Gleichung ohne Unbekannte

von Michael Wolf

1. Juni 2021. "Wieder mal ein Mann!", schreibt Sabine im Kommentarthread unter der Meldung über den Gewinn des Hans-Gratzer-Stipendiums. Ein Offener Brief beklagt das Fehlen schwarzer Autoren auf der Longlist des Leipziger Buchpreises. Für den renommierten Turner-Preis sind in diesem Jahr ausschließlich Kollektive nominiert. Die Kulturstiftung des Bundes hat die Klimabilanz von Kulturinstitutionen berechnen lassen. Gut möglich, dass Förderungen in Zukunft an die Einhaltung von Emissionsgrenzen gebunden werden.

Die Pandemie kann Poesie

von Michael Wolf

13. April 2021. Ich habe beruflich und privat viel mit Sprache zu tun. Daher wurde ich hellhörig, als der CDU-Vorsitzende Armin Laschet kürzlich einen neuen Begriff zu prägen versuchte. Wann immer ein Mikrophon in der Nähe stand, forderte er einen "Brücken-Lockdown". Das Wort tönt etwas schief in meinen Ohren, ermöglicht eine Brücke doch Mobilität, anstatt sie einzuschränken. Zudem mag sie sich zwar absperren lassen, dann aber würde man eher von einem Brücken-Shutdown sprechen. Der Shutdown jedoch wurde, zu Anfang der Pandemie noch in aller Munde, vom Lockdown verdrängt, womöglich weil das Wort so hart klingt, an Schüsse erinnert. Die Brücke soll wohl Zuversicht und Verbindlichkeit transportieren, man denke an die "Berliner Luftbrücke".

Schriftsteller und Bittsteller

von Michael Wolf

2. März 2021. Zunächst eine Anekdote: Claus Peymann probte am Burgtheater Peter Handkes Stück "Die Fahrt im Einbaum", als er auf eine verhängnisvolle Regieanweisung stieß: Ein Huhn überquert rückwärts die Bühne. Peymann beauftragte also seinen damaligen Assistenten Philip Tiedemann damit, das Unmögliche zu schaffen, nämlich ein Huhn zu besorgen, das eben das kann: rückwärts laufen. Als Tiedemann ohne Huhn zurückkehrte, soll Peymann einen Tobsuchtsanfall bekommen und die Proben für zwei Tage unterbrochen haben. Zur Premiere gab es dann tatsächlich ein zumindest scheinbar rückwärts laufendes Huhn zu sehen, das mit langem Szenenapplaus bedacht worden sei. Peter Handke hatte diesen Auftritt als Letzter erwartet, das Huhn sei nur eine Metapher gewesen, erklärte er später. Sein Regisseur aber hatte ihn beim Wort genommen.

Macht die Türen zu!

von Michael Wolf

19. Januar 2021. Theater versteht und legitimiert sich gerne als offener Raum des Austauschs, der gesellschaftlichen Teilhabe und des demokratischen Miteinanders. Diese soziale Dimension des Theaters halte ich für völlig überschätzt, nur selten sage ich mehr als "Guten Abend" zu meinem Sitznachbarn. Auch die politische Wirksamkeit des Theaters zweifle ich an, mehr noch aber diese paradoxe Vorstellung eines offenen Raums. Denn muss so ein richtiger Raum nicht schon aus geometrischen Gründen begrenzt sein? Und wenn nicht, wie sieht ein offener Raum dann aus? Wie viele Wände müssen da eingerissen werden? Ist es nur die vierte Wand, oder sind es zwei, um Begegnungen von beiden Seiten zu ermöglichen? Oder, um niemanden auszuschließen, sogar gleich alle?

Vielleicht mal beten

von Michael Wolf

1. Dezember 2020. Vor kurzem habe ich "Gott" gesehen, die TV-Adaption des Stücks von Ferdinand von Schirach (am Theater uraufgeführt in Berlin und Düsseldorf). Ich halte den Film für solide Fernsehunterhaltung, gestört hat mich nur der Titel. Denn es geht hier natürlich kein bisschen um Gott, sondern um die Frage, wie man die Tatsache des Todes gesellschaftlich am besten managt. Folgerichtig ist der Text als Gerichtsdrama angelegt. Das ist das Erfolgsrezept des Autors. Schirach bricht die ganz großen Themen auf ihre juristische Ebene herunter, leitet einen so gleichsam an einem schützenden Geländer entlang immerhin in Sichtweite existenzieller Abgründe. Und das ganz ohne transzendenten Schwindel, jeder Zweifel erübrigt sich hier, sicher führen die Argumente zum Ziel, am Schluss einer 90-minütigen Erörterung ist die Antwort auf eine weitere Frage nach Sein oder Nichtsein auch schon wieder geklärt.

Oops, ein Dialog!

von Michael Wolf

20. Oktober 2020. In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Merkur beschreibt der Kunsthistoriker Jan von Brevern, wie die Gattungen verschwanden. Bis ins 19. Jahrhundert bildeten sie die alles entscheidenden Kategorien in der Bildenden Kunst, sie bestimmten Technik und Format ebenso wie den sozialen Verwendungszusammenhang und das Prestige der Werke.

Rohöl tropft von den Fingern

von Michael Wolf

23. Juni 2020. Am Wochenende habe ich den Bewerb um den Bachmannpreis verfolgt. Einer der (unprämierten) Texte lässt mich seither nicht los: Levin Westermanns "und dann". Es ist ein Klageruf, eine Aufzählung dessen, was der Erzähler von seinem Platz auf einem Rattanstuhl im Wintergarten aus beobachtet: eine Katze, deren Nachwuchs "human entfernt" wurde, ein eingesperrter Pfau, ein brennender Regenwald, ein namenloser Präsident in der Zeitung, der unschwer als Donald Trump zu erkennen ist: "seit 2015 stiehlt er die zeit / er schuldet mir: zeit".