Du sollst nicht vergleichen

von Esther Slevogt

Berlin, 20. März 2009. Am Anfang kommt Niels Bormann. Nicht nur, dass er seinen Nachnamen mit einem berüchtigten Nazi teilt: Seine gesamte einsneunzig große Erscheinung drückt das Unbehagen darüber aus, ein Deutscher zu sein. Jedenfalls wenn Niels Bormann Niels Bormann spielt. Dieses verdruckste, trotz locker wehrmachttauglichem Bodymaß immer eine Spur zu naiv Tuende: ein säuselnder Schuldkomplex auf zwei Beinen, schwul zudem, um auch den letzten Rest des Martialisch-Maskulinen zu tilgen. Bis plötzlich doch irgendwelche fiesen rassistischen Ressentiments aus ihm herausbrechen.

Obwohl er unter seinem bürgerlichen Namen hier auftritt, ist Niels Bormann natürlich eine Kunstfigur, die ihre zufälligen Ähnlichkeiten mit sich selber nutzt, um dem Anliegen des Abends zu größtmöglicher Klarheit zu verhelfen: nämlich einen Blick in die Abgründe der eigenen, von Schuld und Verdrängung geprägten deutschen Identität zu riskieren. Und zwar aus der Perspektive der "Dritten Generation", der Täterenkel.

Spurensuche im unheimlichen Untergrund
Und wie Niels Bormann verfahren auch die anderen neun Akteure dieses "work in progress" der israelischen Regisseurin und Dramatikerin Yael Ronen, das nach einer ersten Phase beim Theater der Welt in Halle im vergangenen Sommer nun im Kontext des Schaubühnenfestivals "digging deep and getting dirty" in die nächste Runde ging. Vier deutsche und sechs israelische Schauspieler – davon drei mit palästinensischer, drei mit jüdischer Abstammung – nutzen ihre Biografien, um die Spuren der unheimlichen wie untergründigen Verstrickung zu verfolgen und offenzulegen, die deutsche, israelische und palästinensische Geschichte miteinander verbindet. Der unheimliche Untergrund, das ist der Holocaust der Deutschen an den Juden, der irgendwie die Gründung des Staates Israel beschleunigt hat und dessen Preis nun die Palästinenser bezahlen.

Aber bereits während diese These entwickelt wird, die die Arbeitsgrundlage des Abends ist, wird sie auch schon in Frage gestellt, und man riecht förmlich die giftigen Dämpfe, die im toten Winkel der Sackgasse dieses historischen Kurzschlusses entstehen. Und trotzdem ist an der Hypothese ja etwas dran. Aber was eigentlich?

Die Wiederkehr des Verdrängten
"Don't compare!" fordert die israelische Schauspielerin Orit Nahmias in dieser viersprachigen, deutsch übertitelten Aufführung. "The Holocaust was a very unique event in the human history. Of course, there were other genocides in the history – but please, don't compare. The Holocaust ist the Holocaust, Rwanda is Rwanda – but please don't compare". Dann folgte eine Suada, in der ein Argument das andere aushebelt. Dass nicht alle Deutschen Nazis sind, nicht alle Araber Terroristen. Aber manche eben schon. Auch wenn sie denken, dass sie keine andere Wahl haben, was auch die Israelis denken, wenn sie palästinensische Frauen und Kinder töten. Dabei hat man immer die Wahl.

Aber hat man das wirklich? Hängt man nicht wie eine Marionette an den Fäden der Vergangenheit? Das sind Fragen, die dieser Abend in improvisierten Spielszenen oder monologischen Passagen mit einer entwaffnenden Schonungslosigkeit stellt. Nichts als zehn Stühle stehen vor nacktem Beton im Halbrund der Apsis der Schaubühne. Die wahren Bühnenbilder zu diesem Abend entstehen im Kopf und zerfallen schon im Augenblick ihres Entstehens wieder.

Dabei richten die Beteiligten die Zeigefinger allerhöchstens auf sich selbst. Immer führen die Schauspieler vor, wie sie Opfer und Täter auf einmal sind: Die jungen Deutschen sind Opfer ihrer Geschichte, für die sie als dritte Generation nichts mehr können und für die sie trotzdem verantwortlich sind. Wie sich manche von ihnen als ökologische Fundamentalisten, im Hunger nach Unschuld, zu den Anwälten aller verfolgten Kreaturen dieser Erde machen und in ihrem Einsatz für Hühner in Legebatterien dann eben auch schon wieder faschistisch sind und gerade in der Ablehnung der Täterrolle im Ressentiment das Verdrängte wiederkehrt.

Die Gewissheiten zerfallen
Die jungen Israelis, die darüber erzählen, wie es ist, in traumatisierten Familien aufzuwachsen, und wie aus dem Trauma dann das nächste Unrecht entsteht, wenn plötzlich das Phantom der einer Massenerschießung entkommenen Großmutter dem Enkel bei einem Einsatz in den besetzten Gebieten erscheint – und der Enkel dann im Angstreflex einen Palästinenser ermordet. Die Palästinenser, deren Szenen davon handeln, wie sie in diesem Konflikt instrumentalisiert werden, von der Hamas, von der korrupten Fatah, die die Hilfsgüter unterschlagen, von den anderen arabischen Staaten, die sie, die Palästinenser, zu Geiseln ihrer Politik machen, statt solidarisch zu sein. Wie sie vor lauter Selbstmitleid unfähig sind, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.

Niemand wird geschont, jeder kriegt sein Fett ab, und während man als Zuschauer gerade noch meint, zu erkennen, wo die Grenze von Recht und Unrecht, Opfer und Täter verläuft, würfelt der Abend schon alles wieder durcheinander, und die Gewissheiten zerfallen. Auch ein hochkomischer Abend, dessen Witz allerdings tückisch ist. Ein Abend aber, der auch zeigt, dass man Grenzen erst einmal erkennen und ernstnehmen muss, bevor man sie überwinden kann. Selbst wenn es die Grenzen in einem selber sind.

 

Dritte Generation
work in progess von Yael Ronen und Company
in deutscher, arabischer, hebräischer und englischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Regie: Yael Ronen, Dramaturgie: Irina Szodruch, Amit Epstein.
Mit: Knut Berger, Niels Bormann, Karsten Dahlem, Ishay Golan, George Iskandar, Orit Nahmias, Rawda, Ayelet Robinson, Judith Stößenreuther, Yousef Sweid.

Koproduktion der Schaubühne, dem Habima National Theatre of Israel und der RuhrTriennale 2009 im Auftrag von Theater der Welt in Halle

www.habima.co.il

www.schaubuehne.de

 

Mehr zu Yael Ronen? In Dresden inszenierte sie eine Antigone, und bei Theater der Welt in Halle war die erste Phase der "Dritten Generation" zu sehen.

 

Kritikenrundschau

Noch vor drei Tagen wartete die Welt (20.3.) mit der Schlagzeile auf: "Verharmlost die Schaubühne den Holocaust?" Angesichts der Aufführung "Dritte Generation" von Yael Ronen gibt Reinhard Wengierek nun in derselben Zeitung (23.3.) die Antwort: "Der Holocaust wurde nicht verharmlost. Dafür gab es richtig gutes Theaterkabarett." "Nicht die Leiden, Schmerzen, Ängste, Traumata und Verunsicherungen, nicht die inneren Wunden" würden "unverschämt lächerlich gemacht, sondern das, was die tief verletzten Seelenwelten schützen soll: eben die auf allen Seiten ritualisierten Verdrängungsmechanismen. Diese so unfrei machenden, versimpelten Weltsichten. Das gerade auch in seiner satirischen Zuspitzung gewagte Theaterprojekt aus 'authentischem Material'" wirke "wie eine ganz pragmatische Anleitung für den Anfang einer Gruppentherapie". Der "verwirrend aufklärerische" Abend sei "ein Wegziehen demagogischer Hüllen. Erschütternd, beklemmend, polemisch, sehr komisch und letztlich befreiend."

Auch Christine Wahl referiert im Tagesspiegel (22.3.) die Vorbehalte, die gegen Yael Ronens "Dritte Generation" bereits im Vorhinein vorgebracht wurden. Und setzt fort: "Dass sich das Projekt auf einem schmalen Grat bewegt, ist unstrittig. Doch es geht tatsächlich zuallerletzt um Relativierung. Ronen spielt so klug mit kabarettistischem Karacho Klischees und Ressentiments gegeneinander aus, bis sie hoffnungslos in sich zusammenfallen und die Wunde sichtbar wird. Sieht man einmal davon ab, dass einige Szenen krachlederner daherkommen als nötig, wird 'Dritte Generation' dem Festivalmotto [der Schaubühne] 'Grabe tief und mache dich dreckig' auf die denkbar klügste Weise gerecht."

"Alle spielen grandios", räumt Till Krause in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (22.3.) ein, und es sei "gut, dass das deutsch-jüdisch-arabische Publikum gemeinsam über (…) unerhörte Sätze lachen kann". Leider flüchte sich aber das Stück "zu oft in Stimmengewirr und überklatschenden Zynismus." Das erschwere den Dialog, denn man könne "am Ende immer nur das falsche sagen".

"In Ronens rasantem Stück hauen sich deutsche, jüdische und palästinensische Schauspieler ihre Familiengeschichten, Verletzungen und Betroffenheitsgesten um die Ohren, dass es kracht", schreibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (25.3.). Und nicht nur, "weil sich die Schauspieler mit ihren echten Namen ansprechen und in den schnellen, improvisiert wirkenden Szenen auf der leeren Bühne oft ungeschützt privat wirken", sei dabei nicht immer zwischen Figur und Darsteller zu unterscheiden. Die Inszenierung sei "ein einziger Anschlag auf die feierlichen  Routinen einer wohltemperierten Gedenkkultur". Doch nichts an ihr sei zynisch. Denn "die Peinlichkeiten scheiternder Verständigung zwischen Tätern und Opfern der dritten Generation nach Auschwitz, von denen der Abend so sarkastisch und intelligent erzählt, ist eine sozusagen objektive, unausweichliche Pein"

 

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