Eintritt des Ernstfalls

3. Oktober 2023. Politik im engeren Sinn galt unter Künstler*innen lange als uncool. Politisch sein wollten aber trotzdem alle. Spätestens mit Sibylle Bergs Kandidatur für die Europawahl zeigt sich: Lediglich eine Haltung zu haben, reicht nicht mehr. Auch für das politische Theater gelten nun neue Standards.

Von Michael Wolf

3. Oktober 2023. Die deutsche Satire-Partei mit dem eingängigen Namen DIE PARTEI landete in der letzten Woche einen kapitalen Coup. Schriftstellerin Sibylle Berg verkündete ihre Kandidatur für die kommende Europawahl. Wie immer, wenn die aus dem Umfeld des Magazins Titanic heraus gegründete Partei von sich reden macht, folgte die Kritik auf dem Fuße. Stellvertretend sei eine Leserin unter unserer Meldung zur Sache zitiert, die mahnte, Demokratie sei kein Spiel und solche Aktionen hülfen doch nur den Rechten. Eine Stimme für Frau Berg ist dieser Argumentation folgend eine verlorene Stimme, habe DIE PARTEI doch erklärtermaßen keine Absicht, tatsächlich Politik zu machen. 

Aber ist es wirklich von Bedeutung, ob eine Abgeordnete mehr oder weniger in Straßburg ihre erwartbare Rolle ausfüllt? Gerade indem Deutschlands Chef-Satiriker Martin Sonneborn, der seit 2014 im EU-Parlament sitzt, die Routinen immer wieder stört, macht er die Prozesse einer Institution transparent, die eine Menge Macht ausübt, über deren Verfahren aber nur wenige genauer Bescheid wissen.

Sibylle Berg nannte Sonneborns Einblicke im Interview mit der FAZ als entscheidenden Grund für ihr Engagement. "Ich habe durch seine Berichte, Kommentare und Reden mehr über Politik und die Arbeit der EU verstanden als durch die Lektüre aller Sachbücher, die ich gelesen habe." Die Chancen, tatsächlich gewählt zu werden, stehen für sie übrigens gar nicht schlecht.

Am Wendepunkt

Ihre Kandidatur ist jedoch nicht allein aus politischer, sondern auch aus ästhetischer Perspektive bemerkenswert. Sie markiert einen vorläufigen Höhepunkt in einem andauernden Wandel des Selbstverständnisses von Künstlern, die sich wieder für politische Institutionen zu interessieren beginnen.

Das war vor zehn, fünfzehn Jahren noch nicht erwartbar. Während sich die Reihen der sogenannten Flakhelfer-Generation lichteten, wagten nur wenige jüngere Intellektuelle den Gang in die Öffentlichkeit. Es sei an Juli Zeh erinnert, die sich unermüdlich in Debatten aufrieb, während das Gros ihrer Kohorte ab und zu mal einen Offenen Brief unterschrieb. Politik, insbesondere Parteipolitik, galt als uncool.

Politische Literatur, Kunst und insbesondere politisches Theater gab es derweil natürlich weiterhin. Allerdings wurde sie, spätestens seit Christoph Schlingensiefs Tod, meist als reichlich akademische Disziplin betrieben. Ungezählt sind die Inszenierungen, in denen Faust als Sexist gebrandmarkt, Donald Trump mit einem Schurken bei Shakespeare verglichen oder die Hybris antiker Figuren in Verbindung zum Klimawandel gebracht wurde.

Solche Arbeiten mögen dem kümmerlichen Rest des Bildungsbürgertums zu denken geben, und mitunter gibt es sogar große Kunst zu bestaunen, doch fällt ihr diffuser Politikbegriff aus der Zeit. Politisches Theater ist hier nicht mehr als eine rhetorische Übung. Metaphern und Personifikationen ersetzen die konkrete Beschreibung der Verhältnisse. So als gäbe es nur Kunst und gar keine Wirklichkeit oder als lohnte ihre Erkundung nicht, als wäre es nicht möglich, konkrete Handlungen von konkreten Personen zu zeigen, als wäre Politik etwas, das einfach passiert.

Vor allem in der Literatur, aber auch im Theater ist nunmehr eine Veränderung zu bemerken. Man erkennt sie unter anderem am Rückzug der Postdramatik. Die Zeiten sind zu schwierig, um all die Autorinnen und Autoren noch ernst zu nehmen, die ihre tiefe Besorgnis und ihren rebellischen Gestus vor sich hertragen, um sodann selbstgenügsam eine hermetische Textfläche auf die Bühne zu zimmern.

Abkehr vom Schnellschuss

Mittlerweile erzählen immer mehr Schriftsteller und Theatermacher von jenen Räumen, in denen tatsächlich Politik gemacht, in denen Recht gesetzt, gesprochen und angewendet wird. Nur ein paar Beispiele: Robert Menasse verfasst Bestseller über die EU-Bürokratie, Kathrin Röggla hat für ihren jüngsten Roman den NSU-Prozess begleitet, Suzie Millers an juristischen Verfahren geschultes Stück Prima Facie erobert gerade die Spielpläne und Milo Raus Schepenese-Aktion dürfte bei Schweizer Diplomaten zu erhöhtem Pulsschlag geführt haben.

Über die künstlerische Güte mag man unterschiedlicher Ansicht sein, erfreulich ist jedoch das Interesse an Institutionen, daran, wie Gesellschaften und Staaten organisiert werden, wie Macht in ihnen verteilt wird. Diese Arbeiten begeben sich tatsächlich ins Feld des Politischen, anstatt nur von außen seine Ergebnisse zu beklagen.

Das ist mühselig, das ist ein langer Marsch. Er erfordert jede Menge Recherche, und für viele wohl noch schmerzlicher: eine Abkehr vom Schnellschuss, von der raschen Antwort. Eine Haltung allein genügt nicht mehr. Wem an der Veränderung des Status Quo wirklich gelegen ist, sollte zunächst zur Darstellung bringen können, wie dieser überhaupt verfasst ist.

Natürlich gilt weiterhin, dass Theater nicht politisch sein muss. Wenn es das aber will, hat es sich an diesen neuen Standards zu messen. Sibylle Bergs Kandidatur lässt sich insofern auch als künstlerische Weiterentwicklung verstehen. Wird sie tatsächlich gewählt, darf man auf ihr bislang spannendstes Werk hoffen.

Kolumne: Als ob!

Michael Wolf

Michael Wolf hat Medienwissenschaft und Literarisches Schreiben in Potsdam, Hildesheim und Wien studiert. Er ist freier Literatur- und Theaterkritiker und gehört seit 2016 der Redaktion von nachtkritik.de an. 

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Kommentare  
Kolumne Wolf: Zittern vor dem Hopfen
Lieber Michael Wolf, vielen Dank für den guten Rundumblick.

Manchmal gehen ja Sachen aus der "Provinz" in Berlin ungesehen vorbei. Ich als Biertrinkerin erster Stunde möchte auf die Aktionen der "Deutschen Biertrinkerinnen* Union" (DBU) um die Wahl der Rostocker Oberbürgermeisterin 2022 hinweisen. Von der Theatergruppe glanz&krawall ins Leben gerufen am Volkstheater Rostock. Es sorgte für ordentlich Tumult im Wahlkampf. Darüber schreibt u.a. Erik Zielke im nd: https://www.nd-aktuell.de/artikel/1167786.deutsche-biertrinkerinnen-union-zittern-vor-dem-hopfen.html
Kolumne Wolf: Machtverhältnisse
Jo, kann man alles unterschreiben - nur blöd für AutorInnen, die sich (schon vor Jahren) für die Machtverhältnisse in den Institutionen auch des Literatur- und Theaterbetriebes so interessiert haben, dass diese ebenfalls in ihre Arbeiten eingeflossen sind und ablesbar waren/sind...
Kolumne Wolf: Satire?
Michael Wolf als Satiriker! Ungewohnt.
Kolumne Wolf: Ansprüche
Haben Sie erkannt, dass sich selbst PolitikerInnen, trotz Machtfülle als MinisterInnen, erfolglos an ihren eigenen Ansprüchen im Amt, so wie im Parlament abarbeiten?! Falls ja! Was glauben Sie erst was dort mit KünstlerInnen geschehen wird?
Kolumne Wolf: Paradigmenwechsel
Ich äußere mich zu dem Artikel aus einer Doppelperspektive, sowohl als Kulturschaffender als auch als jemand - das schicke ich der Kontroversität wegen voraus - der seit etlichen Jahren kulturpolitisch und kommunalpolitisch für die AfD tätig ist. Sonneborn hatte schon bei der letzten EU-Wahl versucht, mit dem Komiker Semsrott einen PR-Gag zu landen. Gefloppt. Dasselbe nun mit Berg zu versuchen ist "Depressionstheater 2.0". Meine Erfahrung ist, dass echte politische Arbeit einen Sachverstand, eine Frustrationstoleranz, Resilienz und ein Durchhaltevermögen in trockenen Verwaltungsvorgängen erfordert, das viele Künstler vom Naturell nicht mitbringen. Das politische Theater der letzten Jahre war wohlfeil. Es hat, von Subventionen begünstigt, nur die offenen Türen des woken Zeitgeistes eingerannt. Es hat vermeintlich "Mut" inszeniert, wo der wahre Mut im Aufbegehren gegen die soziale Erwünschtheit bestanden hätte. Es hat sich geschmückt mit dem "Glitzer" und den "Vielen" der eigenen Blase und lächerlich oft offene Briefe und Onlinepetitionen lanciert. Das woke Theater zeigt sich aufgeplustert und mit dicken Backen, liefert aber lediglich Opportunismus. Ja, es braucht einen Perspektiven- und Paradigmenwechsel, aber weg vom linken Mainstream der Bühnenszene. Ja, es ist aus historischer Sicht wichtig, dass die Vorgänge um den NSU dramatisch verarbeitet wurden. Eine dramatische Befassung wäre aber auch ethisch angebracht für die Schicksale der Frauen, die in den letzten Jahren Mord- oder Mißbrauchsopfer von teils ausreisepflichtigen Migranten geworden sind. Der letzte Satz ist kein Whataboutism, der Opfer gegen Opfer aufrechnet. Es ist ein Hinweis darauf, dass postdramatischer Moralismus und Kunst nicht gut zusammengehen. Manche Bühnen solidarisieren sich mit BIPOCs aber nicht mit migrantischen Frauen in Frauenhäusern oder mit seelisch ausgebrannten Flüchtlingsbetreuern und Jobcenter-Angestellten. Die Linke wollte noch nie die fatalen Folgen ihres eigenen Handelns wahrhaben. Warum glauben manche Künstler, sie würden zeitgemäße Narrative liefern, wenn sie in Wahrheit nur ein Reenactment der 1920er Jahre darstellen. (Achtung, das ist jetzt 100! Jahre her). Bitte nicht mehr die Wiederkehr der Tragödie als Farce. Nicht mehr Klischees von Klischees. Verkauft das Publikum doch nicht mit Abziehbildern für dumm! Die gesellschaftliche Wirklichkeit ist heute eine völlig andere; es führt auf ein falsches Gleis, wenn man meint, man müsse liebgewordene linke Lebenslügen perpetuieren. Neue Standards? Ja. Zum Beispiel eine ethische Haltung, die ein Gegenwartsgeschehen in seinen Kontexten abzuwägen weiß. Die bei der Reduktion von Komplexität nicht in Einseitigkeit verfällt. Eine Theaterkunst, die von der Ästhetik her denkt und nicht vom Parteibuch her.
Kolumne Wolf: Disqualifiziert
Lieber Zweifler,
Völlig legitim das Theater für seine politische Engstirnigkeit und woke Selbstgenügsamkeit zu bemängeln. Das Märchen vom Messermordenden Migranten rauszuholen enttarnt Sie dann leider aber doch eindeutig als rechten (und offen rassistischen) Populisten. Für ethische Belehrungen haben Sie sich damit klar selbst disqualifiziert.
Kolumne Wolf: Ad-personam Labels
@6: Das mag Ihre Meinung sein, aber inhaltlich gehaltvoller, weil ein Gespräch eröffnend und nicht verschließend, ist Beitrag #5 allemal als Ihre Enttarnung. Meine Meinung. -- Denn ich bezweifle, ob die Ad-personam Labels "Populismus" und "rechts" helfen, die Debatte in der Sache voranzubringen. Es ist Ihnen naturgemäß unbenommen, das so einzuordnen.
Kolumne Wolf: Belanglos
Jede noch so kleine Minderheit muss auf der Bühne Gehör finden, aber die Wirklichkeit außerhalb des Theaters sieht schon lange ganz anders aus.
Haben Sie schon mal ein Stück darüber gesehen welches wenigstens ansatzweise versucht AFD-Wähler (über die Wahlprognosen möchte ich gar nicht sprechen) ernst zu nehmen ? Es sind Menschen und mögen Ihre Ansichten uns noch so fremd und absurd scheinen, aber sie haben ein Recht auf freie Meinungsäußerung (auch wenn diese uns in der Magengrube liegen) und dieser Diskussion muss sich endlich auch das Theater in aller Offenheit stellen und nicht nur bequeme Gutmenschenantworten liefern.
Wer soll bitte entscheiden wer ins Land darf oder nicht ? Die Politik ? Da die Welt eben nicht aus Demokraten besteht wird es weiterhin eine riesengroße Fluchtbewegung nach Europa geben. Sind wir wirklich alle bereit alles zu teilen ?
Oder ist dies einfach ein nichterfüllbarer Wunschtraum und was ist die Konsequenz daraus ?
Fluchtursachen bekämpfen... Tunesiens Kai Saied (ein Diktator vor dem Herrn) lehnt EU-Gelder ab....
Und hier bringt mich eine Sybille Berg oder Martin Sonneborns Satirikerpartei mit intellektueller Ironie leider überhaupt nicht weiter, sondern sind nur noch belanglos, vom Theater ganz zu schweigen.
Kolumne Wolf: Fragen
Sehr geehrter Zweifler,
um mal von ihren parteipolitisch gefärbten Wünschen an das moderne Theater wieder zum Thema zurückzukommen:
Woher wollen Sie wissen, dass Frau Berg nicht über Sachverstand, Frustrationstoleranz, Resilienz und Durchhaltevermögen in trockenen Verwaltungsvorgängen verfügt?
Und haben Sie schon mal ein Stück von Frau Berg gesehen? Das ist oft alles andere als „Depressionstheater 2.0“ und kann sogar äußerst unterhaltsam sein, ich empfehle aktuell UND SICHER IST MIT MIR DIE WELT VERSCHWUNDEN. Da geht es, grob gesagt, um unser Gesundheitssystem – vielleicht wäre das was für Sie?
Läuft im Oktober und November im Gorki (falls Sie sich da hintrauen).
Kolumne Wolf: Frustrationstolerante AfD-Kultur?
Hallo Zweifler,
wenn Sie selbst „seit etlichen Jahren kulturpolitisch und kommunalpolitisch für die AfD tätig“ sind - welche Art von Kultur schaffen Sie denn? Und wenn die AfD demnächst mit über 30% gewählt werden wird - meinen Sie dann tatsächlich, dass Sie als Rechter eine oppositionelle Position vertreten? Und linke Positionen, denen Sie hier in mathematisch sehr, sehr eigenartiger Logik "Opportunismus" vorwerfen, sollen einen Meinungsmainstream abbilden? Ich wüsste gern, wo. Sie selbst und einige andere Kommentare hier zeigen ja im Gegenteil, dass rechte Ansichten (weiterhin) in Deutschland auf eine breite Basis treffen, AUCH unter Kulturschaffenden wie Sie sich als einer bezeichnen.
Vielleicht überlegen Sie sich mal eine wirklich differenzierte, wie von Ihnen gefordert Klischees vermeidende Theaterarbeit zur Frage, wer eigentlich entscheidet, wann ein Mensch ein Mensch ist und wann ein „ausreisepflichtiger Migrant“, der im Gegensatz zu denen, die zufällig mit dem richtigen Pass zur richtigen Zeit am richtigen Ort geboren wurden, gern ertrinken, erfrieren, verhungern, erschossen, gefoltert etc. werden darf? Spannende ästhetische Fragen tun sich hier auf. Und dann diese tollen historischen Bezüge! Es gab ja mal Zeiten, in denen noch öffentlich verbrannt, geköpft und gehängt werden durfte - wahres Theater! Und dafür nun nur noch „neue Narrative“, wie von Ihnen gefordert, und dann schnell Geschichte vergessen, „100 Jahre her!“ und so, gähn. - Oder Sie überlegen sich eine große, mit "Mut im Aufbegehren gegen die soziale Erwünschtheit" glänzende Revue zur Frage, warum es eigentlich so viele „seelisch ausgebrannten Flüchtlingsbetreuer“ gibt? Tatsächlich eine sehr, sehr wichtige Frage - und da wäre es hochspannend zu sehen, ob Sie es tatsächlich schaffen, den Geflüchteten die Schuld für das Ausgebranntsein der Menschen zu geben, die sich professionell für sie einzusetzen versuchen, aber an den wirklich unglaublich miesen Arbeitsbedingungen leiden, die politisch sehr leicht zu verbessern wären? Wahrscheinlich schaffen Sie das sogar, so locker und „kreativ“ ist Ihr Umgang mit Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen - liegt vielleicht auch an Ihrem „Naturell“ als Kulturschaffender? (Alle Zitate sind Ihrem Beitrag #5 entnommen.)
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