Infarktjefährdet

von Dirk Pilz

4. Februar 2015. Es war also damals in den berühmten Neunzigern an der Berliner Volksbühne genau so, wie man es immer befürchtet hat, oder erhofft, je nachdem.

Frank Castorf hockt im August 1992, kurz vor seiner ersten Spielzeit als Intendant, auf einer Probe, es wird für Arnolt Bronnens "Rheinische Rebellen" geübt. Er will mehr "Rotzigkeit":

"Frank Castorf: Ick hab keene Idee mehr. Ausprobieren. Ja. Hm. Ausprobieren... Ick bin infarktjefährdet.
Henry Hübchen: Mit vierzig is man nich infarktgefährdet!
Claudia Michelsen: Einundvierzig. Mit einundvierzig.
Henry Hübchen: Ick hab 'ne Idee! Vielleicht lassen wir och Fernseher und Radios hochfliegen statt Leichenteilen? Blutije Fernseher und Radios!
Frank Castorf: Ho, ho, Henry! Dit is aber sehr modern!
Henry Hübchen: Jo, die Liebe zum Surrealismus kann man da schon erkennen ...
Frank Castorf: Können och 'ne Zadeksche Blutorjie machen. Aber dann braucht ihr danach wieder 'ne Würde, 'ne Distanz ... Zijarette roochen oder so und dann sagen: 'Mich jeht det allet nüscht an.'"

"Ick weeß och nich"

Ende August reist die Truppe aufs Mecklenburger Land und probt im Forsthaus Korleput. Letzter Tag, Durchlauf vierter Akt: Castorf rastet aus. Er scheucht die Schauspieler herum, verunsichert sie, und sie wissen nicht, was sie noch tun sollen. Auf der Rückfahrt nach Berlin erklärt Castorf, warum er "uff Härte" gemacht hat: "Der 'Schmerz', der ja für die Schauspielerinnen real ist, ist eben nötig, um jute Arbeit zu machen. Um eine Intensität, was Besonderet zu erreichen! Ick will aus den Leuten was Besonderet rausholen, um mich von anderen Theatern abzuheben."

Ach, die Besonderheit speiste sich aus aufgesetzter Arschigkeit, einer Mischung aus Arroganz und Angst vor allem, was nicht besonders ist? Castorf später auf der Rückfahrt von Korleput: "'Irjendwo is det och Selbsthass.' Dann aufbrausend: 'Wer det nich ertragen kann, is eben falsch am Theater!' Stille. '’tschuldije. Ick weeß och nich, warum ick dit manchmal mache ...'" Sie zeichnete sich auch durch Lust an der Selbstüberforderung aus, einer narzisstischen Liebe zum Scheitern.

"Wenn du hier nicht untergehst ..."

Die Erinnerung will: Es ist wenig gescheitert damals. Am 22. Oktober 1992 kamen die "Rheinischen Rebellen" zur Premiere. Für mich einer der herrlichsten, rotzigsten Abende überhaupt, mit reichlich Bier und Bananen, einer Erich-Honecker-Puppe und einem Henry Hübchen, der den bis heute ungebrochenen Sprechgeschwindigkeitsrekord aufstellte. Es war Castorfs zweiter Volksbühnen-Abend als Intendant, nach seinem "King Lear" und vor "Clockwork Orange". Auch unvergessen.

tagebucheinerhospitantinEs ist viel geschrieben worden über diese Volksbühnen-Anfangszeit unter F.C., oft legendenverhangen, vergangenheitsverklärend. Das schönste, ehrlichste, widerspruchsreichste Buch ist aber wahrscheinlich dieses "Tagebuch einer Hospitantin", das Annika Krump jetzt der Öffentlichkeit überlassen hat. In ihm finden sich nicht nur Zeichnungen aus dem Regiebuch der "Rheinischen Rebellen", das sie als 22jährige angefertigt hat, die Proben-Dialoge (siehe oben) und allerlei Kantinen-Erlebnisse, sondern kleine, prägnante, naturgemäß insiderische Miniaturen der Volksbühnen-Crew.

Über die Proben zu Christoph Marthalers "Murx"-Abend (Premiere 16. Januar 1993), für den Krump die Dramaturgieassistenz übernommen hat: "Es herrscht nicht diese andauernde Anspannung – wo jeder kleinste Mucks mit Blicken oder Rausschmiss bestraft wird. Man geht rein und raus, trinkt zwischendurch Kaffee, hat nicht das Gefühl, zu stören, im Gegenteil."

Über Matthias Lilienthal, ihren Chef in der Dramaturgie, der sie zusammenstaucht, weil sie bei den "Clockwork"-Proben vorbeigeschaut hat: "Du sollst hier nicht machen, was dir Spaß macht, sondern was ich dir sage!"

Über Lukas Langhoff, seinerzeit Regieassistent bei Castorf: "Ey, weeßte eigentlich, wie beschissen det is, Sohn berühmter Vorfahren zu sein? Wolfgang Langhoff, Thomas Langhoff, det Karge/ Langhoff-Jespann – allet Theatermänner! Weeßte, wat da für een Erwartungsdruck uff eenem lastet?"

Über André Schmitz, den Verwaltungsdirektor, der zu ihr sagt: "Wenn du hier nicht untergehst (...), dann bist du mit allen Wassern gewaschen."

"Mister Catastrof"
Das ist ein Dauerthema dieses Tagebuches: der gnadenlose, neoliberale Leistungsdruck, die monarchischen Strukturen, die Selbstverständlichkeit der Selbstausbeutung. "Nur starke Naturen halten sich und setzen sich durch", sagt "Mister Catastrof" über seine Volksbühne. Und Annika Krump notiert mit großer Wachheit, was dieses Volksbühnen-Leben mit ihr macht, wie es sie unfreundlich und müde werden lässt. Gibt es ein Leben außerhalb der Volksbühne?, fragt sie. Als sie ihren Freund, den Dichter Johannes Jansen, einmal versetzt, schreibt sie in ihr Tagebuch: "Theater ist nicht für die Liebe gemacht. Außer für die Liebe zum Theater. Man kann gar nichts planen, weiß nie, wie lange man arbeitet. Keine Chance, sich verbindlich zu verabreden."

Carl Hegemann, damals einer der Dramaturgen, liefert im Nachwort die dialektisch schöngefärbte Lesart: "Wenn man in den Anfangsjahren an Frank Castorfs Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz etwas lernen konnte, dann war es das 'Leben im Selbstwiderspruch' oder die Fähigkeit, gleichzeitig in entgegengesetzte Richtungen zu streben, also zum Beispiel: nicht nur am Erfolg, sondern auch am Scheitern zu arbeiten, oder in einem Atemzug Arbeit und Faulheit zu propagieren, Sparsamkeit und Verschwendung, Wahnsinn und Vernunft, Berechenbarkeit und Spontanität, Avantgarde und Populismus und sogar Demokratie und Diktatur."

Annika Krump sagt es direkter, unverblümter: "Der Verschleiß an Menschen ist ungemein."

"Schauen Sie mich an"
Sie ist, schweren Herzens, im Oktober 1993 aus dem Volksbühnen-Bunker ausgestiegen. "Rosa Luxemburg" von Johann Kresnik war ihre letzte Dramaturgieassistenz. Bei den Proben: Tränen über den Abschied. Herbert Fritsch macht ihr mit seiner "Rumspinnerei" wieder Mut: "Annika, du scheißt jetzt verdammt noch mal auf alles und machst dein Ding!" Sie wird Sängerin, Songwriterin, Performancekünstlerin, tritt unter dem Namen Palma Kunkel auf, seit vergangenem Jahr als AnniKa von Trier.

In einem aufschlussreichen Gespräch aus dem November 2014, kurz nach der Premiere von Kaputt, sagt Castorf: "Kunst ist nicht zuständig fürs Lebbare, sondern fürs Unmögliche, das Hirn- und Herzkammern sprengt. Theater ist ein Raum für Verantwortungslosigkeit." Es interessiere ihn nach wie vor nur, was ihn übersteige, überfordere, ihm dunkel und komplex erscheine.

Dieses Gespräch ist dem neu herausgegebenen Band "Die Erotik des Verrats" hinzugefügt, der 1996 erstmals erschien. Schütt fragt ihn jetzt: "Haben Sie sich in so vielen Jahren Volksbühne verändert?" Antwort Castorf: "Schauen Sie mich an."

Er hat sich verändert, äußerlich gesehen. 1996 sagt er in einem der Gespräche mit Schütt: "Vor Verblödung ist keiner gefeit; aber vor der Verführung, vielleicht doch mal anders über bestimmte Dinge nachzudenken, ist zum Glück auch keiner gefeit." Über Theater, Verantwortungslosigkeit und die Kunst des Unmöglichen hat Castorf in 23 Volksbühnen-Jahren sein Denken nicht geändert.

Aber, unter uns, passt diese Castorf'sche Rotzigkeit inzwischen nicht bestens in eine notorisch rotzig verantwortungslose Welt? Ist sie nicht längst das beste Passbild einer Gegenwart geworden, die tagtäglich mit allen "uff Härte" macht?

 

Tagebuch einer Hospitantin. Berlin, Volksbühne 1992/93
Mit einem Nachwort von Carl Hegemann
von Annika Krunp
Alexander Verlag, Berlin 2015, 135 S., 12,90 Euro

Frank Castorf. Die Erotik des Verrats
Fünf Gespräche mit Hans-Dieter Schütt.
Alexander Verlag, Berlin 2015, 192 S., 14,90 Euro

 

Frank Castorf ist zurzeit mal wieder in aller Munde: Sein Baal, den er jüngst am Residenztheater München zur Premiere brachte, wurde am 2. Februar fürs Theatertreffen 2015 nominiert. Von Seiten des Suhrkamp-Verlags allerdings, der die Brecht-Erben vertritt, wird gegen die wie stets mit diversen Fremdtexten aufgeladene Inszenierung gerichtlich vorgegangen, da "die Werkeinheit" aufgelöst werde. An der Volksbühne inszenierte Castorf zuletzt den Malaparte-Abend Kaputt.

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Kommentare

Kommentare  
#1 Tagebuch einer Hospitantin: Regierungsformen durcheinander?Stilblüte 2015-02-04 15:05
"der gnadenlose, neoliberale Leistungsdruck, die monarchischen Strukturen"

Das versteh ich nicht. Gilt jetzt Stilblüten vor analytischer Genauigkeit?
Jetzt mal nicht zwei Regierungsformen durcheinanderbringen, die nicht so viel miteinander zutun haben. Ausbeutung gibt es nicht nur im Neoliberalismus, sondern auch in jeder Monarchie und sowieso in jedem Stadttheater in Deutschland.
Bei der Volksbühne entsteht dabei wenigstens noch gutes Theater - da ist jede Ausbeutung verzeihbar.
#2 Tagebuch einer Hospitantin: Arbeit an Marke VolksbühneMarkt 2015-10-29 12:34
Schön wie hier an der Marke Volksbühne gearbeitet wird, und es freut mich, zu hören, dass sich Menschen mit dem Theater identifizieren. Die Eindeutigkeit mit der hier allerdings alles über den grünen Klee gelobt wird, möchte ich stark bezweifeln. Zudem kann ich nicht feststellen, inwiefern der künstlerische Ertrag der Volksbühne anderen Häusern gegenüber besser dasteht. Zählt doch mal die Produktionen der letzten Spielzeiten zusammen, die so außergewöhnlich waren! Fällt mir leider keine ein. Hier wird doch - vielleicht unbewusst - der alte Kahn von Castorf in Stellung gebracht, um Dercon zu schwächen.
#3 Tagebuch einer Hospitantin: was trauen Sie uns zu?Wolfgang Behrens 2015-10-29 18:50
@2
Ob ein Artikel vom 4. Februar 2015 dazu angetan ist, den alten Kahn von Castorf gegen Dercon in Stellung zu bringen, erscheint mir doch recht zweifelhaft. Erste Gerüchte um Dercon kamen doch erst gegen Ende März auf. Sie trauen nachtkritik.de ja eine erstaunliche Vorabinformiertheit zu, aber vor Tim Renner haben selbst wir nichts von Dercon gewusst.
#4 Tagebuch einer Hospitantin: Volksbühne liefertHans Zisch 2015-10-30 13:39
@3: Danke! Die Verteidigungsreflexe à la #2 sind gehörig irreführend.

@2: "Kill your Darlings", "Kaputt", "La Cousine Bette", "Baumeister Solness", "der die mann", "John Gabriel Borkman", "Ich schau dir in die Augen gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang", um nur einige Beispiele der jüngeren Zeit zu nennen. Manche darunter könnte man epochal nennen. Warum? Weil sie ausstrahlen, fortdauern. Das Haus hat nicht den Produktionsanzahldurchsatz anderer Häuser, auch weil ein Immermehrimmerschneller eben nicht (zwangsläufig) zu interessanteren Arbeiten führt. Machen Sie doch das Beispiel für andere Häuser auf. Es ist doch gerade die Breitarschigkeit von Leuten, die was in der Birne haben, die dazu führt, dass ein Haus nicht jeder Laune hinterherrennt, weder ästhetisch noch inhaltlich. Es kann doch nicht ernsthaft um "Anzahlen" (Premieren, Produktionen, Zuschauer, etc.) gehen, sondern um den künstlerischen Einschlag, den ein Haus verursacht, um den Schutzraum für die Kunst.
Insbesondere in Berlin gibt es so viele Bretter, die die Welt bedeuten, dass für ein Haus, das sich nicht andient, Platz sein sollte. Wenn Sie well-made-plays haben möchten, dann sind Sie am Rosa-Luxemburg-Platz mit Sicherheit nicht an der richtigen Adresse, dann ist der Brecht- oder der Lehniner Platz geeigneter. Das ist nur legitim, aber eben etwas anderes.
By the way: Es ist ja gerade Chris Dercon, der in der Gunst der Mächtigen steht. (Oder wie interpretieren Sie seine Inthronisierung gegen die Debatte außerhalb der Senatskulturverwaltung?) Nicht Castorf/Neumann/Pollesch. Die nunmehr geschasste Volksbühne braucht auch nicht, dass sie zur Marke geschrieben wird. Sie liefert. Mal mehr, mal weniger. Aber immer relevant und einzigartig. Das können die wenigsten Häuser von sich behaupten. Und da werden Sie wohl nicht widersprechen.
Bin gespannt auf Ihre Erwiderung.
#5 Tagebuch einer Hospitantin: der heiße Herbst '14Derkann 2015-10-30 16:37
Tim Renner war lange vor dem Februar 15 an Dercon dran. Das wussten wohl nur wenige, vermute ich. Sicher aber wusste nachtkritik wie alle Berliner Theaterprofis allerspätestens seit dem Herbst 14 auch, dass die Intendanz Castorf zur Disposition stand und man neue Lösungen für das Haus suchte. Man konnte am herrlichen Sauffest zum Geburtstag der Volksbühne Ende Dezember nicht rumstehen, ohne darüber geredet, gemunkelt, getuschelt zu haben. Es war auch der Abend, als ein dem Hause tief verbundener Kritiker eine etwas im Lärm untergegangene Rede gegen die "Servicekultur" hielt, die überall sonst herrsche. Das steht jetzt auf den aktuellen Plakaten der Volksbühne: No Service.
#6 Tagebuch einer Hospitantin: Kulturmanager des Jahresemil 2015-10-30 17:17
Und jetzt fragt man sich natürlich warum nicht Hedy Graber von Migros Volksbühnenintendantin wird. Sie hat auch keine Ahnung von Theater (wie Dercon), hat sich im Wettbewerb um die Ehrung als Kulturmanager des Jahres heute [gestern, Anm. d. Red.] gegen Dercon und Vanackeren vom HAU durchgesetzt, würde mit ihren Kontakten zur Schweizer Lebensmittelindustrie aber sicher das Angebot in der Kantine der Volksbühne verbessern. Und besseres Essen in der Kantine das ist doch wenigstens etwas.

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