Mein Körper, mein Arbeitsmittel

7. Dezember 2022. Worüber man nicht reden kann, darüber soll man – singen? Aus Alja Rachmanowas Wien-Roman über die Broterwerbszwänge in einem Milchgeschäft einen Liederabend zu machen, ist nicht die einzige überraschende Idee der Regisseurin Sara Ostertag. In ihrer Inszenierung pressen sich auch Männer den letzten Tropfen aus der Brust.

Von Martin Thomas Pesl 

7. Dezember 2022. Dieser russische Wien-Roman ist ein Kuriosum: "Milchfrau in Ottakring" von Alja Rachmanowa (1898–1991) basiert auf den privaten Alltagsnotizen der Autorin. Sein großer Erfolg befreite ihre Familie aus der im Buch beschriebenen Armut.

Mit ihrem österreichischen Ehemann und dem gemeinsamen Sohn versuchte Rachmanowa, aus Russland ausgewiesen, in Wien Fuß zu fassen. Otmar Wagner (so heißt der Gatte im Buch) suchte eine akademische Stelle, während seine nicht minder gebildete Frau ein Milchgeschäft, also einen Lebensmittelladen führte. Rachmanowa schildert ihr Heimweh, ihre schrullige Wiener Kundschaft und ihre herzerwärmende Liebe zu Mann und Sohn.

Wie man sich Gauner zur Brust nimmt

Die Milch, die sie verkaufte, kam von Lieferanten, nicht aus ihrer Brust. In ihrer Bühnenfassung "Die Milchfrau" jedoch zieht die Gruppe makemake produktionen diese zusätzliche Ebene ein. Seit Wochen läuft die Werbekampagne mit stilisierten Fotos aller (auch der männlichen) Beteiligten, wie sie sich mit ekstatischer oder gequälter Miene einen Tropfen Milch aus den Nippeln pressen.

Auch auf der Bühne im Wiener Kosmos Theater sieht es dann mal so aus, als befülle Michèle Rohrbach in der Titelrolle die Kannen aus ihren Körperöffnungen heraus. Andere Male nimmt sich Rohrbachs Frau Wagner, eine Art Urmutter, im Dialog nicht nur ihren unaufhörlich Fragen stellenden Sohn Jurka (Martin Hemmer) an den Busen, sondern auch die schlitzohrigen Gauner, die ihr Geschäft frequentieren (Barča Baxant, Felix Rank).

DIE MILCHFRAU 3 ApolloniaTBitzanMit gequälter Miene die Milch aus den Nippeln pressen: Michèle Rohrbach und Benedikt Steiner bei der anstrengenden Arbeit © Apollonia T. Bitzan

Der Körper der Frau, besonders der Mutter, als Arbeitsmittel, ob sie das will oder nicht, ist die These, der sich Regisseurin Sara Ostertag in beeindruckenden Bildern und Klängen widmet. Ebenso gern schweift sie aber ab und gibt anderen thematischen Assoziationen der Romanvorlage Raum: etwa der rauen Luft, die Fremden in Wien entgegenweht.

Dass die Familie aus Russland kommt, verschweigt die Fassung, wohl um die Atmosphäre der Allgemeingültigkeit nicht durch eine falsche Tagesaktualität zu verdecken. Wann die Geschichte spielt, bleibt auch lange egal, erst kurz vor Schluss macht der Justizpalastbrand 1927 sie etwas eilig historisch fest. Das wundert etwas, da Ostertag die narrativen Bögen des Romans sowieso munter links liegen lässt. Stattdessen nutzt sie ihn als Inspirationsquelle für – Überraschung: einen Liederabend!

Das Tagebuch als Singspiel

In den meisten ihrer Arbeiten holt sich die Regisseurin einen musikalischen Gegenpart ins Team. Diesmal sind es gleich zwei. Mit dem Liedermacher Paul Plut und der Dirigentin Verena Giesinger (vom in Wien zunehmend bekannten Schmusechor) wird aus dem Tagebuch ein durchkomponiertes Singspiel. Zusätzlich besteht ein Großteil der zahlreichen abgesetzten Szenen, in die sich der Abend unterteilt, aus Interpretationen bekannter Titel: "Vienna Waits for You" ist dabei und "Bad Girls", "Bei mir bist du scheen", ein französischer Chanson, italienischer Chorgesang und eine Nummer aus dem Musical "Chicago".

DIE MILCHFRAU 2 ApolloniaTBitzanPinabauscheske Wasserspiele:  Michèle Rohrbach sowie Felix Rank und Barca Baxant (unten) auf der gefluteten Bühne von Nanna Neudeck © Apollonia T. Bitzan

Es scheint, als wolle man möglichst viele musikalische Gattungen mit je einem Exemplar abdecken – mit der zusätzlichen Herausforderung, alles stimmig und originell zusammenzuführen. Auf der ästhetischen Ebene gelingt das ohne Zweifel – Licht-, Ton- und Bühneneffekten sei Dank. Eine Drehscheibe, deren Holzdielenrand an ein gigantisches Fass erinnert, füllt imposant die Kosmos-Bühne. Der mittlere Bereich wird schon bald mit Flüssigkeit geflutet und dient dem Ensemble als Brunnen der körperlichen Ausdruckskraft.

Verzückt sieht man allen neun Beteiligten zu bei ihren pinabauschesken Wasserspielen aus Fallen, Aufstehen, Verrenken, Wälzen, während sie sprechen und singen. Klein-Jurka und seine Freundin Anni (Jeanne Werner) philosophieren altklug über das Leben, während sie mit Luftballon-Helium ihre Stimmen verändern.

Ein großes männliches Anliegen

Oder Benedikt Steiner klagt als Otmar sein Leid, weil er sich als Intellektueller in Wien nicht durchsetzen kann. Durchaus liebevoll, aber eben doch empathielos redet er auf seine Frau ein. Die schweigt mit diesem zweckoptimistischen An-die-Brust-nehm-Lächeln, es geht ihr ja genauso, aber sie arbeitet trotzdem tapfer in ihrem Geschäft. Also wendet sich Steiner an ihrer Statt dem (als Einziger stets trocken bleibenden!) Musiker Plut zu und sagt den vielsagenden Satz, der Männern offenbar ein großes Anliegen ist: "Ich leide zweifellos mehr als meine Frau."

Da – und im dazugehörigen Plut-Song "Du hast die Milch und ich hab dich" – steckt Substanz. Schade, dass diese nicht in allen Szenen erkennbar ist. Als sinnliches Erlebnis ist „Die Milchfrau“ jedenfalls einen Schluck wert.

 

Die Milchfrau
nach dem Roman „Milchfrau in Ottakring“ von Alja Rachmanowa
Uraufführung
Konzept: makemake produktionen, Regie: Sara Ostertag, Komposition und Live-Musik: Paul Plut, Chorleitung und Arrangements: Verena Giesinger, Bühne: Nanna Neudeck, Kostüm: Mael Blau, Dramaturgie: Anita Buchart, Choreografie: Martina Rösler
Mit: Barča Baxant, Verena Giesinger, Martin Hemmer, Felix Rank, Michèle Rohrbach, Benedikt Steiner, Mave Venturin, Jeanne Werner
Premiere am 6. Dezember 2022
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.kosmostheater.at
www.makemake.at

 

Kritikenrundschau

Der Inhalt des Romans scheine für Ostertag nur in bestimmten Motiven interessant. Dafür überforme sie das Element der Milch im Anschluss an Theoretiker Paul B. Preciado zu einer 'wertvollen biopolitischen Flüssigkeit', als Produkt weiblicher Arbeitskraft, so Andrea Heinz vom Standard (9.12.2022). "Auch wenn die Szenen, in denen Michèle Rohrbach als Milchfrau violett eingefärbte Flüssigkeit aus auf ihre Brüste gelegten Schwämmen in Milchfässer füllt, visuell stark sind, inhaltlich überzeugt dieser bemüht wirkende Zugang nicht." Immerhin: "Als stimmig und mitreißend bebilderter Liederabend funktioniert Die Milchfrau bestens."

"Anhand ausgewählter, der Chronologie des Romans stringent folgender Szenen entwickelt Regisseurin Sara Ostertag mit den für sie typischen inszenatorischen Mitteln – Live-Musik, Choreografie und viele bunte Flüssigkeiten – einen zeithistorischen Reigen von existenzieller Dichte und Aktualität, den das multidisziplinäre Ensemble als traurig brodelnde Revue schwermütig leichtfüßig auf die knarrende Drehbühne stemmt“, schreibt Angela Heide von der Wiener Zeitung (9.12.2022).

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Kommentare

Kommentare  
#1 Die Milchfrau, Wien: WittgensteinRalle 2022-12-07 10:00
Und schon wieder wird Wittgenstein verdumpfbeutelt: Nicht "soll"! "Muss". Ist kein moralischer Imperativ sondern eine Tatsachenfeststellung.

(Liebe:r Ralle,
danke für den Hinweis. Die Vorspanntexte werden von der Redaktion erstellt und stammen nicht von den Autor:innen. Daher nehmen wir die schmerzliche Verdumpfbeutelung gerne auf unsere Kappe.
Herzliche Grüße aus der nachtkritik-Redaktion
Janis El-Bira)

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