Kein Konsens, trotzdem gut

18. April 2023. Bislang ernteten identitätspolitische Positionen im Kulturbetrieb meist Zuspruch. Jetzt wendet sich das Blatt. Warum das eine begrüßenswerte Entwicklung ist.

Von Michael Wolf

18. April 2023. Der Essayist und Dichter Max Czollek veröffentlichte vor kurzem eine Generalkritik am Lyrik-Betrieb. Er hatte erfolglos am Wettbewerb um den Darmstädter Leonce-und-Lena-Preis teilgenommen und zeigte sich hernach entsetzt über die Auswahl der Nominierten, über die Diskussion und die Kriterien der Jury. Diese sei unwillig bis unfähig gewesen, der postmigrantischen, diversen Gegenwart Rechnung zu tragen. Mehr noch, sie habe es geschafft, "in knapp eineinhalb Tagen Themen wie Feminismus, Geflüchtete, Rechtsextremismus, Krieg, Machtverhältnisse oder andere Verweise auf Gegenwärtiges und Historisches nahezu vollständig zu vermeiden".

Soweit so erwartbar. Einlassungen dieser Art ist man von Czollek gewöhnt. Seit seinem Bestseller Desintegriert euch! tritt er regelmäßig mit identitätspolitisch motivierter Kritik an der deutschen Mehrheitsgesellschaft auf. Bemerkenswert sind zwei andere Punkte. Zunächst die erstaunlich harsche Gegenwehr.

Performativer Widerspruch

Der ukrainische, auf Deutsch schreibende Lyriker Yevgeniy Breyger fühlte sich von ihm gleich doppelt beleidigt: "einmal als Dichter und einmal als Jude". Czollek habe für seine in Darmstadt vorgetragenen Gedichte ersichtlich das "Thema Judentum" gewählt und für seine persönlichen Zwecke missbraucht. Er hantiere mit Wörtern wie Golem und Jericho, als habe er einmal „eine kostenlose Kneipentour in Prag zu Rabbi Löw mitgemacht und dort dies und das aufgeschnappt“.

Hendrik Jackson, ebenfalls Lyriker, warf Czolleks Debattenbeitrag in einer weiteren Replik vor allem dessen intellektuelle Dürftigkeit vor. Und eine der Jurorinnen, die Schriftstellerin Ulrike Draesner, bemerkte kühl: "Es entbehrt nicht des performativen Widerspruchs, ja, der Ironie, so als Frau mit rhetorischem Furor von einem Mann unter Herbeiziehung falscher 'Tatsachen' zur Korrektur (historischer) Gewalt aufgefordert zu werden." Man darf sich wundern. Bis vor ein paar Jahren wäre auf Czolleks Kritik wohl eine Trias aus Beifall für den Autor, Betroffenheit hinsichtlich der angesprochenen Missstände und Scham über die eigene Verstrickung in dieselben gefolgt. Etwas muss sich getan haben.

Der "Artivismus"-Vorwurf

Womit wir beim Theater wären, das Czollek als Gegenbeispiel für die seiner Ansicht nach antiquierten Zustände im Lyrik-Betrieb benannte. Auch das ist erstaunlich. Denn gerade jene Positionen, die Czollek in der Lyrik marginalisiert sieht, stehen auch im Theaterbetrieb regelmäßig zur Disposition. Julia Wissert hat sich in kurzer Zeit den Ruf eines Publikumsschrecks erarbeitet, in Zürich wies man Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg die Tür und die Süddeutsche Zeitung schoss jüngst gegen Barbara Mundel, die ihre Kammerspiele mit einem "Ansatz von Diversität, Inklusion und Artivismus" an die Wand fahre.

Keineswegs ist es also so, dass in der Theaterlandschaft postmigrantische oder identitätspolitische Programme ohne Weiteres goutiert würden. Im Gegenteil: Wenn ein Haus kriselt, war seine politische Verortung zuletzt sogar stets das erste Ziel der Kritik, wurde gar als Hauptgrund für dessen Niedergang benannt. Und das obwohl man in Kulturkreisen nichts so sehr fürchtet, wie als rechts oder konservativ verschrien zu werden – was in diesem Milieu beinahe auf das Gleiche herauskommt. Nun sehen sich stattdessen ausgerechnet jene, die sich ausdrücklich als progressiv verstehen, in eine Ecke gedrängt. Was ist da los?

Wokeness: ein Wendepunkt

In der lesenswerten Anthologie "Canceln – Ein notwendiger Streit" bietet Ijoma Mangold, Feuilletonist der Zeit, eine Erklärung an. Ihm zufolge steht dieser Wendepunkt in der politischen Auseinandersetzung mit dem Aufkommen des Begriffs "Woke" in Verbindung. Seit diese einen Namen hätten, seien sie erstmals angreifbar geworden. Wie Mangold schreibt, agierten identitätspolitisch engagierte Linke zuvor aus der Deckung heraus. Sie behaupteten zum Beispiel gerne, es gäbe gar keine Cancel Culture, und die so verunglimpften Einlassungen wären nichts anderes als zivilgesellschaftliches Engagement.

Mit diesem Versteckspiel ist nun Schluss, da Vertreter bestimmter Interessen und Träger spezifischer Gesinnungen als Woke identifiziert sind. Wenn sie sich von diesem Schmähwort verkannt fühlen, teilen sie nur das Schicksal all jener Personen, die zuvor von ihnen selbst als Rechte, als TERFs oder als alte weiße Männer disqualifiziert wurden. Mit Mangold ist damit nun wieder "Waffengleichheit" hergestellt.

Intellektuelle wie Max Czollek müssen nun versierter schreiben, denken und argumentieren, um mit ihren Positionen zu verfangen. Und Künstler und Intendanten wie Wissert, Stemann oder Mundel sind gefragt, sich künstlerisch zu steigern, um ihre politischen Botschaften transportieren zu können. Selbstverständlich unterliegen auch jene Akteure, die eher dem L'art pour l'art zuneigen, weiterhin der Beweispflicht, dass sie mit ihren Programmen den Anschluss an eine zutiefst politisierte Gesellschaft halten. Seien wir also zuversichtlich. Wenn schon kein Konsens zu erwarten ist, dann zumindest eine Erhöhung des Debattenniveaus.

 

Kolumne: Als ob!

Michael Wolf

Michael Wolf hat Medienwissenschaft und Literarisches Schreiben in Potsdam, Hildesheim und Wien studiert. Er ist freier Literatur- und Theaterkritiker und gehört seit 2016 der Redaktion von nachtkritik.de an. 

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Kommentare  
Kolumne Wolf: Erhöhung des Debattenniveaus
Was sind die von ihnen gewünschten Normen, Grenzen, Verbote und Zugeständnisse an Vielfalt oder Einheit betreffs Erhöhung des Debattenniveau?
Kolumne Wolf: Es geht um die Kunst
Interessanter Text! Der Autor trifft aus meiner Sicht den Punkt sehr gut - es geht um die Kunst. Schon in dem Beitrag in der Süddeutschen Zeitung war (anders als das zum Teil in der späteren Debatte dargestellt wurde) der Vorwurf ja nicht, dass politisches oder inklusives Theater gemacht wird, sondern dass das zu einseitig passiert und mit zu geringem künstlerischen Anspruch. Was jetzt Herr Wolf als Hoffnung ausdrückt, nämlich ein höheres Debattenniveau, das gilt dann auch für die künstlerische Darstellung. Am Anfang war es noch begeisternd, alte Sehgewohnheiten aufzubrechen, und sei es auf brachiale Weise (so zB durch Shermin Langhoff). Jetzt müssen die Künstler*innen mehr können, und so trennt sich die Spreu vom Weizen.
Kolumne Wolf: Problem löst sich
Nachhaltige Veränderungen vollziehen sich immer nur evolutionär. Dass wir heute über „Cancel-Culture“, „woke“, „Klassismus“, „politische Korrektheit“ und Genderfragen so emotional diskutieren (ich kann mich auch herrlich darüber amüsieren), das ist doch schon das Ergebnis einer längerfristigen Veränderung. Das Ausmaß der Kritik gibt paradoxerweise einen Hinweis darauf, dass das Problem sich löst. Und – siehe #2 Flavius – dass danach die Kunst wieder im Vordergrund steht.
Kolumne Wolf: Ästhetik der Begegnung
Ach je. Es planscht sich bestens im wohltemperierten Whirlpool der Bescheidwissensgewissheit.

Mangold ist super. Eh klar. Steht ja schon bei Wolfram Lotz.

Lässt sich aber daraus schliessen, dass „Intellektuelle (…) nun versierter schreiben, denken und argumentieren (müssen), um mit ihren Positionen zu verfangen“? Die Suche nach einem unique selling point ist ja noch nicht notwendigerweise intellektuell - und ist sie eine Position?

„Und Künstler und Intendanten (…) sind gefragt, sich künstlerisch zu steigern, um ihre politischen Botschaften transportieren zu können.“ Politische Botschaften transportieren? Echt? If I had a message I’d send it by the post, hat mal ein Kollege gesagt. Und „künstlerisch steigern“? Echt? Was soll das sein?

„L’Art pour l’art (muss) den Anschluss an eine zutiefst politisierte Gesellschaft halten“? Echt? Hat es je eine nicht „zutiefst politisierte Gesellschaft“ gegeben?

Da sich aber ohnehin immer alles nur „evolutionär“ verändere, beruhigt uns ein Intendant, löse sich das „Problem“ von selbst, so „dass danach die Kunst wieder im Vordergrund steht“. Da bin ich aber froh, dass die Kunst gleich wieder im Vordergrund steht.

Die CEOs der Telekom und von Palantir sind das übrigens auch. Die durften heute in der FAZ über die (hark hark!) „disruptive“ Kraft der Kunst schwadronieren, welche uns über die Brücke in die Zukunft führe. Mit Anselm Kiefer als Brückenwart.

Könnten wir uns vielleicht mal wieder in Richtung einer offenen Konfrontation der Interessen bewegen? Ohne vorher alles zu wissen? Frei nach Hölderlin : "Kommt, ins Offene, Freunde". Gab es ja schon öfter mal, im Laufe der letzten Jahrtausende.

Kommen wir möglicherweise wirklich mal zu einer Ästhetik der Begegnung? Schwer. Aber möglich. Doch doch. Bürger, eine Anstrengung noch.
Kolumne Wolf: Der Hut brennt
Woke oder nicht woke - das ist eigentlich gar nicht die Frage. Denn das Theater hat sich immer eine erfrischende, aber auch ernüchternde Klarheit und pragmatische Denkungsweise bewahrt. Und damit auch moralisch-ethische Flexibilität. So wie früher einst sehr linke Theaterleute irgendwann in den luxuriösen Tempeln theatraler Bürgerlichkeit landeten, gab es umgekehrt auch Ex-Nazis oder zumindest Mitläufer, die später Ikonen des linken Theaters wurden.
Was nun woke betrifft: Sobald diese - oder irgendeine andere - Ideologie dazu führt, dass sich Theater leeren und Intendanzen stürzen, wird erkennbar, dass hier auch ganze Karrieren und Lebensentwürfe gefährdet sind. Und schon steigt man vom toten Pferd und sattelt rasch ein neues. So konsequent sind Theaterleute.
Dabei wäre eine präzisere Auseinandersetzung mit dem Vorgefallenen hilfreich, um nicht in Zukunft in ähnliche Fallen zu tappen. Tatsache ist, dass auch die schönsten Ideologien der frömmsten Rechtgläubigen alleine leider noch kein gutes Theater ergeben. Und vielleicht sind ja Ideologien und Kunst überhaupt Antipoden. Vermute ich zumindest, aber in Deutschland wird oft anders gedacht.
Jedenfalls brennt der Hut. Zürich kann noch gerettet werden, aber München ist ein Desaster, und an dem ist nicht Mundel alleine schuld, das reicht schon länger zurück. Und leider ist es so, dass verlorenes Publikum sehr schwer zurückzugewinnen ist, weil es dabei um enttäuschtes Vertrauen geht.
Und was das viel beschworene "neue Publikum" angeht, dass angeblich durch gewisse Themen und Haltungen gewonnen oder durch quasi pädagogische herangezogen werden soll: Ich glaube, es gibt dieses "neue Publikum" nicht, weil es auch kein "altes Publikum" gibt. Es gibt immer nur Publikum. Das kommt und kauft Karten oder nicht. Wer sich sein Wunsch-Publikum schaffen möchte, wird scheitern, dieses Denken ist naiv und weltfremd - aber sehr verbreitet unter Ideologen, die mit solchen Ideen schon ganze Staaten ruiniert haben, nur weil ihnen die jeweilige Bevölkerung nicht gepasst hat. Und wahrlich, ich sage dir: Auch Theatern kann es so ergehen.
Kolumne Wolf: Da ist was dran
#4 - Gerhard Willert. - Tja, da ist nun wirklich was dran, was Gerhard Willert schreibt. Zumal das auch Spaß machte, seine Zeilen zu lesen.
Grüße aus der Hölderlin-Stadt
Kolumne Wolf: Textnachweis erwünscht
#4 - Lieber Gerhard Willert, ich wüsste nicht, wo bei Wolfram Lotz stehen sollte, dass Ijoma Mangold "super" sei. Ich kenne nur eine Stelle, die sich meines Erachtens über diesen lustig macht... Aber vielleicht kennen Sie da noch anderes? Oder meinten Sie das ironisch?
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