Peng, peng, Peymann

von Dirk Pilz

30. Oktober 2008. Vier Zentimeter dick, weiß mit schwarzer Banderole, raues Papier. Das neue Peymann-Buch schaut wie ein Manifest aus, eine Kampfschrift für die Glaubensgenossen. Es ist aber ein Lexikon, "Peymann von A – Z" betitelt.

Lexika wollen Wissenslücken schließen, geben Objektivität vor, laden zum Schmökern ein. Dieses hier ist eher eine Enzyklika, eine alphabetisch aufgefädelte Verlautbarung auf 500 Seiten. Keinesfalls kann man sie in einem Rutsch durchlesen; man wird schier verrückt vor lauter Selbstloben und Selbstbezichtigungen. Egal, wo man hineinblättert, überall donnern einem die Peymann-Dogmen entgegen. Ein derart auf sich bezogener Mensch ist schwer erträglich. Faszinierend allerdings auch. Deshalb nimmt man die Schwarte dann doch immer wieder zur Hand – und liest sich fest.

Der veröffentlichte Claus

Zwei Farbbilder sind enthalten. Vorn im Klappentext ist Claus Peymann abgebildet, er sitzt mit der Schreckschusspistole im Zuschauerraum und hält sich das Ohr zu; hinten ist Hans-Dieter Schütt zu sehen, er hält ein Peymann-Bild in die Luft. Schütt ist ein fleißiger, kluger, ausladender Schreiber für das "Neue Deutschland" und Autor dieses Buches. Autor im demütigen Sinne: Er hat als Herausgeber gesammelt, was Peymann geschrieben und gesagt hat und andere über Peymann zu schreiben und sagen wussten.

Entstanden ist, wie Schütt im Vorwort anmerkt, die Summe des "veröffentlichen Claus Peymann", ein "Selbstbildnis von fremder Hand". Eine kritische Peymann-Biografie will dieses Sammel-Werk jedenfalls nicht sein; Schütt nennt es eine "Peymann-Erfindung", die "subjektiv komponierte Nach-Erzählung eines ausdauernden medialen Auftritts".

Auf die Frage, was dann dieses Buch eigentlich sei, antwortet das Vorwort mit einer halbseitigen Aufzählung: Notiz, Notat, Verzettelung, Sammelsurium ... Man könnte auch mit einem Peymann-Zitat antworten: "Wer intelligenter ist, hat natürlich auch mehr dumme Einfälle."

Schütts Vorwort ist das Erstaunlichste dieses Bandes, gern hätte man mehr davon gelesen. Über das "Gesamtkunstwerk" Peymann notiert er: "Dieser Mann ist eine seltene Mischung aus Jähzorn und Zutraulichkeit, aus Zugriff und Flucht, aus Verletzbarkeit und Austeilkraft." Über uns und die Gegenwart sagt er: "Wir differenzieren uns zu Tode, um ja nur am recht gediegenen Leben zu bleiben." Das soll auch für Peymann, für Schütt selbst und dieses Buch gelten: "Nur der hat etwas zu sagen, dem etwas fehlt."

Skandale, Fehden, Attacken

Vieles aus Peymanns Theaterdirektorenleben taucht in diesem großen Einmaleins des C.P. auf. Alte Skandale, berühmte Fehden, jüngste Attacken. Die Stuttgarter Zeit ("eine der schönsten Etappen meiner Theaterarbeit"), das Dasein als Wiener Burg-Intendant, die Bochumer Jahre, das Berliner Ensemble, Peymanns Machtbezirk seit 1999. Vieles wiederholt sich auch. Unterhaltsam sind Peymanns Bochumer Hausmitteilungen, seine Beschwerdebriefe, die grobschlächtigen Beschimpfungen.

Das lange, legendäre "Zeit"-Interview von 1986, mit dem er sein Burg-Ensemble gegen sich aufbrachte, weil er den Schauspielern "pompöse Gebärden" und Bernhard Minetti in Sonderheit "Größenwahn" vorwarf ("Schauspieler sind oft sehr dumm"), ist komplett abgedruckt, mehrere Schreiben von Peter Handke, Thomas Bernhard oder seinem Dauer-Dramaturgen Hermann Beil sind eingerückt. Überall blitzen kleine Spitzen und große Bösartigkeiten durch, nicht alles ist jedoch für die Menschen außerhalb der Peymann-Kantinen-Welt zu verstehen. Es ist auch ein Buch für Eingeweihte.

Aber es gibt durchaus viel zu entdecken in diesen "gesammelten Kleinigkeiten". In der Marktforschung hat Peymann einst einen Nebenjob versehen. Und welch Kritiker wäre er wohl geworden, wenn die "Kieler Nachrichten" seine Bewerbung als Freier Autor angenommen hätten? "Ich habe im Theater immer auch den Krieg gesucht", verkündet eines der in Gedichtform eingestreuten Glaubensbekenntnisse. Sie tragen den Titel "Peymann. Punkt!". Ihr Leitsatz steht am Ende des Buchstabens G, G wie grässlich, grimmig, gut: "Theater macht man nicht nur für ein Publikum, sondern immer auch gegen ein Publikum."

Und was weiß man, wenn man sich durch diese Peymann-Vorstellung in Buchform gebissen hat? "Wissen kann müde machen. Wie jeder Besitz." Das Besserwissen der Enzyklika besonders.

Eines der erfolgreichsten Buchgenre ist übrigens das Erbauungsbuch. Bei den Freunden, Fans und Feinden von C.P. wird dieses Peymann-Alphabet sehr erfolgreich sein.

 

Claus Peymann:
Peymann von A – Z
Ausgewählt und herausgegeben von Hans-Dieter Schütt.
Verlag Das Neue Berlin, Berlin 2008.
480 S., Subskriptionspreis bis 31. 12. 2008 19,90 Euro, danach 24,80 Euro.

 
Kommentar schreiben