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Schleichendes Gift der Großherzigkeit

von Elena Philipp

Berlin, 08. April 2011. Riet kann es nicht fassen. Alexander ist auf dem Familienfest an ihr vorbeigelaufen, ohne sie zu begrüßen. Dabei war er mit Lea doch so oft bei ihr, als die beiden noch verheiratet waren ... Zutiefst gekränkt ist die bieder-bodenständige Endfünfzigerin. Leas Mutter Ada, eine elegante Frau mit Perlenohrringen zum türkisgrünen Kostüm, entgegnet, ohne Riet anzusehen: "Es gibt Dinge, die kann man ertragen, und es gibt Dinge, die kann man nicht ertragen."

Ada (Almut Zilcher) ist eine KZ-Überlebende, Riet (Christine Schorn) die Kriegsmutter ihrer Tochter Lea (Susanne Wolff). Riet nahm das jüdische Mädchen auf, als die Eltern ins KZ kamen. Um das verfahrene Verhältnis der beiden Mütter zu umreißen, genügen der niederländischen Autorin Judith Herzberg in ihrem 1982 entstandenen Theatertext "Leas Hochzeit" wenige Sätze. Weil Ada und Simon unerwartet überlebten, musste Riet Lea zurückgeben. So wenig sie den Verlust verwinden kann, so wenig haben sich Ada und Simon mit Riets damaliger Großherzigkeit abgefunden. Und ab und an scheint Ada ihre KZ-Vergangenheit zu instrumentalisieren, um Riet auf ihren Platz zu verweisen.

Düster grundiertes Familienfresko

In vielerlei Grauschattierungen erzählt Judith Herzberg ein Vierteljahrhundert Familiengeschichte. Stephan Kimmig inszeniert ihre Stücktrilogie am Deutschen Theater unter dem Titel "Über Leben", erstmals an einem Abend. Vor zehn Jahren richtete er die beiden ersten Teile am Staatsschauspiel Stuttgart ein, "Leas Hochzeit" und die 1996 veröffentlichte Fortsetzung "Heftgarn". Mit einer Spieldauer von vier Stunden war der Abend damals nur etwas kürzer als die jetzige Aufführung in Berlin, die von Herzbergs "Simon" aus dem Jahr 2002 ergänzt wird.

Für "Leas Hochzeit" lässt Stephan Kimmig das 17-köpfige Ensemble geschlossen aufmarschieren. Die Schauspieler gruppieren sich, für rund achtzig Szenenwechsel, minimal auf der Bühne um –, wenden sich einander zu, voneinander ab, gehen einen kurzen Weg. Konzentriert und genau gearbeitet ist das Stellungsspiel. Kimmig präpariert das Abgründige in Herzbergs Stück heraus: Der Holocaust bildet die düstere Grundierung für das liebevoll und turbulent gestaltete Familienfresko, und das ganz normale Scheitern – auch Leas dritte Ehe mit Nico (Daniel Hoevels) wirkt von Beginn an aussichtslos – begleiten die Figuren mit einem beinahe bösartigen Lachen.

Neigung zum Rühseligen

Die Unbehaustheit der Figuren, das Ungefügte ihrer Existenz, offenbart die Bühne von Katja Haß: Mit Tüchern sind die Sperrholzmöbel abgedeckt. Die Drehbühne rotiert und das Leben zieht vorüber. Nackte Sperrholzwände, unverfugt in Einzelteilen, verkanten die Bühne. "Ich sehne mich nach jemanden, der mir erklärt, wie das alles ineinander steckt", sagt Simon gegen Ende.

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Das Familienpanorama aus "Leas Hochzeit" konkretisiert Herzberg in "Heftgarn" mit Blick auf die zweite Generation: Nicos erste Frau Dory (Maren Eggert), die seit dem Mord an ihrer Familie ein Vaterkomplex umtreibt, bekommt mit Simon ein Kind – und setzt anstelle von Lea die Familienlinie fort. Abgesehen von einigen eindrücklichen Momenten zerfasert der zweite Teil des Abends merklich. Die Schauspieler treten für ihre Szenen an die Rampe, hantieren dabei oft mit Stühlen. Das bewegte Auf und Ab bildet einen Kontrast zur Statik des ersten Teils, doch fehlen die klaren Beziehungen zwischen den Figuren. Sie wirken stärker psychologisiert, ihre Komplexität ist nicht mehr so virtuos mit wenigen Strichen angedeutet. "Heftgarn" neigt zum Rührseligen, als Ada und Alexander (Peter Moltzen) sterben.

Mittlerweile tatterig

Im dritten Teil – Simon liegt im Sterben – ist Isaac (Paul Schröder), der Halbbruder und Ziehsohn Leas, 18 Jahre alt. Er will vom Krieg nichts mehr hören, will nicht als Stellvertreter verstorbener Verwandter gelten. Eine neue Generation kündigt sich an. Stephan Kimmig greift auf die anfängliche Inszenierungsweise zurück und reiht die Schauspieler kurz hinter der Rampe. Detailreich ist das Figurengespinst gestaltet, und stumm entspinnen sich zahllose Binnenerzählungen: Lea und Dory, die sich wie Schwestern ähneln, klemmen Isaac in ihrer Mitte ein, Nicos Stiefmutter Duifje (Simone von Zglinicki) rollt seinem mittlerweile tatterigen Vater Zwart (Markwart Müller-Elmau) fürsorglich die Pulloverbündchen auf.

Herzbergs offener Dramaturgie folgend, hätte man diese Szenen stehen lassen können, doch am Ende kleben hoch pathetisch noch die einzelnen Abschiede von Simon, den Ada schließlich mit zärtlichem Geflüster zu sich holen darf. Das Fazit: Herausragende Schauspieler – vor allem Christine Schorn, bis 2010 DT-Ensemblemitglied, wird als kecke, strenge, unbedarfte Riet gefeiert –, in einem guten, aber keinem großen Abend.

 

Über Leben
Leas Hochzeit. Heftgarn. Simon.
Trilogie von Judith Herzberg
Regie: Stephan Kimmig, Bühne: Katja Haß, Kostüme: Anja Rabes, Musik: Michael Verhovec, Dramaturgie: Sonja Anders.
Mit: Almut Zilcher, Christine Schorn, Simone von Zglinicki, Christian Grashof, Markwart Müller-Elmau, Susanne Wolff, Maren Eggert, Meike Droste, Anita Vulesica, Peter Moltzen, Daniel Hoevels, Jörg Pose, Claudia Eisinger, Moritz Grove, Paul Schröder, Michael Gerber, Johanna Griebel, Leonie Kleinadam/Karolin Wiegers (Xandra als Kind)

www.deutschestheater.de


Die Schriftstellerin Judith Herzberg, 1934 in Amsterdam geboren, überlebte die Nazizeit wie ihre Protagonistin Lea bei Pflegeeltern. Sie gehört zu den profiliertesten niederländischen Autorinnen und unterrichtet an den Filmhochschulen in Amsterdam und Jerusalem. Alles über Stephan Kimmig auf nachtkritik.de im Lexikon.


Kritikenrundschau

"Man kennt das von Fernsehserien: Es dauert, aber ist man erst mal im Stoff, kennt die Figuren, kann die Novela ewig weitergehen", schreibt Volker Corsten in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (10.4.2011). "Dass die Maschinerie dabei zwar öfter knirscht, aber nie komplett ins Stocken gerät, verdankt sie Herzbergs Sprache, die alle Klischees lakonisch umschifft, und einer Regie, die die Figuren ernst nimmt und sich auf das erstklassige Ensemble verlässt. Und damit gewinnt."

Ein "Ereignis" ist für Peter von Becker im Tagesspiegel (10.4.2011) vor allem das Bühnenwerk von Judith Herzberg. Ihre Figuren seien "wie Schmetterlinge mit angesengten Flügeln, und wenn sie flattern, weiß man nie, ob zum Entzücken oder Entsetzen." Der Inszenierung gelinge es "zumindest in den besten Passagen", das "Filigran-Vertrackte, die schnellen Szenenwechsel mit ihren filmreifen Schnitten und Herzbergs raffiniertes Spiel mit dem Humor des Horriblen so ganz sinnlich fassbar zu machen." Lob fällt hierbei vor allem auf Christine Schorn und Christian Grashof. Gleichwohl: "Das Besondere" entbehre Kimmigs "Halburaufführung", ja, die ersten eineinhalb Stunden glichen "fast einem Desaster. Von ein paar luziden Momenten abgesehen: nur Unsinnlichkeit, Ortlosigkeit, Haltlosigkeit." Dass keine Stimmung aufkommen will, liege vor allem an "Katja Haß' fürchterlichem Bühnenbild: rundum ein so schrottiger wie unsinnig aufwendiger Bretterverhau. Spanplattenhell, doch schwerlastig und in vulgärbrechtischem Einheitsarbeitslicht ein völliger Atmosphärekiller." Solch ein Raum sei "einmal mehr ein Fall von Arroganz und Sado-Maso an deutschen Theatern: weil eine ästhetische Bestrafung von Schauspielern und Publikum."

Die anfänglich "ziemlich ärgerliche ironische Distanzierung" dieser Inszenierung bekomme "im zweiten Teil Tiefe", sagt Eberhard Spreng in der Sendung Kultur heute im Deutschlandfunk (9.4.2011). "Subtil und ohne jede simple Psychologisierung erzählen Herzbergs Stücke von den Transformationen der großen, von der Shoa geprägten Familienthemen." Die Inszenierung erreiche zwar nicht die "Leichtigkeit, die sich die Autorin gewünscht hat", biete "wohl aber eine ästhetisch Klammer, die die Vielzahl der kurzen szenischen Skizzen, das reichhaltige Beziehungsmosaik der Trilogie in eine Form fasst."

Judith Herzberg finde für die Lebensgeschichten der Figuren aus "Über Leben" "eine bewundernswert nüchterne, gänzlich unsentimentale, auch komische Erzählweise", schreibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (11.4.2011). "Der scheinbar leichte Tonfall, das Ineinander von Alltagsbanalitäten, verworrenen Liebesgeschichten und den Gespenstern der Vergangenheit, die episodische Erzählweise, die filmisch schnellen Schnitte, das hat auch im Ineinander von Lakonie, Komik und Trauer etwas von Tschechows Dramaturgie der Beiläufigkeit." Man müsse Stephan Kimmig dafür danken, dass er Herzbergs Stücke "angemessen groß inszeniert hat", weniger jedoch für "einige seiner Regieentscheidungen". Mit dem abstrakten Raum von Katja Haß mache Kimmig "eine prätentiöse Kunstbehauptung auf, die der Inszenierung nicht gut bekommt und Herzbergs nüchterne Dramaturgie konterkariert. Dass die Darsteller, verloren in diesem leeren Raum, ihren Text oft frontal zum Publikum sprechen, verstärkt diesen Bedeutsamkeitsappeal."

Die "wunderbare Poetin Judith Herzberg" lasse sich die Personen der Stücke "in über 120 kleinen, manchmal winzigen, wie zufällig aneinandergereihten Szenen äußern, die sich erst im Kopf des Betrachters zu einem plastischen Panorama ergänzen. Keine großen Geschichten, kein theatralisches Brimborium, sondern lose, schroffe Fragmente einer Realität, die sich jeder organisch zusammenhängenden Darstellung entzogen zu haben scheint", schreibt Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen (11.4.2011). In Kimmigs Regie wirkten die Schauspieler "immer wie Transitreisende in einer abgeschlossenen, gar nicht bis spärlich möblierten Wartezone". Der Abend sei "wegen der famosen Dialoge und der vitalen Figurenzeichnung keinen Moment langweilig". Doch Irene Bazinger benennt auch kleine Defizite: Kimmig beweise zwar "viel Liebe für Judith Herzbergs Geschöpfe, doch mehr szenisches Temperament hätte nicht geschadet, um sie couragierter in Spiel- und Sprechlaune zu bringen."

Dieser Text lasse einen nicht los, meint Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (11.4.2011). Es gebe Sätze darin, "die man wie bei Tschechow kaum bemerkt, wenn sie fallen, und die vielleicht erst Tage später im Bewusstsein aufschlagen." Das Stück schwebe "ähnlich wie eine Biene über dem Geschehen, es zieht von Dialog zu Dialog, sammelt Nektar und trägt Pollen weiter". Und Seidler beschreibt die Ironie Herzbergs: Sie sei "behutsam, sie schafft keinen Abstand zum Thema, sondern sie weiß um die Unüberwindlichkeit dieses Abstandes, sie respektiert ihn und wendet sich nicht ab. Herzberg steht am Ufer des Unvorstellbaren, beschaut und befragt, was da angespült wird. Und wenn sie sich doch einmal hineinwagt, passt sie auf, dass sie den Boden unter den Füßen behält. Sie spürt den Sog, zeigt seine Kraft her und tritt wieder an Land." Regissuer Kimmig wiederum gebe "dem Text den Raum, der ihm gebührt. Und er nimmt ihn so behutsam, wie er geschrieben wurde."

Manchmal, "das ist selten geworden", bestehe das Theaterglück darin "dass alles, aber auch wirklich alles passt", schreibt ein hingerissener Jürgen Otten in der Frankfurter Rundschau (11.4.2011). Noch während ihres Tuns möchte er diesen Schauspielern am liebsten sagen, "wie wunderbar sie doch dieses Stück begreifen, wie sie es förmlich in sich aufsaugen und so zu ihrem Stück machen, jeder einzelne von ihnen und jeder auf seine Art". All die kleinen Geschichten würden "nicht direkt erzählt. Sie wohnen hinter dem", was auf der Bühne besprochen wird. Die "tragischen und tristen Geschichten" sickerten "durch ein winziges Rinnsal auf die Bühne" – der "Welten Lauf, des Lebens Lauf, des Schicksals Lauf, alles ist hier mit eingeschrieben". Das jüdische Schicksal stehe in Herzbergs Trilogie "für ein höheres Schicksal: das des Menschen. Jeder ist gut, jeder ist schlecht." Der Inszenierung gelinge es in allen drei Teilen, "das Schöne im Bitteren zu belassen, ein Lied auf das Leben zu singen, aber zugleich, das Bittere im Schönen zu verankern: so ist eben das Leben. Es ist schön. Es dauert. Und es geht zuende."

 
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