Fette Beute in Sicht

von Michael Wolf

6. Juni 2018. Theater muss unbedingt politisch sein. Warum, weiß ich auch nicht. Ist halt so. Wenn ein Theater es politisch richtig krachen lassen will, engagiert es Philipp Ruchs Zentrum für politische Schönheit. Wenn ein Theater es nur ein kleines bisschen krachen lassen will, lädt es Jean Peters' Peng-Kollektiv ein.

Elfriede for president

von Michael Wolf

24. April 2018. Vor kurzem ist mir aufgefallen, welche politische Entscheidung mein Leben am stärksten geprägt hat: das Dosenpfand. Ohne Jürgen Trittin käme ich nie auf die Idee, mein leeres Wegbier neben einen Mülleimer zu stellen, statt es hineinzuwerfen.

Kuscheln mit der Community

von Michael Wolf

21. März 2018. Meine erste Theatererfahrung hatte ich als dritter Hirte beim Krippenspiel. Ich war noch zu klein, mir den Text zu merken. Mein Part bestand darin, hin und wieder auf den Bauch eines Stofflamms zu drücken, woraufhin es "Mäh" machte. Die Kirchengemeinde liebte mich blasphemisch. Ich bekam mehr Applaus als Jesus.

Unbespielte Herzen

von Michael Wolf

6. Februar 2018. Man sieht es dem grimmigen Blick auf dem Foto nicht an, aber ich bin ein sentimentaler Typ. Meine schönsten Momente im Theater waren jene, in denen ich mich berühren ließ. Ich erinnere mich auch viele Jahre später noch genau: an den Ruf "Ich will leben" in einer der letzten Inszenierungen von Jürgen Gosch; an den hoffnungslosen Blicktausch am Schluss einer Ostermeier-Inszenierung, in dessen Verlauf sich ein Paar so verzweifelt liebte wie hasste; wie zärtlich und verwirrt ein Besucher die Haare einer SIGNA-Performerin streichelte ...

Fairness ist keine Kunst

von Michael Wolf

9. Januar 2018. Wenn Sie diesen Text lesen, kennen Sie Theater wahrscheinlich aus dem Parkett. Sie sind ein Zuschauer, kein Theatermacher. Die interessierten sich nämlich nicht besonders für Theater, sofern es nicht ihr eigenes ist. Unter erfolgreichen Regisseuren etwa gilt es als schick, die Inszenierungen ihrer Kollegen zu ignorieren. Wenn Theaterschaffende sich doch mal zusammentun, um grundsätzlich zu sprechen oder Forderungen zu formulieren, dann geht es ihnen nicht um das Theater, das Sie kennen: Die Kunst, also das auf der Bühne. Es geht ihnen um den Betrieb. So auch, als der Deutsche Bühnenverein die Schriftstellerin Sibylle Berg einlud, um sich von ihr die Leviten lesen zu lassen.

Ein stummer Schrei nach Liebe

von Michael Wolf

28. November 2017. Ein gefürchteter Journalist hat meinen Beruf folgendermaßen beschrieben: "Ein Kritiker ist ein Zeitungsmann, dessen Mädchen mit einem Schauspieler oder Regisseur durchgebrannt ist." Bei mir trifft das nicht zu. Bei mir war es ein Zimmermann. Bevor Sie fragen: Ich habe es ausprobiert, aber Türrahmen lassen sich nur schwer kritisieren.

Der kleine, dumme Zuschauer

von Michael Wolf

24. Oktober 2017. Im Journalismus gilt das Gebot, sich klar auszudrücken. Mindestanforderung an eine Kolumne ist zum Beispiel, dass die Leser nach der Lektüre verstanden haben, was drin stand. Gleiches gilt für Aufsätze in der Schule, für berufliche E-Mails und Post-Its am Kühlschrank. Nicht aber für das Theater. Sehr oft lese ich mir Beschreibungen von Inszenierungen durch und habe danach keine Ahnung, worum es konkret gehen soll. Der Vorschau-Text auf Internetseiten oder in Spielzeit-Heften hat eine eigenartige Rhetorik herausgebildet.