Kein Sinn für halbe Sachen

von Esther Boldt

Frankfurt, Juli 2009. Er hat alles gespielt, von Montag bis Freitag. Er war der Feuerwehrmann Montag in Florian Fiedlers Inszenierung von Truffauts "Fahrenheit 451", der diensteifrig mit den Kollegen zur Bücherverbrennung marschiert – die Knie gen Himmel, mit aufrechtem Kreuz, und dabei flinkfingerig Bücher einsteckt, um zuhause dem Wahrheitswert der Worte nachzuspüren. Er war Robinson Crusoe mit meerzerzaustem Haar und zorniger Verlorenheit, und er war der Wilde, den der Gestrandete auf der einsamen Insel fand und Freitag nannte in Robert Lehnigers Robinson-Recherche "Friday I'm in love". Aber Martin Butzke ist mehr als nur ein Schauspieler für alle Wochentage.

Er spielt seit zwölf Jahren an deutschen Theatern, zuerst in Ingolstadt, dann an den Münchner Kammerspielen, in den letzten drei Jahren in Frankfurt am Main – trotzdem erkennt ihn auf der Straße keiner wieder: "Obwohl ich wenig verkleidet werde im Theater, ich bin kein Perücken- und Bart-Typ, erkennen mich die Leute nicht. Und das finde ich fast ein Kompliment."

Der berühmte kleine Zeh

Ohne Ambivalenzen kann man über Martin Butzkes Verwandlungsfähigkeit kaum ein Wort verlieren. Einerseits geht er, auch ohne Bart und Perücke, lückenlos in jeder Inszenierung auf. Eine blasse, blonde, hochgewachsene Gestalt, die sich nahtlos mit dem jeweiligen Hier und Jetzt verbindet. Andererseits ist er kein Charakterdarsteller, der jeder Rolle sein Gesicht aufdrückt. Und doch wirkt er nach, bleibt weit übers Ende der Spielzeit im Gedächtnis mit dieser Kombination aus handwerklicher Stärke und Präzision, gepaart mit einer hohen Aufmerksamkeit für den Moment, unterlegt von überraschender Unberechenbarkeit.

Er sucht nach etwas Archaischerem als nach Schauspielkunst alten Vorbilds und repräsentiert damit einen neuen Typus Schauspieler, ohne den die Stadt- theaterensembles längst nicht mehr auskommen. Denn Martin Butzkes Spiel scheint frei zu sein von tagtäglicher Routine, es ist von großer Unmittelbarkeit, die zwischen Verschwinden und Sichtbarkeit oszilliert. Mit einer Körper- beherrschung bis in den kleinen Zeh weiß er jeden Moment genau, was er tut.

Lauernd, unmittelbar, ein neuer Typus

Wenn beispielsweise zu Beginn von Peter Kastenmüllers Deutschland-Trilogie "Schwarz Gold Rot" die Schauspieler mit Affenmasken über den Köpfen auf die Bühne pirschen, erkennt man Butzke sofort: Da ist etwas Lauerndes in seinem Gang, eine federnde, fordernde Energie, gerade so gedrosselt und doch auf dem Punkt. Wie unter allem, was er tut, diese vibrierende Mischung liegt aus Bewußtsein und Kontrolle bei subkutanem Druck und Notwendigkeit, gepaart mit Neugier. Kein Wunder, dass er befindet, Subtexte müssten immer Kraftausdrücke beinhalten. "Ein Subtext, der heißt 'Könnte ich mal bitte mit dir reden?', das ist Quatsch, das ist kein Subtext, das ist sozialdemokratisches Auf-der-Bühne-Herumgestehe – der Gedanke muss schon sein 'Ich töte dich oder ich vögel dich'."

Butzke hat keinen Sinn für halbe Sachen, in der Hollywood-Typologie wäre er vielleicht der "angry young man" – mit einer freundlichen Oberfläche und einer Räubergrube aus Schießbudenfiguren im Keller. Aufgewachsen ist der heute 35jährige in Bayreuth, wo er bereits in der Schultheatergruppe und im Off-Theater spielte. Nach dem Abitur ging er an die Saarbrücker Schauspielschule und wurde von dort aus direkt ans Ingolstädter Theater engagiert. Er blieb vier Jahre, in denen Wolfgang Krempel ihn förderte, "ein Intendant mit einer unglaublichen Liebe fürs Ensemble und ein ganz wertvoller Mensch für einen Anfänger." Dann holte ihn Baumbauer nach München. Butzke treibt die Lust an der Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Stoffen von Schiller bis Jelinek und Regisseuren von Laurent Chétouane bis Peter Kastenmüller: "Ich mag nichts ablehnen, bevor ich es nicht probiert habe. Ich versuche, ein Diener der Fantasie des Regisseurs zu sein, herauszufinden, was der sich vorstellt und wo er hinsucht, im besten Fall wird das früher oder später eine Kooperation, in der man seinen eigenen Weg finden kann."

Samtreibeisenstimme mit direktem Ton

Heute reizt ihn das Live-Moment, die Einmaligkeit des Theaterereignisses, in dem das Spiel jeden Abend neu eröffnet wird und das er mit einem Konzert vergleicht – natürlich säßen die Songs und Riffs, aber es gebe immer Spielräume für Ausfallschritte, für Improvisationen und das gezielte Wachrütteln von Kollegen. "Es ist ein guter Job für einen neugierigen Menschen," findet Butzke, "darum habe ich ihn angefangen und mache ihn immer noch." Nach dem Ende der Intendanz von Elisabeth Schweeger in Frankfurt ist er nun erstmals freiberuflich tätig. Zunächst wird er mit Felicitas Brucker in Freiburg arbeiten und bei einem neuen Film von Oscar Roehler mitspielen.

Butzkes Samtreibeisenstimme beherrscht den direkten Ton, hohe Theatertöne sucht man bei ihm vergebens. In Karin Neuhäusers schrillbunter "Fledermaus" schiebt er als großmäuliger, betrügerischer Gatte Gabriel immer einen Spalt ironischer Distanz zur Figur ein, ein leise markiertes "Als ob", und skizziert Gabriel eher – seinen extrabreiten Cowboygang, die elastischen Beine des Schmonzettensängers, das Witzfigurengehabe in entspannter Schräglage. Aber immer ist aller schmunzelnder Körperkomik eine ernsthafte Unbedingtheit, jedem überbordernen Spielzug eine weltzweiflerische Suche abzuspüren.

Nachbild auf der Netzhaut

Schon in Ingolstadt, als er in Schillers "Kabale und Liebe" spielte, wurde er gefragt, was er am Text verändert habe, dass er so zeitgemäß klinge? "Ich hatte nichts verändert. Ich spiele sogar die Regieanweisungen, weil ich meine Aufgabe darin sehe, Leben reinzuschwappen in so einen Text." Denn so genau, wie er seinen Körper einsetzt, erarbeitet er sich auch die Sprache.

Unvergesslich ist Martin Butzke in Wanda Golonkas Uraufführung von Jean Daives "Die Erzählung des Gleichgewichts 4. W" aus dem Jahr 2007, einem Duett zwischen Butzke und der Pianistin Laura Konjetzky. Ein überaus komplexer Text, der hochpoetisch von einer Kindheit in Wien erzählt und immer wieder Elemente der Psychoanalyse einstreut. Diesen fast monströsen Text sprach Butzke einfach, aber grandios. Er tastete die Worte ab, verlieh ihnen Klarheit und Leichtigkeit, so dass sie fast zu Musik wurden. Er vereinfacht und präzisiert und stellt große Nähe zum Verhandelten her. Und obwohl er voll Spiellust ans Werk geht, wirkt er, als würde er einfach nur machen – ein Präzisionsschauspieler, der Leben in Texte schwappen läßt, hinter jeder Rolle scheinbar mühelos verschwindet – und von dem doch ein Rest bleibt, ein starker Eindruck und ein Nachbild auf der Netzhaut.


Mehr lesen? Martin Butzke spielte unter anderem in Frankfurt im Februar 2009 in Peter Kastenmüllers Deutschlandtrilogie Schwarz Gold Rot, Karin Neuhäusers Inszenierung der Johann-Strauß-Operette Die Fledermaus im Oktober 2008 und Wanda Golonkas choreografischer Sprachabtastung Erzählung des Gleichgewicht 4. W im Mai 2007.

 

 
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