Wohin führt die Partizipation?

von Jürgen Reuß

Freiburg, 25. Mai 2017. Die noch kurze Geschichte der Bürgerbühnenfestivals ist die der ständigen Erweiterung ihres Begriffs. Am Taufbecken stand das relativ klar umrissene Dresdner Modell, für das Intendant Wilfried Schulz unter dem Namen "Bürgerbühne" eine eigene Sparte am Staatsschauspiel einrichtete, mit einem kompletten professionellen Team ausstattete und jede Spielzeit eine bestimmte Anzahl von mit Dresdner Bürgerinnen und Bürgern erarbeiteten Inszenierungen fest in den Spielplan integrierte. Konsolidiert durch Spielclubs ist daraus eine ziemlich solide Sache geworden.

Die Grenzen des Authentischen  

Das zeigten die Dresdener beim 3. Bürgerbühnenfestival in Freiburg mit ihrer "Romeo und Julia"-Adaption für deutsche und arabische Jugendliche; die Clan-übergreifende Liebesbeziehungen wird zur interkulturellen. Die literarische Vorlage erwies sich jedoch als zweischneidiges Schwert. In Interviews mit deutsch-arabischen Paaren – als Einspieler oder nachgesprochen Teil der Inszenierung – wird ein typisches Problem für die Arbeit mit Laien sichtbar: Eigen- oder Fremdschamgrenzen verhindern, den Konflikt im Authentischen bis in die notwendige Zuspitzung zu treiben. Dramatikerinnen bieten einen Schutzraum, das Ungesagte unter dem Deckmantel der Literatur doch zu zeigen. Das ist das Schöne an ausformulierten Stücken für Profis. Da käme mensch kaum auf den Gedanken, die Literatur mit dem Leben der Darstellerinnen zu mischen.

Bei Laien ist diese Versuchung dagegen groß. So erzeugte gerade "Romeo und Julia" beim Zuschauer einen seltsamen Verfestigungseffekt der Konfliktlage. Begriffe wie Ehre und Familie erfuhren in der durchaus pathetischen Inszenierung eine seltsame Überhöhung. Wenn sich die Eltern über den Leichen der Kinder versöhnten, wirkte das gleichzeitig wie ein Pakt, sich zwar zu vertragen, aber unter Affirmation der mörderischen Werte. Da war wohl auch dem Ensemble etwas mulmig zumute, sodass am Ende ein Happy End mit dem Denkmal-Song von "Wir sind Helden" aufgesetzt wurde.

Romeo 560 Krafft Angerer uDie Dresdner Bürgerbühne mit "Romeo und Julia" © Krafft Angerer

Die zweite Jugendbürgerbühnenvariante aus Bochum kokettierte dagegen ganz offen mit dem Ausreizen des Authentischen. So sehr der Titel "Über Gott und die Welt" nach von Sozialarbeitern ausgedachtem Allgemeinplatz klingt, so sehr zielt die Inszenierung aufs Persönliche. Die acht Akteurinnen bringen ihre sehr private Haltung zum Glauben auf die Bühne. Immerhin schütteln sie dabei allzu gängige Klischees etwas durcheinander: Am festesten im Sattel ihres teilweise geradezu kindlichen Glaubens sitzen die Christen; die Muslima betrachtet Religion eher als Höflichkeit gegenüber den Werten der Eltern, der Hindu ist im Grunde Agnostiker, vielleicht Mammoniker. Ein ideales Stück für jeden Kirchentag, aber auch der ist ja in gewisser Weise eine Bürgerbühne. Die berüchtigte singende U-Bahn, in der die Kirchentagsjugend gern zur Kanonhöchstform aufläuft, ließe sich sicher an jedem Festivalort mit lokalen Laien notfalls in Straßenbahnen nachstellen. Das ist polemisch formuliert, verdeutlicht aber, dass die Erweiterung der Begrifflichkeit auch die Grenzflächen vergrößert.

Suche nach neuen Formen

Dass es in Freiburg um einen erweiterten Begriff von Bürgerbühne gehen würde, lag nahe, da das dortige Stadttheater statt von einem Konzept à la Dresden lieber von künstlerischer Forschung mit einem erweiterten Ensemble spricht. Die Jury zog die Definition noch einmal weiter, so dass jede Produktion zugelassen war, der eine Zusammenarbeit von Laien und Profis zugrunde liegt. Die Idee dahinter ist nachvollziehbar. Suchbewegung, die nach neuen partizipativen Formaten tasten, finden sich nicht nur an festen Häusern, sondern genauso in der freien Theaterszene. Bezieht man das Rahmenprogramm in eine Gesamtbetrachtung ein, sind so fast alle Facetten der Profi-Laien-Kombi abgedeckt.

Gott und die Welt 560 Diana Kuester x"Über Gott und die Welt" vom Schauspielhaus Bochum © Diana Kuester

Allein das britische Commonwealth Theatre vereinigt schon ein beeindruckendes Formenspektrum auf sich. Generell betrachten sie ihre Inszenierungen als Kampagnen, gemeinsam mit anderen Menschen Veränderungen möglich werden zu lassen. Dazu kann der Kontakt mit Laien sich auf die Recherche beschränken, wie in ihrem Stück über häusliche Gewalt, das ausschließlich von Profis gespielt wird. Oder Laien spielen sich höchst authentisch selbst, wie die muslimischen Boxerinnen in "No Guts, No Heart, No Glory". Das hätte die Jury gern eingeladen, aber Laiendarstellerinnen sind in der Regel Profis in anderen Berufsfeldern, haben somit oft auch andere Verpflichtungen und können sich nicht so nach der Kunst richten.

Konkurrenz an der Tischtennisplatte

Während das Common Wealth Theatre mit jedem Projekt woanders ist, war das ein Punkt, der dem Ungarn Vince Zrinyi Gál in der Arbeit mit Laien gar nicht behagte – neue Spielräume eröffnen und dann weggehen und die mitmachenden Anwohner bleiben zurück wie zuvor. Sein Ausweg: Er gründete die freie Theatergruppe Komabazis und bezog mit ihr im abgehängten Armenviertel von Budapest eine feste Basis. Dort spielt Theater dann zwar eine wichtige Rolle, aber tatsächlich wird der Ort nahezu zwangsläufig zu einem soziokulturellen Zentrum mit Tischtennisplatte und Kicker. Der Wille, etwas dauerhaft zu bewirken, erzwingt, den Theaterbegriff wenn nötig bis zu seinem Verschwinden zu öffnen.

Möchte man so etwas wie ein Zentrum formulieren, um das die Bürgerbühne mit ihrem Festival kreist, ist das die Verunsicherung darüber, was Theater eigentlich sein soll. Der Legitimationsdruck von außen fordert den Nachweis der Relevanz, die Förderung steuert Richtung kulturelle Bildung und Erschließung vermeintlich unterentwickelter oder abgehängter Kulturwüsten, und die rapide Umwandlung festangestellter in Projektkünstler drängt auf traditionssprengenden Freiraum.

Die Alb als Bühne

Eine gute Veranschaulichung dafür liefert das Tübinger Landestheater, das mit seinen partizipativen Projekten im ländlichen Raum ins Rahmenprogramm geladen wurde. Vor der großen Verunsicherung ist die Landesbühne dem Auftrag, auch das Umland zu bespielen, nachgekommen, indem es mit den eigenen Produktionen auf Gastspielreise über die Dörfer ging. Weniger die Unzufriedenheit der Landbevölkerung als die Unzufriedenheit des Theaters mit seinem kulturellen Selbstverständnis förderte ein Umdenken in Richtung partizipativer Modelle, die sowohl bei der Förderung – in Tübingen konkret die Initiative "Lernende Kulturregion Schwäbische Alb" der Bundeskulturstiftung – als auch in Bezug auf den schauspielerischen Selbstanspruch ganz weit vorne sind sind.

Was aber, wenn das Land sich gar nicht als Kulturmangelgebiet begreift? Wie die Präsidentin des BW-Landesverbandes der Amateurtheater Naemi Zoe Keuler eindrucksvoll in Zahlen fasst, gibt es dort über 600 Amateurkulturstätten, die zwischen 10 und 23 Millionen Euro jährlich einspielen und sich zu 75% selbst finanzieren können, weil sie extrem gut besucht sind. Freuen die sich, wenn die großstädtischen Projektkünstlerinnen sie für andere Kunstformen aufschließen wollen?

Die Tücken des Bürgertheaters

Die Erfahrungen der jeweiligen Recherchekünstler werden sich wohl so zwischen denen von Burt Lancaster als Regenmacher in Kansas und dem mühseligen Geschäft des Gewerkschaftspioniers in Per Olof Enquist Auszug der Musikanten in den entlegenen Dörfer Nordschwedens bewegen. Großstädtische KünstlerInnen mit großstädtischen Ideen wollen entweder mit Spektakel  oder kommunikativ-kreativer Netzwerkerei oder beidem das Land entwickeln, beglücken. Was aber, wenn vom aufwendigen Recherchetheater eine Touri-App für eine dorfhistorische Wanderung bleibt, die zwar vom Landestheater Tübingen beworben, vom betroffenen Gemeinwesen und den Tourismus-Vermarktern aber nicht einmal ignoriert wird? Für das Landestheater sieht es anders aus. Weil die Arbeit im Umland Kooperationen mit Kleinbühnen und Volkshochschule hervorbringt, können diese Kontakte für Folgeprojekte nutzbar gemacht werden und Kontinuitäten stiften. Aber auch die Kontinuität birgt Tücken.

Kurz vor dem Bürgerbühnenfestival etwa hatte das Theater Freiburg zum Ende der Intendanz von Barbara Mundel elf Jahre kontinuierlicher Weltveränderungsversuche durch künstlerische Forschung im urbanen Raum auf der Bühne theatralisch reflektiert. Das künstlerisch spannendste Moment jedoch, die jahrelange erfolgreiche Arbeit einer in die Stadtperipherie implantierten künstlerischen Zelle namens Finkenschlag, konnte nicht einmal in der theaterinternen Reflexion einen Nachhall erzeugen. Einziger überlebender Geschichtsträger ist ein seit kurzem in Lörrach aufkeimender Ableger. Eines der wenigen Beispiele, die nicht Bürgerbühne sein können. Da die Initiatoren kein Geld dafür bekommen, sind sie nach der Definition eindeutig reines Amateurtheater.

 

www.buergerbuehnen-festival.de

 

Mehr dazu: Überlegungen von Jens Roselt anlässlich des 2. Bürgerbühnenfestivals in Mannheim 2015.

 

Kommentare

Kommentare  
#1 Bürgerbühnenfestival: Dank an AutorDR 2017-05-26 16:25
Eine ebenso schonungslose wie gründliche, facettenreiche, überzeugende Zusammenfassung von Kulturpolitik. - Kein Extra-Buch, uneitel. - Vielen Dank an den Autor.
#2 3. Bürgerbühnenfestival: ernsthafte Debatte an UnisMiriam Tscholl 2017-05-27 09:40
Der Artikel will viel und kann wenig. Der Autor spricht von einer Gesamtbetrachtung des Festivals und gibt vor, das inhaltliche Zentrum des Festivals zu fassen, bezieht sich jedoch lediglich auf einen der acht Festivaltage. Für professionellen Kulturjournalismus finde ich das amateurhaft. Eine ernsthafte und differenzierte Debatte über das Wechselspiel von Ästhetischem und Sozialem findet derzeit vor allem an Universitäten statt, viele Dozenten und Studenten recherchieren rege und anregend, der überregionale Kulturjournalismus hinkt nicht nur in diesem Artikel hinterher und verliert sich zuweilen thesenhaft in einem populistischen Kulturkampf, ohne vorher gut recherchiert zu haben. Die Debatte kann erst differenzierter werden, wenn Kritiker sich Zeit nehmen, Arbeiten anschauen. Dafür sind Festivals da.

(Sehr geehrte Frau Tscholl, dass Kulturjournalist*innen auf mehrtägigen Festivals schon aus ökonomischen Gründen nur Stichproben nehmen können, liegt in der Realität journalistischer Produktionsbedingungen begründet. Es wäre sicher hilfreich, wenn Sie ein paar der Thesen, die an den Unis zum hier verhandelten Problemfeld vorgelegt werden, referieren könnten. nachtkritik.de sieht die Berichterstattung ja als Gesprächsangebot an und versteht sich mithin als Forum für klärende Diskussionen. Mit freundlichen Grüßen, Christian Rakow / Redaktion)
#3 3. Bürgerbühnenfestival: Kulturauftrag in der FlächeKerstin Grübmeyer 2017-05-27 12:54
Lieber Herr Reuß,
unsere Berichte aus der THEATERWERKSTATT SCHWÄBISCHE ALB im Rahmenprogramm des Bürgerbühnen-Festivals waren eine Einladung an Kolleg*innen, mit uns zu diskutieren, wie partizipative Kulturarbeit auf dem Land gelingen kann - indem wir preisgaben, wie wir arbeiten, und kritische Fragen an die eigene Arbeit stellten, anstatt uns nur selbst zu loben. Dass Sie daraus eine „Verunsicherung“ ableiten oder „Unzufriedenheit mit dem kulturellen Selbstverständnis“, mag noch angehen. Das waren zwar nicht unsere Begriffe – aber Ihre Beobachtung. Aber dann wird’s leider abwertend und auch ungenau.

Aus Naemi Keulers Input über die Amateurtheater leiten Sie ab, dass sich „das Land“ (das es, wie Sie wissen müssten, als ein homogenes Gebiet nicht gibt) gar nicht als „Kulturmangelgebiet“ begreife und implizieren damit, dass die „Großstadtkünstler“ also die Dörfer „zwangsbeglücken“ – was zum Einen die tatsächliche Lage der Kultur auf dem Land in ihrer Vielfalt verkennt und zum Anderen unsere Arbeitsweise grob verzerrt. Sie reduzieren außerdem die Arbeit der Amateurtheater auf die Zahlen und unterschlagen, dass es auch hier eine große Vielfalt an Formen gibt – und große Unterschiede in den Regionen. Diese rund 600 Amateurtheater sind in ganz BaWü verteilt und nicht etwa in unserem Arbeitsgebiet, der Schwäbischen Alb. Um genau zu sein: dort sind die wenigsten und dort sind auch einige der "strukturschwachen" Räume, die es in BaWü noch gibt. Und die Frage, die ich aus unserer Arbeit heraus wirklich relevant finde, ist, wie eine Verbindung zwischen den partizipativ arbeitenden Stadttheatern und der freien Szene zu den Amateurtheatern (und anderen Kultueinrichtungen und Angeboten) geschaffen werden kann, die natürlich kein "Übergriff" oder keine Zwangsbeglückung sein sollte, sondern möglichst auf beiden „Seiten“ den Horizont dafür öffnen könnte, was „Bürgerbühne“ eigentlich ist und welche Kultur ein Ort braucht, will, sucht. Es kann natürlich auf immer und ewig jeder Schuster bei seinen Leisten bleiben. Uns interessiert aber etwas anderes.

Und dann urteilen Sie über ein Kunstwerk, das Sie gar nicht kennen: den Video-Hike-Winterlingen, den Sie dann auch als „Touri-App“ für die Abbildung von „Dorfhistorie“ abqualifizieren (warum eigentlich? Ist Tourismus per se etwas Schlechtes?) und außerdem behaupten, er würde von der Dorfgemeinschaft „nicht einmal ignoriert“: woher haben Sie diese Information? Zur Präsentation der fertigen App im Oktober letzten Jahres haben 200 Menschen fast die Platzkapazität des Winterlinger Rathauses gesprengt (in einem Ort mit 6000 Einwohnern eine prozentuale Besucherzahl, nach der wir uns am Stadttheater sehnen). Es bleibt dennoch eine Herausforderung, die App bekannt zu machen, an einem Ort, der sonst wenig Angebote für Touristen hat. Aber das schmälert den Wert dieses Kunstwerks nicht, das meiner Meinung nach eine genauere Betrachtung verdient hat. Ich lade Sie daher herzlich ein, auf die Schwäbische Alb zu kommen und sich die "Touri-App" einfach mal selbst anzusehen. Hier hat es jemand gemacht: imlaendle.me/2017/05/video-hike-winterlingen/ Wer von den Leser*innen Einblick in unsere Arbeit erhalten möchte, kann diesen hier bekommen: albkulturen.wordpress.com/ & www.landestheater-tuebingen.de/stadtlandimfluss


Das Landestheater Tübingen fährt mit seinen Gastspielen in der Regel übrigens gerade nicht in "Dörfer", weil diese meist weder die finanziellen Mittel noch die Spielstätten haben, um ein Gastspiel einzuladen. Dass wir unseren Kulturauftrag in der Fläche jetzt mit Hilfe von „TRAFO“, der Initiative der Kulturstiftung des Bundes, einmal anders wahrnehmen können (und an ganz neuen, kleinen Orten), empfinde ich als große Chance. Schön, dass Sie erkannt haben, dass es uns dabei auch auf Kontinuität ankommt – auch wenn es nicht allein an uns liegt, ob diese gewährleistet werden kann.

Herzliche Grüße! Kerstin Grübmeyer, Landestheater Tübingen / THEATERWERKSTATT SCHWÄBISCHE ALB
#4 3. Bürgerbühnenfestival: LaborbedingungenDR 2017-05-27 13:33
#2:Sind also diese Festivals vor allem dazu da, dass sie von an Universitäten Lehrenden und Studierenden betrachtet und ausgewertet werden? Zuschauer im ländlicheren oder schlecht infrastruktuerell erschlossenen Bereich und Theatermacher als unterhaltsame Laborbedingung in der Fläche?
Ich dachte immer, Theater - auch in der Fläche - soll Zuschauern Freude bereiten und künstlerische Arbeit herausfordern... Und dann: Von welchen konkreten Studiengängen wird das an den Universitäten (welchen?) diskutiert?
Ich würde das gern wissen, weil ich, wenn ich so Theaterstücke schreibe, ungern lediglich Studienobjekte für Labor-Menschen fertigen wollen würde, dann würde ich das als zielstrebig zu verfolgenden, spontanen Ausdrucks-Wunsch lieber einstellen.
#5 3. Bürgerbühnenfestival: QualitätsdebatteMiriam Tscholl 2017-05-28 21:59
Liebe Redaktion,
Ich weiß um die schwierigen Produktionsbedingungen im Kulturjournalismus und ich bin mir sicher, auch Sie wünschen es sich anders. Allerdings bleibt mein Eindruck, dass die öffentlich geführte Debatte darüber zuweilen ideologisch geprägt ist und oft Seherfahrung fehlt.
Dieses Festival wurde unter anderem ins Leben gerufen, um eine überregionale Qualitätsdebatte zu führen, die ja gerade vom Feuilleton vehement gefordert wurde. Hier ist das Festival, ich würde mir mehr gute Debatten wünschen.
Aber immerhin haben Sie ja einen Artikel geschrieben! Danke dafür. Machen wir also weiter.
#6 3. Bürgerbühnenfestival: ein anderer ZugriffUlrike Hatzer 2017-05-28 23:07
Ich bin ein wenig verwundert darüber, dass Beiträge über Produktionen und Festivals über das Theater jenseits des dezidierten Schauspieler-Theaters, dieses immer wieder darauf herunterbrechen, ob es besser oder schlechter ist, als das mit Schauspieler*innen. Festzuhalten ist m.E. zuerst einmal, dass es offenbar sowohl von Theaterkünstler*innen, als auch vom Publikum ein Interesse an anderen Zugriffen gibt. Insofern scheint mir die Fragerichtung des Artikels und auch einiger Kommentare recht vorbei am Anspruch der Produktionen und Konzeptionen dahinter. Theater mit Expert*innen und Spezialist*innen aus anderen (professionellen) Bereichen der Gesellschaft ist nicht per se Amateur-oder Laientheater. Amateur- und Laientheater liest sich weder künstlerisch noch konzeptionell als Gegenentwurf zum professionellen Schauspieltheater - Expertentheater auch nicht. Natürlich ist nicht alles, was "Neu" daherkommt gleich toller, relevanter oder zeitgenössischer, allerdings sucht es nach anderen narrativen, formalen und darstelleischen Zugriffen. Das tun sie auch nicht deshalb, um auch mal was anderes zu machen, sonden weil das Theater das auch ist und auch kann. Und zwar schon immer. Lange vor Rimini Protokoll u.a. gab es das Lehrlingstheater von Alexander Brill und Scotch Meyer, das Arbeitertheater z.B. der Wismut, und wenn man ganz weit nach hinten blickt, dann kommt man zu Dilletantenbühnen, berufsständischen Theatergruppen, Bürgerchören... . So unterschiedlich die Zeiten und Entwürfe auch sein mögen, gehen sie immer davon aus, dass es im und v.a. durch das "wahre" Leben etwas zu entdecken gäbe, was auf der Bühne eine besondere Kraft und Glaubwürdigkeit entfalten könnte. Der Begriff Authetizität ist dabei recht strapaziert, wird er doch immer als Synonym von Wahrheit und Wirklichkeit angewendet wird. Tatsächlich aber bezeichnet er doch nur eine Spielart von Ästhetik und Bedarf eben auch eines Herstellungsprozesses. Nicht die Echtheitsbehauptung und -garantie steht im Mittelpunkt, sondern die besondere Fähigkeit Inhalte zu verhandeln und in Frage zu stellen. Ein Jurist macht halt mit Hamlet was anderes, ein Multijobber mit Woyzeck und die Recherche zum Homo Ludens kann den Casinomitarbeiter auf der Bühne spannend machen. Das ist dann kein Plädoyer für oder gegen das Schauspieltheater, sondern ein anderer Zugriff, den die Welt immer schon interessiert hat und die eigentliche Frage ist eher, warum die entsprechenden Professionen (Theaterwissenschaft, Kulturkritik ...) so wenig Lust haben, genau dafür Kategorien zu entwickeln, wo das (Be)Schreiben, Kritisieren und Diskutieren Sinn und Spaß macht und der Suche von Künstler*innen und Publikum Rechnung trägt.
Ich entwickle übrigens seit 2010 am Thomas-Bernhardt-Institut der Universität Mozarteum in Salzburg seit 2010 mit Regiestudierenden regelmäßig sog. Expertentheater, wo wir genau solche Fragen und Ideen diskutieren.
#7 Bürgerbühnenfestival: primär therapeutischDR 2017-05-29 12:07
Die Kritik – die Theaterwissenschaft schon, das hängt mit dem Nachlassen von zeitgenössischen Theatertextqualitäten zusammen, hat so wenig Lust, für Laien-, Amateurtheater und Bürgerbühnen Kategorien zu entwickeln, weil Laien-, Amateurtheater und Bürgerbühnen einen primär therapeutischen Effekt haben für die Macher.
Sie dienen der Freizeitbeschäftigung, die sinnvoll sein soll, der politisch unterstützten Kanalisation von sozialem Unbehagen an bestehenden Lebensverhältnissen, der Umsetzung von privaten Kindheitsträumen, der Beruhigung darüber, dass Theatermachen/-Spielen dazu dienlich ist, etwas zu „verhandeln“, das unter der bestehenden Staatsräson nicht verhandelbar ist.
Auch professionelles Theater hat therapeutische Effekte für die Macher. Aber nicht primär, sondern sekundär. Es braucht per se keine Inspiration durch Amateurtheater, in welchem z.B. ein Jurist halt „Hamlet“ „anders“ interpretiert. Wenn es sich vorstellt, wie heute z.B. Juristen „Hamlet“ interpretieren würden, genügt ihm das. Und zwar sich in dem Moment vorstellt, in dem es denkt, es wäre gesamtgesellschaftlich halt gerade von politischer Relevanz dies zu tun. Und dann bedarf es keines Juristen dafür aufvoroderhinter der Bühne.
Diese Vorstellungs-Fähigkeit des Theaters macht seine künstlerische Professionalität aus und sie kommt ohne die Authentizität juristischen Selbst-Erlebens aus.
Das ist als geistiger Vorgang interessanter für Kulturkritik.
Amateur-, Laientheater und Bürgerbühnen sind hingegen soziologisch interessanter, also für Psychologie, Soziologie, Politikwissenschaft, Sozialarbeiter- und Lehramtsausbildung, Städteplaner, Verwaltungswissenschaftler usw.
Und auch für Regieausbildung. Besonders dann, wenn Regieausbildung keine andere Vorbedingung hat als Schulausbildung, Abitur und freiwilliges soziales Jahr an sozialen Gesellschafts-Schwerpunkten.
Es ist also normal, wenn Kulturkritik Laien-, Amateur- und Bürgerbühnentheater auf Vergleiche mit professionellem Schauspiel „herunterbricht“. Für die vergleichsweise Überhöhung gegenüber und Gleichbewertung mit Schauspiel sind z.B. die Pädagogen, die Kulturpolitiker, die Sozialarbeiter in den Kommunen, die Kirchen, die Kureinrichtungen, die Tourismus-Förderinstitutionen und die Betriebsräte zuständig. Wenn das Bürgerbühnenfestival mehr garantiertes Lob bekommen möchte, muss es also eher die letzteren um die zu schreibenden Artikel bitten oder versuchen, vermeintlich blinde oder ignorante Kulturkritiker zu bestechen.
#8 3. Bürgerbühnenfestival: Wohin führt die Partizipation?Viola Hasselberg 2017-05-30 14:14
Wohin führt die Partizipation? Das ist tatsächlich die inhaltlich und künstlerisch spannende Frage, die aber nicht damit beschrieben ist, dass das 3. Bürgerbühnenfestival angeblich um die Verunsicherung kreiste, was Theater eigentlich sein soll. Das Gegenteil ist der Fall: der aus Mitgliedern verschiedener Bereiche (Theatermacher, Kritik, Wissenschaft) bestehenden Fachjury ist ein Reichtum an Formen und Produktionen aufgefallen, die alle zeitgenössische politische Themen im Theater verhandeln, und zwar in einer besonderen Reibung aus Darstellern, Thema und künstlerischer Konzeption. Statt künstlerische Verunsicherung also die gebotene Öffnung - und zwar anhand von veröffentlichten und zur Diskussion stehenden Kriterien, die eine Inszenierung dramaturgisch und wirkungsästhetisch beschreibbar machen. (Darunter fällt dann ganz sicher nicht die Straßenbahn auf dem Kirchentag.) Aber klar: eine absolute Grenzziehung des Begriffs „Bürgerbühne“ wird problematisch, wobei es durchaus fraglich ist, ob diese Grenzziehung nach einem sehr engen Produktionsschema irgendjemand dient oder inspirierend ist. Die zwei einzigen in der Besprechung erwähnten Produktionen betreffen den Jugendbereich, der lediglich eine Spezialfacette im Rahmen des Festivals darstellt. In „Gott und die Welt“ vom Schauspielhaus Bochum zeigen die Darstellerinnen nicht nur irgendwelche privaten Haltungen zum Glauben in einer Art „Feel-good-happening“, sondern verhandeln an der Schnittstelle vom Kinder- zum Erwachsenenglauben (mit virtuos eingesetzten theatralen Mitteln, z.B. Choreografie, Verbindung von Rhythmus und Narration) wie Stereotypen und Gewissheiten aufbrechen und darüber ein Dialog entsteht. Rechnet man diesen Vorgang auf eine Gesellschaft hoch, die sich über Glaubensfragen momentan zerspaltet und die mit der massenhaften Radikalisierung von Jugendlichen konfrontiert ist, ist diese Inszenierung politisch und hat absolut nichts mit einer gruppentherapeutischen Beschwörung von Gemeinschaft zu tun. Die zweite erwähnte Inszenierung „Romeo und Julia“ der Bürgerbühne Dresden hat möglicherweise eine kritische Stelle: die notwendige Zuspitzung eines Konfliktes mit einer sehr besonderen Gruppe von Darstellern - wie hier der Gruppe deutsch-arabischer Jugendlicher. Das Verfahren, einem (klassischen) Text eine zusätzliche Ebene einzuschreiben, ist aber hoch interessant und alles andere als ausgereizt im „Bürgerbühnenbereich“. Das Festival hat in weiteren sieben Produktionen gezeigt, dass andere Darsteller selbstverständlich auf die Bühnen gehören, um brennende Themen erzählbar, spürbar zu machen und damit auch eine andere Wirkung im Publikum zu erzeugen. Darstellerinnen waren u.a. als Putzfrauen arbeitende Migrantinnen aus Athen oder Erwachsene mit Down-Syndrom aus Warschau oder Waisenkinder aus Nigeria gemeinsam mit einem deutschen Schauspielerkollegen, zuletzt in der Abschlussproduktion ein großes tänzerisches Kollektiv aus Profis und Nichtprofis. In allen Produktionen geht es nicht um Therapie oder Pädagogik. Auch nicht um ein strategisches Abschöpfen von Förderung im Bereich kultureller Bildung. Sondern um politische Theaterkunst. Unser Rahmenprogramm hatte allerdings die Aufgabe zu zeigen, dass manchmal erst sehr langwierige Prozesse dazu führen können, ein künstlerisches Ergebnis zu erzeugen und dass auf dem Weg zu einem solchen Ergebnis auch nicht-künstlerische (Um)wege, beschritten werden müssen. Trotzdem existiert die in der Rezension beschriebene Theatergruppe Komabazis aus der Peripherie Budapests nicht um das Zentrum ihrer Tischtennisplatten, sondern rund um ihre Inszenierungen, die Zuschauer auch aus der Stadtmitte anziehen und die im ganzen Land touren. In Kiew sind es professionelle Regisseure und Filmkünstler, die mit ihrem „theatre of displaced people“ eine Bürgerbühne im Bürgerkrieg erfinden und damit künstlerisch einen Krieg mitten in Europa darstellbar machen, den wir fast aussortiert haben aus unseren Nachrichten. Fazit: Gesellschaftliche, politische Relevanz kann kein Schimpfwort sein für Aufgaben des Theaters in diesen Zeiten. Die Erweiterung des Formenrepertoires ist nicht aufzuhalten. Die Darstellungsformen und -mittel differenzieren sich aus – auch in partizipativen Theaterformen: Video, Choreografie, Umgang mit Musik und Digitalität sind u.a. Erweiterungen, die nicht ohne Auswirkungen auf den Einsatz der (Laien)darstellerinnen bleiben. Diese bekommen von Künstlern innerhalb ihrer Konzeptionen ganz unterschiedliche, bewusst gewählte Darstellungsmittel zugewiesen, was den wichtigsten Unterschied zu allen Laienbühnen darstellt. Spannend sind eher folgende Fragen: Wie kann die Institution Stadttheater diese vielfältigen Impulse in den immer noch auf Standartproduktionen hin normierten Betrieb aufgreifen? Wie können gerade im Bereich partizipativer Formate spannende Kooperationen mit der freien Szene möglich werden? Wie schaffen die Institutionen finanzielle und personelle Rahmenbedingungen? Wie sähen Spielpläne aus, in denen normale Repertoirepositionen und partizipative Formate aufeinander reagieren bzw. in einem Spannungsverhältnis stehen? Dass Partizipation und Kunst aber nicht zwangsläufig zu Bürgerbühnen an Stadttheatern führen, wollte dieses Festival gleichberechtigt zeigen. Daher der Blick auf andere Produktionsmodelle, andere Länder. Den Blick zu weiten ist sinnvoller als über Ausgrenzungen zu argumentieren.

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