Zuschauer ist kein Ausbildungsberuf

von Michael Wolf

3. Dezember 2019. "Kritiker sollten sich nicht zu sehr für Theater interessieren. Es schadet mehr, als dass es nützt." Ein erfolgreicher Kollege hat das einmal zu mir gesagt. Je länger ich als Kritiker arbeite, umso klüger finde ich diesen Rat. Natürlich muss ein Rezensent "Bescheid wissen", er braucht "Seherfahrung", er muss kontextualisieren und argumentieren können. Und doch ist er am Ende des Tages nur ein informierter Zuschauer, der Ihnen von seinem Erlebnis eines Theaterabends berichtet. Es ist nicht förderlich, wenn Kritiker zu stark die Perspektive der Produzenten einnehmen. Sie sollten nicht auf Premierenpartys über das Buffet herfallen. Und sie sollten auch nicht zu sehr vom Kunstwerk her denken, davon, was da oben ist oder sein könnte, sondern was unten im Saal ankommt. Mehr als dem Kunstwerk ist der Kritiker den Lesern, dem Publikum verpflichtet.

Spielmacher gesucht

von Michael Wolf

23. Oktober 2019. Es gibt viele Argumente gegen Adaptionen: Sie dienen als Publikumsköder, setzen nur auf Wiedererkennung eines prominenten Originals, versperren jungen Dramatikern den Zugang zu großen Bühnen und so weiter. All das stimmt, ist aber noch kein Grund, sie mittels einer Quote für Gegenwartsdramatik von den Bühnen zu verbannen, wie es die Lektoren des Fischer Theater Verlags kürzlich rührend hilflos in der FAZ vorschlugen. Anstatt ihr Produkt attraktiv zu bewerben, fordern sie die Einführung der Planwirtschaft, ein ästhetisches Argument gegen Adaptionen bleiben sie schuldig.

Seht her, ein Arschloch!

von Michael Wolf

24. September 2019. Bei manchen Theaterabenden ahne ich schon vor dem Besuch, dass ich sie für schwach befinden werde. Für diese Fälle habe ich eine Regel. Ich schreibe keine Kritiken über diese Inszenierungen und überlasse das lieber meinen Kollegen. Von meiner Zurückhaltung profitieren alle Beteiligten: die Künstler, die Leser, ich selbst.

Mehr Kunst wagen

von Michael Wolf

25. Juni 2019. Am letzten Donnerstag las ich kurz hintereinander zwei Interviews: René Pollesch sprach mit dem Freitag, Jens Harzer mit der Neuen Zürcher Zeitung. Beide sind sie gefeierte Theatermacher auf dem Höhepunkt ihres Ruhms, und doch könnte man meinen, sie wären in völlig anderen Branchen tätig. Polleschs Lieblingsvokabeln: "Arbeit", "Arbeitsweise", "Arbeitspraxis". Das Wort Kunst nimmt er nicht ein mal in den Mund. Jens Harzer hingegen nennt seinen verstorbenen Kollegen Gert Voss einen "Theatergott", spricht vom Spielen als "Nichteinverständniserklärung mit der Welt", von Verwandlung als einem "emanzipatorischen Akt", vom "Urgefühl Angst".

Der Kanon? Die Kanon? No Kanon!

von Michael Wolf

24. April 2019. Auf der Bühne haben sie zerfledderte Reclamhefte aufgebahrt. Requisiteure legen Blumenkränze vor ihnen nieder. Ihr süßer Duft klebt im Raum. Die Inspizientin läutet ein Glöckchen und der Intendant, gefolgt von pausbäckigen Hospitanten, zieht an den Klassikern vorbei und liest mit belegter Stimme die Titel vor. Mit jedem Namen blasen Bühnentechniker dichte Schwalle von Nebel über die Szene. Und – Horcht! – im Parkett schmettern die Dramaturgen ihr Glaubensbekenntnis.

Rechtschaffene Rituale

Von Michael Wolf

19. März 2019. Letzte Woche haben die Kulturminister der deutschen Bundesländer verkündet, dass sie das Grundgesetz weiterhin super finden. In einer Abschlusserklärung "bekennen" sie sich dazu, "die kulturelle Vielfalt einer freien und offenen und demokratischen Gesellschaft zum zentralen Maßstab ihrer Entscheidungen zu machen". Ich finde es gut, dass unsere Minister die freiheitlich demokratische Grundordnung nicht angreifen wollen, hätte dergleichen aber auch nicht erwartet. Woher rührt der Bekenntniszwang? Ich glaube, die Damen und Herren Kulturpolitiker bedienen einen Trend.

Böses Foul von Macbeth!

von Michael Wolf

19. Februar 2019. Auch Kritiker haben Vorbilder. Meine heißen aber nicht Alfred Kerr oder Gerhard Stadelmaier, sondern Sabine Töpperwien und Manni Breuckmann. Die beiden werden einige von Ihnen aus der legendären ARD-Schlusskonferenz der Fußball Bundesliga kennen. Als Kind hing ich jeden Samstag am Radio und hoffte auf ihren Ruf: "Tor in Dortmund!"