Redaktionsblog - Schlingensief beim tt09
Geschichten vom totgeschossenen Sohn
Dieser Beitrag ist Teil des nachtkriktik.de-Archivs. Er entspricht Layout und technischem Stand vor November 2021.
Dabei ist es in höchstem Maße befremdlich, wie der Vater in diesen Filmbildern seinen Sohn inszeniert. Selbst wenn man berücksichtigt, dass diese Bilder vom Sohn über vierzig Jahre nach ihrer Entstehung in gestalterischer Absicht ausgewählt worden sind. Der Mann, der Apotheker in der Stadt der 1954 gegründeten Internationalen Oberhausener Kurzfilmtage war, hatte offensichtlich ein filmisches Auge. Die Dünen- und Meerbilder von Nordseeferien sind schön kadriert, viel Sand und wehendes Dünengras, kaum Himmel und manchmal das Meer. Auch, wie der Sohn darin erscheint, in Badehosen vor dem Meer: mitunter merkwürdig steif allerdings, die Hände fest an den Oberschenkeln, als hätte er Angst, und dürfte es nicht.
Aber dann filmt Hermann-Josef Schlingensief den vielleicht Fünfjährigen mit einem riesigen Spielzeuggewehr. Solche Bilder werden heute manchmal nachträglich von jungen Amokläufern veröffentlicht, als hätte sich darin die noch verborgene, furchtbare Zukunft ablesen lassen, wäre man nur aufmerksamer gewesen.
Auch im Kontext der Aufführung haben die meisten Kritiker ähnlich auf die Kinderbilder Christoph Schlingensiefs geschaut: hier das gesunde Kind, das die Zukunft noch vor sich hat, die man jetzt, während man in einer Aufführung dieser Messe für einen Überlebenden sitzt, schon kennt, weshalb man das unschuldige Kind umso erschütterter in diese Zukunft gehen sieht.
Aber vielleicht erzählen diese Filmbilder weniger von der Zukunft als von der Vergangenheit. Es gibt eine Szene, wo der kleine, nackte Junge beim Waschen gefilmt wird, minutiös die Kamera den Kinderhänden folgt, die mit einem Waschlappen den nackten Körper reinigen. Nicht nur, das dies die Fragen aufwirft, warum in den prüden sechziger Jahren Eltern ihr Kind überhaupt so filmten. In einer anderen Sequenz lässt der Vater den Sohn an einer Mauer seine eigene Erschießung spielen: das Kind sackt leise in sich zusammen, ein kleiner Junge, fünf oder sechs Jahre alt.
Und wenn man sieht, wie der hochgewachsene schlaksige blonde Schlingensief senior zuvor den Sohn an den Füßen durch den Dünensand geschleift hat, denkt man für einen Moment, dass man gerne wüsste, wo dieser Mann im Zweiten Weltkrieg war.
(sle)
Hier geht's zu den gesammelten Blog-Beiträgen im Menü "gemein & nützlich".
- Redaktionsblog: Schlingensiefs Vater
- #1
- oh mann
- Redaktionsblog: Schlingensiefs Vater II
- #2
- Oh, Liebe Frau
meldungen >
- 17. April 2026 Kunststiftung Sachsen-Anhalt warnt vor nationalistischer Kulturpolitik
- 16. April 2026 Göttingen: Schauspielerin Thyra Uhde gestorben
- 16. April 2026 Salzburg: Ex-Festspielpräsident Heinrich Wiesmüller gestorben
- 16. April 2026 Konstanz: Intendantin Karin Becker verlängert
- 15. April 2026 Preisjurys der Mülheimer Theatertage 2026
- 13. April 2026 Chemnitz: Theater wehrt sich gegen Abschaffungspläne
neueste kommentare >
-
Frauenliebe und - sterben, Hamburg Leichte Irritation
-
Nach dem Leben, Nürnberg Empfehlung
-
Die Quelle, Wien Claquere unterwegs
-
Leser*innenkritik Black Rider, SHL Flensburg
-
Burn, Baby, Burn!, Hannover Sagenhaft gut
-
Die Quelle, Wien Bitte weitermachen
-
Fräulein Else, Wien Danke!
-
Über die Notwendigkeit, ... , Wiesbaden Super Abend
-
Fräulein Else, Wien Phänomenal
-
Irgendetwas ist passiert, Berlin Lauwarm

