Die letzte Wasserrutsche

28. Mai 2025. Heute wurde auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin Carl Hegemann begraben, von der halbem Theaterwelt, zahllosen Freund*innen und Weggefährt*innen begleitet. Und Trauerredner*innen wie Jette Steckel, Bonn Park und Navid Kermani.

Von Christian Rakow

Auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof © Christian Rakow

28. Mai 2025. Und als die Trauergesellschaft das Grab erreicht hatte, öffnete sich der Himmel und Regen ging über Berlin hernieder. Und Blitze zuckten aus der Wolkendecke.

Carl Hegemann, der große Volksbühnen-Dramaturg, ist tot und zur Erde gebracht. "Du bist jetzt eine Leiche", wie der Regisseur Bonn Park, der erste der Trauerredner, lakonisch ergreifend sagte. Zum letzten Weg dieser Leiche in ihrem eichenen Sarg auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin-Mitte war wirklich die halbe Theaterwelt gekommen: ältere Weggefährt*innen und viele junge. Hegemann war ja selbst nie in die Jahre gekommen. Und ein Mann mit rotem Bauarbeiterhelm mittenmang, der ein Plakat dabei hatte: "Carl Hegemann – unsterblich."

Dazu Volksbühnen-Volk, natürlich, Recken der Castorf-Ära, der Pollesch-Ära und der kommenden Zeit. Die Volksbühne begriff Hegemann stets als Haus der unauflöslichen Widersprüche, mithin als das eigentliche Haus der Kunst. Denn Kunst ist innere Spaltung, Dialektik, Prozess.

Hölderlin, des Philosophen Lieblingsdichter, kam verschiedentlich zu Gehör. Neil Young, sein Lieblingsmusiker, wurde gespielt. "It’s better to burn out, than to fade away", besser zu verbrennen, als still auszugehen. Hey, hey, my, my, Rock’n Roll can never die. Rock stirbt nicht. Nur seine Sänger, die schon. Hegemann war Rock, war cooles Solo in den höchsten idealistischen Denklagen, war Brainfuck im besten Sinne. Wann wird Dramaturgie wieder so sexy sein, wie in den Jahren, als er die Volksbühne mit entwarf?

Nahe bei Fichte (über den Hegemann promoviert hatte) wird das Mastermind nun seine letzte Ruhestätte finden. Hegemann, der Kinder liebte, der gern als Hundesitter einsprang, der es nicht mehr schaffte, zwei Katzen gleichzeitig mit den Namen "Paderborn" und "Hamletmaschine" zu besitzen. So erfahren wir es aus den Reden, die aus der Kleinen Kapelle per Lautsprecher zu den mehreren hundert Gästen nach draußen dringen.

Hegemann war auf Urlauben der einzige Erwachsene, der mit Freude die Kinder in den "Aquadome" an der spanischen Costa Brava begleitete, erzählt sein Freund, der Dichter Navid Kermani. Vor zwei Jahren sei er von einem solchen Ausflug wiedergekommen mit den Worten: "Das war meine letzte Wasserrutsche." Ein finales Gleiten im Mörderkanal ganz für sich allein, keine Zeugen. Die wichtigen Dinge passieren immer ohne uns, so Kermani. "Spanien wird ohne dich nicht mehr dasselbe sein", fügt Kermani noch hinzu. Berlin auch nicht. Denke ich, als das Wasser herabrauscht. Auf die Lebenden und die Toten.

Mehr dazu:

Kommentare  
Spiralblog Carl Hegemann: Frohsinnige Regel
Wie schön wäre es, angesichts dieses Spielers, an seinem Grabe einer Art Spielregel zu folgen: “Wenn sich zwei oder drei an diesem Grab versammeln, sollte ein kleiner gemeinsamer Spaziergang oder eine Kaffeelänge drin sein !“, denke ich einerseits, andererseits muß natürlich keine/keiner wirklich mitspielen ! Ich sah Carl Hegemann zuletzt beim HERZZENTRUM XIV auf dem Ohlsdorfer Friedhof, das HERZZENTRUM XV wird vermutlich „Spielende“ obiger Art versammeln; ich kaufte gerade die Karte dazu und freue mich auf den 2.7., genau hier vor Ort !! Lg von der Gaußstraße (halbe Stunde bis „Bavarokratia“)..
Spiralblog Carl Hegemann: Inbegriff der Wachheit
Lieber Carl, ich habe mich lange nicht gemeldet, und vielleicht hast Du Dich ja gewundert, denn ich habe hier auf nachtkritik doch schon öfter Menschen des Theaters letzte Grüße hinterhergeschickt. Doch in Deinem Fall ist es nicht so leicht, und das hängt mit der Tatsache zusammen, dass ich mir Dich nicht als tot vorstellen kann. "Einar Schleef ist derzeit tot", hat Elfriede Jelinek mal gesagt, und ich würde das bei Dir ähnlich sehen. Dass Du tot bist, sollte uns nicht davon abhalten, demnächst mal einen trinken zu gehen (warum, frage ich mich, habe ich damals eigentlich nicht an Deinem Talkshow-Format teilgenommen, dass eine allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Betrinken vorsah? Ich weiß es nicht mehr, eingeladen war ich jedenfalls). Ich kann mir Dich nicht als tot vorstellen, weil Du der Inbegriff der Wachheit bist. Das ist zuallererst in Deinen Augen, die immer so neugierig blicken (auch listig fällt mir als Wort ein, aber da schwingt etwas Negatives mit, das ich Dir nicht zuschreiben möchte). Und diese Wachheit hast Du allen Menschen und Dingen gegenüber gezeigt. Ich erinnere mich an eine Reise nach Israel, die das IsraDrama-Institut für Theaterschaffende aus Deutschland organisierte, um israelische Dramatik bekannt zu machen. Wir sahen u.a. ein Well-made-play, von dem ich dachte, Du würdest es abgrundtief hassen. Doch bei der Diskussion danach lobtest Du es in den höchsten Tönen (in einem Englisch, dass es die Sau grauste, aber alle haben Dich verstanden, denn Du hast Dich immer verständlich gemacht) und mit den richtigen Argumenten. Diese Toleranz, die ein Nebenprodukt der Neugier ist, liebe ich an Dir. Und deswegen freue ich mich auf unser nächstes Treffen, denn von Deiner Wachheit, Deiner Toleranz, Deiner Neugier kann man immer noch lernen. Tot jedenfalls bist Du nicht. Das akzeptiere ich einfach nicht.
Herzlich Dein Wolfgang
Spiralblog Carl Hegemann: Abschied in der Volksbühne
Geballte Prominenz von zwei großen Häusern, die Carl Hegemann in den vergangenen drei Jahrzehnten geprägt hat, versammelte sich an diesem heißen Montag Abend auf der Bühne: er war nicht nur einer der prägenden Köpfe der Volksbühne am Rosa Luxemburg-Platz, sondern wirbelte als lockiges „Springteufelchen“, wie Frank Castorf seinen Chefdramaturgen mal bezeichnete, auch sonst quer durch die Theaterszene und hinterließ am Thalia Theater Hamburg besondere Spuren, das sich in diesen Tagen von Intendant Joachim Lux und Hausregisseurin Jette Steckel verabschiedet.

An einem ihrer größten Erfolge, der „Romeo und Julia“-Inszenierung am Thalia, war Hegemann als Dramaturg beteiligt. Ein kurzer Ausschnitt aus dem Liebesdrama des Hauptdarsteller*innen-Duos Birte Schnöink/Mirco Kreibich und ein Song von Soap&Skin (Anja Plaschg) werden etwa zur Hälfte dieser langen, dreistündigen Revue gezeigt, die Steckel und ihr Bühnenbildner Florian Lösche eingerichtet haben.

Im Mittelpunkt stehen statt persönlicher Anekdoten die Schriften und das wilde, assoziative Denken von Carl Hegemann. Wie bunt und vielfältig dieser philosophisch-soziologische Kosmos war, den Hegemann in dem ihm eigenen schnellen Tempo durchmaß, zeigen die Schnipsel aus seinen Texten, die Schauspiel-Promis lesen: Kathrin Angerer performt Hegemanns wütendes Manifest aus der Castorf-Frühphase 1993, Joachim Meyerhoff und Martin Wuttke lesen aus seinem letzten Gespräch mit Boris Groys.

Aus dem Archiv werden immer wieder Aufnahmen aus dem Chance 2000-Projekt von Christoph Schlingensief und Hegemann eingespielt, einen kurzen Schnipsel gibt es auch aus Castorfs „Idiot“ (2002) mit Sophie Rois und Herbert Fritsch in jungen Jahren. Am schönsten ist es, wenn es zwischen all den Theorien, die Hegemann ebenso liebte wie das Mango- und Karamel-Eis, das zu Beginn gratis verteilt wurde, doch mal ganz persönlich wird. Lynn T. Musiol, eine Mitbewohnerin aus der Bötzowstraße, nimmt per Plüschtelefon zu Hegemanns Off-Stimme Kontakt auf und erinnert sich, wie er ständig telefonierend und Theaterproduktionen quer durch die Republik betreuend Ideen schmiedete und unermüdlich redete, bis ihr fast der Kopf platzte.

Auch das Trommelfell platzte fast, als Volksbühnen-Urgestein Silvia Rieger mit ihrer Band nach halbstündiger Eis-in-der-Abendsonne-genießen-Verspätung losrockte und anschließend Mirco Kreibich mit der Axt auf den Bühnenboden eindrosch. Eindrucksvoll war, wie präzise Steckel/Lösche die Lichtregie zwischen den Miniaturen konzipiert haben. Leider wurden hier aber Perlen vor die Säue geworfen: Penetrant störten die grell erleuchteten Smartphone-Displays fast jede Szene. Carl Hegemann ist vor wenigen Wochen mit 76 Jahren an einem Herzinfarkt gestorben und kann uns keine Theorie mehr liefern, warum Instagram-und TikTok-Sucht so um sich greifen und diese ansonsten sehr kraftvoll-würdige Abschiedsrevue stören.

Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2025/07/01/everyday-live-abschied-von-carl-hegemann-volksbuehne-kritik/
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