Grabrede für Carl Hegemann
Tschüss Carl!
30. Mai 2025. Am vergangenen Mittwoch wurde der Dramaturg Carl Hegemann auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin zu Grabe getragen – unter großer Anteilnahme der Theaterwelt und mit Trauerreden, wie dieser.
Von Bonn Park
Porträt Carl Hegemanns auf der Rückseite des nassgeregneten Zettels mit der Liste der Trauerredner*innen, die beim Begräbnis am 28. Mai verteilt wurde.
Hallo Carl.
Du bist jetzt eine Leiche. Das ist nicht gut. Wir sind sehr traurig. Dafür kann ich mal ausreden, haha.
Zu diesem Anlass möchte ich deine Biografie aus der Erinnerung vortragen:
Carl, du wurdest in Ostwestfalen geboren, wo es kein Meer und keinen Fluss gibt, dafür aber immer Nieselregen. Du gingst zur Schule, spieltest mit Stöckern und aßt, was auf den Tisch kam. Viele Einsen auf dem Zeugnis hattest du nicht, dafür aber im Herzen. In das Theater verliebtest du dich, nachdem du eine Ersan Mondtag Inszenierung in Holland gesehen hast, nachdem du als Statist im Paderborner Stadttheater mitwirken durftest.
Nach Intendanzen und Chefdramaturgien in vielen Bundesländern, rief dich Frank Castorf an, er sagte zu dir: Ich will einen Farbfernseher und ein Theater in der Bundesrepublik leiten. Du hast dann ein paar Anrufe gemacht bei deinen Freunden in Bonn, von denen du unendlich hast, überall, bis heute, und es kam die Wiedervereinigung. Und der Rest ist Geschichte. Mindestens vier Frauen habe ich schon die Hand geschüttelt, denen du mal auf den Mund geküsst hast. Deine Tochter Helene kam auf die Welt, und bezaubernd ist sie geworden. 1999 erhieltst du den Nobelpreis für die Erfindung der Kraft der Freundschaft, später einen für die Zuversicht. Dann trafst du den Autor und Regisseur Bonn Park, den du als den Jahrhundertkünstler auserkoren hast, konkurrenzlos und genial sei er.
Ach Carl, naja, wenn du das sagst. ;)) Mit ihm verbinden dich viele gute Erinnerungen und eine tiefe Freundschaft, nicht so oft spracht ihr über das Theater, dafür über Gerichte, Soßen, und wie es einem so geht und auch der Welt. Du hältst den Weltrekord in Nachmittagsschläfchen und ungelesenen Emails. Und jetzt Carl, bist du eine Leiche.
Dinge, die du nicht mehr geschafft hast:
- Das Funkloch in der Bötzow besiegen.
- Zwei Katzen haben mit den Namen Paderborn und Hamletmaschine.
- Machen, dass sich alle verstehen, so wie du dich mit allen verstandest. (Weltfrieden)
- Mit mir auf die restlichen Kontinente fahren.
- Erleben, wie Union deutscher Meister wird (aber das werden wir alle nicht mehr mitbekommen, Hahohe).
- Das wars.
Viele Dinge werde ich vermissen, am meisten aber, dass du mir oft ins Wort fällst und dann dir selbst auch und niemand weiß, worum es eigentlich geht, vorallem ich nicht, weil ich auch oft nicht mehr zugehört habe, aber allen voran du selbst. Dann lachten wir herzlich und tranken einen Spritz auf Ex und eine ganze Kugel Vanilleeis.
Apropos Eis, am meisten werde ich aber vermissen, wie du dir eine kleine Turboinsulinspritze in der Fußgängerzone vor dem Denkmal des Königs Sejong in Seoul setzt, damit du eins essen kannst. Mehr noch werde ich vermissen, wie wir auf deinem Balkon sitzen, und es ist alles da und es ist herrlich. Am meisten aber, dass du immer heiter warst, während wir alle immer trauriger und grimmiger wurden. Du hattest einfach alles, was wir uns zurückwünschen: Bock auf Leute, Unternehmungslust und gute Laune. Am meisten aber werde ich vermissen, dass immer alles "herrlich!", "genial!", "schön!" (ganz sanft), und "ach ja, richtig!" ist. Doch am allermeisten werde ich alles an dir vermissen.
Hab dich lieb Carl,
Tschüss.
Dein Bonn
Bonn Park, 1987 in Berlin geboren, ist Dramatiker und Regisseur. Erste Theatererfahrungen machte mit beim P14-Jugendclub der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. 2018 kam hier sein preisgekröntes Stück Drei Milliarden Schwestern heraus.
Außerdem:
- Unter den Trauerrednern war auch Navid Kermani, dessen Trauerrede die taz dokumentiert.
- Eindrücke vom Begräbnis hat Christian Rakow aufgeschrieben.
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