Zehn Euro ins Chauvi-Schwein

21. Januar 2025. Mark Zuckerbergs Meta-Konzern kündigte gerade an, seine Programme für mehr Vielfalt und Inklusion einzustellen. Die jüngsten Salzburger Festspiele gingen mit einer hundertprozentigen Männerquote auf der Regieposition an den Start. Dreht sich die Welt rückwärts – oder was ist da los? 

Von Shirin Sojitrawalla

21. Januar 2025. Diversität gerät derzeit zum Schimpfwort. Schon die bloße Erwähnung bringt manch einen in Rage. Leider nicht nur jene, die schon immer unter sich bleiben wollten, sondern auch Leute, die ich mag. Das beginnt bei einer Bekannten, die mich nach Buchtipps fragt und gleich hinterherschickt, nix über Diversität lesen zu wollen, gemeint sind Romane, die sich mit Rassismus, Migration, Feminismus oder Transgender beschäftigen. Okay.

Andere beschweren sich bei mir, keine Chance mehr auf diesen oder jenen Job zu haben, weil: falsches Geschlecht, falsche Hautfarbe, falsche Herkunft. Das hat man schon immer mal gehört, aber heute hört man es allenthalben.

Die vorgebrachten Argumente erinnern an das Genöle um die Frauenquote. Ich kann das Asbach-Argument, es gehe nur um Qualität und nicht um Geschlecht oder Herkunft, nicht mehr hören. Das eine schließt das andere nicht aus! Und gerade in Bezug auf Kunst und Kultur ist Qualität keine Meterware, die sich zweifelsfrei ausmessen ließe. Ja, es gibt Kriterien, doch die variieren wie Hölle. Wer sich in Jurys schon mal den Kopf heiß geredet hat, weiß, dass Qualitätsurteile über ein und dasselbe Werk die Bandbreite von "Meisterwerk" bis "Krachend gescheitert" besitzen können.

Rückschritte in der Frauenfrage 

Dass diese Urteile nicht unabhängig von der eigenen Gemengelage sowie denjenigen, die das Werk fabriziert haben, gefällt werden, darüber müssen wir nicht mehr reden, wohl aber über den derzeitigen Backlash. Weiße cis-Männer haben ausgedient? Angesichts der derzeitigen Weltenlenker eine steile These. Dabei ist an der Befürchtung, nicht mehr zum Zug zu kommen, durchaus etwas dran. Sollten Frauen dereinst die Hälfte der Welt bekommen, bleibt für Männer nur noch die andere Hälfte übrig. Logisch, oder? Sollen wir deshalb darauf verzichten? Ich jedenfalls find's weiterhin skandalös, dass im Deutschen Bundestag nicht einmal ein Drittel der Abgeordneten Frauen sind. Was soll das? Woran liegt das? Nur daran, dass Frauen Kinder bekommen und damit ins Hintertreffen geraten und/oder sich dadurch ihre Prioritäten verändern? Ich weiß es nicht.

Was ich weiß, ist, dass alle, die für mehr Diversität und Geschlechtergerechtigkeit sind, damit leben müssen, dass diejenigen, die bislang bevorzugt wurden, nicht mehr automatisch bevorzugt werden. Doch derzeit dreht die Welt sich rückwärts. Zuckerbergs Meta-Konzern kündigte gerade an, seine Programme für mehr Vielfalt und Inklusion einzustellen. Betroffen seien so genannte DEI-Programme, berichtet Zeit online. Die Abkürzung steht für Diversity, Equity and Inclusion. Zuckerbergs Tech-Kollegen Elon Musk, Peter Thiel und David Sacks brachten schon 1995 ein Buch mit dem Titel "The Diversity Myth" heraus, worin sie sich damit beschäftigen, wie Weiße durch solche Programme benachteiligt werden. Solche Prognosen werden derzeit salonfähig. Damit einhergehend scheint es auch Rückschritte hinsichtlich der Frauenfrage am Theater zu geben, oder kommt mir das nur so vor?

Regisseurinnen ab ins Kammerspiel?

Bei den vergangenen Salzburger Festspielen inszenierten im Schauspiel nur Regisseure. Margarete Affenzeller schrieb dazu im Standard: "Mit einer hundertprozentigen Männerquote bei Regie und Autorschaft im Sprechtheater erteilt man der Präsenz von Frauen eine Absage." Wie kann das passieren? Das ist doch eine Frechheit, schließlich geht es hier auch um Aufmerksamkeit, um Macht und um Geld. Wer jetzt Qualität ruft, wirft bitte zehn Euro ins Chauvi-Schwein.

Erinnert sei auch an die kurzfristige Aufregung über den letzten Spielplan von Joachim Lux am Thalia Theater. Kurzes Rappeln im Karton, und dann weiter im Programm. Auch das Schauspiel Frankfurt, das in der letzten Spielzeit mit einer 100-prozentigen Frauenquote auf der großen Bühne protzte (nachdem die Frauen dort zuvor übersehen wurden) kehrt zur "Normalität" zurück, drei Regisseurinnen schaffen es in dieser Spielzeit ins Schauspielhaus, alle anderen ab ins Kammerspiel. Okay, besser als nichts. Irgendwie verliere ich die Lust am Frauenzählen, ändert sich denn nie etwas?

Hört auf zu jammern!

Schlimmer wiegt das Gefühl, dass manche, einige, viele (?) inzwischen auf das Thema Gleichberechtigung allergisch reagieren und sich gleich angegriffen fühlen, wenn zur Sprache kommt, dass alle was vom Kuchen abhaben wollen und sollen. Neulich erst kopfschüttelte jemand, es sei doch schlimm, dass es für nicht-migrantische, heterosexuelle Männer heutzutage am Theater ziemlich aussichtslos sei. Andersrum wird ein Schuh daraus: Es ist gut, dass man heute als schwuler schwarzer Mann eine Chance hat. Doch die Wahrheit ist: So weit sind wir noch längst nicht. Weiße heterosexuelle Männer bekommen hierzulande nach wie vor die meisten tollen Jobs. Da gibt es kein Vertun. Also, bitte hört auf zu jammern.

PS: Wer sich nach der Jammerei amüsieren möchte, dem sei der Roman "Der Seher von Étampes" von Abel Quentin (Matthes & Seitz) empfohlen. Grandios ätzender Campusroman über den woken Zeitgeist und seine Widersacher.

Kolumne: Tratsch und Trauma

Shirin Sojitrawalla

Shirin Sojitrawalla ist Nachtkritikerin der ersten Stunde. Neben dem Theater beschäftigt sie sich vor allem mit Literatur. In ihrer Kolumne schreibt sie über die Seitenarme und Unterströme des Kulturbetriebs: Standards und Peinlichkeiten, Aufreger und Abtörner.

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Kommentare  
Kolumne Sojitrawalla: Etwas ungenau
Oh Mann, ist das nicht etwas ungenau alles, auch dieses selbstentworfene Stimmungsbild? Die ganze Zeit reden anonyme Pappfiguren im Text, wohl aus dem halbprivaten Umfeld der Autorin, und "man" redet, und "jemand" sagt der Kolumnistin irgendeine altbackene Meinung, oder "manche, einige, viele (?)", und es gibt nicht einmal Argumente dazu. Muss man eine Kolumne schreiben, wenn man eigentlich nichts Genaues zu sagen hat, sondern nur selber kurz knurren möchte?
Kolumne Sojitrawalla: Ausschlüsse
Einige Menschen in der "westlichen" Welt hatten begriffen - und wollen so wie ich, an dieser winzigen Erkenntnis festhalten - dass im Namen des "Menschen" keinesfalls alle Menschen in den „Genuss“ von "Menschenrechten" gekommen sind, das Herausdividieren von Menschen aus dem Begriff "Mensch" nach rassistischen und sozialdarwinistischen Kriterien, der Ausschluss einzelner und höchst differenziert diffamierter Gruppen an der Tagesordnung waren – und, immer noch + wieder², sind. Mit wie viel Eifer haben Rassisten, Antisemiten, Homophobe - kurzum: "Herrenmenschen" - ihre Zeitgenoss*innen aus dem jeweils für passend befundenen „Volkskörper“ extrahiert. Diese minutiös administrierte Affekt-Bürokratie fühlte sich „natürlich“ und „völkisch“ an: nicht nur in der BRD. Nicht "natürlich" fühlt es sich an, wenn Menschen in ihrer ganzen Vielfalt Gesichter, rechtsverbindliche Namen oder gar eine besternte Lücke bekommen: Tritt ein*e Einzelne*r aus dieser - bestenfalls irgendwie diffus tolerierten und nicht mit Extra-Tritt traktierten - "Grauzone" heraus oder organisiert sich gar als "Gruppe" bekommt ein Feindbild Konturen, das niemals überwunden war. Der Sprung von "Menschenrechten" oder Artikel I des Grundgesetzes in einen Prozess der Umsetzung ("Antidiskriminierungsgesetz", "Diversität") ist nicht wirklich gelungen, sonst gehörte der Frontalangriff darauf nicht zum rassistischen, sozialdarwinistischen homophoben und sexistischen der rechtsextremistischen Internationale. Solange liberale Demokratie/Rechtsstaat sich bemüht, Menschenrechte rechtsverbindlich (auf "den Einzelfall") anwendbar zu formulieren, wird es als "Bürokratie" oder, noch schlimmer, als "Umerziehung" verteufelt - wie damals die "Reeducation" nach 1945 ... Mit trauriger Selbstkritik gesprochen gilt auch: Es ist uns nicht gelungen zu verdeutlichen, dass Liebe, Freundschaft, Solidarität, jegliche Toleranz und Respekt gegenüber/zu/mit "anderen" Menschen zwecks rechtlicher/sozialer Wirksamkeit diskutable Umwege über anstrengendes Vokabular geht. Aber etwaige „Säuberungsaktionen“ brauchen wenigstens etwas länger, wenn vulnerable Gruppen nicht gesichtslos als „Abschaum“ im toten Winkel („in den letzten Enden dieser Republik“) verbucht sind. [Herbert Kickl, 1.5.2024: "Das wird ein blauer Wirbelwind werden, der durch dieses Land fährt, der ordentlich ausputzt bis in die letzten Enden dieser Republik"]
Kolumne Sojitrawalla: Claudia Goldin
Um die Frage der Gleichberechtigung von Frauen und Männern im Berufsleben in all ihrer Komplexität differenzierter wahrnehmen zu können kann ich sehr das Buch "Career and Family" der Wirtschaftsnobelpreisträgerin Claudia Goldin empfehlen. Zugegeben nicht gerade leichte Lektüre, aber diese Frau hat ihr ganzes Leben der Erforschung dieses Themenfelds gewidmet und man bekommt immerhin ein Gespür dafür warum Fortschritt viel schwieriger, vielschichtiger und langsamer ist als sich das die idealistische, progressive, intellektuelle Bubble wünscht und vorstellt.
Kolumne Sojitrawalla: Situation
Ich finde es zwar falsch, so zu tun, als hätte sich die Situation für Regisseure nicht geändert. Natürlich ist es für viele weiße Cis-Männer jenseits der vierzig viel, viel schwieriger geworden, Engagements zu bekommen. Weil die progressiven Theater mittlerweile verstärkt Frauen, Menschen mit Migrationshintergrund und queere Menschen engagieren. Dass das so ist, ist aber richtig, mehr noch: es ist überfällig! Und deshalb stimmt es: hören wir auf zu jammern!
Kolumne Sojitrawalla: Fortschritt erkennen
Ich denke, wenige Häuser als Gradmesser zu nehmen, was leicht statistisch zu erfassen wäre, eine schwierige Ausgangslage für einen solchen Text bietet. Die Kritik an Salzburg, Thalia und Frankfurt ist berechtigt und wichtig. Aber deshalb abzuleiten, es habe sich nichts geändert, ist dann doch einfach falsch. Gerade bei jüngeren Positionen werden viele Regisseur:innen bevorzugt, und es wird auch zunehmend die formalen und ästhetischen Komponenten analysiert, wie letztens der Essay über Susanne Kennedy zeigte.

Es darf auch anerkannt werden, dass Frauen, Queere und (post)-migrantische Perspektiven durchaus mehr berücksichtigt werden, als noch vor wenigen Jahren. Dass die alte Garde nicht einfach so verschwindet, ist auch einer Komplexität geschuldet, und dass es nicht so schnell geht. Aber ja; auch ich finde es schade, dass in dem Moment wo Veränderungen Real werden, die "allies" anfangen zu nörgeln, ihnen fehle nun der Platz an der Sonne.
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