In diesem genius loci, zwischen den rohen Backsteinmauern der Probebühne, saust mit Esther Vilars "Speer" einmal mehr der Spielzeitstempel "Schuld" hernieder. Im 1980 spielenden Stück, vor elf Jahren in der Ruine der Berliner Akademie der Künste am Pariser Platz uraufgeführt, trifft sich der 75-jährige Speer zu einem inoffiziellen Gespräch mit dem (fiktiven) ostdeutschen Unterhändler Hans Bauer. Bauer unterbreitet Speer dabei das Angebot, die marode DDR zu retten und lockt dabei den eitlen Baumeister in eine Falle.

Spiel unter Freunden
Alexander May, in Nürnberg seit seiner Inszenierung von Theresia Walsers Komödie "Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm" Experte für Diskussions-Scharmützel mit brauner Lasur, dachte sich mit seinem Team für Nürnberg einen neuen Rahmen aus: Nachdem das Publikum durch verwinkelte Kongresshallengänge auf die Probebühne geführt wurde, sieht es die Bilder einer gestörten Überwachungskamera.

Pius Maria Cüpper und Jochen Kuhl, auch im echten Leben schwer "Schuld"-geprüft (beide spielen in den langatmigen Nürnberger Inszenierungen von "Des Teufels General" und "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui"), streiten sich in der Garderobe übers Spielzeitmotto. Der eine findet's super, dem andern geht's auf die Nerven ("Ein Kessel Buntes, ein Kessel Braunes"), weshalb sie sich – jetzt geht die reale Tür hinterm Bühnenpodest auf – mal eben was zum Thema vorspielen.

Die neue Situation zwischen gelben Kunstledersesseln und Billardtisch macht die Begegnung nicht logischer oder realer: Welche Schauspieler kommen auf die Idee, das Thema Schuld hinter historischen Masken zu diskutieren? Immerhin muss der brav gescheitelte Cüppers mit Hornbrille und blauem, ordenbestückten Sakko nicht devot-freundlich speichellecken, sondern darf – das Ganze ist ja ein Spiel unter Freunden – journalistisch aggressiv nachhaken, ohne befürchten zu müssen, dass sein Gegenüber beleidigt abzieht.

Ethik der Machbarkeit
Dementsprechend verordnet Kuhl seinem Gentleman im grauen Maßanzug Haltung und Ruhe mit Nervositätsanfällen. Als advocatus diaboli rechtfertigt er sich so eindringlich, dass nur sein leichter Spötterblick oder ein Zucken im hageren, gefurchten Gesicht an die Verbrechen erinnern, die er zu begründen versucht. Beim Anblick seiner (eingeblendeten) "Welthauptstadt Germania"-Modelle und deren Nachbau mit Büchern, Sektgläsern und Wäschekorb kommt er sogar richtig in Fahrt.

Bald aber geht es weniger um Speers Rolle im Dritten Reich als um den Vergleich von Nazi-Staat und DDR. Das hinkt an allen Ecken und Enden, doch deftige Thesen hat die zur Premiere angereiste Vilar, Autorin des umstrittenen Emanzenbashings "Der dressierte Mann", nie gescheut. So ist "Speer" eher Debattenbeitrag denn literarisch ergiebiger Text. Durch die Nürnberger Streichung des Vilar-Endes, das die Ähnlichkeit der Systeme betonte, verschiebt sich der Fokus: Speer macht seinem Kritiker den Unterschied zwischen der Gesinnungsethik eines Politikers und der Ergebnisethik eines Managers (als der er sich versteht) klar. "Was machbar ist, wird auch gemacht. Und darum ist es so unendlich gefährlich, wenn einer wie ich in die Hände der falschen Politik gerät: Weil er sich bestimmte Fragen erst gar nicht stellt!"

Die Spezies Speer
Sicher, auch dieser Nazi-Vergleich hinkt. Aber der Verweis auf die mangelnde Manager-Ethik lenkt, ebenso wie Speers fiktive Vision von implantierten Überwachungs-Chips als Mauer-Ersatz, die an aktuelle Sicherheitsfantasien erinnert, den Blick auf "die besondere Spezies der Speers", die uns, so Sebastian Haffners Befund 1944, "noch lange erhalten bleiben wird."

Bauer/Cüppers jedenfalls wird am Ende mit seiner Verzweiflung darüber, dass alle Humanisten auf dem Weg zur Macht abstumpfen und verrohen, von Speer/Kuhl einfach allein gelassen. Aus Mangel an Argumenten? Vielleicht hat sich der zynischere der beiden Charaktere einfach damit abgefunden, dass der Hinweis "Systemfehler", mit dem die Überwachungskameraübertragung anfangs wiederholt unterbricht, nicht nur für die rauschenden Störungen gilt.

 

Speer
von Esther Vilar
Regie: Alexander May, Ausstattung: Karin Stephany.
Mit: Pius Maria Cüppers, Jochen Kuhl.

www.staatstheater-nuernberg.de

 

Mehr über Alexander May? 2008 inszenierte er in Nürnberg Theresia Walsers Stück Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm!

 

Kritikenrundschau

Für Gustav Roeder von der Nürnberger Zeitung (10.2.2009) hält das "Textbuch" "starken Tobak" bereit, etwa wenn Speer im Dialog mit dem fiktiven DDR-Mann Bauer vorgeschlagen wird, sich als "Sanierer der klammen DDR" zu betätigen. Ein szenisches "Dilemma" indessen bestehe darin, dass sich "der Charakterspieler Jochen Kuhl" mit dem "weitgehend charakterfreien Albert Speer" abzumühen habe. "Das Ergebnis muss Spannungsabfall sein."

 

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