Living in Queer Street

von Georg Kasch

23. März 2015. Kaum war meine erste "Queer Royal"-Kolumne draußen, gab's was auf die Finger (mit dem Lineal gewissermaßen, dabei wäre doch die Federboa so viel wirkungsvoller): "Theorie und Geschichte von 'queer' sollten schon bekannt sein, wenn man seine Kolumne so nennt. Nachsitzen bitte!", schrieb ein Bekannter auf Facebook. Sein Vorwurf: Ich haue unkritisch die unterschiedlichsten Dinge in einen Topf: schwul und lesbisch mit queer etwa.

Was ja nicht mal weit hergeholt ist: Längst dient "queer" in der Alltagssprache als praktisches Synonym für lesbisch, schwul, trallala. Ein Lifestyle-Begriff – ausgerechnet für ein Wort, das dazu dienen sollte, die Privilegien der herrschenden heterosexuellen Ordnung zu hinterfragen, ihre Norm-Bildung, ihre Macht. Kurz: um dem heterosexuellen weißen Mann an den gebügelten Kragen zu gehen.

Weiß ich natürlich auch nur, weil ich das mit dem Nachsitzen ernst genommen und eine Einführung in die "Queer Theory"  gelesen habe. Meine Erkenntnisse (Kundige und Erklärbär-Genervte können zwei Absätze überspringen): Sicher lässt sich Queer mit "seltsam" oder "merkwürdig" übersetzen, in diesem Fall aber am ehesten mit "pervers". Denn historisch gesehen taugte queer für alles, was deplatziert war, sich übertrieben gebärdete, störte: Geisteskranke, Menschen mit ungeordneten finanziellen ("He's living in Queer Street") und sexuellen Verhältnissen. Ein Schimpfwort, das die Betroffenen – schwule Männer – allmählich stolz in eine Selbstbezeichnung umwandelten.

Die poststrukturalistisch beeinflussten Theoretiker der 80er und 90er machten daraus eine kritische Methode, um die gesellschaftliche Regulierung von Sexualität und Geschlecht auseinanderzunehmen: Leute, guckt mal, die Strukturen sind aus den und den Gründen so – und das muss nicht so bleiben. Heute ist "queer" trotz und wegen aller Theorie vor allem offen: fragmentarisch, flexibel, dialogisch. Und damit anfällig für Beliebigkeit, ein Gemischtwarenladen aus Selbstvergewisserung (dabei sieht die Queer-Theorie Identität äußerst kritisch) und Pop, irgendwie politisch, aber vor allem schön bunt.

kolumne georgWas vermutlich nicht passiert wäre, hätte man "queer" von Anfang an mit "pervers" übersetzt. Dann allerdings gäbe es jetzt vermutlich keine "Pervers Royal"-Kolumne, weil mein bürgerliches, anpasserisches Ich da unweigerlich zusammenzuckt. Mein kämpferisches, politisch wacheres Ich aber schreit sofort: "Yeah, Perverse aller Länder, vereinigt euch, auf die Barrikaden!" Was vermutlich in so etwas wie den Zentralrat der Asozialen münden würde, den Tucké Royale gerade ausgerufen hat – als wahrhaft queere, weil Machtstrukturen infrage stellende Vereinigung der Marginalisierten.

Royale hat dafür übrigens auch gleich eins auf die Nase bekommen. "Wenn die Inhalte hinter dem aktuellen Forschungsstand zurückbleiben", werde "das Stigma eher manifestiert, denn aufgehoben und aufgearbeitet", schreibt der Arbeitskreis Marginalisierte. Da haben sie ebenso recht wie der Facebook-Bekannte mit seiner Kritik an meinem Halbwissen. Es ist nicht leicht, der Macht politisch korrekt ans Bein zu pinkeln.

Andererseits: Hätte ich ohne Royales Aktion je vom Arbeitskreis und seinen Zielen erfahren? Vermutlich nicht. Dessen Reaktion ist jetzt schon Teil des ZAiD-Happenings. Heißt: Besser ins Fettnäpfchen treten, als immer auf blank gewienertem Begriffs-Parkett um alles herumschleichen. Womit ich den schlampig formulierten Passagen meiner Einstiegskolumne nachträglich noch so etwas wie Bedeutung verliehen hätte. Jetzt darf der Erklärbär in den Sommerschlaf. Auf fetttriefenden Pranken, versteht sich.

 

gkportraitGeorg Kasch, Jahrgang 1979, ist Redakteur auf nachtkritik.de. Er studierte Neuere deutsche Literatur, Theaterwissenschaft und Kulturjournalismus in Berlin und München. In seiner Kolumne Queer Royal versucht er, jenseits heteronormativer Grenzen auf Theater und Welt zu blicken.

 

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