Brauchen wir noch Schauspieler?

19. Oktober 2021. Immer mehr Schauspieler:innnen möchten lieber Perfomer:innen sein. Sie spielen keine Rollen mehr, sondern geben sich auf der Bühne privat und erzählen aus ihren tatsächlichen Biographien. Warum sie sich damit selbst überflüssig machen?

Von Michael Wolf

Brauchen wir noch Schauspieler?

von Michael Wolf

19. Oktober 2021. Ich machte mir Sorgen um den Mann auf der Bühne. Während der Einlass lief, saß Édouard Louis an einem kleinen Tisch, tippte auf seiner Computertastatur, raufte sich die Haare, rang um Worte. Der französische Starintellektuelle tat so als ob, als würde er hier gerade den Text schreiben, den er gleich vortragen würde. Er spielte Theater. Aber konnte er das denn? Louis ist schließlich Schriftsteller, kein Schauspieler.

Versucht ein Laie, keiner zu sein, erkennt man ihn sofort. Anstatt eine Rolle zu spielen, imitiert er dann einen Schauspieler, der eine Rolle spielt. Aber alle Bedenken waren vergessen, als Louis zu sprechen begann, nicht eine Geschichte erzählte, sondern seine. In Wer hat meinen Vater umgebracht? schildert er an der Berliner Schaubühne die schwierige Beziehung zu seinem Vater, bettelt um dessen Anerkennung und bekämpft die Mächtigen, die diesen in die Armut und Krankheit getrieben haben.

kolumne wolfMich hat der Vortrag berührt. Er ließ mich sogar von jenen Schwächen dieser Art von Literatur hinwegsehen, die sich mir beim Lesen aufdrängen: die Anmaßung eines Emporkömmlings, über das überwundene Milieu zu urteilen, jenen eine Stimme zu verleihen, die angeblich keine haben; die Zweifelhaftigkeit, sich selbst als Ausnahme zu erkennen in einer Gesellschaft, die einen solchen Aufstieg angeblich strukturell ausschließt; die Boulevardisierung der vornehm zurückhaltenden Soziologie. All diese und weitere Vorbehalte lösten sich auf, ich hing an Louis' Lippen, glaubte diesem Mann jedes Wort, der da nun auf der Bühne im Superhelden-Cape den Politikern die Stirn bot. 

Nachdem der Text hunderttausendfach als Buch verkauft wurde, fand er erst hier auf dieser Bühne sein eigentliches Medium: im leibhaftigen Sprechen und Tanzen und Kämpfen seines Erzählers. Niemand hätte Louis als Hamlet oder Karl Moor sehen wollen, er konnte nur seine Geschichte erzählen, gerade daraus zog der Abend seine Kraft. Jede Sekunde beglaubigte er seinen Text, indem er ihm einen Körper und eine Stimme verlieh, jener Körper und jene Stimme, die untrennbar mit den Wörtern verbunden sind, die er sprach. 

Hier bin ich!

Auch viele Schauspieler erzählen in letzter Zeit von sich selbst. Sie geben sich "privat", reden einander auf der Bühne mit ihren realen Vornamen an, performen ihre eigene Biografie. Der Unterschied zu Louis könnte nicht größer sein. Auf der einen Seite ein Autor, dessen Geschichte erst in der Mündlichkeit und im direkten Vortrag seine ganze Wirkung entfaltet, auf der anderen Seite jene Profis, die auch alles andere und alle anderen spielen könnten, die einfach Material brauchen, ohne das ihre Körper und Stimmen kraftlos im Raum hingen, und dieses Material nun eben aus sich selbst fördern. Aber um welchen Preis?

Im Gegensatz zu Louis beglaubigen Schauspielperfomer nichts außer ihren eigenen Person, suchen lediglich ihre eigene Wirkung durch Authentizität zu steigern. Es ist, als riefen sie ständig: "Guckt mal, hier bin ich! Seht ihr mich auch gut?!" Sie wuchern mit der eigenen Präsenz, scheinen zu glauben, es ginge schon um etwas, wenn es um sie geht. Ihr Spiel aber ist hohl, beliebig. Meist haben sie wenig zu erzählen, und wenn doch, fehlt ihnen die nötige Sprache. All die Inszenierungen, in denen die Machtverhältnisse am Theater thematisiert werden, handeln in erster Linie von der Eitelkeit eines Betriebs, der sich vor allem um sich selbst dreht. Da schwallen sie einen mit ihren Problemen zu, vergessend, dass die Menschen draußen im Saale vielleicht auch Scheißjobs haben.

Die Oberfläche durchbrechen

Wozu brauchen wir überhaupt noch Schauspieler? Wenn Beglaubigung heute bedeutet, dass ein zu sprechender Text möglichst nah an der sprechenden Person angebunden sein muss, dürften die Autoren selbst oder die Experten des Alltags oder des Unalltäglichen die viel geeigneteren Performer sein. Schauspieler sollten lieber wieder zu dem zurückkehren, was sie am besten können – und als einzige: ihre Haltlosigkeit mit Geschichten überwinden, die nicht die eigenen sind, das Publikum entführen statt es mit billigen Tricks verführen zu wollen. Niemand auf der Bühne ist für sich selbst auch nur ein Wort wert. Es muss schon etwas dahinterstecken, es muss etwas zur Anschauung kommen, die Oberfläche durchbrechen. Und ja, hierfür braucht das Theater Schauspieler und hierin liegt ihr Glück und das Glück derjenigen, die ihnen zuschauen. Nur sie können alles Mögliche sein, können alles möglich werden lassen, nur sie können die bleierne Realität für ein paar Stunden überwinden.

 

Michael Wolf, Jahrgang 1988, ist Redakteur bei nachtkritik.de. Er mag Theater am liebsten, wenn es schön ist. Es muss nicht auch noch wahr und gut sein.  


Zuletzt schrieb Michael Wolf über Bernd Stegemanns neuestes Buch "Wutkultur".

Kommentare

Kommentare  
#1 Kolumne Wolf: verkürztHM 2021-10-19 10:11
Jeder Schauspielakt ist ein Seiltanz zwischen Realkörper-Raum-Identität und Fiktionalität. Wer sich dem nicht bewusst ist, hat seinen Beruf als Schauspieler oder auch professioneller Zuschauer verfehlt. Allein der Grad und die geschickte Kombinatorik von Beidem bestimmt die Wirkmöglichkeit von Theater. Sehr viele Akteure wie auch Wissenschafltler versuchen sich diesem Seiltanz mit ästhetisch-theoretischen Experimenten anzunähern, ihn im Kontext zur stetig wandelnden Theatralität der Gesellschaft (und ihrer fiktionalen Narrative) zu verstehen. Auf einem angesehenen Portal wir nachtkritik nun eine so unglaublich verkürzte "Meinung" zu lesen, enttäuscht.
#2 Kolumne Wolf: Zurück zur RolleLuise 2021-10-19 11:39
"Schauspieler sollten lieber wieder zu dem zurückkehren, was sie am besten können..."
Ich sehe immer mehr Theater, in denen die Inszenierungen überhaupt kein Interesse an Rollen haben... "Chor / alle spielen alle / wir erzählen den Roman" und das kommt nicht von den Spielenden.
Es sollten heißen: gebt den Spielenden die Rollen zurück!
#3 Kolumne Wolf: MündigkeitBiene 2021-10-19 21:28
Obwohl es wohl eine Huldigung der Schauspielkinst sein soll, fühlt es sich an wie ein Schlag ins Gesicht. Was befähigt den oder die Autor*in, seine eigenen Worte sprechen zu dürfen? Weshalb ist sein oder ihr sein die Bühne "wert", während Schauspieler*innen angeblich "meist nichts zu erzählen haben". Krankt da das System nicht an sich selbst? Kunst als Lebensaufgabe ist das einzige, was professionelle, d.h. vor allem berufsmäßige (nicht zwingend ausgebildete) Schauspieler*innen von nicht-professionellen unterscheidet. Und Kunst als Lebensaufgabe verlangt sowohl die Annäherung an die Rollen, als auch an sich selbst. Das möchte ich doch bitte allen Bühnenkünstler*innen zugestehen, diese Entwicklungsmöglichkeit jenseits des Dienstes am Theater, wie es sich Einzelne wünschen. Das wäre für mich der einzige wert dieser Theaterkitsch-Debatte, dass sie dazu führen könnte, die Schauspielerin wieder als mündige Künstlerin zu begreifen, und gleichzeitig nicht als gänzlich menschenfernes Wesen.
Ob es wirklich in der Mehrzahl der Fälle ihre freie Entscheidung ist, sich mit privaten Problemen auf der Bühne zu veräußern, sei dahingestellt.
#4 Kolumne Wolf: fehlender EinflussLisa Sommerfeldt 2021-10-19 23:44
Der Text verkennt einen zentralen Punkt: Schauspieler*innen haben so gut wie nirgendwo Einfluss auf den Spielplan. Gebt den Schauspieler*innen die Rollen zurück! Und gebt ihnen Mitspracherecht in der Spielplangestaltung! Dieser Aufruf sollte an die Theaterleitungen gehen.

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