Wo liegt die Hoffnung jenseits der Kollapsologien?
Das Leben geht weiter
14. Februar 2025. Heute ist Klimastreik von Fridays For Future. Die Bewegung steckt in der Krise, wir als Gesellschaft auch. Die Erde heizt sich auf, wir bleiben cool? Oder kehrt die Klimafrage zurück ins Zentrum der Aufmerksamkeit? Der Regisseur und Autor Kevin Rittberger denkt über die ökologische Zukunft und das Überleben nach.
Von Kevin Rittberger
Autor, Regisseur und ökologischer Denker Kevin Rittberger © Carmen Rittberger
14. Februar 2025. Seit die International Commission on Stratigrafy (ICS) im letzten Jahr beschlossen hat, dass wir Menschen weiterhin im Holozän leben und es gar nicht Not tut, unser Zeitalter Anthropozän zu nennen, sind auch weitere Hoffnungen von Klimaaktivist:innen versickert. Weder haben die Fluten in Süddeutschland 2024 ein Umdenken bewirkt, noch hat der gewonnene Prozess der Schweizer Klimasenior:innen vor dem Europäischen Gerichtshof nachdrücklich beeindruckt, noch haben die Feuerstürme von Los Angeles zu Beginn des neuen Jahres Asche auf unsere Häupter gestreut.
Stattdessen wurden weitere Klimacamps wie das in Grünheide geräumt. Und der Januar 2025 war mal eben der heißeste Monat ever. Die Chuzpe, mit der die Klimakrise inzwischen auf Wirtschaftsgipfeln zwischen Aserbaidschan, Berlin und Davos einerseits anerkannt wird, andererseits aber hemmungsloses Wirtschaftswachstum propagiert wird, ist mit "kognitiver Dissonanz" oder "Paradoxon" gar nicht mehr einzufangen. Es findet Gewöhnung statt.
Ausweg "palliative Dramaturgie"?
Wir setzen derzeit neue Maßstäbe in Sachen "Shifting Baseline" schreibt der Neurowissenschaftler Clayton Aldern in "The Weight of Nature. How a Shifting Climate Changes Our Minds, Brains and Bodies". Kein Mensch wächst heute mehr auf ohne das Bewusstsein zu erlangen, dass die ökologische Katastrophe bereits da ist. Und unter den am vehementesten Protestierenden setzt noch etwas zweites ein: Kollapsologie. Klimaaktivist:innen verstehen darunter meistens, sich auf den nächsten Kollaps vorzubereiten. Und das ist nicht einmal defätistisch gemeint. Weil eh klar ist, dass der nächste Kollaps vor der Türe steht – und nach ihm der nächste – muss niemand Trübsal blasen und den Kopf in den Sand stecken, sondern ganz im Gegenteil: Sandsäcke schultern, lokale Nahrungsketten aufbauen, kleine Sorgegemeinschaften gründen. Immerhin nesteln manche Fatalist:innen noch im Lokalen, während die Selbstherrlichkeit der westlichen Demokratien zusehends dahinschmilzt. Kosmopolitisch-libertärer Exodus gegenüber hegemonialem, national-libertärem Kapitalismus mit autoritärem Antlitz. Nicht mehr Klimawandelleugnung ist das größte Problem, sondern eine Zivilgesellschaft, der die Mitte davon rennt.
Theatermacher:innen wie Lynn Takeo Musiol und Christian Tschirner haben aus diesen desillusionierten Gründen vermutlich eine "palliative Dramaturgie" ausgerufen. Hier wird nur noch gelindert, nichts mehr reformiert oder revolutioniert. Und wir könnten nun untersuchen, ob es dieser Zeitgeist ist, der einen Theatertreffen-Juror zu seiner Diagnose geführt hat, zu der vor ihm auch schon die FAZ nach der Europawahl griff: Das Klima ist nicht mehr en vogue, ob nun an der Wahlurne oder in den Theatersälen. Der Patient liegt im Sterben.
– Wat willste da machen?
– Da kannste nix machen!
– Aber schade is schon!
Fehlt es an dramatischer Fallhöhe, wenn es ohnehin stetig bergab geht? Bildet der Untergehende und Untergangswissende in Personalunion – der homo sapiens colapso fatali – keinen hinreichenden dramatischen Grund? Sind die Theaterleute mit ihrem Latein am Ende?
"To me the human move to take responsibility for the living Earth is laughable – the rhethoric of the powerless. The planet takes care of us, not we of it." (Lynn Margulis)
Der Mensch? Ein irdischer Witz!
Wir Kinder des Anthropozäns sollten diese Bewegung einmal genauer betrachten, die ich "anthropofugal", d.h. den Menschen fliehend, bezeichnen möchte. Das ist die Haltung, dass die Welt ohne uns besser dran wäre, also dass wir Menschen unsere Daseinsberechtigung auf Erden verwirkt haben – ob wir unseren epochalen Marker nun um 1950 mit dem Atomzeitalter oder früher mit dem Industriezeitalter um 1800 oder mit dem Kolonialismus als Beginn der Zerstörungswut setzen.
"Nur geben wird es uns nicht mehr, denn der Erde waren wir nicht gehorsam", heißt es in Elfriede Jelineks Text "Asche" von 2024. Und von Margulis bis Jelinek gibt es einige Stichwortgeber:innen und -empfänger:innen dieser Denkweise, die mal heiter, mal düster, davon ausgehen, dass die menschliche Präsenz auf der Zeitachse des planetaren Lebens zwar einen Witz darstellt, der Witz aber dennoch so gewaltig gezündet hat, dass die beschädigten Ökosysteme sich nur noch jemals werden erholen können, wenn der zerstörerische Mensch verschwunden sein wird. Nur dann kann das übrige Lebewesennetz wieder aufatmen. Diese Anthopofugalen gehen von einer unrettbaren Conditio Humana aus.
Kevin Rittbergers Ökozid-Drama "vom zeugenschutz des raubwürgers" am Zürcher Theater Neumarkt © Philip Frowein
Im Anschluss daran liebäugeln manche Klimaaktivist:innen und trübe Ökophile auch mit den philosophischen Einsichten der Tiefenökologie, nach der Menschen nur ökologische Stressfaktoren darstellten. Ökoanarchist:innen wie Murray Bookchin hatten deshalb schon in den 1980er Jahren eine inkludierende "soziale Ökologie" ausgerufen. Das Problem ist nämlich: Die Tiefenökologie kann schnell willkürlich interpretiert werden, um Grenzen zu ziehen und Naturschutz völkisch zu betreiben. Dann werden die einen zur Heimat gerechnet ("Biodeutsche") und die anderen als Bedrohung, die beseitigt werden muss.
Die anthropofugale Tech-Elite
Mit rechten Ökologien einher geht auch sozialdarwinistisches Denken: Ja, der Mensch hat dafür gesorgt und wird das auch weiter tun, dass die Meeresspiegel steigen und die globale Temperatur, aber was wenn "wir" unsere Schäfchen ins Trockene bringen können? Dazu gehört auch die Achse superreicher Entrepreneurs von Peter Thiel bis Elon Musk, die gerade deshalb auch für die Chauvinisten der AfD attraktiv sind. Diese anthropofugale Elite verabschiedet sich von den Menschen, denen das soziale Netz entzogen wird, die gegen Zäune laufen, für die der Technologieoptimismus nur Verachtung übrig hat. Ob es nun schwimmende Städte sind, die Marskolonie oder das eigene Ego auf der unsterblichen Platine: Die Erfolgreichen, dem Selektionsdruck Standhaltenden, für die eigene Sippe Wirtschaftenden, kommen durch. Die anderen müssen daran glauben. Im Zwischenreich gibt es selbstredend noch allerlei nationale Einhegungspolitiken mit Protektionismus, Remigration und regressiven Verweißungsträumen.
Will sagen: Wenn Menschen nun aus völlig verschiedenen Motiven ins Anthropofugale driften und das, was als das Störende und Zerstörerende gilt, nur verschiedentlich interpretiert wird, kann dies auch zu einer folgenreichen Ungenauigkeit führen, gerade im Theater. Zu Ungenauigkeit, dass man ohnehin nichts mehr machen könne, um alle zu retten. Der Universalismus geht baden.
Das selbstbetrügerische Exil
Dana Vowinckel hat gerade in der Zeit eindrucksvoll beschrieben, wie sich manche, die den Faschismus für unaufhaltbar halten, bereits in andere Länder träumen und ihren Widerstand damit vorauseilend als zwecklos ausgeben. Wahrscheinlich ist diese Scheinexilidee auch für den weißen Mittelstand plausibel, der mehrheitlich das Theaterpublikum bildet. Der Klimawandel ist nicht mehr aufzuhalten, der Faschismus ist nicht mehr aufzuhalten, wohl dem, der die Mittel hat, sich woanders ein gemütlicheres Zuhause zu bauen. Und bis dahin lassen sich ohne Handlungsdruck Untergangsszenarien durchspielen.
Es ist davon auszugehen, dass nie wieder alles gut wird. Trotzdem stünde es dem wissenden Menschen gut zu Gesicht, die eigene Natur zu kennen. Margulis und nach ihr Donna Haraway haben mit dem Begriff des "Holobionten" dafür gesorgt, dass Mensch und Natur als nichts Getrenntes betrachtet werden können. Es spricht nichts dagegen, auf eine erneute "neokambrische" Arten-Explosion zu hoffen, sollte das extraktivistische und nicht-nachhaltige Zeitalter einmal überwunden worden sein. Also darauf zu wetten, dass sich Lebensvielfalt wieder erholen kann. Aber in diesem historischen Moment des Wiederaufblühens des Faschismus ist es gerade wichtig, Mensch und Natur als intra-aktiv verflochten zu begreifen. Die Lebensgrundlagen sind nicht erst nach dem nächsten Zustrombegrenzungsgesetz (Unwort des Jahrhunderts) zu retten, sondern was zuströmt, überströmt, fortwährend naturgewaltig anwächst, sind die katastrophalen Folgen der fossilen Produktionsweisen der letzten Jahrhunderte. Dafür braucht es keine Metaphern, Gevatter Merz! Umwelt und Klima sind den Menschen laut Forsa-Umfrage vom 7.2.2025 nämlich wichtiger als Migration und Wirtschaft, nicht trotz der Taten von Aschaffenburg und Magdeburg (und München), sondern weil unsere Hinwendung zur Regeneration von Ökosystemen untrennbar damit verflochtene Lebenswelten lokal wie global nachhaltiger und sicherer machen kann.
Wir Sorgenkomplizinnen
Ein etwaiges Ersehnen des menschlichen Aussterbens um der Erhaltung der "Natur" willen würde nur die falsche Annahme reproduzieren, die Natur könnte wieder in einen Ursprungszustand der Reinheit zurückfinden. Die Unterscheidung Mensch–Natur würde dadurch verstärkt. Es gibt einige sozial-ökologische und klimagerechte Transformationsszenarien, die selbstredend weiterhin auch Menschen dieses Zeitalter mit-bewohnen lassen, sodass Menschen von der Lebewesengemeinschaft nicht subtrahiert werden müssen. Sodass kein Mensch subtrahiert werden muss. Dieser Versuch Mensch und Natur ein für alle mal als Sorgekomplizinnen zu betrachten, muss unbedingt unternommen werden, gerade im Theater, da hier die Versuchung, den Guckkasten als Menschenguckkasten zu nutzen, am größten ist.
Vielleicht lässt sich bei Gefahr und größter Not auch erkennen, dass fatalistische Gewöhnung, Kollapsologie und palliative Symptomlinderung denjenigen einen Nutzen bringen können, die ihre gesamte Ideologie darauf bauen, seit Jahren nur von Zusammenbruch und Untergang zu faseln. René Pollesch hat in seinem Stück "Darwin-win & Martin Loser-Drag King & Hygiene auf Tauris" schon 2007 geschrieben: "Iris Berben und ihr Mops, den sie liebt und mit dem sie 'spricht', werden keine neue Art hervorbringen, Donna Haraway und ihre anarchistischen Hunde schon." Pollesch hat uns gelehrt, dass Verlust nicht tragisch sein muss und das Gespräch mit einem Schleimpilz komisch sein kann.
Kevin Rittbergers krisensensibler Text-Balrog "Nach dem Sturm", uraufgeführt von Marie Bues am Schauspiel Hannover © Katrin Ribbe
Paul Hawken fragt in seinem Bestseller "Regeneration. Ending the climate crisis in one generation": "Does it heal the future or steal the future?" Ich habe mich gefragt: Lässt sich dieses Gedenkenkarussel um den menschlichen Mittelpunkt nicht einmal anhalten? Wie können wir diejenigen Narrative ausklingen lassen, die vom Stehlen der Zukunft handeln und an anderen, multispezifischen Dialogen schreiben? Menschen könnten ihre schädliche Einwirkung auf die planetaren Lebensgrundlagen ja einerseits analytisch feststellen und gewiss nicht alle Menschen und alle Wirtschaftsweisen in einen Topf werfen – und dennoch in der Konsequenz für eine regenerative Wende einstehen, in der Menschen nur in das allgemeine Gemurmel der Lebewesengemeinschaft einstimmen.
Zumindest sind wir Menschen nicht die einzigen Lebewesen, die den Wunsch hegen, dass man sich an unsere Existenz erinnert. Wir haben nur noch nicht angefangen, die Erzählungen der anderen zu lesen und aufzuführen. Was, wenn wir das Zeitalter, in dem die Großmannssucht klein geschrieben wird und die Response-Abilität groß, das "Curazän" nennen (von curare: regenerieren)? Wenn es nach Vinciane Despret geht, ist die Zukunft jedenfalls noch nicht geklaut, sondern das Leben geht weiter: "Alle haben multispezifische Koalitions- (und Kohabitations)formen übernommen; alle bemühen sich, Milieus (oder Migrationskorridore) erneut herzustellen, die das Leben wieder möglich machten."
Kevin Rittberger ist Regisseur und Autor. Am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg läuft derzeit sein Stück "Gesetze schreddern. Eine klimagerechte Entsorgung des deutschen Grundgesetzes." Die Lesung des Buchprojekts "Der Messingkauf im Curazän" (Teresa Kovacs & Kevin Rittberger) an der Berliner Volksbühne lässt sich hier nachhören.
- Wichtige Beiträge zu Theater und Klimakrise finden Sie in unserem Top-Themenschwerpunkt Klima und im Dossier Theater und Klimakrise.
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