Der Jahrhundertneubau

8. Januar 2024. Es tropft durchs Dach, Kulissen passen kaum durch die Tür, und die Musiker sitzen einander aus Platzmangel auf dem Schoß: Dass Rostock ein neues Theater braucht, ist seit Jahrzehnten beschlossene Sache. Trotzdem wurde der Bau immer wieder verschoben. Aber jetzt sollen die Bagger wirklich anrollen! Wirklich? Eine Reportage.

Von Frank Schlößer

Visualisierung des künftigen Standorts des Rostocker Volkstheaters © Hascher & Jehle

8. Januar 2024. Das neue Volkstheater in Rostock ist fertig. So gut wie. Man kann den Bau aus der Drohnenperspektive umkreisen, man kann sehen, wie der 360-Grad-Blick von der Dachplattform über die Stadt und runter zur Warnow aussehen wird. Man kann sogar hineingehen und vom großzügigen Foyer in den Großen Saal spazieren – am Computerbildschirm.

Es gibt auch drei fette Ordner, in denen vermerkt ist, mit wie vielen Steckdosen, mit welchem Fußbodenbelag und welcher Tapete jeder Raum des neuen Volkstheaters ausgestattet wird. Die derzeitige Bausumme von 208 Millionen Euro ist bilanziert. Falls es teurer wird, sind Reserven eingeplant. Über den Bauplatz ist entschieden, das Jahr 2028 für die Eröffnung des Volkstheaters ist anvisiert. Im Stadtparlament wurde Mitte November der letzte Versuch abgeschmettert, den Bau doch noch zu verhindern, zu verkleinern oder wenigstens zu verzögern (im Mitschnitt der Bürgerschaftssitzung vom 15. November 2023, ab Minute 52). Dann kann’s ja noch 2024 losgehen. Oder?

So nah wie nie

Peter Martins zieht statt einer Antwort ein Heft aus dem Regal. Der Technische Leiter des Volkstheaters blättert durch die Broschüre, die der Theaterförderverein im Jahr 2005 herausgegeben hat. Er zeigt das geschlossene kubische Modell von 1962. Das transparente Modell von 1970. Den Entwurf der "Theaterarkaden" von 1993. Und den der Glasfassade von 1996. Dann das Kongresszentrum mit Theater von 1997. Und das 800-Plätze-Theater von 2003. Dazu acht studentische Entwürfe, die danach an der Universität Hannover entwickelt worden sind. "Aber es stimmt schon", sagt er bedächtig. "Wir waren noch nie so nah dran wie jetzt." Seit ein paar Monaten hat Martins noch einen anderen Job. Als Fremdenführer. Er zeigt den Gästen, wie abgerockt das alte Volkstheater wirklich ist.

Das Volkstheater Rostock ist architektonisch nicht vorhanden. Wenn die Haltestelle nicht "Volkstheater" hieße – man würde glatt am Gebäude vorbeifahren. Zum Hintereingang im "Patriotischen Weg" führen acht Stufen hinauf. Zum großem Eingang von der Doberaner Straße aus muss man über den Vorplatz einige kleinere Treppen hinuntergehen und drinnen nochmal eine große Treppe – erst dann sieht es tatsächlich aus wie ein Theater, mit großzügigen Garderoben, einem hohen Foyer und dem Großen Saal. Die Toiletten wurden vor ein paar Jahren schick gemacht, die Kantine ist öffentlich. Das ist das Volkstheater, das die Zuschauer zu Gesicht bekommen. Rollstuhlfahrer kommen per Rampe über den Wirtschaftseingang wenigstens bis ins Parkett des Großen Saales. "Wir sind weder barrierefrei noch behindertengerecht", sagt Peter Martins. "Schon deshalb können wir so nicht weitermachen."

Ein Haus der baulichen Probleme

Im Arbeits-Theater gibt es ein Maß, das alle Techniker im Haus kennen: 2,20 mal 1,65 Meter. So groß ist die Tür, die vom Foyer aus zur Nebenbühne führt. "Weiter kann man die nicht vergrößern", sagt Peter Martins. "Oben ist ein Betonbalken eingezogen, der die Ziegelwand stützt. Da ist Schluss." Dort müssen alle Dekorationen aus der Theaterwerkstatt durchpassen. Damit sie dann auf der Nebenbühne wieder zusammengesetzt werden können – so wie sie sich die Bühnenbildner mal ausgedacht haben.

Diese Kleinteiligkeit ist auch aus einem anderen Grund notwendig: Alles in diesem Haus muss tragbar sein. Wagen für Kostüme, Requisiten oder Dekorationen sind überflüssig. Denn das Arbeits-Theater besteht aus Stufen. Aus baulichen Problemen, die durch Treppen miteinander verbunden sind. Statt eines Lagers gibt es viele alte Abstellräume, in manchen klebt noch etwas Stuck zwischen den kahlen Ziegeln – die Seitennischen des alten Konzertsaales. "Wir sind ständig am Umräumen. Wenn eine Inszenierung abgespielt ist, müssen wir sofort alles zusammensuchen und wegbringen. Sonst spitteln wir uns zu."

Die "Rostocker Stufe"

Die bekannteste der Absurditäten an diesem Theater ist 33 Zentimeter hoch und heißt "Die Rostocker Stufe": Ältere Schauspieler haben sie verinnerlicht – sie müssen schon nicht mehr hinsehen, wenn sie von der Vorder- auf die Hauptbühne wechseln. Die neuen Schauspieler müssen sich ein paar Wochen eingewöhnen, damit sie an dieser Stelle nicht mehr stolpern.

Der Orchestergraben ist ein trauriges Kapitel für sich. Auch die (Unisex)-Garderobe für die Musikerinnen und Musiker befindet sich im Keller unter der Bühne, die feuchte Luft ist im Winter für Mensch und Material ein großes Problem, und in jedem Sommer breitet sich auch hier die Population der "vernachlässigten Ameise" (Lasius neglectus) aus, die der Legende nach mit Setzlingen aus Asien in das bunte Stadtviertel, die Kröpeliner-Tor-Vorstadt, importiert wurde – über den ehemaligen benachbarten Botanischen Garten. Bei den großen Musiktheater-Aufführungen nehmen 47 Orchestermusiker im Graben Platz – und dann ist der Vergleich mit einer voll besetzten Straßenbahn im Berufsverkehr nicht zu weit hergeholt: Hier sitzt man einander auf dem Schoß und musiziert sich gegenseitig ins Ohr – besonders lautstark, denn über dem Graben befindet sich eine niedrige Decke, der Schall muss erst "um die Ecke", bevor er im Zuschauerraum ankommt. Der Perkussionist darf nicht zu groß sein, die Decke über dem Schlagzeug ist besonders niedrig.

Alte Technik, tägliche Wasserstandsprüfung

Natürlich ist auch die Bühnentechnik im Volkstheater Rostock hoffnungslos veraltet: Die Prospekte und Dekorationen im Bühnenturm werden über Konterzüge per Hand bedient, mit maximal 150 Kilo Last. Üblich sind 250 bis 500 Kilo – dann selbstverständlich maschinell. "Das ist alles noch die alte Technik", sagt Peter Martins. "Geht auch nicht anders, denn unser Bühnenturm ist eine Holzkonstruktion aus dem Jahr 1943. Die hält einfach nicht so viel aus." Lehrlinge für den Beruf des Veranstaltungstechnikers können hier lernen, wie man früher Theater machte: "Natürlich haben wir auch keine Drehbühne. Für eine Versenkung öffnen wir den Bühnenboden und stellen eine Treppe drunter."

Ein wenig später steht Peter Martins auf dem Dach – oder besser: auf einem der Dächer. Er kontrolliert, ob das Wasser des nächtlichen Regengusses komplett abgelaufen ist. Die heiklen Stellen auf den mit Pappe gedeckten Flachdächern wurden mit Farbspray markiert: Dort hat es schon mal durchgetröpfelt, dann wurde ausgebessert – und mit den Markierungen können die Haustechniker diese Stellen besser im Auge behalten.

Volkstheater Rostock Dach Frank Schloesser uEs tröpfelt: Markierungen von Wassereintritten auf dem Rostocker Theaterdach © Frank Schlößer

Von hier oben sieht man es deutlich: Diese immer neu hinzugewürfelten Häuser waren nie ein richtiges Theater. Überall Treppen und Gänge, Winkel und unterschiedliche Ebenen – neue Ensemblemitglieder brauchen ein paar Wochen, bis sie ohne Begleitung von der Kantine zu den Probebühnen, von den Schminkzimmern bis zum Ateliertheater gelangen. Stimmzimmer, Chorprobensaal, Garderoben – alles ist zu klein, zu eng, zu alt. "Wir ersetzen immer nur die Dinge, die überhaupt nicht mehr gehen. Wir fahren seit Jahrzehnten auf Verschleiß", sagt Peter Martins. "Es heißt seit Generationen: Investitionen sind Quatsch, in ein paar Jahren kommt das neue Theater. Jetzt hoffe ich nur, dass der Laden bis 2028 noch die nötigen TÜVs bekommt. Es darf echt nicht länger dauern." Im Jahr 2011 wurde der TÜV schon einmal verweigert, der Brandschutz war nicht mehr gewährleistet, das Theater wurde für den Umbau geschlossen. Und zog für eine Spielzeit in ein Zirkuszelt um. "Das brauch ich nicht nochmal."

Zerbombt und ausgebrannt

Der Autor und Regisseur Curt Goetz hatte 1908 in Rostock sein Debüt als Schauspieler. Das Theater, das er in seinen Memoiren beschreibt, ist das alte Stadttheater: "Dort lag das stolze Gebäude, frei und offen, inmitten von schönen Promenaden, mit einer richtigen Anfahrtsrampe, wie sich das für ein Stadttheater gehört und wie sich das jeder Schauspieler erträumt." Es wurde im April 1942 zerbombt und brannte aus, 1948 wurden auch die Ruinen gesprengt. An seiner Stelle wurde später das Gebäude der Ostsee-Zeitung errichtet.

Volkshtheater Rostock Bau vor dem Krieg Das historische Rostocker Stadttheater brannte 1942 nach einem Bombenangriff aus © via Wikimedia Commons

Das Theater zog 1943 um, in den Saal "Philharmonie" zwischen Patriotischem Weg und Doberaner Straße. Dieser Name führt auf die falsche Fährte, denn das Haus wurde 1908 als einfache Tanzgaststätte eröffnet und diente später als Gewerkschaftshaus, mit Ausschank aus der nahegelegenen Brauerei "Mahn & Ohlerich". An Akustik dachte damals niemand – und dieser Saal ist bis heute das "Große Haus". 1933 wurde das Haus von der "Deutschen Arbeitsfront" übernommen, sie ging 1934 in der NSDAP auf. Natürlich sollte die "Philharmonie" damals nur ein Provisorium für das zerbombte Stadttheater sein, bis sich die – damals politisch übrigens frühzeitig braun gefärbte – "Seestadt Rostock" nach dem Endsieg ein neues Theater gönnen würde.

Andere Sorgen

Es kam anders. Ein großer Teil der Rostocker floh 1945 in den Westen – mehrheitlich die bürgerliche Schicht, die das alte Stadttheater und dessen Verlust erlebt hatten. Ihre leeren Häuser wurden noch im gleichen Jahr von Geflüchteten aus dem Osten belegt. Die richteten sich in einer Stadt ohne richtiges Theater ein – und tatsächlich hatten sie andere Sorgen. Die Neptunwerft stellte ihre Produktion auf Friedensschiffe um, die Ingenieure der Rostocker Flugzeugproduktion der Marken "Heinkel" und "Arado" wechselten zur neuen Warnow-Werft in Warnemünde und halfen mit, die Reparationsforderungen der Sowjetunion abzutragen. Als Hafen- und Werftstadt wuchs Rostock rasant und dauerhaft: Lebten Mitte 1945 nur etwa 70.000 Einwohner in Rostock, so waren es im Jahre 1988 mehr als 250.000, und mehr als die Hälfte von ihnen wohnte in den großen Neubaugebieten.

Volkstheater Rostock Vorplatz FrankSchloesser uGut versteckt: die aktuelle Residenz des Volkstheaters Rostock, der Saal "Philharmonie", eine ehemalige Tanzgaststätte © Frank Schlößer

In den Jahrzehnten dieses Wachstums ploppte die Vision des Theaterneubaus immer wieder auf – und wurde immer wieder verschoben. Rostock zeigte sich weltoffen und präsentierte beim internationalen Kulturfestival "Ostseewoche", das von 1958 bis 1975 jährlich stattfand, bisweilen Pläne für ein neues Theater.

Die Hausbühne von Peter Weiss

Wenn die städtischen Kulturenthusiasten an die Rostocker Theatertradition erinnern wollen, dann ziehen sie drei Trümpfe aus dem Ärmel: Den ersten noch erhaltenen "Theaterzettel" Deutschlands, mit dem eine christliche Theatertruppe für den 22. Juli 1520 ein Spiel zu Ehren der Mutter Gottes auf dem Neuen Markt ankündigte. Dann folgt der jahrzehntelange Anteil von über zwanzig Prozent Wagner am Opernspielplan, mit dem sich das Stadttheater seit der Jahrhundertwende den Titel "Bayreuth des Nordens" zulegte. Und schließlich die Zeit von Hanns Anselm Perten (1917-1985), der von 1952 bis 1985 das Volkstheater Rostock als Intendant über die Grenzen der DDR hinaus bekannt machte – auch als Hausbühne des westdeutsch-schwedischen Dramatikers Peter Weiss. Mit Beginn von Pertens Amtszeit legte sich das Rostocker Stadttheater auch den Namen "Volkstheater" zu.

Dem Gerücht nach war es ausgerechnet Perten selbst, der in den siebziger Jahren einen schon fertig geplanten Theaterneubau verhinderte – weil ihm der Entwurf zu klein gedacht war. Immerhin veranlasste der Intendant einen Modernisierungsumbau in drei Phasen, damit der alte Konzertsaal zu einem funktionierenden Vierspartenhaus wurde: mit einem neuen Gewerkegebäude für die Schneiderei, mit zwei Anbauten für Foyer, Probebühnen und Funktionsräume und mit einem Ballettsaal, der heute eine recht schwierige Studiobühne ist. Außerdem gründete er etliche weitere Spielstätten in der Stadt – vom "Studio74" in der Kunsthalle und dem "Intimen Theater" am Glatten Aal über das "Theater für Prozesse" im damaligen "Klubhaus der Volksmarine" bis zum legendären "Kleinen Haus" mitten in der Stadt. Es wurde gespielt, was das Zeug hielt, auf den Werften wurden Theaterkarten verkauft, und so wurde es den Werktätigen leicht gemacht, den jährlichen "gemeinsamen Theaterabend" in ihrem Brigadetagebuch abzuhaken.

Ein Ort zum Experimentieren

Spätestens mit der Wende 1989 war es mit der Kontinuität des Volkstheaters vorbei. Das erste demokratisch gewählte Stadtparlament beschloss zwar am 1. April (!) 1992 zum ersten Mal den Bau eines neuen Stadttheaters, die Politik ruderte jedoch in die andere Richtung: Bei den 700 Stellen wurde drastisch gestrichen, die Intendanten gaben sich die Klinke in die Hand, und besonders in den Jahren des Oberbürgermeisters Roland Methling (Wählerbündnis "Unabhängige Bürger Für Rostock") von 2005 bis 2019 gab es Dauerstreit um den Erhalt des Volkstheaters als Vierspartenhaus. Mit dem "Theater im Stadthafen" wurde einem vorhandenen Haus eine kleine Bühne implantiert – auch kein richtiges Theater, aber immerhin mit 200 Plätzen ein Ort zum Experimentieren.

Nach einem Streit mit der Stadt wurde der Mietvertrag im Jahr 2013 wieder gekündigt. Schon 2007 war das Volkstheater von einer städtischen Kultureinrichtung in eine GmbH-Struktur überführt worden – nur formal: Die Telefonnummern des Theaters haben immer noch die Einwahl der Rostocker Stadtverwaltung. Derzeit bespielt das Volkstheater im Sommer auch die "Halle 207", eine ehemalige Reparaturhalle der Neptunwerft, die über mehr Plätze und eine bessere Akustik verfügt als das Große Haus, sich für abendliche Events eignet und sich sehr gut verkauft. Besitzer der Halle ist der Förderverein "Tradition Ostseeschifffahrt", die Miete für die Bestuhlung soll ziemlich hoch sein. Vorsitzender des Fördervereins ist der ehemalige Oberbürgermeister Roland Methling. Immerhin wurde noch während seiner Amtszeit der Architektenwettbewerb ausgeschrieben und durchgeführt, bei dem im September 2019 der aktuelle Entwurf des Büros "Hascher & Jehle" den ersten Preis gewann.

Visualisierung Volkstheater Rostock 3 c Eigenbetrieb KOE RostockDer Entwurf des Architekturbüros Hascher & Jehle © Eigenbetrieb KOE Rostock

Die Nachwendezeit hat dem Volkstheater Rostock nicht gut getan – immer, wenn die Stadt über das Theater redete, ging es ums Geld. Diejenigen, die immer wieder für ihr Theater und die Vision eines Neubaus auf die Straße gingen, waren zwar sehr hartnäckig – aber es waren auch immer die gleichen 200 bis 300 Gesichter, die den Aufrufen des Theaterkämpfers Jan-Ole Ziegeler folgten. Sie demonstrierten lautstark und ausdauernd auf dem Neuen Markt. Organisierten bundesweite Solidaritätsbekundungen. Im März 2015 besetzten sie sogar das Rathaus, um eine geplante Theaterfusion zu verhindern.

Letztlich spielte auch die Stadtverwaltung eher auf Verhinderung des Theaterneubaus – in Rostock mahlen ihre Bürokratie-Mühlen besonders langsam, etliche Großprojekte liegen derzeit auf der "Langen Bank". Die Bundesgartenschau, die im Sommer 2025 in Rostock stattfinden sollte, wurde auch zweimal vom Stadtparlament beschlossen – und musste doch ausfallen, weil die nötigen Planungen und Verfahren nicht rechtzeitig umgesetzt wurden. Es besteht also immer noch ein ausreichend hohes Risiko, dass der Theaterneubau doch nicht Gestalt annimmt.

Pläne vom Master of Gedöns

Daniel Peters, Fraktionsmitglied der städtischen CDU und "Master of Gedöns", hat dafür im September 2023 einen Bürgerentscheid ins Gespräch gebracht, nachdem die Kostenplanungen im vergangenen Jahr von 110 Millionen Euro auf 208 Millionen Euro gestiegen waren. Seine Fraktion wollte die bereits gefassten Beschlüsse wegen der Kostensteigerung noch einmal beschließen lassen. Der Antrag wurde im vergangenen November mit einer soliden Mehrheit abgeschmettert – doch die Einwohner Rostocks scheinen keineswegs so eindeutig für den Neubau des Theaters zu sein. Die meisten Rostocker kommen seit Jahrzehnten ohne Theaterbesuch aus, und bei vielen zieht auch das Geld-Argument: Wie viele schöne und wirklich notwendige Sachen könnte man mit diesen 208 Millionen finanzieren! Das klingt hübsch logisch, stimmt aber nicht: Wenn das Theater nicht gebaut werden würde, hätte die Stadt diese Millionen trotzdem nicht zur Verfügung.

Juwel und Wohnzimmer der Stadt

Bei den Befürwortern des Theaters ist wahlweise von einem "Juwel" oder vom "Wohnzimmer für die Stadt" die Rede. Natürlich soll das Haus schön werden, auffallen und alles haben, was zu einem modernen Theater gehört. Dennoch ist es voller Kompromisse: Die Probebühne für das Orchester wird in der Turnhalle des ehemaligen Innerstädtischen Gymnasiums bleiben, heute das "Haus der Musik". Die Rostocker Theaterwerkstätten sind in baulicher Hinsicht auch am Ende ihrer Lebensdauer angekommen – aber in den Neubau wurden sie nicht integriert. Der neue Große Saal wird auch nicht mehr Plätze haben als der alte – obwohl man erfahrungsgemäß damit rechnen kann, dass das neue Haus dauerhaft mehr Besucher anlocken wird.

Volkstheater Rostock Neubau Entwurf Foyer V 6 hascher und jehleWohnzimmer für die Stadt: Visualisierung des Foyer-Entwurfs © Hascher & Jehle

Auf der Prioritätenliste der neuen Oberbürgermeisterin Eva-Maria Kröger (Linke) steht der Bau des Volkstheaters ganz oben, in diesem Jahr soll der Bauantrag durchgehen und der erste Bagger anrücken. 74 Millionen Euro gibt die Stadt in den Bau. 51 Millionen kommen als Zuschuss vom Land. Der größte Anteil von 82 Millionen Euro soll über Darlehen finanziert werden – Schulden, die mit den kommenden städtischen Haushalten abgezahlt werden sollen. In den 208 Millionen Euro ist die Innenausstattung des neuen Volkstheaters noch nicht eingerechnet. Eine Liste mit städtischen Grundstücken hat die Oberbürgermeisterin in der Rückhand: Mit den Verkaufserlösen könnte nachgeschossen werden. Falls die Baukosten weiter steigen, dann sollen die Mehrkosten nicht die Stadtkasse belasten.

Hartes Pflaster für Theaterleute

Angesichts dieser schwierigen Geschichte und der Stimmung in der Stadt ist es für den Dramaturgen Henrik Kuhlmann auch kein Problem, von einem "Verfluchten Theater" zu sprechen. "Rostock ist ein hartes Pflaster für Theaterleute. Das weiß jeder, der hier anfängt," sagt er. Die Rostocker lieben ihr Theater nicht, der Kreis der Immer-mal-wieder-Theatergänger ist ebenso engagiert wie klein. Die Rostocker Lokalausgabe der Ostsee-Zeitung rezensiert nur das Nötigste. Wenn die Bühne über den Streit um das Geld für den Neubau zum Thema wird, bekommen die Gegner die Interviews.

Aber auch überregional werde Rostock ignoriert, meint Henrik Kuhlmann. Weder nachtkritik noch Theater heute oder die Deutsche Bühne – niemand würde derzeit auf die künstlerische Arbeit in Rostock schauen. Ein Stadttheater könne natürlich auch ohne überregionale Aufmerksamkeit überleben. Aber Kuhlmann ist es wichtig, sowohl von einem interessierten Publikum wahrgenommen zu werden als auch von überregionalen Publikationen. Für ihn läuft die letzte Spielzeit in Rostock. Was dann kommt? Er zuckt die Schultern: "Arbeitslosigkeit. Dann mal schauen."

Unter dem Zeichen des großen "Trotzdem"

Der letzte Intendant, der Rostock richtig aufgemischt hat, war Sewan Latchinian. Er wurde 2015 und 2016 nach Streitereien mit dem Oberbürgermeister zweimal fristlos entlassen – zu Unrecht, wie inzwischen auch die Gerichte festgestellt haben. Aber natürlich blieb es dabei. Nach ihm steuerte Joachim Kümmritz aus Schwerin das Volkstheater in ruhige Gewässer, dann übernahm Ralph Reichel die Intendanz. Er redet nur, wenn er gefragt wird, und sagt dann auch sehr freundlich nur das Nötigste. Vielleicht nicht die schlechteste Strategie für eine Stadt wie Rostock. Wenn nur seine Spielzeiten origineller wären.

So steht der Rostocker Theaterneubau unter dem Zeichen eines großen "Trotzdem". Weil eine wachsende Stadt mit derzeit 210.000 Einwohnern einfach ein Theater braucht und das alte eben nicht mehr funktioniert. Weil die Leute am Volkstheater es verdienen, nach all den Generationen, denen seit 80 Jahren von dem neuen Haus erzählt wurde und die dann doch desillusioniert bis zur Rente im alten Haus arbeiten mussten. Weil auch diejenigen Rostocker das neue Theater lieben werden, die es bisher nicht interessiert hat.

Visualisierung Volkstheater Rostock 1 c Hascher und JehleStrahlende Zukunft: Entwurf für den Neubau © Hascher & Jehle

Sigrid Hecht ist Chefin des Kommunalen Eigenbetriebes für Kommunale Objektbewirtschaftung und -entwicklung (KOE), für sie ist das neue Volkstheater eines von 25 städtischen Bauvorhaben, die in Rostock derzeit umgesetzt werden: Kindergärten, Sportanlagen, Feuerwachen. Sie hat die Nase voll von den Streitereien. "Das klingt manchmal, als ob wir die 208 Millionen auf einen Haufen werfen und anzünden würden", sagt sie. "Aber wir investieren sie. Wir schaffen Werte. Wenn wir fertig sind, dann steht da am Bussebart ein neues Theater. Das wird natürlich die Innenstadt beleben."

Sigrid Hecht geht davon aus, dass in diesem Jahr mit dem Bau begonnen wird. Ob das neue Theater tatsächlich 2028 eröffnet werden kann, hängt von zu vielen Faktoren ab: "Das haben wir tatsächlich nicht in der Hand. Aber wir geben unser Bestes."

Im Windkanal getestet

Der Bussebart – so benannt nach einem Turm, der hier in der Nähe früher in der Stadtmauer stand – ist die zugigste Ecke Rostocks: Der übliche Westwind fegt von der Ostsee die Warnow hinunter und bricht sich an der Fassade des Hauses der Schifffahrt. Allerdings bietet die Hanglage auch die Möglichkeit, den Ausblick auf den Stadthafen zu genießen, während man in einer der beiden Theatergastronomien zu Abend isst. "Wir haben das Modell im Windkanal getestet und ein paar Veränderungen vorgenommen", sagt Nils Sommer. Er hat als Technischer Leiter der KOE die Planungsverantwortung für den Bau. "Wir müssen verhindern, dass der Wind die Lamellenfassade zum Klingen bringt." Überhaupt ist die Akustik das Wichtigste an diesem Bau. Der Große Saal muss mit Jalousien eine variable Raumakustik bekommen. Die Straßenbahnschienen, die in der Langen Straße am Theater vorbeiführen, müssen neu gelagert werden, damit sich die Schwingungen nicht ins Haus übertragen. Natürlich müssen auch die Probenräume, das Foyer, die kleine Bühne innerhalb des Hauses akustisch voneinander entkoppelt werden. "Derzeit ist der bayerische Raumakustiker Michael Prüfer der wichtigste Mann in den Planungen", sagt Nils Sommer. "Was der sagt, wird umgesetzt. Akustische Probleme können wir uns nicht leisten. Nicht bei diesen Baukosten."

Komplexe Aufgabe

Nils Sommer hat sich in der ganzen Bundesrepublik die nötigen Kompetenzen zusammengesucht, um den Neubau bis ins Detail planen zu können. "Wir haben hier eine komplexe Aufgabe vor uns, mit herausfordernden Geschosshöhen. Mit Materialien, die bei uns nicht alltäglich sind. Dazu eine moderne Wärmegewinnung mit Fernwärme und Geothermie, dazu Photovoltaik auf dem Dach und selbstverständlich mit dem Siegel für nachhaltiges Bauen." Aber es ist auch nicht so, dass er deshalb vor Ehrfurcht erstarren würde: "Wir bekommen das hin."

Wenn die Baugenehmigung durch ist und die Boden-Oberfläche vorbereitet wurde, muss erst einmal die Kampfmittelbeseitigung ihre Arbeit machen – der Bussebart liegt genau in der Schneise, in der die Bomben im April 1942 die nördliche Altstadt zerstört haben. Es kann also gut sein, dass hier noch Blindgänger gefunden werden. Das Gebäude der Sonderschule, das an dieser Stelle bis in die neunziger Jahre hinein die Rostocker Hochschule für Musik und Theater beherbergte, war viel kleiner als der geplante Grundriss des neuen Theaters.

Dann müssen auch noch die Archäologen ran – wie jede Bauherrin hofft auch Sigrid Hecht, dass im Bussebart nicht allzu viel gefunden wird. Schließlich liegt der Hang knapp außerhalb des historischen Stadtmauerrings. Danach ist die Baugrube die erste Herausforderung. Das Haus wird 36 Meter hoch. Die Grube wird über 15 Meter tief und 26 Millionen Euro teuer. Über tausend Anker in vier Lagen werden dafür sorgen, dass der Hang und der Bau sich gegenseitig stabilisieren. "Das wird knifflig. Diese Technologie beherrschen bundesweit zwei Firmen. Es wird einige Zeit brauchen, bis wir tatsächlich mit dem Hochbau beginnen können", erläutert Nils Sommer. "Aber schließlich wird das neue Theater ein Jahrhundertbau. Nicht nur für Rostock."

Frank Schlößer, Jahrgang 1966, hat in Leipzig Journalistik und Afrikanistik studiert. Heute lebt er in Rostock, wo er von 2011 bis 2017 das lokaljournalistische Internetportal das-ist-rostock.de leitete. Neben seiner journalistischen Tätigkeit, unter anderem als regelmäßiger Autor für nachtkritik.de, schreibt er Krimis und lehrt Deutsch als Fremdsprache. 

 

Kommentare  
Rostocker Neubau: Origineller Spielzeitstart
Originell war auf jeden Fall der Spielzeitstart 2022/23 mit Glanz und Krawalls Aufstieg und Fall einer Partei: DBU. Und der Bürgermeisterin-Kandidatin Thoss. Gern mehr davon in Rostock. Prost!
Rostocker Neubau: Lage des Neubaus
Ein Theater eingerahmt von Hauptstraßen, wenn man sich den Entwurf in der tatsächlichen Lageumgebung anschaut - ist das wirklich ein gute Idee? Sollte da nicht dringend über eine Lösung nachgedacht werden, das Haus zumindest "gefühlt" etwas an die eigentliche Stadt ranzuholen? Irgendwie hofft man doch immer darauf, dass das auch mal ein ORT für die Stadtbevölkerung wird, oder? Mich beschleicht das Gefühl, dass sich die Standort-Logistik hier angesichts der enormen Aufwendungen etwas schöngeredet wird. Was ist ein Stadt-Theater ohne Passanten, ohne etwas Leben drumherum?

Abgesehen davon: herzlichen Dank für diesen sehr ausführlichen Beitrag!
Rostocker Neubau: Beste Lage
Also einen zentraleren, an die Stadt angeschlosseneren Platz dürfte es wohl nicht geben. Mit Blick auf den Stadthafen, direkt an der Straßenbahn und neben der Einkaufsstraße…??!!
Rostocker Neubau: Ideales Scharnier
Vor allem würde der Standort endlich die eher tagsüber lebendige Altstadt und die studentisch geprägte, also durchaus nachtaktive Kröpeliner-Tor-Vorstadt miteinander verbinden. Sollte es dann noch gelingen, das Foyer als offenen Ort zu etablieren, wäre das neue Volkstheater das ideale Scharnier, nicht nur geografisch, sondern auch sozial.
Rostocker Neubau: Guter Artikel
Seit 1968 lebe ich in Rostock.
Dieser Artikel hat mir wirklich ausgesprochen gut gefallen.
Sehr gründlich recherchiert.

Die gesamte Entwicklung des Volkstheaters Rostock wurde real dargestellt
und die Probleme des" Jahrhundertneubaus" so benannt, wie sie auch tatsächlich sind.
Report Rostock: Realistisch
Das aktuelle Theater ist eine Bruchbude und eine absolute Zumutung, sowohl für Arbeitende, als auch Besuchende.
Die Kosten des neuen Baues werden im Laufe der Jahre noch auf 250 Mio. € ansteigen und der Vorhang wird frühestens 2030 gehoben.
Dann gibt es einen repräsentativen Möchtegern-Jahrhundertbau aber wir Rostocker Sturköpfe werden trotzdem nicht ins Theater gehen.
Am Ende gibt wird sich jede Seite Vorwürfe machen.
Report Rostock: Fischkopf
Oh, Gott, werter Fischkopf, was für ein selbstentlarvender Kommentar!!!!!
Ich glaube, Sie irren. Es werden gerade am Anfang der Eröffnung des Neubaus, und das war bei allen Neubauten der letzten Jahre, von Neuss bis zur Hamburger Philharmonie so, fast zahllose Neugierige ins neue Volkstheater strömen, egal was da künstlerisch präsentiert wird.
Beim Künstlerischen allerdings, könnte es ein Problem geben. Nicht nur, wie es kürzlich zurecht bei der nachtkritikreportage über Rostock hieß, „wenn nur die Spielpläne (Ralph Reichelts) origineller wären.“, sondern auch wegen der staatsanwaltlichen Untersuchungen.
Die Zuschüsse von Stadt und Land liefen während Corona weiter, dazu forderte er die Bundeszuschüsse der Arbeitsagentur an, und wenn Herr Reichel dennoch, obwohl Kurzarbeit behauptet, normale Arbeitszeit geplant haben sollte, dann hätte Herr Reichel wirklich gegen geltendes Recht verstoßen - und sollte nicht der Intendant sein, der den Neubau feierlich eröffnet.
Dass ein Sewan Latchinian (der als letzter Intendant, der Rostock wirklich aufgemischt hat, wie es im nachttkritikreport heißt) die Rostocker damals als „Hansels“ diskreditierte, erscheint mir mittlerweile fast zu freundlich.
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