Berauscht im Bällebad

18. Juni 2024. Zwischen Europawahl und Europameisterschaft. Wohin treibt unser Kontinent gerade? Und wen lässt er über Bord gehen? Ach, Europa! Es fing einmal so gut an.

Von Atif Mohammed Nour Hussein

18. Juni 2024. Ach, Europa, Deine Geschichte ist wirklich nicht schön. Das heißt, sie begann eigentlich schön. Auf dem Rücken eines weißen Stiers liegend wurdest du sanft von der Küste der Levante westwärts nach Kreta getragen. Du wurdest Königin und Königsmutter. Nur, im Moment, als deine Brüder, begleitet von eurer Mutter, ausgesandt wurden, dich zu finden, zerriss die Hoffnung, das Schicksal des Erdstücks – nach dir benannt – könnte ein gutes werden. Sicher, sie brachten die Schrift, Wissen und Kunst, aber sie zerstörten alles und sich selbst in einem einzigen, wenige Jahrhunderte währenden Atemzug, deine Brüder.

So ging es fort: Eine diplomatische Delegation wird aus dem Fenster geworfen – Krieg! Eine telegraphische Botschaft wird fehlerhaft dechiffriert – Krieg! Ein Prinz wird erschossen – Krieg! Und jeder Krieg wird zum Vaterländischen und bringt höhere Opferzahlen. Die müssen dann durch neuen Tod gesühnt werden. Friedensverträge halten nicht länger als die Tinte, mit der sie geschrieben sind, zum Trocknen braucht.

Wenn du gewusst hättest, Prinzessin, wie viele derer, die dir heute auf deinem Wege folgen, sterben, nie gekrönte Häupter werden, wärest du geblieben oder zurück zu den Deinen geschwommen? Wenige erinnern ihre Namen … Und die es schaffen, werden verachtet, getreten, vergessen.

Die neuen Tänze des Faschismus

Nein, Europa, deine Geschichte ist nicht schön. Und deine Gegenwart verheißt auch nichts Gutes. Dabei haben deine Künstler*innen, deine Denker*innen mit viel Poesie und Klugheit eine Zukunft versprochen. Und alle geloben, einander zu respektieren, zu ehren und nie wieder, nie, nie wieder Völker zu vertreiben, zu ermorden, auszulöschen. Aber kaum blinzelt man* ein wenig, vollführt der Faschismus seinen neuen Tanz. Wie selbstverständlich durch demokratische Wahlen legitimiert, legt er allerorten Feuer. Die Menschen darinnen und die Erde darunter unwiederbringlich verbrannt … Wir werden demnächst wieder sehr darauf achten müssen, ob und wie viel Moral wir uns noch leisten können.

Olympischer Friede nirgendwo, nie!

Aber hey! Die Wahlen waren doch Scheiße … "Wir wollen ein neues Sommermärchen! Und überhaupt lassen wir uns unser schönes Fußballfest nicht nehmen!" Aber der Fußball gehört euch doch gar nicht mehr. Er gehört der UEFA. Und die interessiert sich für Europa einen Dreck. Und, er gehört den Getränkeherstellern und den Waffenproduzenten – für die interessieren wir uns sehr, denn die bringen die Wirtschaft voran, sorgen für unsere Kriegstüchtigkeit und Sicherheit. Olympischer Friede nirgendwo, nie! Während sich die Einen stolz Europäer*innen nennen, werden sie von den Anderen dafür gehasst. Die wollen berauscht Nationalfähnchen schwingend im Bällebad ertrinken. Und neu gewählt wird ja auch noch. Et c'est-à-dire immédiatement! Unklar wer gewinnt, die Demokratie, das Achtelfinale oder der französische Präsident.

Bassins voller UEFA-Banknoten

Niemand sagt: Stop! Das geht jetzt nicht! – Einzig erlaubt ist die Frage: Dafür oder dagegen?! Auf den Straßen entscheiden dann die, die am lautesten schreien und am kräftigsten zuhauen. Wenn Krieg Politik mit anderen Mitteln ist, was ist dann Fußball? Was ist, wenn Italien gewinnt, hievt Frau Meloni dann jedes Mal im Europäischen Rat den Henry-Delaunay-Pokal in die Höhe, wenn sie ans Redner*innen-Pult tritt – flankiert von Orban und Wilders, die sie mit aus der Charta der Menschenrechte zurechtgeschreddertem Konfetti überhäufen? Und, wenn Deutschland, springen dann Scholz und Lindner in Bassins voller UEFA-Banknoten und Resten des Asylkompromiss und lecken über Kreuz an den Turniermedaillen? In Gelsenkirchen wollte sich der Sohn des serbischen Präsidenten mit englischen Hooligans prügeln. Dank sei seinen Bodyguards – noch einen getöteten Kronprinzen kann Europa sich nun wirklich nicht leisten … Und könnte ein gutes Abschneiden Spaniens über Wohl und Wehe der Monarchie entscheiden? Was bedeutet es, Meister von Europa zu sein, was wird einem da verbrieft?

Trubel im Freilaufgehege

Wir spielen mit. Auf dem Rasen, auf den Bühnen, in Galerien und Museen. Gut, dass Theaterleute Fußball mögen ist bekannt, und es gibt sicherlich auch eine nicht unerhebliche Schnittmenge von Theater- und Fußballfans – man* liebt halt das Spiel, gibt sich gerne hin … nichts Verwerfliches … in Friedenszeiten.

Manche*, wie Juri Sternberg gerade am Maxim Gorki Theater, spielen noch ein wenig mit unserem und dem eigenen Gewissen. Aber hey, für uns ist gut gesorgt. Allein in Berlin gibt es über 100 Veranstaltungen, Ausstellungen, Theaterpremieren, Konzerte … Keck äußern sich die Werbetexter*innen: "Ganz Berlin ist während der EM 2024 im Fußballfieber – auch die Kulturszene. Ob Theater, DJ-Set oder Fußball-Quiz: Hier kommen sogar Fußballmuffel auf ihre Kosten. Wir haben die besten Kulturveranstaltungen für euch zusammengestellt, die in Berlin während der EM stattfinden und den Fußball im Blick haben." Das heißt, für unsere Leute gibt's Arbeit und Kohle. Immer her mit den Mitnahmeeffekten! Wer wollte sich da laut beschweren?! Unbehauste, weil sie unsere Feierlaune stören? Weil sie den Feiernden zu viel Realität zumuten, in Paris, Dortmund, Berlin? Die schaffen wir fort! Immer wenn wir uns im Konflikt mit anderen Menschen wähnen, schaffen wir diese Menschen fort. Auch ein europäisches Meisterspiel. Für alle mit dem richtigen Pass, dem richtigen Blut steht das gesamte Freilaufgehege offen, die anderen bleiben im Stacheldraht hängen.

Albert Camus soll gesagt haben: "Alles, was ich über Solidarität weiß, habe ich beim Fußball gelernt." Vielleicht hat er das so leise geflüstert, dass ihn niemand* hören konnte.

Noch einmal, Prinzessin, deine Geschichte begann eigentlich sehr schön. Und, wenn man* einen EURO-Schein gegen das Licht hält, schaust du uns staunend an.

Kolumne: Atif Mohammed Nour Hussein

Atif Mohammed Nour Hussein

Atif Mohammed Nour Hussein ist Regisseur und Puppenbauer. In seiner Kolumne stöbert er zwischen Verschobenem und Ablagerungen im Überbau.

Kommentare  
Kolumne Atif Hussein: Camus und Schiller
Es gibt so Zitate...
Das von A. M. H. N. angeführte Fußball-Zitat findet man immer mal wieder in verschiedenen Versionen. "Solidarität" war mir aber neu. Neugierig geworden, was der gute Albert denn nun wirklich gesagt, findet man dann eine Aussage aus einem Interview: " Le peu de morale que je sais, je l’ai appris sur les scènes de théâtre et dans les stades de football, qui resteront mes vraies universités. » Also: Das Wenige, das ich über Moral weiß. habe ich gelernt auf den Theaterbühnen und in den Fußballstadien, die meine wahren Universitäten bleiben werden. Aber auch davon finden sich viele Varianten, die die Universitäten weglassen. Was sich aber nicht findet, ist die Solidarität.
Trotzdem stimme ich der Aussage Atif Mohammed Nour Husseins zu: Der Ruf nach Solidarität müsste lauter sein. Und was an den europäischen Außengrenzen geschieht und weiter geschehen wird, hat auch nichts mit Moral zu tun oder den europäischen Werten, von denen immer geschwafelt wird.
Spannend ist aber, dass Camus ausdrücklich auch das Theater als Ort der Moral begreift. Das hat ja schon Schiller so gewusst: Die Schaubühne als moralische Anstalt!
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