Das Heldending im Vollidyll

von Ralph Gambihler

Jena, 9. Juli 2009. Die Frage ist, wie man sich Helden von heute vorzustellen hat. Falls die Hamburger Reisegruppe, die beim Rütli-Schwur hereinplatzt und alles ein bisschen durcheinander bringt, bevor sie sich mit freundlichem Gruß Richtung Matterhorn verabschiedet – falls also diese Reisegruppe der Maßstab sein sollte, muss man sich Bürgerbewegte im vorgerückten Alter vorstellen, bekleidet mit Blue Jeans und Schifferhemd oder einem T-Shirt, das schön über dem Bauch spannt. Den Kopf haben diese Leute in einer besseren Welt, die Hände sind immer noch bereit zum Pappschildermalen für die nächste Demo.

Falls Stauffacher und Fürst gemeint sind, hätte der Held von heute viel Modebewusstsein, das er kokett zur Schau trägt, zum Beispiel in Form eines fetzigen oder eleganten Retro-Kostüms. Er würde Geld für den Szenefriseur ausgeben und schon aus Prinzip rauchen, denn wie die Masse will er nicht sein. Falls aber Tell der ultimative Held sein sollte, muss man sich einen unbekümmerten Naturmenschen vorstellen: stilisierter Alpenlook, wohnhaft im Vollidyll, nicht nur aus ironischen Gründen mit einer vollbusigen Frau im rot-weißen Dirndl verheiratet – ein harmloser Typ eigentlich.

Viel Hui und viel Musik

Einer von denen muss jedenfalls der Held sein. Vielleicht sind es auch alle zusammen. Das wäre eine Erklärung, denn der Jenaer Schauspielchef Markus Heinzelmann (Regie) umkreist in seinem Open-Air-Schiller die Frage, wie das so ist mit Heroen von heute. Und wenn man sich vor Augen hält, dass der Heldenfan Schiller vor gut zwei Jahrhunderten den Schweizern ihr Nationaldrama geschenkt hat, klingt der Satz, den Tells Frau Hedwig (Grazia Pergoletti) beim Opening im Interview äußert, nach entschiedenem Pathosverlust: den Tell, sagt sie, hätte sie "als ganz normalen Mann geheiratet". Und sie hätte ihn auch "ohne das Heldending" genommen. Aha.

Bis Mitternacht geht es in der Jenaer Kulturarena, wo die Blicke rechter Hand auf Schillers Gartenhaus treffen, ungezwungen bis derb zu. Heinzelmann hat (wieder mal) ein poppiges Sommernachts-Spektakel produziert. Er zieht eine große, revuehafte Schiller-Show ab, mit vielen Darstellern, viel Hui und viel Klamauk plus Musik von der Brass-Band BlechKlang Jena und der BMV Oldstars. Wenn Thomas Gottschalk auf dem Schiller-Trip wäre, käme vielleicht etwas Ähnliches heraus.

Schwur mit Schwierigkeiten

Die popkulturellen Aufladungen ziehen sich durch alle Szenen. Sie wirken gar nicht einmal so platt und vordergründig, insofern der Abend eine politische "Wir sind das Volk!"-Ebene hat. Der Ansatz bleibt also idealistisch, nur das Pathos ist Lichtjahre entfernt, irgendwo verschwunden hinter einer Milchstraße aus Ironie und Parodie. Das Charmante daran ist, dass der Geist von 1989 durch komplette 89er-Verweigerung beschworen wird. Keine friedlichen deutschen Montagsrevolutionäre springen aus der Kunstrasen-und-Bergwelt-Kulisse von Gregor Wickert, nichts dergleichen.

Stattdessen erscheint beim Rütlischwur – der hier wirklich ein Schwur mit Schwierigkeiten ist – außer den Hamburger Bürgerbewegten auch der Revolutionsheld Che Guevara (Antonio Cerezo). Er springt mit sportlichem Schritt ins Rampenlicht, zieht klischeesicher an der Zigarre und schwingt nun auf Spanisch eine große Rede auf die Sache des Volkes. Ein bisschen spanisch kommt einem das tatsächlich vor, wenn der "Special Guest" Che dann völlig ungebrochen "Viva la Revolutione!" skandiert. Aber es geht hier nicht um historisch korrekte Einordnung, sondern um die Gerinnung eines Geistes zum Kitschbild. Letztlich rettet sich die Szene ins Komische. Die versammelten Kantonisten stimmen ab, ob Schwur oder nicht Schwur. Mit 20 zu 12 Stimmen sind sie zunächst fürs Verschieben.

Das ist oft so in dieser Inszenierung: Was mit der einen Hand hochgehalten wird, wird mit der anderen im Jux versenkt. Im Grunde geht es um Pointen. Man gibt einen Schmunzel-Schiller fürs Volk. Der alte Freiheitsdramen-Gaul bleibt im Stall.

Der Apfelschuss ist keine Männersache

Die Frage von Geschlecht und Heldentum beantwortet die Regie über die Besetzung. Was zwischen Apfelschuss und hohler Gasse passiert, soll keine reine Männersache mehr sein. Da Schillers Männerüberschuss ensembletechnisch eine Zumutung ist, muss man andererseits noch nicht einmal einen Anfall von Frauenpower sehen, wenn nun mit Stauffacher (Saskia Taeger), Fürst (Zoe Hutmacher) und Tell (Vera von Gunten) gleich drei tragende Rollen weiblich besetzt wurden, nebst Tells Söhnen, die in Jena zu Töchtern wurden.

Die Obrigkeit bleibt aber männlich. Attinghausen (Kai Meyer) ist ein überforderter Schampus-Dandy, den wir schließlich in Bühnenwasser plumpsen sehen. Die halbe Witzfigur Rudenz (Ralph Jung) rennt nach überstandenem Sinneswandel wie wild mit einer Schweizerfahne über die Bühne. Der Gessler (Gunnar Tietzmann) ist ganz die fiese, allerdings mehr vulgäre als kalte Type. Als er in der Apfelschuss-Szene in einen Kothaufen tritt ("Alles scheiße hier, oder was?"), wird er zum Schläger. Nachvollziehbar, dass ihn kein Pfeil trifft, sondern ein ordinärer Schwall von Kugeln.

 

Wilhelm Tell
von Friedrich Schiller
Regie: Markus Heinzelmann, Bühne: Gregor Wickert, Kostüme: Anne Buffetrille, Musikalische Leitung: Vicki Schmatolla, Bläserarrangements/Komposition: Nikolaus Woernle, Video: Heiko Kalmbach, Live-Kamera: Sebastian Gimper, Choreografie: Antonio Cerezo.
Mit: Gunnar Titzmann, Kai Meyer, Ralph Jung, Saskia Taeger, Zoe Hutmacher,Vera von Gunten, Andreas Waidosch, Bernhard Dechant, Julian Hackenberg, Ulrich Reinhardt, Grazia Pergoletti, Waltraud Steinke-Löscher, Hannah Heinzelmann, Emma Heinzelmann / Paula Cramer, Mira Reichstein / Hanna Sieburg, Christiane Röher, Antonio Cerezo.

www.theaterhaus-jena.de

 

Kritikenrundschau

"Wie gut, wenn man Schiller auf so heitere Weise ernst nehmen kann", schreibt Frank Quilitzsch in der Thüringische Landeszeitung (11.7.). Allerdings hat er bei allem Spaß auch ernste Zweifel. ""Aber ist das die Freiheit, die wir meinen? Hat mit diesem Käse-Fondue für alle Schillers Parabel ausgedient? Wurde dieses Stück womöglich nur gewählt, weil gerade Schillerjahr ist? Die Regie kann sich für kein Genre so recht entscheiden, bietet clever von allem etwas - Schauspiel und Musical, Comedy und Klamotte, Sozialdrama und schrulliges Heimatstück. Und während sich Willi Tell und Co., auf der Suche nach einer neuen Herausforderung, dem Matterhorn zuwenden, kehrt die Natur samt Geiß, Rehbock und Murmeltier in ihren Urzustand zurück. Auf der Drehbühne harrt Onkel Tells Hütte ihrer Versteigerung."

 

 
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