Lontano. Die Schaubühne von Peter Stein - Der Dokumentarfilm von Andreas Lewin schaut Peter Stein beim Zurückschauen zu
Tränen in den Augen
von Nikolaus Merck
Dieser Beitrag ist Teil des nachtkriktik.de-Archivs. Er entspricht Layout und technischem Stand vor November 2021.
Tränen in den Augen
von Nikolaus Merck
Berlin, 8. September 2013. "Lontano. Die Schaubühne von Peter Stein" heißt ein 90-Minuten-Film des Dokumentarfilmers Andreas Lewin, der schon die Schauspieler Klaus Kammer und Thomas Holtzmann sowie den Regisseur Fritz Kortner filmisch portraitiert hat. "Lontano" ist italienisch und heißt "fern", als musikalischer terminus technicus bezeichnet es die Musik, die von hinter der Bühne kommt.
Augenmusik von sehr weit her ist der Film, der Peter Stein auf seinem Gutshof in Umbrien zeigt, beim Betrachten alter Filmausschnitte der Aufführungen der Schaubühne am Halleschen Ufer (später am Lehniner Platz) in Berlin. Oder von Interviews, die mit ihm geführt wurden, damals, in den siebziger und achtziger Jahren. Anders gesagt: Ein älterer Herr schaut sich selbst als jungem Mann zu. Und anderen damals jungen Männern und Frauen, die heute ebenfalls ältere Herrschaften und mehrheitlich Burgtheater-Schauspieler oder Hitler-Darsteller sind. Kurz: Ältere Damen und Herren erinnern sich ihrer Jugend und haben Tränen in den Augen. Das ist meistens sehr anrührend.
Kindische Illusionen?
Außerdem schwelgt der Film, der gestern in der Berliner Akademie der Künste seine Premiere hatte, in schönen Bildern: Abendlicht auf umbrischen Granatäpfelbäumen, nächtens leuchtet der gläserne Turm auf Peter Steins Anwesen und Bruno Ganz, mit grauem Vollbart, sieht selbst im maroden Theaterbau am Halleschen Ufer (wo heute das HAU wohnt) noch hinreißend aus.
Kontext und Analyse finden nicht statt, wohin die "dritte Sache" – der Anspruch, durch Arbeit sich selbst und die Gesellschaft zu verändern –, die das Mitbestimmungs-Ensemble in Berlin einstmals zusammenhielt, im Laufe der Jahre entschwunden ist, bleibt unaufgeklärt. "Kindische Illusionen", sagt Peter Stein dazu gegen Ende des Films, und sinngemäß weiter: "... aber die brauchten wir als Antrieb für unsere Arbeit". Schade, dass sich der Film auf diesen Widerspruch nicht eingelassen hat.
Lontano. Die Schaubühne von Peter Stein (2013)
Produktion und Regie: Andreas Lewin, Kamera: Wojciech Szepel, Ton: Arved von zur Mühlen.
Mit: Peter Stein, Moidele Bickel, Volker Butzmann, Bruno Ganz, Corinna Kirchhoff, Michael König, Werner Rehm, Willem Menne, Susanne Raschig, Elke Petri, Libgart Schwarz und Peter Simonischek.
www.alewinfilm.de
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vielen Dank für Ihren Kommentar.
Ich denke, alles was Sie aufführen ist diskutabel. Mich überzeugen Ihre "filmischen Mittel" gar nicht. Darum soll es aber jetzt nicht gehen.
Lassen Sie mich indes sagen, und glauben Sie mir es bitte, Peter Steins Schaubühne gehörte in ihrer späten Phase (mein Lebensalter) zu meinen prägenden Theatererlebnissen. Da ging es mir genauso wie vielen, vielen anderen. Es waren große Ereignisse, auch wenn ich manches nicht verstand oder mir anderes nicht einleuchtete. Es tut mir Leid, wenn Sie den Eindruck gewonnen haben, der Rezensent sei mit einer is-eh-klar-Stein-zählt-für-mich-nicht-Haltung zu diesem Film gegangen. Im Text steht davon allerdings kein Wort.
Mit freundlichem Gruß
nikolaus merck