Planet Freundin

von Simone Kaempf

Berlin, 25. Juni 2016. Kürbisse oder Nicht-Kürbisse? Was scherzhaft die große Hamlet'sche Menschen-Daseinsfrage karikiert, gewinnt an diesem Abend zerstörerische Energie. Eine Energie, die sich aus der Schizophrenie einer Freundschaft speist, aus deren Vertrautheit wie Feindschaftspotential, dem schwierigen Verhältnis von Realität und Illusion.

Die Ausgangssituation ist einfach: Zwei Freundinnen treffen sich in einem Café. Man hat sich länger nicht gesehen, was Jakob Noltes neuem Stück den simplen ersten Satz beschert: Wie war es denn in deinem Urlaub? Gut war es, beteuert Anna, mit Strand, Meer und Bäumen, in denen ausgehöhlte Kürbisse hingen, die im Wind Geräusche machten. Oder waren es Glocken, die irgendwo klingelten? Kürbisse oder Glocken? Anna ist sich nicht mehr sicher, und damit geraten Unsicherheit, Misstrauen, Unterstellung in den Smalltalk, setzen eine Kettenreaktion der Zweifel und Unterstellungen in Gang.

In der Freundinnen-Hölle

Denn wenn die Kürbisse gar keine Geräusche machten, sondern Anna nur die triste Strandrealität bei Izmir beschönigte, dann war die Zeit mit Sebi möglicherweise weniger entspannt als behauptet, dann ist Sebi vielleicht auch gar nicht so nett, sondern gefallsüchtig und eitel. Vielleicht lebt Lisbeth auch wirklich nicht so unglücklich, wie sie es behauptet. Und vielleicht hat sich Annas Vater gar nicht in Nordchina umgebracht, ja, Nolte geht so weit, dass er Anna der Freundin gegenüber schwören lässt, dass sich der Vater in China umgebracht habe. Details, die jedoch gar nicht im Vordergrund stehen, sondern die Muster der Bezichtigungen, Unterstellungen und Behauptungen als Bild einer neurotischen Gesellschaft.Gesprach Kurbisse 3 560 Arno Declair uDas Lied der Freundinnen (Maren Eggert und Natali Seelig): Man kennt und verwundet sich
© Arno Declair

Alles stellen die Freundinnen auf den Prüfstand, treten in den banalen wie existenziellen Fragen allerdings gehörig auf der Stelle. In Manier eines Ehe- und Wohnzimmerhöllen-Stücks grillen sich die zwei Hipster-Freundinnen in ihrem eigenen Saft. Und erstaunlich an Noltes Siegerstück der Autorentheatertage des Deutschen Theaters Berlin ist, dass er eine Café-Variante geschrieben hat, die an einem hipperen Ort spielt als dem heimischen Wohnzimmer. Mit einem jugendlicheren Personal, keinem abgebrühten kampferprobten Ehepaar, sondern zwei Freundinnen voll destruktiver Kraft. Nolte selbst bezeichnet "Gespräch wegen der Kürbisse" als sein bisher traurigstes Stück. Weil man miteinander sehr vertraut sein muss, um die Wunden des anderen derart zu treffen.

Zwei Planeten im Hinterbühnen-Kosmos

In Tom Kühnels Uraufführung gerät nichts traurig, aber auch nichts richtig komisch. Es fehlt der bissige, gallige Humor, der die Dialoge funkeln ließe. Dabei sieht eigentlich alles nach Kampfarena aus. Das Publikum sitzt im Kreis um eine leere, schlichte Spielfläche. Ein Kaffeehaustisch, zwei Stühle und ein ulkiges Himmelsfernrohr als sympathisches Symbolobjekt auf der langsam kreisenden Hinterbühne. Das Hinterbühnen-Reich zweier eigentlich großartiger Schauspielerinnen beim Kaffeeklatsch. Maren Eggert als Anna, mit Händen am Kinn ihr Gegenüber beobachtend und mit moralisch lakonischem Unterton. Natali Seelig streng, manchmal höhnisch und mit verstellter Stimme. Beide wie zwei Planeten, die sich umkreisen, aber eben nicht zusammenstoßen. Denn Eggert und Seelig spielen an diesem Abend einfach aneinander vorbei, was sich zunehmend als Problem erweist. Man versucht aus dem Freundschaftsmodus zwar immer wieder zu Spitzfindigkeiten anzuheben, aber Funken sprühen hier nicht.

Tom Kühnel gibt ihnen mal ein Mikrofon in die Hand, dämmt Licht runter oder regelt Discokugelatmosphäre samt melodramatischer Musikuntermalung hoch. Aber das sind Verlegenheitsideen, die an austauschbaren Stellen eingesetzt werden. Zu guter Letzt bleibt auch das Fantastisch-Laborhafte des Texts ohne tiefere Bedeutung. Lisbeth arbeitet als Wissenschaftlerin an der Erfindung einer waffenähnlichen Rakete, die Menschen ins All schicken soll. Auch die Entsorgung von Müll ist geplant, oder man erfährt von den vielen Leichen, die unter Palmen angespült werden.

Das große Repertoire?

Wie ernst oder ironisch dieses Ausweichen vor den irdischen Problemen gemeint ist, vernebelt die unentschiedene Inszenierung. Freilich hilft Jakob Noltes Text in dieser Hinsicht auch nicht viel weiter. Als kleine Werkstatt-Inszenierung auf der Hinterbühne ließe man die einstündige Inszenierung so gerade noch durchgehen. Aber eigentlich haben die Autorentheatertage jüngst ihr Gesicht geändert, um im Dienste der Qualitätssicherung gewichtige, vollwertige Inszenierungen zu ermöglichen, die fürs große Repertoire gedacht sind, mit Gewinn fürs Publikum und als Beweis für die Stärke des Texts. Das ist an diesem Abend nicht gelungen.

 

Gespräch wegen der Kürbisse
von Jakob Nolte
Uraufführung
Regie: Tom Kühnel, Bühne: Jo Schramm, Kostüme: Linda Tiebel, Dramaturgie: Ulrich Beck.
Mit: Maren Eggert, Natali Seelig.
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

www.deutschestheater.de

 

Kritikenrundschau

André Mumot von Deutschlandradio Kultur (25.6.2016) klagt, das aberwitzige Understatement des absichtlich bescheidenen Textes verliere sich leider "in der aufdringlichen Konfrontation, in der die beiden hochkarätigen Darstellerinnen konsequent aneinander vorbei spielen: die Eggert mit subtiler Nervosität, die Seelig mit dick aufgetragener, überzogen burschikoser Wurschtigkeit".

Doris Meierhenrich von der Berliner Zeitung (26.6.16) freut sich über "diesen kleinen, fiesen Dialog". "Noltes real-surrealer Kürbis-Plausch pfeift durch den Wind wie Meeresrauschen: Die Sätze rollen heran, verebben und kehren mit denselben Worten, aber minimalen Bedeutungsverschiebungen wieder." Natali Seelig und Maren Eggerts psychologisierendes Spiel mache aus dem rhetorischen Rauschen eine etwas zu fleischliche Konversationskomödie.

Christine Wahl von Spiegel-Online (26.6.2016) schreibt: In puncto Figurenzeichnung stemme sich das Stück fast schon krampfhaft gegen allzu vorsintflutliche Klischees: "Frau ist hier entweder Weltraumraketenforscherin und mit einer Frau verpartnert oder, wenn schon hetero, dann zumindest bekennende Nicht-Mutter." Ansonsten aber lasse Regisseur Tom Kühnel die beiden Schauspielerinnen genauso abendfüllend um sich selbst kreisen wie ihr Gespräch. "Sechzig Minuten lang sickern hier bedrohliche Weltlagen und neurotische Leichen-Fantasien betont diffus ins Wohlstandsgeplauder ein. Und sechzig Minuten lang findet selbiges zuverlässig im Smalltalk-Ton wieder zu sich." Das sei mindestens so langweilig wie untertouriger Partysmalltalk im echten Leben.

Man folge in Jakob Noltes Stück "einem fortgeschrittenen Individualismus und Narzissmus in seine letzten Verästelungen", schreibt Mounia Meiborg in der Süddeutschen Zeitung (28.6.2016). "Wirklichkeitsfetzen, die nicht zusammenpassen, schwirren durch den Text. Spürbar werden Verunsicherung, ein Misstrauen gegenüber eindeutigen Wahrheiten, die Angst, die eigene Biografie genüge nicht, und ein verdammt schlechtes Gewissen, weil es einem ja gut doch geht - ein treffender Gefühlscocktail unserer Tage." In der Inszenierung von Tom Kühnel sei davon "nicht viel zu sehen". Maren Eggert und Natali Seelig spielten "merkwürdig aufgesetzt", und mit dieser "aufgesetzten Hysterie erwischen sie den Tonfall des Stückes nicht recht".

 
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