Bookpink: New Arrivals - Deutsches Theater Berlin
Drei neue Eigenarten
20. April 2026. In Caren Jeß' vielgespieltem Stück "Bookpink" übernehmen wechselnde Vogel- und andere Tierarten die Szene. Jeß hat die Miniaturensammlung nun um drei weitere Vogelschicksale erweitert. Die Uraufführung der "New Arrivals" Adler, Kolibri und Kanarie hat am Deutschen Theater Berlin Jorinde Dröse inszeniert.
Von Janis El-Bira
"Bookpink: New Arrivals" von Caren Jeß am DT Berlin © Jasmin Schuller
20. April 2026. Was für ein schönes Wort: Snaaksch. Es nimmt den ganzen Mund in Anspruch und presst, was es im Hochdeutschen bedeutet, in eine zischknacksende Silbe. "Snaaksch" meint "absonderlich" auf Platt. Und absonderlich sei ja die ganze Welt, schreibt Caren Jeß im "Vörwoort" ihres neuen Stücks. Da spricht immerhin eine Spezialistin – wenn schon nicht fürs Absonderliche (das will man ja nicht sein), aber doch sicherlich fürs Sonderbare. All diese schrägen Tiere in ihren Stücken, die nicht bloß wie gewöhnliche Menschen quasseln, sondern durch deren Mäuler und vor allem Schnäbel Philosopheme und Aktivismen zwitschern, Gelesenes und Gefundenes. Eine Tierwelt mit Fußnoten.
Willkommen Adler, Kolibri, Kanarie
Auch diesmal ist das nicht anders. Jeß hat mit "Bookpink: New Arrivals" weniger ein ganz neues Stück als vielmehr ein Erweiterungspaket zu ihrem vielgespielten Vögel-Kompendium "Bookpink" geschrieben, das 2019 unter der Intendanz der heutigen DT-Chefin Iris Laufenberg am Schauspielhaus Graz uraufgeführt wurde. Drei frische Dramolette sind entstanden, Adler, Kolibri und Kanarie, die mit den schon bestehenden "Bookpink"-Miniaturen künftig beliebig kombiniert werden dürfen.
Abrechnung im Adlerhorst: Daria von Loewenich, Bernd Moss und Natali Seelig in "Bookpink: New Arrivals" © Jasmin Schuller
Uraufführungsregisseurin Jorinde Dröse hat die snaakschen Nummern für Daria von Loewenich, Bernd Moss und Natali Seelig eingerichtet. Sie teilen das versammelte Federvieh (sowie einen Schäferhund) untereinander auf und ganz zum Schluss darf Bernd Moss sogar noch kurz ein Mensch namens Cord sein, nachdem er schon zu Beginn des Abends die Handy-aus!-Bandansage auf Kathrin Froschs passend magentafarbener Bühne veredelt hatte.
Vogelschicksale aller Couleur
Was dazwischen das Geflügel im Innersten zusammenhält, ist im Stücktext graduell leichter auszumachen als in Dröses Inszenierung. Die fühlt sich erstmal lange so an, als sei man gerade aus fiebrigen Träumen vor dem noch laufenden Kinderkanal aufgewacht. Da plustert Daria von Loewenich eben noch ihr Adlergefieder zu harten sozialdarwinistischen Sätzen auf ("Adler sind die Brut der Stärkeren."), während ihr ungeliebter Waschlappen-Sohn Renz (Natali Seelig) mit Bernd Moss als herrenmenschlichem Schäferhund munter Koks ballert. Renz soll deshalb auf Geheiß der Mutter bald ins Reservat ("Es ist gut, wenn solche wir ihr ausgestellt werdet."). Dabei hatte er eben noch gehofft, durch das Geständnis, einst den eigentlich stärkeren Bruder getötet zu haben, doch noch das mütterliche Adlerherz zu erobern. Snaakscher Befund: Man hört den Faschismus und stellt doch erstaunt fest, wie drollig er aussehen soll.
Hört's nicht mehr richtig zwitschern: Natali Seelig © Jasmin Schuller
Bei Kolibri und Kanarie finden Text und Regiezugriff dann günstiger zusammen. Weil Kolibri-Lady Pétain ein autonomes "Leben ohne Gelege" anstrebt, will sie sich in einer Spezialklinik der Sterilisation unterziehen. Gründlich schief geht das, ein beschädigter Frontalkortex lässt Daria von Loewenich im tollen Powerranger-Outfit (Juliane Kalkowski) mit ihren Referenzen aus der feministischen Philosophie ziemlich ins Stolpern kommen. Die herrlich spitz auf Konfrontation gepolte Natali Seelig traktiert unterdessen mit einem Mnemotechnik-Spiel die erste Publikumsreihe, bis diese sich bereitwillig vor aller Augen zum Vogel macht. Ein melancholisches Nach-Zwitschern dann die dritte Miniatur: Cord, einem einsamen Menschlein in einer falschen Welt, fällt eine schöne Kanarie namens Nikki in die "korkige Hand". Er hält sie fortan als idealisierte Besonderheit in Gefangenschaft, bis ein anderer Vogel sie nach Cords Tod – nicht ohne Hintergedanken – befreit.
Noch viel zu entdecken
Feinstofflich gewirkt ist dieser dritte Teil, dem die Inszenierung mit Leuchtröhren und einer aufblasbaren Nicht-Behausung auf die atmosphärische Bahn hilft. Künstlich wie die Murmel, die Cord aus dem Auge einer toten Möwe formt, und die als leitmotivisch wiederkehrendes Fetischobjekt die Ideologie der ersten mit der tödlichen Fantasiewelt der dritten Miniatur verbindet. Es stecken überhaupt Subtilitäten in diesen Texten von Caren Jeß, die einem vielleicht erst beim zweiten oder dritten Lesen aufgehen werden. Und Jorinde Dröses eher aufs Sportliche zielende Inszenierung stößt bei allem Spaß, den sie und ihr Ensemble mitunter bereiten, auch nicht gerade mit dem Finger auf die Bindungsstellen dieser Szenenfolge. Also dürfen Caren Jeß‘ neue, am Premierenabend heftig beklatschte Vögel ruhig noch weiterziehen. Ziemlich sicher sowieso, dass sie auch diesmal nicht bloß für einen Frühling gekommen waren.
Bookpink: New Arrivals
von Caren Jeß
Uraufführung
Regie: Jorinde Dröse, Bühne: Kathrin Frosch, Kostüme: Juliane Kalkowski, Musik: Lars Wittershagen, Licht: Thomas Langguth, Dramaturgie: Jasmin Maghames.
Mit: Daria von Loewenich, Bernd Moss, Natali Seelig.
Premiere am 19. April 2026
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause
www.deutschestheater.de
mehr nachtkritiken
meldungen >
- 17. April 2026 Kunststiftung Sachsen-Anhalt warnt vor nationalistischer Kulturpolitik
- 16. April 2026 Göttingen: Schauspielerin Thyra Uhde gestorben
- 16. April 2026 Salzburg: Ex-Festspielpräsident Heinrich Wiesmüller gestorben
- 16. April 2026 Konstanz: Intendantin Karin Becker verlängert
- 15. April 2026 Preisjurys der Mülheimer Theatertage 2026
- 13. April 2026 Chemnitz: Theater wehrt sich gegen Abschaffungspläne





neueste kommentare >