Georgischer Alptraum

11. Februar 2025. Ende vergangenen Jahres kam die Partei "Georgischer Traum" auf dem Weg mutmaßlich gefälschter Wahlen in Georgien an die Regierung. Seitdem verfolgt sie einen extrem prorussischen und radikal antieuropäischen Kurs. Das löste landesweite Massenunruhen aus. An vorderster Front kämpfen die Theater. Ein Bericht.

Von Data Tavadze

Tblisi: Das Rustaveli-National-Theater im Tränengasnebel © Mariam Nikuradze

11. Februar 2025. Seit mehr als drei Monaten ist Georgien inzwischen Schauplatz erbitterten Widerstands. In Städten, Bezirken, Straßen, Universitäten und Theatern haben Zehntausende gegen den russischen Oligarchen Bidsina Iwanischwili und das autoritäre wie faschistische Vorgehen seiner Regierung mobilisiert.

Am Anfang stand die Weigerung, die Ergebnisse der manipulierten Wahlen vom 26. Oktober 2024 anzuerkennen. Bereits einen Monat später war diesen manipulierten Wahlen eine Ankündigung des De-facto-Premierministers der Partei "Georgischer Traum" gefolgt, die europäische Integration des Landes und die Verhandlungen mit der EU über den Beitrittsprozess bis 2028 auszusetzen. Darauf folgten Massenproteste, die bis heute anhalten. Das georgische Theater steht dabei an vorderster Front.

"Hier zieht der Sturm der Menschen auf!" – Dieser Sprechchor ist die hartnäckige Signatur unseres Widerstandes. Dieser Widerstand, der in der Forderung nach Demokratie, Freiheit und europäischer Integration wurzelt, hat öffentliche Plätze in Arenen bürgerlichen Engagements und künstlerischen Ausdrucks verwandelt. In dem Maß, in dem die Repression der Staatsgewalt weiter eskaliert, wächst auch die Entschlossenheit derjenigen, die für die Zukunft ihres Landes kämpfen. Die Polizei hat darauf mit Brutalität, Massenverhaftungen und Misshandlungen von Verhafteten reagiert.

Es wurden autoritäre Gesetze erlassen, die etwa das Tragen von Masken bei Demonstrationen verbieten, Straßenblockaden untersagen und das abschreckende Konzept der Verhaftung von Personen aufgrund sogenannter "potenzieller Straftaten" einführten. Dies gibt den Sicherheitskräften die kaum kontrollierbare Befugnis, Demonstrierende zu verhaften, bevor sie überhaupt demonstrieren können. Doch trotz dieser drakonischen Maßnahmen hält die Protestbewegung an.

Es vergeht kein Tag, an dem der Rustaveli Boulevard, Tblisis Prachtstraße, nicht blockiert wird. Bereits in der Neujahrsnacht hatten die Menschen hier eine kilometerlange Tafel aufgestellt, um gemeinsam zu essen und sich gegenseitig zu ermutigen: in der Hoffnung, dass das neue Jahr mit dem Sieg der Menschen über die Diktatur beginnen würde.

Zehntausende demonstrieren am 28. November 2024 vor dem georgischen Parlament – Bild: Videostill

Je stärker das Regime durchzugreifen versucht, desto unbeirrter bereiten sich die Demonstrierenden auf die nächste Phase des Kampfes vor – auf den "zweiten Akt" –, desto entschlossener sind sie, dafür zu sorgen, dass der Geist des Widerstands nicht an Kraft verliert. Das Theater des Widerstandes wurde errichtet, und die Welt kann jetzt sehen, wie die Menschen in Georgien erneut die Bühne betreten und Neuwahlen sowie die sofortige Freilassung aller unrechtmäßig Verhafteten fordern.

Georgien, wir kommen! Halte durch!

Einen Monat lang standen wir nach den Wahlen unter Schock und waren wie betäubt vor Enttäuschung über die gefälschten Wahlergebnisse. Wir versammelten uns vor der Staatlichen Universität Tblisi oder der Staatlichen Universität in Batumi. Zunächst waren wir nur wenige, und es waren hauptsächlich Studierende, die die Demonstrationen anführten. Wir schliefen in Zelten, die die Straßen blockierten, während die Polizei gelegentlich auf Mitdemonstrierende einschlug oder einige von ihnen festnahm.

Eines der schockierendsten Bilder jener Tage für mich war, als ich Polizeikräfte aus dem Gebäude der Staatlichen Universität Tblisi kommen sah. Ich dachte mir: Hier wird der Zustand der georgischen Kultur unter dieser Regierung kenntlich! – Die älteste und größte Universität des Landes, das Symbol des Widerstands gegen den russischen Imperialismus, mit ihren Studenten oder Professoren, die dafür bekannt sind, dass sie stets das Epizentrum jeder großen historischen Veränderung im Land waren: mit ihrer langen Tradition der Erforschung der georgischen Geschichte und des Kampfes um die Bewahrung der georgischen Sprache unter russischer Herrschaft. Nun war der Garten dieser Universität von bewaffneten Kräften besetzt worden, die eine prorussische Regierung unterstützen und sich gegen die jungen Menschen stellten, die dort studieren.

Man hat ja erst einmal die Hoffnung, dass jede Universität zuerst Zufluchtsort für Studierende ist, die für ihre Rechte kämpfen, ja, eine primäre Beschützerin ihrer Rede- und Gedankenfreiheit. Doch hier war sie nun zum Ort physischer Gefahr geworden. Die Studierenden suchten und fanden hier nun weder Zuflucht noch Schutz. Stattdessen flohen sie, gejagt von der Polizei...

Verletzte Zukunft, verzweifelte Wut

Inmitten dieser ganzen Frustration war der einzige Hoffnungsschimmer stets Georgiens Aussicht auf eine europäische Integration. Dann aber zerstörte der so genannte Premierminister diese ohnehin nur sehr zarte Hoffnung, als er den Abbruch der Verhandlungen mit der EU über den Beitrittsprozess ankündigte.

Am Abend des 28. November 2024 versammelten sich daraufhin die Menschen zu einer unangekündigten Demonstration. Fast schien es, als ob die Geschichte selbst sie dazu aufgerufen hätte, an diesem heiligen Ort zu demonstrieren – direkt vor dem Parlament auf dem Rustaveli Boulevard, das schon immer der Schauplatz aller wichtigen Veränderungen im Lande war.

Silvester 2024: An einer mehrere Kilometer langen roten Tafel feiern und demonstrieren die Bürger Tblisis für ein freies neues Jahr © Ez Gaber

An diesem Abend fühlte sich die Zukunft des Landes verletzt und blutig an. Eine Menschenmenge versammelte sich in stiller Erwartung, dass etwas Schreckliches geschehen könnte. Niemand sprach. Hunderttausende standen in tiefem Schweigen, erfüllt von Wut. Das einzige Geräusch, das zu hören war, war das verzweifelte Hämmern von Demonstrierenden aller Alters- und Berufsgruppen auf die Polizeibarrikaden. Menschen aus allen sozialen Schichten – unbekannte und bekannte Gesichter, Studierende, Rentnerinnen und Rentner –, sie alle standen zusammen und erzeugten diesen durchdringenden Rhythmus, der einem stundenlangen Trauerritual glich.

Einen Monat lang hatten wir nach Worten gesucht, um unsere Unzufriedenheit auszudrücken, und hier waren sie nun: dieses Hämmern waren unsere Worte.

Keine Mauern mehr! Keine Eisernen Vorhänge! Jetzt kommen die Menschen! ... und mit ihnen kamen die Sonderpolizeikräfte, die zwanzig Tage lang hart und brutal gegen die Demonstrationen vorgingen – wieder mit unrechtmäßigen Festnahmen, Verhaftungen und gewaltsamen Übergriffen auf Zivilist*innen und Journalist*innen bei der Arbeit.

Überlebende und Menschenrechtsorganisationen haben inzwischen von Hunderten von Fällen von Folter und zahlreichen Vorfällen sexueller Übergriffe im Rahmen des Polizeigewahrsams berichtet. Bislang wurde kein einziger Vollzugsbeamter wegen unverhältnismäßiger Gewalt gegen Demonstrierende oder Journalist*innen bestraft.

Theater als Schutzschild 

Schon im Frühjahr 2024 hatte es einen Vorstoß für ein umstrittenes Gesetzesvorhaben im Stile des Kremls gegeben: das "Gesetz über ausländische Agenten", das von vielen als "russisches Gesetz" bezeichnet wurde. Dieser Versuch, die Zivilgesellschaft zu untergraben, stellte bereits in der Vergangenheit eine erhebliche Gefahr für Georgiens Bestrebungen in Sachen europäische Integration dar. Nachdem das gleiche Gesetzesvorhaben 2023 aufgrund eines breiten öffentlichen Aufschreis und internationaler Verurteilung schon einmal zurückgenommen werden musste, versuchte die Regierung des "Georgischen Traums" nun, es im Paket mit einer weiteren repressiven Maßnahme durchzusetzen: einem sogenannten "Anti-LGBTQ+-Propaganda-Gesetz".

Während die meisten georgischen Staatstheater unter strenger Kontrolle des Regimes arbeiteten und künstlerische Leiter ernannt wurden, die sich der staatlichen Propaganda verpflichtet fühlten, leisteten viele Schauspieler*innen mutig Widerstand. Die besonders lebendige Theaterszene Georgiens und ihre Künstler*innen entwickelten sich bei den anhaltenden Protesten zu einer starken Kraft. Im Laufe des Frühjahrs begannen viele von ihnen, aus Protest nach den Vorstellungen nicht mehr zum Applaus vor den Vorhang zu treten. Stattdessen solidarisierten sie sich mit ihrem Publikum und dessen Aufbegehren gegen die Zensur und die faschistische Rhetorik der Regierung.

Ich erinnere mich noch sehr lebhaft an den Tag, an dem die Theatersäle mit Zuschauer*innen gefüllt waren – alle in georgische und EU-Flaggen gehüllt. Sie warteten darauf, dass sich die Schauspieler*innen ihrem Protest anschließen würden, und das geschah dann auch: Die Schauspieler*innen bildeten eine Barriere zwischen Polizei und Publikum. "Theater als Schutzschild der Menschen", sagte einer von uns.

Am Abend des 28. November wurde in vielen Theatern wieder einmal dazu aufgerufen, nach der Vorstellung nicht zum Applaus vor den Vorhang zu treten. Stattdessen luden die Schauspieler*innen das Publikum ein, sich ihnen bei einem Marsch zum Rustaveli Boulevard anzuschließen. Dies war der letzte Tag, an dem die Schauspieler*innen auf der Bühne standen. Es folgte eine unglaubliche Szene: In ihren Kostümen und mit Maske und Makeup der Figuren, die sie gerade noch gespielt hatten, ging das Ensemble nun direkt von der Bühne auf die Straße – an der Seite des Publikums – und stellte sich entschlossen Wasserwerfern und Tränengas entgegen.

Repressionen, willkürliche Verhaftungen, Gewalt

Die gewaltsame Repression gegen friedlich Demonstrierende hat sich dramatisch verschärft. Etwa 300 von ihnen wurden von der Polizei verprügelt und misshandelt. Allein in den ersten zwei Wochen des Jahres 2025 wurden in Tblisi über 500 Personen festgenommen. Künstler*innen und Journalist*innen zählten dabei zu den Hauptangriffszielen des Regimes. Journalist*innen wurden bei der Ausübung ihrer Arbeit auf brutalste Weise angegriffen. Auf diesem Weg sollen die Stimmen derjenigen, die mutig genug sind, für Wahrheit und Meinungsfreiheit einzutreten, zum Schweigen gebracht werden.

 

Die Liste der Kolleg*innen, denen Unrecht widerfährt, wird immer länger:

1. Andro Chichinadze – Ein Theater- und Filmschauspieler, der immer noch unrechtmäßig inhaftiert ist. Wegen "organisierter Gruppengewalt" droht ihm eine Haftstrafe zwischen vier und sechs Jahren. Sein riesiges Porträt wurde an der Fassade des Neuen Staatstheaters in Tblisi angebracht und machte das Theater zu einer der Haupt-Angriffsflächen der regimetreuen Propaganda.

2. Giorgi Nakashidze – Einer der führenden Schauspieler seiner Generation und Hauptdarsteller des 2013 für den Oscar nominierten Films "Tangerines", wurde Nakashidze verprügelt, als er einer bewusstlosen Frau bei einer Demonstration während eines Polizeieinsatzes half. Er wurde festgenommen und erst nach Zahlung einer unverhältnismäßig hohen Geldstrafe wieder freigelassen.

3. Mamuka Djorbenadze – Professor und Dekan der Staatlichen Kunstuniversität Batumi, wurde zusammen mit vier seiner Studierenden wegen "organisierter Gruppengewalt" verhaftet. Erst nach 42 Tagen Haft wurde seine Unschuld festgestellt und Djorbenadze freigelassen.

4. Anri Kakabadze – Der Pianist ist immer noch im Gefängnis, weil er fälschlicherweise der "organisierten Gruppengewalt" beschuldigt wird.

5. Giorgi Bakhutashvili – Der Film-, Theater- und Fernsehschauspieler wurde festgenommen, als er einem Aktivisten half, der nach schweren Kopfverletzungen das Bewusstsein verloren hatte. Bakhutashvili wurde eine Woche lang festgehalten und nur gegen eine unverhältnismäßig hohe Geldstrafe freigelassen.

6. Vepkhia Kasradze – Dem Schauspieler, der aus der russisch besetzten Region Zchinwali geflüchtet ist, drohen wegen "organisierter Gruppengewalt" vier bis sechs Jahre Haft. Er hatte zu einem Hungerstreik aufgerufen, musste diesen jedoch abbrechen, nachdem im Gefängniskrankenhaus eine onkologische Erkrankung diagnostiziert wurde.

7. Giorgi Chachanidze – Der Schauspieler wurde festgenommen, als er einen von der Polizei beleidigten Aktivisten unterstützte. Er wurde für zehn Tage inhaftiert und erst gegen Zahlung einer unverhältnismäßig hohen Geldstrafe freigelassen.

8. Bacho Kajaia – Der Theater-, Film- und Fernsehschauspieler muss sich wegen einer Straßenblockade vor Gericht verantworten. Auf einem Video der Blockade sind etwa 5.000 Menschen zu sehen. Kajaia ist der Einzige, der nun dafür verantwortlich gemacht wird.

9. Guram Matskhonashvili – Der Theaterregisseur wurde festgenommen, weil er eine Gesichtsmaske trug. Nach seiner Verhaftung wurden ihm auf der Polizeiwache mehrere Kopfverletzungen zugefügt. Erst nach Zahlung einer unverhältnismäßig hohen Geldstrafe wurde er wieder freigelassen.

10. Natia Bunturi – Der Balletttänzerin wurde ins Gesicht geschlagen. Dabei wurde ihr die Nase gebrochen.

11. Tata Tavdishvili – Die Tänzerin, Dozentin an der Theaterhochschule und Choreografin erlitt durch direkten und gezielten Beschuss mit Gummigeschossen an einem Bein schwere Verletzungen.

12. Giorgi Makharadze – Der Schauspieler wurde von "Titushky", das sind staatlich beauftragte Schlägertruppen, vor den Augen der Polizei, die untätig zusah, zusammengeschlagen.

13. Mariam Paichadze – Die Theatermanagerin und Produzentin wurde wegen des Tragens einer Gesichtsmaske festgenommen und mit einer Verwaltungsstrafe belegt.

14. Davit Gvianidze – Der Student an der Kunstuniversität Batumi wurde wegen Beteiligung an "organisierter Gruppenkriminalität" festgenommen.

15. Guram Mikeladze – Ein weiterer Student der Kunstuniversität Batumi, der wegen Beteiligung an "organisierter Gruppenkriminalität" festgenommen wurde.

16. Giorgi Davitadze – Auch dieser Student der Kunstuniversität Batumi wurde wegen Beteiligung an "organisierter Gruppenkriminalität" verhaftet.

17. Zviad Ratiani – Einer der größten Dichter des Landes wurde von einem Mob von Polizisten zusammengeschlagen. Dabei brachen ihm Gesichtsknochen und Rippen. Anschließend wurde er verhaftet, ihm jedoch medizinische Versorgung verweigert. Erst gegen Zahlung einer Geldstrafe wurde er freigelassen. Vor seinem Wohnhaus wurde er erneut angegriffen und zusammengeschlagen.

18. Giga Bekauri – Vorsitzender der GUILD, der Künstlergewerkschaft, sieht sich einer Verwaltungsstrafe gegenüber.

... und viele andere.

Seitdem befinden sich die Theatermacher*innen im längsten Streik ihrer Geschichte. Es wird so lange gestreikt, bis die Forderungen der Bürger*innen erfüllt sind. Wenn man uns fragt, wann wir auf die Bühne zurückkehren, lautet die Antwort: "Wenn das Publikum wieder ins Theater kommt!"

Dennoch haben wir nicht aufgehört, unsere Hauptaufgabe zu erfüllen. Wir stehen an der Seite unseres Publikums und unterstützen es in seinem täglichen Kampf. Wir setzen unsere Mission fort – wenn auch momentan außerhalb der Theaterbauten, aber weiterhin mit dem Wesen unserer Kunst im Gepäck.

Das Neue Nationaltheater mit dem Banner des verhafteten Regisseurs Andro Chichinadze © Data Tavadze

In einem bemerkenswert mutigen Akt halten Studierende der Theateruniversität seit über fünfzig Tagen das Foyer besetzt und fordern Neuwahlen sowie die Freilassung von zu Unrecht inhaftierten Kommilitonen und Kommilitoninnen.

Sie wurden tagelang erpresst, manche im Gebäude ein- und andere ausgesperrt. Sie mussten ohne Lebensmittel, Strom und Heizung auskommen. Die Aktion der Studierenden löste eine Welle der Solidarität aus. Studierende von acht weiteren Universitäten schlossen sich der Bewegung an und besetzten die Foyers ihrer Einrichtungen. Sie verwandelten die Fassaden in Schaufenster mit Transparenten mit ihren Forderungen.

Die weißen Transparente mit täglich wechselnden Botschaften an verschiedenen Fassaden wurden zu einem Symbol der Bewegung.

IN TYRANNOS!

Es war das Jahr 1937, in der blutigsten Zeit von Stalins Herrschaft, und der zwanzigste Jahrestag der Oktoberrevolution. Wie erstarrt blieben damals die Menschen vor dem Nationaltheater auf dem Rustaveli Boulevard stehen und blickten die Fassade hoch. Unter den Porträts der sowjetischen Führer, die hier anlässlich der Sonderparade zum Jahrestag der Revolution angebracht worden waren, bemerkten sie ein Banner mit der Aufschrift "IN TYRANNOS".

"IN TYRANNOS" lautete der Titel einer Produktion des legendären georgischen Regisseurs Sandro Achmeteli (1886-1937), die auf Schillers Drama "Die Räuber" basierte. Noch im gleichen Jahr wurde Achmeteli erschossen. Nachdem er zunächst gefangen genommen und 222 Tage lang gefoltert worden war, paradierten die stalinistischen Machthaber mit ihm im offenen Wagen an seinem Theaterensemble vorbei.

Schweigen. Hinrichtung.

Am 14. Januar 2025, es war der georgische Theatertag, marschierten wir gemeinsam mit unserem Publikum zum gleichen Theater auf dem Rustaveli Boulevard und hängten ein Transparent an die Fassade, auf dem stand: IN TYRANNOS – Sandro Akhmeteli – AGAINST TYRANNY.

Reenactment eines Protests gegen den Stalinismus an der Fassade des Rustaveli-Theaters im Winter 2024/25 © Data Tavadze

Noch am gleichen Tag entfernten Offizielle mit Unterstützung der Theaterleitung das Transparent.

Mit einem Manifest reisen die streikenden georgischen Theatermacher nun in Unterstützung der Proteste in die verschiedensten Städte Georgiens, um Demonstrierenden zu helfen, sich zu versammeln und ihren Kampf zu schützen.

Wir haben geschworen, dass niemand und nichts uns jemals wieder zum Schweigen bringen wird!

Eine Journalistin gegen die Gewaltherrschaft

Eine der angesehensten Journalistinnen des Landes, Mzia Amaghlobeli, wurde gemeinsam mit einigen Kolleg*innen festgenommen, als sie für einen landesweiten Streik gegen die repressive Herrschaft der Partei "Georgischer Traum" demonstrierten. Amaghlobeli wurde am darauffolgenden Tag wieder freigelassen. Vor der Polizeistation wurde sie jedoch vom örtlichen Polizeichef angegriffen und tätlich bedroht. In einem Selbstverteidigungsreflex schlug sie ihm daraufhin ins Gesicht. Augenblicklich wurde sie von Polizeibeamten zurück in die Wache geschleppt. Zwei Tage später entschied ein Gericht, Amaghlobeli wegen Angriffs auf einen Polizeibeamten in Untersuchungshaft zu nehmen. Der Richter stufte sie als stark rückfallgefährdet ein. Die Staatsanwaltschaft fordert eine siebenjährige Haftstrafe für sie.

Heute, am 11. Februar 2025, ist der 30. Tag von Mzia Amaghlobelis Hungerstreik im Gefängnis. Sie kann inzwischen weder gehen noch sprechen. Niemand hat sich bisher von staatlicher Seite für sie eingesetzt. Dennoch hat sie mit ihrem Hungerstreik eine Welle der Solidarität ausgelöst: Der Theaterschauspieler und Theatermacher Lasha Chkhvimiani etwa stellte sich mit seinem Auto vor das Gebäude der Stadtverwaltung und schloss sich dem Hungerstreik an.

Das Auto von Lasha Chkhvimiani am 7. Tag seines Hungerstreiks © Lasha Chkhvimiani


Aus einem Brief von Mzia Amaghlobeli aus ihrer Zelle:

"Ich habe nicht die Absicht, mich der Agenda des Regimes zu beugen. Ich befinde mich im Hungerstreik. Die Freiheit ist mehr wert als das Leben. Jeder Bürger, der in einem demokratischen, gerechten und europäischen Georgien leben möchte, das frei von russischem Einfluss ist, könnte sich in meiner Lage befinden.
Kämpfen Sie, bevor es zu spät ist. Kämpfen Sie, wo immer Sie sind – im Land oder im Ausland, in Dörfern oder Städten, auf der Straße oder in Hörsälen, in öffentlichen Räumen und an Arbeitsplätzen. Seien Sie mutig, schützen und stärken Sie sich gegenseitig. Lassen Sie nicht zu, dass Georgien von der zivilisierten Welt isoliert wird."

Die De-facto-Regierung eines Landes, die sich selbst als "Georgischer Traum" bezeichnet, setzt täglich neue drakonische Gesetze in Kraft. Schon heute ist es verboten, Straßen zu blockieren oder Gehwege zu betreten, um zu demonstrieren, oder ohne Genehmigung in irgendeiner Form in Gebäuden zu protestieren.

Wir müssen den wachsenden autoritären Kräften weltweit ins Auge sehen, uns ihnen widersetzen und zusammenstehen.

Erheben wir uns und vereinen wir unsere Stimmen, erheben wir unsere Stimme und ergreifen wir alle nur möglichen Maßnahmen, um für Freiheit und Gleichheit zu kämpfen. Überall. Indem wir über Grenzen hinweg zusammenstehen, können wir unseren Kampf für Gerechtigkeit und die Freiheit des Schaffens verstärken.

Dies ist nicht nur unser Kampf. Es ist der Kampf aller, die die Macht herausfordern und die Wahrheit sagen.

Jetzt ist die Zeit zum Handeln gekommen!

KAMPF DER OLIGARCHIE!

 

Mit hartnäckiger Hoffnung

Liebe und Wut

Data Tavadze

Data Tavadze, 1989 geboren, ist Regisseur und Dramatiker. Er begann seine Theaterkarriere schon früh und wurde 2009 Leiter des Royal District Theatre in Tblisi. Seine Theaterarbeiten wurden unter anderem auf Festivals in Deutschland, Frankreich, Schweden, Rumänien, Belgien und Polen gezeigt. Tavadze wurde mehrfach ausgezeichnet, darunter mit dem Talking About Borders-Dramapreis für "War Mother" und dem Preis des Fast Forward Festivals für junge Regie für "Women of Troy". Er arbeitete an namhaften Theatern, darunter das Deutsche Theater Berlin, das Staatsschauspiel Dresden, das Schauspiel Frankfurt, das Badische Staatstheater Karlsruhe, das Maxim Gorki Theater Berlin, der Mousonturm in Frankfurt/Main, das Dailes Theater in Riga oder das Polnische Theater in Bydgoszcz. Foto: Gregory Regini

Übersetzung aus dem Englischen: Esther Slevogt

 An English version of this text can be found here.

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