Einspruch, Euer Ehren!

21. April 2026. In Marta Górnickas "Kassandra" am Berliner Maxim Gorki Theater klagt ein wütender Chor die Verhältnisse an – und provoziert zu einer Gegenrede. 

Von Esther Slevogt

21. April 2026. Auch ich muss in diesen dunklen Zeiten hier jetzt mal einen wütenden Gesang loswerden. Auch wenn ich kein Kanarienvogel bin. Und auch keine Kassandra, wie die Vögel im Gorki Theater, die da gerade zum Abschiedskonzert der Intendanz Shermin Langhoff angetreten sind. Denn wütend bin ich auch. Wütend über diese geballte Portion Selbstgerechtigkeit, die da über mir ausgekippt wurde. Wütend, dass statt eines Bildes des Zusammen zum Abschied nur das Trümmerfeld gegenwärtiger Polarisierungen bewirtschaftet wurde. Wütend, dass auch hier Stimmen unterdrückt, Untaten beschwiegen wurden: bei Marta Górnickas jüngstem Abend "Kassandra or Songs of the Canaries". Und all das im Gewand eines poppig-schmissigen Abends, mit Kindern und Jugendlichen vor Graffitikulisse für die Street Credibility. Und so nehme ich mir hier jetzt meine Kolumne als Bühne für diese Wut. Weil ich an diese Art Theater nicht mehr glaube, das sich als Sprachrohr von irgendwem aufschwingt, für ein selbstgemachtes oder gefühltes Recht eintritt, im Gewand von Propaganda alleinseligmachende Wahrheiten verkündet. Und zur Verdeutlichung wähle ich hier jetzt auch mal diesen skandierenden Behauptungs- und Propagandaton.

Es fängt schon mit der Adressierung des Abends an, der mit dem Finger auf ein selbstmitleidiges wie gewalttätiges Deutschland zeigt, einen angeblichen Exportweltmeister in Sachen Erinnerungskultur, einer missbrauchten Erinnerungskultur. Haha, was für ein wohlfeiles populistisches Witzchen, denke ich da. Das könnte auch von rechts kommen. Von der Vogelschiss-Partei, genauer gesagt. Was sich ja auch ins ornithologische Motiv des Abends gut fügt. Kommt aber nicht von dort, sondern tritt stolz im Gewand von Brandmauer, Inklusion und gesellschaftlichem Fortschritt auf.

Ein Crashtestdummie namens Deutschland

Und wer sind die überhaupt, die da sprechen, singen, skandieren? Sind sie kein Teil von diesem Deutschland? Ich dachte, das wäre das Konzept – postmigrantisch eben –, nicht mehr migrantisch, sondern schon längst Deutsch(land). Deshalb ist dieser Fingerzeig auf den Mainstream eben auch komisch, eigentlich sogar weird, um einen passenderen englischen Begriff zu verwenden. Denn gehören die, die hier sprechen, nicht auch zu einem lautstarken Mainstream, der längst die öffentliche Meinung stark prägt? Und haben die, die jetzt hier skandieren, die Misere, die sie anprangern, nicht eigentlich mitfabriziert? Wäre nicht, statt hier so unspezifisch einen höchst klischeehaften Crashtestdummie namens Deutschland anzuprangern, ein Blick in den Spiegel angezeigter? Separieren sich die hier auf der Bühne nicht eigentlich freiwillig? Vielleicht auch, weil sie keine Verantwortung übernehmen wollen?

Auch das salbungsvolle Tremolo des Programmzetteltextes nervt mit seinem besserwisserischen Verkündungston und den großspurigen Vokabeln, mit denen hantiert wird: Polis, verletzliche Stimmen, Bedrohung, Zugehörigkeitskonstrukt und Widerstand. Denn nichts, was dieser Abend fordert, leistet er selbst.

In der Sackgasse des postmigrantischen Theaters

Stattdessen zeigt er ganz gut die Sackgasse auf, in das postmigrantische Theater inzwischen geraten ist. Was mit dem großartigen wie gesellschaftsverändernden Aufbruch in eine andere Sichtbarkeit, zu neuen Erzählungen und Perspektiven begann, mit Erzählungen von Rassismus- und Ausgrenzungserfahrungen und der Forderung nach Überprüfung, Ergänzung und Erneuerung des Kanons, hat an irgendeinem Punkt die Wende zur Entwicklung von Vorstellungen eines gesellschaftlichen Ganzen verpasst. Und das Stellen wichtiger Fragen: Wie damit umgehen, dass marginalisierte Gruppen in dieser Gesellschaft oft auch Proxies von Parteien geopolitischer Konflikte sind? Wie aushalten, dass an dieser Stelle Interessenskonflikte entstehen können zwischen allen möglichen Parteien, von denen der Mainstream nur eine von vielen möglichen ist? Wie erhält man da einen gesellschaftlichen Konsens? Wie kann das Theater ein Aushandlungsort für alle bleiben? Fragen, die sich jetzt auch diese Kassandra hier offenbar erst gar nicht stellt. Sondern sich in der Pose der Unschuld und der Parteigängerin für die selbstgerechte Sache gefällt und dabei in rechthaberischer Abfälligkeit Fragen von Komplexität als feige, denkfaul oder weltflüchtig abtut.

Welche Stimmen dürfen sprechen?

Die Fragen, die der Abend an den von ihm zu diesem Zweck erschaffenen Popanz namens "Deutschland" stellt, könnte und müsste er sich auch selber stellen: Welche Stimmen dürfen sprechen, welche nicht? Welchen Anliegen wird eine Bühne geboten, welchen dieselbe wegen Unrechtmäßigkeit verweigert? So tritt plötzlich ein junger Mann vor und behauptet, wer sich für Palästina einsetze, werde zum Schweigen gebracht. (Wiedergabe ist sinngemäß, ein Text, an dem man das Gehörte nachträglich noch mal überprüfen könnte, wurde vom Theater vorsichtshalber erst gar nicht herausgegeben.) Er sagt das auf einer Staatsbühne, mitten in der deutschen Hauptstadt – keinen Kilometer vom Sitz des Parlaments entfernt. Zum Schweigen gebracht werden sieht für mich irgendwie anders aus. Jüdische und israelische Stimmen, die ihre Sicht, ihre Wut, ihre Angst als marginalisierte Gruppen in Deutschland hätten artikulieren können, kommen erst gar nicht vor.

Agitprop de Luxe

Ganz schwierig wird es, wenn eine junge Frau nach vorne tritt, die sich als Iranerin identifiziert und von den 164 Toten eines amerikanischen Bombenangriffs spricht. Nicht aber von den Tausenden Ermordeten der Demonstrationen – den täglich erhängten jungen Menschen, die in fragwürdigen Prozessen zum Tode verurteilt wurden, weil sie für mehr Freiheit demonstrierten. Gleichzeitig wirft der Abend dem, was er als "Deutschland" identifiziert, schuldhafte Verstrickung in internationale Konflikte vor. Und macht sich durch sein eigenes Schweigen selbst zum Komplizen.

Für mich ist dieses aktivistische Theater, das sich nur um den Bauchnabel eigener Befindlichkeiten und gefühlter Wahrheiten dreht, mag es auch handwerklich virtuos als Agitprop de Luxe auftreten, kein Theater, das die Welt besser macht. Im Gegenteil. Mit seiner Selbstgerechtigkeit bewirtschaftet es genau die Polarisierung, die es angeblich kritisiert. Andere mögen das anders sehen. Ich sehe es so.

Kolumne: Aus dem bürgerlichen Heldenleben

Esther Slevogt

Esther Slevogt ist Chefredakteurin und Mitgründerin von nachtkritik.de. In ihrer Kolumne Aus dem bürgerlichen Heldenleben untersucht sie: Was ist eigentlich mit der bürgerlichen Öffentlichkeit und ihren Repräsentationspraktiken passiert?

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Kommentare  
Kolumne Kassandra: Zustimmung
Liebe Frau Slevogt,
ich kann Ihren Ausführungen nur zustimmen.
Das postmigrantische Gorki, was einst so spannend war, ist schon lange vorbei. Es verschwand wohl irgendwo 2020/21 zusammen mit dem Aufkommen der medialen Vorwürfe des Machtmissbrauchs von Shermin Langhoff; die nie öffentlich aufgearbeitet worden sind. Dieses Schweigen wiederum erzählt sehr viel.
Es bleibt zu hoffen, dass das Gorki mit seiner neuen Leitung nicht vollends in der wirtschaftlichen Talfahrt und künstlerischen Krise der Bedeutungslosigkeit landen wird.
Kolumne Kassandra: Toller Text, trauriges Theater
Starker, kluger Text. Es gibt einige solche Aufführungen voll moralischem Gratismut, Selbstgerechtigkeit und dem warmen Gefühl, moralisch auf der richtigen Seite zu stehen und andere zu verdammen. Die meisten im Saal sind dann tief berührt, die Macher fühlen sich widerständig und an konkreten Verhältnissen ändert sich nichts. Die Kolumne beschreibt die Mischung aus moralischer Anmaßung und zorniger Denkfaulheit perfekt. Das Theater könnte ein weiter Raum für verschiedene Perspektiven und Kompkexität sein. An solchen Abenden wird dieser Raum traurig verkleinert. Hauptsache es kommt kein Zweifel an der eigenen selbstgewissen Sicht auf, Zweifel wäre ja furchbar, Fragen auch. Ein trauriges Verständnis von Kunst. Und ein toller Text darüber.
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