Johanna von Orléans - Staatstheater Darmstadt

Eisverkäuferin und Kriegerin

von Grete Götze

Darmstadt, 23. Oktober 2020. Haben sich die Zeiten schon geändert, wenn die eigene vierjährige Tochter nicht mehr nur Eisverkäuferin, sondern auch Kriegerin werden möchte? Claudia Bossard findet darauf am Staatstheater Darmstadt eine vieldeutige Antwort. Die Schweizer Regisseurin hat sich den Mythos der Jungfrau von Orléans vorgenommen, jener Nationalheldin, die im hundertjährigen Krieg Frankreich von den eingefallenen Engländern befreite und schließlich selbst auf dem Scheiterhaufen landete. In Friedrich Schillers Bearbeitung des Mythos fühlt sie sich von Gott zum Kampf berufen. Er ist es auch, der sie von ihren Ketten befreit, so dass sie noch eine letzte Schlacht für Frankreich gewinnt, bevor sie verwundet, aber selig stirbt.

2666 - Claudia Bossard inszeniert in Darmstadt den Roman von Roberto Bolaño

Der Zufall als Freiheit

von Harald Raab

Darmstadt, 7. Oktober 2018. Darmstadt schlägt Berlin. Vor vier Jahren inszenierte Àlex Rigola an der Berliner Schaubühne die deutschsprachige Erstaufführung des über 1000-seitigen Romans "2666" von Roberto Bolaño – und brauchte viereinhalb Stunden. An den Kammerspielen des Staatstheaters Darmstadt hat Claudia Bossard jetzt nur zwei benötigt. Ihr Erfolgsrezept: Sie verzichtet auf eine sklavische Folge des literarischen Narrativs, nimmt freizügig Textpassagen, montiert sie neu und komponiert daraus eine eigene, sehr dichte Bühnengeschichte mit autonomem Rhythmus.

Sieg Gottes - Eine deutsch-afghanische Migrationsgeschichte erzählen in Darmstadt Katharina Raffalt, Hassan Siami und Moritz Schönecker

Vom Weggehen und Nichtankommen

von Shirin Sojitrawalla

Darmstadt, 16. März 2018. Splitternde Lebensläufe geben diesem Stück seine Struktur und dem Abend seine Form. Um eine Geschichte von heute zu erzählen, führten Katharina Raffalt, Hassan Siami und Moritz Schönecker viele Interviews mit Exilanten und formten daraus Nasrullahs Geschichte. In den 50er Jahren in Afghanistan geboren, verschlägt es ihn später nach Europa. Während der sowjetischen Besatzung kämpft er für die Mudschaheddin. Über Iran, die Türkei und Griechenland findet er seinen Weg nach Deutschland. Nasrullahs Leben, Leiden und Drogenkarriere verfolgt das Stück, erzählt vom Weggehen und Nichtankommen und davon, dass niemand mir nichts, dir nichts sein Zuhause verlässt. Nasrullahs Geschichte kennt keinen Anfang, kein Ende und sprengt die Ordnung von Zeit, Raum und Handlung in die Luft. Als Zuschauer*in weiß man nicht immer, wo man sich gerade befindet und was eigentlich geschieht.

Faust 1 - In Darmstadt von Bettina Bruinier in die Großraumdisko versetzt

Feeling Good

von Alexander Jürgs

Darmstadt, 8. Oktober 2016. "Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust", ist einer der meistzitierten Sätze aus Goethes "Faust". In Darmstadt, wo Bettina Bruinier das Stück Weltliteratur im Kleinen Haus inszeniert, gibt es gleich zwei Fausts. Samuel Koch, der schmale Mann in seinem Rollstuhl, ist der eine, Christian Klischat, im Vergleich: ein Koloss, der andere. Gerade am Anfang wirken sie wie Antipoden. Kochs Faust ist schlaff, apathisch. Er ist der Typ, der sein Leben verflucht, der einen neuen Kick herbeisehnt, aber noch nicht so recht weiß, ob er sich darauf überhaupt einlassen will. Klischats Faust dagegen ist agil, seine Stimme bebt und brummt, er gibt sich angriffslustig. Wenn er die wuchtigen Baumstümpfe, die auf der ansonsten kargen Bühne stehen, umstößt, dann fallen dabei auch die buntgekleideten Menschen vom Bürgerchor gleich reihenweise mit um.

Der Chinese - In Darmstadt inszeniert Andrea Thiesen die Uraufführung von Benjamin Lauterbachs Kleinfamiliendystopie

Die Harmoniesuppe ist alle

von Grete Götze

Darmstadt, 15. November 2012. Es darf gelacht werden!, hieß es an dieser Stelle 2011 anlässlich des Berliner Stückemarktes. Gemeint war damit unter anderem Tilmann Köhlers szenische Einrichtung von Benjamin Lauterbachs Stück "Der Chinese". Lauterbach zeichnet satirisch ein Deutschland der Zukunft ohne Ausländer, in der die Werte Familie, Natur und Gesundheit jedes sinnvolle Leben konterkarieren. In die heile Welt einer Kleinfamilie bricht der von der chinesischen Regierung entsandte Herr Ting ein, um vom deutschen Glück zu lernen. Und die Gesellschaftsfarce kann beginnen. Die Berliner Zuschauer hat es amüsiert.