Dad Men Talking" sind auf der Website der Kammerspiele als Videos dokumentiert.
Und wer vertrat Carl Hegemann bei der Dernière? Das übernahm die nun vaterlose Helene Hegemann, die Schriftstellerin. "Wie findest du eigentlich, dass ich diesen Ort installiert habe, damit sich Väter hier – damit sich dein Vater – diskreditieren?", fragt Jette Steckel als Gast auf der Bühne Helene Hegemann. Die antwortet nicht direkt, aber sie scheint sich wohlzufühlen in diesem Ensemble, in dem ihr "Dad Man" eine Leerstelle hinterlässt.
"Je älter er wurde, desto offener wurde er"
Steckel (die übrigens unter den Trauerredner*innen beim Hegemann-Begräbnis war) gesteht Helene Hegemann, dass sie hin- und hergerissen war: Gerade ihre Zuneigung, ihre Ehrfurcht vor Carl haben in ihr auch Trotz und Widerstreit ausgelöst.
Joachim Meyerhoff, als sarkastisches Ekel Platonow die Hauptfigur in "Die Vaterlosen", improvisiert auf der Kante zwischen Rolle und Schauspieler: "Meinen Vater vermisse ich nicht. Aber den, der immer da gesessen hat" (also auf dem umgedrehten Bierkasten vor dem eisernen Vorhang, auf dem jetzt Helene Hegemann hockt, lächelnd, eine Zigarette rauchend) "den vermisse ich sehr! Wir grenzen uns alle ab, aber der hat immer alle zu sich gelassen. Und je älter er wurde, desto offener wurde er."
"Die Vaterlosen " bei der Dernière: vorn Joachim Meyerhoff, hinten ganz rechts außen Helene Hegemann © Armin Smailovic
Den ganzen ersten Akt bleibt der Eiserne Vorhang geschlossen. Diese Inszenierung, die die Schauspieler*innen so nah ans Publikum drückt und mit Interaktion spielt, mit Aus-der-Rolle-Fallen und mit einer sehr löchrigen Vierten Wand, gerät an ihrem letzten Abend zu einer Feier des Theaters. Wiebke Puls hat als Gastgeberin Anna Petrowna einen Kasten Bier im Parkett verteilt. Mit kaltem Tegernseer Hell stoßen wir an und kommen uns vor wie auf einer Familienfeier, die zunehmend freidreht. Es ist eine prima Trauerfeier. Und um diese "Vaterlosen" ist es ja wirklich schade.
- Spiralblog 77 – Das Begräbnis von Carl Hegemann
- Grabrede für Carl Hegemann vom Autor und Regisseur Bonn Park
- Nachtkritik zur Premiere der "Vaterlosen" an den Münchner Kammerspielen im Juni 2023
- Shorty zum Gastspiel der Inszenierung beim Berliner Theatertreffen im Mai 2024
mehr porträt & reportage
meldungen >
- 17. April 2026 Kunststiftung Sachsen-Anhalt warnt vor nationalistischer Kulturpolitik
- 16. April 2026 Göttingen: Schauspielerin Thyra Uhde gestorben
- 16. April 2026 Salzburg: Ex-Festspielpräsident Heinrich Wiesmüller gestorben
- 16. April 2026 Konstanz: Intendantin Karin Becker verlängert
- 15. April 2026 Preisjurys der Mülheimer Theatertage 2026
- 13. April 2026 Chemnitz: Theater wehrt sich gegen Abschaffungspläne





neueste kommentare >