Die Asche seiner Mutter

von Christian Rakow

Berlin, 2. März 2010. Da sitzt sie also vor ihm, Katarina, mit einem derartig abgekühlten Augenaufschlag, dass die Tränen aus neun Jahren und einigen Abendstunden Partnerschaftstortur darin langsam zu gefrieren drohen: "Sieh mich an." Frank kontert ungewohnt kleinlaut: "Das tue ich doch." – "Aber du siehst mich nicht", resigniert Katarina.

Etwas von Echo und Narziss steckt in diesem kinderlosen Yuppie-Pärchen. Frank hat einen Blick für alles Mögliche in seinem Drehbühnen-Appartement der Extraklasse: Sammlermöbel, Edelstahlküche, Schallplatten mit Maria-Callas-Arien, ein Trimm-dich-Rennrad im gläsernen Schaukasten (alles durchgestylt von Ausstatterin Nina Wetzel). Nur Empathie will dem egozentrischen Elitekulturakrobaten nicht mehr recht glücken. Katarina: "Ich liebe dich." – Frank: "Ja… was willst du damit sagen?"

Wenn alle Brüste befummelt sind...

Was hätte Lars Noréns Zimmerschlachtdrama "Dämonen" (von 1984) für ein packendes Stück sein können, wenn er sich allein auf diese Poesie der Untertöne verlassen hätte! Doch nichts da. Der Schwede Norén schätzt fette Akkorde. Seinen Protagonisten Frank lässt er ausgiebig die Urne seiner Mutter mit sich herumtragen, damit dessen Gefühlskälte gleich mal ödipal fundiert erscheint. Gnadenlos redundant und banalisierend schmäht man sich immer wieder: "Ich hab dich so satt."

Deutlichkeit ist Trumpf, weshalb der Text das baldige Erscheinen des kinderreichen und etwas dumpfen Pärchens von Nebenan, Tomas und Jenna, zum Anlass für allerlei pornographische Phantasien nimmt. Drastische Einfälle haben noch immer geholfen, wo realistische Stücke auf der Stelle treten. Spätestens wenn die Wonnen des Oralsex’ gepriesen und alle Brüste befummelt sind, hat man sich von den filigranen Geschlechterduellen eines Edward Albee, der mit "Wer hat Angst vor Virginia Woolf" hier anscheinend als Inspirationsquelle diente, endgültig verabschiedet.

Fahrrinne im Packeis der Klischees

Es gab nach der Textlektüre also durchaus Gründe, sich vor dieser Schaubühnenpremiere zu fürchten. Aber alles kam anders. Es ist ein eindrucksvoller Abend geworden, ein Abend der zeigt, wie großartiges Schauspielertheater vermag, sich noch im dicksten Packeis dramatischer Klischees eine Fahrrinne aufzubrechen.

Da triumphiert Brigitte Hobmeier mit ihrer fast präraphaelitisch kühlen, weltenthobenen Katarina über das Rollenschema des devoten Fräuleinwunders. Da entwirft sich Lars Eidinger mit tänzerischer Leichtigkeit einen Snob Frank, ganz ohne vordergründige Brutalität, ohne ätzenden Sarkasmus, und doch stets mit bösem Doppelsinn. Ein Festungswall aus Ironie umgibt ihn, auf den Hobmeiers Katarina zum Höhepunkt des Nervenkriegs mit metallenen Tiraden einhämmert. Nichts aber zertrümmert das steinerne Herz dieses Poseurs.

Auf die vergifteten Freundlichkeiten dieses Paares antworten Eva Meckbach und Tilman Strauß, als kabaretttaugliche Späthippie-Eltern Jenna und Tomas, mit trockenem Humor. Abgestumpft von der halbherzig pflichtbewussten Sorge um den Nachwuchs, doch gleichsam leutselig, begegnen sie den Attacken ihrer Gastgeber. Auf die äußerste Provokation hin lässt Tomas die Fäuste sprechen. Doch ein solcher Ausrutscher berührt die Runde nurmehr peinlich. Nie könnten diese unpassenden Gäste auch nur im Ansatz ein Tauwetter auslösen, in dieser Eishöhle einer Lebensabschnittspartnerschaft. Allenfalls ein paar Sekunden Hitzewallung.

Allseitig moderate Zerrüttung

Regisseur und Schaubühnenintendant Thomas Ostermeier hat einen tragikomischen Parcours abgesteckt, durch den sich seine Akteure mit großer Freiheit bewegen. Die Obszönitäten der Vorlage hat Ostermeier gekürzt und dabei auch das Lakonische der Dialoge akzentuiert. Anfängliche Florettübungen der Streitkunst zwischen Hobmeier und Eidinger gehen in humoreske Handkantenschläge mit Meckbach und Strauß über und enden schließlich in Szenen allseitiger moderater Zerrüttung. Mit Close-Ups sucht die Videoregie von Sebastian Dupouey nach Regungen in den Gesichtern.

In ihrer kühlen Konzentration bewältigt die Inszenierung selbst die symbolisch reichlich dick aufgetragene Schlusssequenz: Frank schüttet die Asche seiner Mutter über Katarina aus. Eine schier endlose Pause folgt. Das Standbild eines Eklats. Dann geht Katarina ab – und kehrt mit einem Staubsauger wieder. Wortlos macht sie sich an die Arbeit. Lächerlich und anrührend, profan und sprechend. Der ödipale Exzess wird weggesaugt. Und Frank füllt die Asche der Toten aus dem Staubsauger wieder zurück in das Behältnis: "Ich habe nie gedacht, dass es soviel ist. Sie war so klein."

Fürwahr, eine famose Bereinigung und ein Sieg des Theaters über den Dramentext: Wie groß und voll das scheinbar Kleine wirkt, wenn man es nur geschickt herausbringt!

 

Dämonen
von Lars Norén
aus dem Schwedischen von Angelika Gundlach
Regie: Thomas Ostermeier, Bühne und Kostüme: Nina Wetzel, Musik: Nils Ostendorf, Video: Sebastian Dupouey, Dramaturgie: Bernd Stegemann, Licht: Erich Schneider. Mit: Brigitte Hobmeier, Lars Eidinger, Eva Meckbach, Tilman Strauß

www.schaubuehne.de

 

Mehr lesen über Lars Norén? Im November 2007 brachte Anne Tismer im Ballhaus Ost einen Monolog heraus, den er speziell für sie geschrieben hat: 20. November. Über Thomas Ostermeier? Hier geht es zum entsprechenden Glossareintrag von nachtkritik.de. Lars Eidinger? Bitte, suchen Sie selbst! Und zu Brigitte Hobmeier finden Sie natürlich auch mehreres.

 

{denvideo http://www.youtube.com/watch?v=kfrZHipjquo}

 

Kritikenrundschau

Vom schleichenden Prozess einer Zerstörung der Liebe, davon, wie sie unmöglich gemacht wird, handle Lars Noréns Stück "Dämonen". "Thomas Ostermeiers Inszenierung an der Berliner Schaubühne handelt von etwas anderem. Aber wovon?", fragt sich Jürgen Otten in der Frankfurter Rundschau (5.3.2010). "Die Liebe ist ja schon von Beginn an abwesend. Und die Blasen, längst geplatzt, liegen kringelig am Boden; wozu also noch zweieinhalb Stunden kämpfen, wenn es längst 'ploff' gemacht hat?" Vielleicht seien die vier Akteure deswegen alle so verkrampft "und ihre Psychosen so aufgesetzt und kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, in einer Boulevardkomödie zu sitzen und nicht einem Stück, das die Depravation der Seelen durch Sprache beschreibt."

Die Schaubühne werbe für diesen Abend mit einer Postkarte, auf der ein einziger Satz stehe: "Musst Du so sein?" "Kürzer kann man das Elend verunglückter Paarbeziehungen vermutlich nicht zusammenfassen", so Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (5.3.2010). "Man merke, dem Stück deutlich an, dass es Anfang der achtziger Jahre geschrieben wurde. In Noréns Update klassisch schwedisch-depressiver Ehehöllen von Strindberg bis Bergmann begegnet man der saturierten akademischen Jugend, die sich in ihrer Freizeit gerne ausgiebig mit Therapien, also mit sich selbst beschäftigt." Ostermeier versetze das ins narzisstische Milieu von Berlin-Mitte, "in dem nicht nur Kulturbetriebs-Wundertüten wie Fräulein Hegemann es für einen Beruf halten, permanent 'Ich' zu sagen. Sehr hübsch führt Ostermeier ein ganzes Milieu samt dazugehörenden Attitüden vor."

Wohlstandsneurosen, gibt es nichts Dringenderes?", fragt Katrin Bettina Müller in der tageszeitung (4.3.2010) nach Ansicht von Thomas Ostermeiers "Dämonen". Man sei hier "immer schon zu nah dran an der Bloßstellung der Figuren, an ihrer defizitären Sexualität und ihrer emotionalen Verkrüppelung", und schaue dem Wüten der Figuren gegeneinander doch "fast unbeteiligt zu". Auch die visuell spannende Video-Dopplung, bringe einen "den manierierten Figuren nicht näher". Lars Eidingers Rolle erinnere an die, die er in Maren Ades Film "Alle anderen" spielte: "einer, der mit Unsicherheiten und Schwäche nicht umgehen kann und stattdessen aggressiv wird. Und doch sieht das diesmal wie eine unglaubwürdige Kopie dieses Prototyps aus." Nicht zuletzt mag die Kritikerin (und schreibt "ich") Norén "nicht die hinterhältige Moral verzeihen, mit der er ein an sich selbst scheiterndes, kinderloses Paar gegen zwei Elterntiere hetzt", als sei "Kinderlosigkeit der erste Baustein zum selbst gewählten Unglück".


"Dämonen" schiele deutlich "in Richtung 'Wer hat Angst vor Virginia Woolf ...?'", neige allerdings auch "zu erklärender Geschwätzigkeit", so Christine Wahl im Berliner Tagesspiegel (4.3.2010). Dafür entschädige Ostermeier "mit einem tiefen Einblick ins postfeministische Rollenverständnis": hier "die schöne, rotblonde, ätherische Katarina (...) mit semitransparentem Kleid über schwarzen Dessous"; dort die "bodenständige, dunkelhaarige, mütterliche Jenna (...), die in grauen Leggings (...) und einer Bluse von Zeltdimensionen durch die Bude trampelt und dabei von dem ständigen Zwang dominiert wird, ihre Körperfunktionen zu thematisieren". Das wirklich Verblüffende sei, wie souverän sich die Schauspieler "aus derartigen Begrenzungen freispielen. Eidinger vermeide "geradezu traumwandlerisch platte Psychoklischees", Hobmeier überwinde die zum Opfer tendierende Rollenvorlage und entwickele eine "Figur, die mitquält, mitdemütigt, mitleidet". Leider setze Ostermeier das Späthippie-Paar "als Komik-Kommando dagegen", lenke "alles Karikierte" doch "vom fesselnden Psychospiel" ab.

Katarina und Frank folgten einer "Schicksalslogik", führt Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (4.3.2010) aus. Sie könnten "sich gar nicht vorstellen, dass ihr Egoismus, ihre Verzweiflung, ihre Liebesunfähigkeit anders als durch ein unabwendbares Schicksal verschuldet sind". Und "das Schicksal, das ist der Andere". Ostermeier habe "alles getan, um seinem Quartett den roten Teppich des Virtuosentums auszurollen; und sie sind allesamt virtuos". Nichts solle an diesem Abend "eine tiefere, über das Spiel hinausgehende Bedeutung haben". Ostermeier wolle "weder Beziehungs- noch Gesellschaftsverhältnisse anklagen, er will nur auf Mittelstandsmenschen zeigen, die aus solchen Beziehungen in solchen Zeiten hervorgehen". Moralisch sei das die Haltung eines "Dokumentaristen, der für das Dokumentierte nicht habhaft gemacht werden will".

Ostermeier versuche, Noréns Zeitgeiststück "als naturalistisches kleines Fernsehspiel zu reanimieren" und traue dabei den Zuschauern wie den Darstellern offenbar "keinerlei Phantasie" zu, meint Irene Bazinger von der Frankfurter Allgemeinen (4.3.2010). Letztere seien "allzu fest in ihre Rollenhaut gestopft sind, um noch inspirierende Frischluft kriegen zu können". Was die vier freudlosen Mittdreißiger umtreibe und in ihren jeweiligen Beziehungen festhalte, werde nie deutlich. Die "Quatsch- und Tratschköpfe" erschienen "bald dermaßen verstaubt, blutleer und langweilig", dass ihre Motive, etwa "warum Jenna und Thomas die enormen Unverschämtheiten überhaupt erdulden, nicht weiter interessieren". Dies sei die "bequem-biedere Zelebrierung" "im Saft heutiger Trash-Verhältnisse geschmorte mittelprächtige Lebensgefühls", mit der Ostermeier dem Stück "aus dem Weg anstatt auf den Grund" gehe.

Ostermeier habe, schreibt Reinhard Wengierek in der Welt (4.3.2010), wie Norén "einen Hang zur Bedeutungshuberei, den er könnerisch versteckt unter einer dem Opernbetrieb entlehnten Melodramatik. Ausgefeilt suggestive Überwältigungstechnik, von der alle reden." Jetzt die "Dämonen" aus Noréns "früher, psychopathologischer Schreib-Phase" auf den Plan zu setzen, sei eine "durchaus nachdrückliche Bekräftigung der längst vollzogenen Abkehr vom Kudamm-fernen 'Personenkreis'-Milieu" und "die Hinwendung zur auch nicht problemlosen Schickeria", was ja auch "weitaus besser zum Standort der Schaubühne" passe, wo man die "anfangs dick aufgetragene programmatische Polit-Attitüde (...) längst begraben" habe. Heraus komme hier allerdings "nicht mehr als das probate Rundendrehen der Stubenkämpfe von erkalteten Eheleuten", bei denen man sich spätestens nach einer Stunde frage: "Warum lassen die nicht voneinander? Oder erwürgen sich nicht kurzerhand?"

Die Neue Zürcher Zeitung (9.3.2010) nimmt die Premiere zum Anlass, sich zu fragen, was eigentlich der "enorm produktive" Lars Norén so macht. Fritz Joachim Sauer berichtet, dass sich die "inhaltlichen und thematischen Variationen seines oft minimalistischen Theaters, das mit wenigen szenischen Mitteln auskommt, (...) weitgehend gleich geblieben" sind: "Darstellung existenzieller Krisen, Neurosen aus Einsamkeit, Kontaktarmut, Untreue im Familienalltag, in Zweierbeziehungen oder unter sogenannten Randgruppen. Dabei verzichtet die Handlung auf merkbare Ansätze zu Gesellschafts- oder Zeitkritik, verfügt gelegentlich aber über schwarzen Humor." In seinem vor zwei Jahren herausgegebenen "Tagebuch eines Dramatikers" resümiere Norén die Jahre 2000-2005, die ihm "teilweise vernichtende Kritik" eingebracht hätten.
Die Berliner Premiere von "Dämonen" wird in einem Kasten von Dirk Pilz kurz abgehandelt.

 

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